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Erst fragen, dann hacken

“…Auf ARTE werden seit einiger Zeit als Zwischenprogramm kurze Clips mit Stimmen aus der arabischen Welt gesendet. Kürzlich gab dort ein junger Ägypter ein flammendes Bekenntnis zur Demokratie ab. Auf die Nachfrage, was genau für ihn Demokratie bedeute, meinte er: “Vor allem, mit der westlichen Politik zu brechen.” Eine ägyptische Wählerin der Muslimbrüder erklärte anderntags, Frauen könnten in der Demokratie durchaus eine wichtige Rolle spielen und Seite an Seite mit den Männern arbeiten – im Rahmen der Einschränkungen, die durch die Scharia vorgegeben seien. Die Salafisten seien ihr in der Auslegung der Scharia zu radikal, sie würden zum Beispiel einem Dieb sofort die Hand abhacken. Die Muslimbrüder dagegen würden “erst einmal nach den sozialen Umständen fragen”. Erst einmal. Sie befürworte, fuhr die Frau fort, durchaus Gesetze zur Geschlechtertrennung etwa in Schulen “und auf öffentlichen Plätzen”, wie sie “zum Beispiel in Saudi-Arabien” gelten. Doch heute sei das ägyptische Volk dafür noch nicht bereit, deshalb sollte darauf einstweilen verzichtet werden. Wenn die Muslimbrüder aber erst einmal an der Regierung seien und das Volk Vertrauen in sie gefasst habe – warum solle man dann solche Gesetze nicht auch in Ägypten einführen?
Diese Stimmen mögen eine bloß zufällige Auswahl widerspiegeln – einiges spricht aber dafür, dass sie für die Bewusstseinslage großer Teile der ägyptischen Wählerschaft durchaus charakteristisch sind. Wenn dort von “Demokratie” die Rede ist, muss darunter noch lange nicht dasselbe gemeint sein wie im Westen, im Gegenteil: der Grad an Demokratie wird dort in weiten Teilen daran gemessen, wie weit man sich vom westlichen Einfluss entfernt. Und dass die “gemäßigten” Islamisten der Muslimbruderschaft sich von den radikalen Salafisten vor allem dadurch unterscheiden, dass sie mit ihren Maximalzielen aus strategischen Überlegungen vorerst hinter dem Berg halten, ohne sie auch nur im geringsten aus den Augen zu verlieren, dürfte eine realistische Einschätzung ihrer Rolle sein. Namentlich der Westen wird sich von diesem Doppelspiel nur zu gerne täuschen lassen und es efrig als Indiz islamistischer “Mäßigung” deuten, stellt er sich doch schon jetzt darauf ein, sich mit den Machthabern von morgen möglichst gut zu stellen…” (Richard Herziger, “Welt”)

  1. 22. Januar 2012, 12:23 | #1

    Leave ‘em alone…

  2. Prinz Eugen von Savoyen
    22. Januar 2012, 12:41 | #2

    @Dr. Dieter Zakel MA

    Genau, eine saubere Trennung, und die Sache passt.

  3. norbert bender
    22. Januar 2012, 12:43 | #3

    Die Typen da unten glauben doch, dass Demokratie lediglich prall gefüllte Supermärkte incl.Gratiseinkäufe bedeutet, möglichst ohne eigenes Zutun.
    Na gut, das glauben auch bei immer mehr linke Typen.

  4. norbert bender
    22. Januar 2012, 12:43 | #4

    …auch bei uns….

  5. Passant
    22. Januar 2012, 13:00 | #5
  6. pepito
    22. Januar 2012, 14:41 | #6

    Und nach zügig voranschreitender (islamischer) Demokratisierung sollten dann baldmöglichst EU-Beitrittsverhandlungen beginnen !

  7. astuga
    22. Januar 2012, 16:48 | #7

    Dr. Dieter Zakel MA :Leave ‘em alone…

    Fine for me, but that gets more difficult each year, because now we also have them in Europe.

  8. astuga
    22. Januar 2012, 17:02 | #8

    @pepito
    Wozu, die Mittelmeer-Union gibts doch bereits (siehe Wikipedia).
    Momentan hört man zwar nicht viel… aber gut, es wird ja auch nicht alles öffentlich abgehandelt.

    Und heuer findet das dritte Treffen des sog. Istanbuler Prozesses erstmals in der EU statt.
    Das Lieblingsprojekt Hillary Clintons und der OIC.
    http://islam-deutschland.info/forum/viewtopic.php?t=11178&start=0&postdays=0&postorder=asc&highlight=

    Spindelegger mit seinem saudischen Religionszentrum in Wien, und als Ritter des Ordens zum Heiligen Grab von Jerusalem, hat bekanntlich besonderes Interesse am Nahen Osten (beides durften wir aus der halbstaatlichen Infobroschüre Kronen-Zeitung erfahren).

  9. Rado
    23. Januar 2012, 08:57 | #9

    @astuga
    Araber (jedenfalls die meisten) lieben Diktatoren. Das ist keineswegs abwertend gemeint, aber die westlichen Vorstellungen von Demokratie haben in diesen Ländern einen obszönen Touch.
    Der Vormarsch der retro-mittelalterlichen Weltanschauung, gleichzeitig auch Herrschafts- und Gewaltideologie, zeigt schon lange, dass man sich gegen geistige Öffnung und Aufklärung in westlichem Sinn förmlich stemmt.
    Die kollektive Minderwertigkeitskomplex gegen ales westliche ist scheinbar alles, was sie haben.

  10. dieter
    23. Januar 2012, 09:27 | #10

    Im Dezember 2010, also kurz vor dem arabischen Frühling veröffentlichte Pew Research eine Studie über die Einstellungen in der muslimischen Welt.

    http://www.pewglobal.org/2010/12/02/muslims-around-the-world-divided-on-hamas-and-hezbollah/

    Ägypten: 82% für Steinigungen für außerehelichen Sex; 77% für Auspeitschen, Händeabhacken bei Diebstahl/Raub; 84% Todesstrafe für Apostaten.

  11. Carlos Spicywiener
  12. Selbstdenker
    23. Januar 2012, 11:21 | #12

    Tja, so einfach wie sich einige Naivlinge das mit der Demokratie so vorstellen, ist es halt nicht:

    Die Einführung eines Wahlrechtes sagt noch lange nichts darüber aus, ob das Wahlergebnis repräsentativ ist (Bsp: ÖH- oder AK-Wahl).

    Und selbst wenn das Wahlergebnis repräsentativ ist, sagt es noch nichts über dessen Qualität im Allgemeinen und die Achtung der Menschenrechte im Speziellen aus.

    Für eine funktionierendes demokratisches Staatswesen braucht es halt ein “bisschen” mehr: Gewaltentrennung, Grundrechte, Rechtstaatlichkeit, Bildung, bestimmte moralische Grundprinzipien, eine funktionierende Wirtschaft, etc.

    Wenn diese Rahmenbedingungen nicht gegeben sind, münden vermeintlich “demokratische” Experimente zwangsläufig in der Pöbelherrschaft.

  13. Gerhard
    23. Januar 2012, 13:03 | #13

    Kürzlich hatte ich mit Ägyptern über die aktuelle Lage vor Ort diskutiert. Dabei war ich der Ansicht, dass es “zwei Schritte vorwärts und dann einen Schritt zurück” geben wird.
    Nach der geschlagenen Wahl zum Unterhaus korrigiere ich meine Meinung.
    Nun heisst es: “1 Schritt nach vorne und 2 zurück”.

  14. Rado
    23. Januar 2012, 13:59 | #14

    Ein Problem mit Ägypten ist, dass die Islamisten dort ein gefährliches Druckmittel gegen den Westen in der Hand haben werden. Vielleicht werden wir in ein paar Jahren ja wieder eine Sperre des Suezkanales erleben dürfen.

  15. astuga
    23. Januar 2012, 15:23 | #15

    @Rado
    Ob sie sie wirklich lieben kann ich nicht sagen, aber es ist sicher richtig, dass in diesen Gesellschaften ein grundsätzlich anderes Verständis von Autorität wie auch von der Rolle des Individuums vorherrscht.
    Das fängt in den Familien an, und zieht sich durch alle Lebensbereiche.

  16. astuga
    23. Januar 2012, 15:28 | #16

    @Rado
    Eher nicht, dazu sind die Einnahmen für den Staat zu wichtig.
    Ägypten steht ohnehin finanziell am Abgrund, auch wegen des Bevölkerungswachstums.
    Die bräuchten bereits ordentliche Wachstumsraten, um nur den Status quo zu halten, aber selbst das ist nicht in Sicht.

    Sollte tatsächlich ein Klimawandel kommen, dann hat wenigstens die offene Schiffspassage über die Arktis ihr gutes. ;)

  17. Ed Wood
    24. Januar 2012, 09:11 | #17

    The dialogue runs something like this.

    Muslims: It’s not our fault that we’re dictatorship, America is behind all our dictatorships.

    Liberals: It’s not your fault you’re ruled by dictators, America is behind all your dictatorships.

    Muslims: Terrorism is not our fault, we’re oppressed and terrorism is the last resort of the oppressed.

    Liberals: You’re depraved on account that you’re deprived. How could we possibly judge you?

    Muslims: We’re only rioting because we’re angry.

    Liberals: You’re only rioting because you face social and political inequities.

    Muslims: Israel is the problem.

    Liberals: Israel is the problem.

    http://sultanknish.blogspot.com/2007/12/how-our-culture-of-activism-opens-door.html

  1. 22. Januar 2012, 23:36 | #1