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Wie krank ist Österreich?

29. April 2012 | Autor:

(von FRANZ SCHELLHORN) Nun kann man über „Political Correctness“ ja denken, wie man will. Der Siegeszug des von allen diskriminierenden Gemeinheiten befreiten Denkens ist dennoch überwältigend. Wer beispielsweise heute glauben sollte, dass das Servieren von kalten Drinks in luftigen Höhen nur etwas für junge Dinger sei und man so etwas doch noch sagen dürfen müsse, liegt falsch. In unseren Breiten wird nämlich die Diskriminierung wegen fortgeschrittenen Alters ebenso wenig geduldet wie jede andere Form der Benachteiligung.

Heute gibt es weder jüngere noch ältere Beschäftigte. Sie sind auch nicht weiblich oder männlich, sondern MitarbeiterInnen, die sich für den Lohngeber regelrecht aufopfern. Sie sind niemals groß oder klein, schon gar nicht dick oder dünn, schlimmstenfalls vertikal oder horizontal gefordert. Cholerische Arbeitnehmer sind eine hierzulande weitgehend unbekannte Spezies, erzählt wird hin und wieder von stimmgewaltigen Beschäftigten mit einer Neigung zu verhaltensoriginellen Lösungsansätzen.
Krank und verleumdet. Das alles heißt aber nicht, dass Österreichs Betriebe frei von Diskriminierung wären. Ganz im Gegenteil, wie die jüngst aufgeflammte Debatte über die stark steigende Zahl an Kurzkrankenständen zeigt. Arbeitnehmer fallen heute nämlich viermal so oft für ein bis drei Tage aus als 1970 und doppelt so häufig wie zu Beginn der 1990er-Jahre. Als wäre das nicht schon schlimm genug, müssen sich Betroffene auch noch unterstellen lassen, sich mit einem als Krankenstand getarnten freien Tag von den Strapazen des immer anstrengender werdenden Freizeitlebens zu erholen. Bevorzugt an „Fenstertagen“.

Weshalb der Wirtschaftsflügel der ÖVP (den gibt es wirklich!) fordert, dass der erste Krankenstandstag nicht mehr bezahlt wird. Immerhin werde das auch im Fürsorgeparadies Schweden so gehandhabt.

Neben den eigenen Fraktionskollegen halten alle im Parlament vertretenen Parteien das Ansinnen für unverschämt. Auch die Idee, dass besonders häufig von kurzlebigen Viren befallene Arbeitnehmer öfter Besuch von Kontrolleuren der Sozialversicherung bekommen sollen, wird entschieden abgelehnt. So meint Gesundheitsminister Alois Stöger, dass marode Beschäftigte nicht durch Kontrollen „bestraft“ werden dürften. Wo kämen wir da hin?

Geradezu außer sich sind naturgemäß die Arbeitnehmervertreter. Vermehrt anfallende Kurzkrankenstände hätten nichts mit ungenierter Freizeitverlängerung zu tun, sie seien ausschließlich mit dem permanent steigenden Arbeitsdruck der profitsüchtigen Hochleistungswirtschaft zu erklären. Überhaupt sei die Debatte geradezu grotesk, schließlich sind die Krankenstandstage in Summe leicht rückläufig. War ein Arbeitnehmer 2010 im Schnitt 13 Tage im Jahr an sein Bett gefesselt, ist das jetzt an elf Tagen der Fall.

Wer daraus den Schluss ziehen sollte, dass die Österreicher heute gesünder sind als früher, ist ein gutgläubiger Mensch. So sind die Experten der Arbeiterkammer Wien bei der Erforschung des fortschreitenden Arbeitsleids auf ein bemerkenswertes Phänomen gestoßen. Es nennt sich „Präsentismus“. Demzufolge schleppen sich tagtäglich Tausende krank zur Arbeit. Wieso? Wegen ihres Pflichtgefühls gegenüber den Kollegen und der wachsenden Angst vor Verlust des Jobs.
Guter Draht zum Chef? Das ist aber nicht alles. Ein ganz wichtiger Grund ist aus Sicht der Wiener AK das oft belastete Verhältnis zwischen Mitarbeiter und Vorgesetzten. Je schlechter nämlich der Draht zum Chef, desto seltener sind Mitarbeiter krank. Was vor allem die Personalverantwortlichen der Stadt Wien gerne hören dürften. Folgt man nämlich der Logik der AK, haben sie ein auffallend gutes Händchen bei der Auswahl ihres Führungspersonals: Schließlich sind die Wiener Gemeindebediensteten an 22,9 Tagen im Jahr krank, also doppelt so lange wie „normale“ Arbeitnehmer. Geschlagen wird dieser Wert nur noch von staatsnahen Konzernen, in denen die Vorgesetzten von ihren Mitarbeitern offensichtlich geradezu verehrt werden. Ganz anders als in der Privatwirtschaft, deren Beschäftigte von übellaunigen Chefs aus dem Krankenbett gejagt werden.
Ausgebeutete Unternehmer. Die während des Krankenstandes naturgemäß weiterlaufenden Löhne und Gehälter zahlt übrigens nicht die Sozialversicherung, sondern der Arbeitgeber. Bis zur sechsten Woche voll, danach für mindestens vier weitere Wochen den halben Lohn. Das kann vor allem für kleinere Unternehmen zu einer ernsthaften ökonomischen Belastung führen.

Was freilich nichts daran ändert, dass die Parteien unmittelbar vor den Feierlichkeiten zum 1. Mai jede Menge Ideen haben, wie die staatlichen Sozialleistungen auszubauen wären. Vor allem jene, die von den Unternehmern zu bezahlen sind. Während sich die ÖVP für einen Ausbau des Pflegeurlaubs einsetzt, orten die Sozialdemokraten anderorts Schutzbedarf. Etwa bei Mitarbeiterinnen, die während der Probezeit oder vor Auslaufen eines befristeten Vertrags schwanger werden. Wird der Arbeitsvertrag in diesem Fall nicht verlängert, sollen künftig die Unternehmer nachweisen müssen, dass das nichts mit der freudigen Erwartung der Dienstnehmerin zu tun hat.

Das ist bestimmt gut gemeint. Aber vielleicht wäre es nicht schlecht, sich einmal eingehend mit der Frage zu beschäftigen, wie viel Schutz die Bevölkerung eigentlich verträgt. Bevor insbesondere kleinere Unternehmen merken, dass es männliche und weibliche Bewerber gibt. Was wiederum dazu führen könnte, dass die eigentlich zu Beschützenden zu den ersten Opfern ihrer Beschützer zählen. Was man freilich so nicht sagen sollte. (“Presse”)

 

  1. 29. April 2012, 10:41 | #1

    Die Löhne und Gehälter der Wiener Gemeindebediensteten zahlt eh nur der Steuerzahler. Also rauf mit den Steuern! ;-)

  2. Thomas Holzer
    29. April 2012, 11:18 | #2

    Also bitte: die OEVP tritt doch seit neuester Zeit auch für ein von den Arbeitgebern zu bezahlendes Jahrsticket der Öffis für jeden Mitarbeiter ein.

  3. Behaimb
    29. April 2012, 12:57 | #3

    @Thomas Holzer
    Die ÖVP ist heute doch längst dem Anspruch und der Mehrheit nach eine Arbeitnehmerpartei. Das zeigt allein die Dominanz von ÖAAB und schwarzer Gewerkschaft gegenüber Wirtschaftsbund und Bauern.

  4. Thomas Holzer
    29. April 2012, 14:58 | #4

    @Behaimb
    Genau so wie CDU in Deutschland; sie sammeln sich alle links der Mitte, und versuchen erfolglos den Sozialisten/Sozialdemokraten den Rang abzulaufen.
    Etatisten aller Länder vereinigt euch, sollte es im 21.Jhdt heißen

  5. Hollandrad
    29. April 2012, 21:26 | #5

    @Thomas Holzer

    Kleine Richtigstellung: Niemand verlangt, dass Arbeitgeber so eine Fahrkarte zahlen müssen. Es geht lediglich darum, dass die Fahrkarte, wenn sie zur Verfügung gestellt wird, nicht als Sachleistung versteuert werden muss. Damit soll ein Ausgleich für die steuerliche Förderung des Auto-Pendelns geschaffen werden.

  6. Johan Haderer
    29. April 2012, 21:38 | #6

    The Economist bringts schön auf den Punkt:
    http://www.economist.com/blogs/graphicdetail/2011/12/daily-chart-2

    The Idlers…

  7. Der Wanderer
    29. April 2012, 23:07 | #7

    Dann kommt wieder das große Wehklagen, die Firmen stellen keine Frauen ein. Sie wollen sich nicht ausnützen lassen, böse Firmen.

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