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Günter Grass: Diagnose “Morbus Reimzwang”

Günter Grass, erst jüngst durch ein recht albernes, leicht antisemitisches Gedicht ungut aufgefallen, reimt schon wieder, diesmal in der “SZ” über Griechenland, das er ein “zur Armut verurteiltes Land” nennt,freilich ohne Hinweiss darauf, wer dieses Urteil gesprochen haben könnte ausser den Griechen selbst:

Dem Chaos nah, weil dem Markt nicht gerecht,
bist fern Du dem Land, das die Wiege Dir lieh.

Was mit der Seele gesucht, gefunden Dir galt,
wird abgetan nun, unter Schrottwert taxiert.

Als Schuldner nackt an den Pranger gestellt, leidet ein Land,
dem Dank zu schulden Dir Redensart war.

Zur Armut verurteiltes Land, dessen Reichtum
gepflegt Museen schmückt: von Dir gehütete Beute.

Die mit der Waffen Gewalt das inselgesegnete Land
heimgesucht, trugen zur Uniform Hölderlin im Tornister.

Kaum noch geduldetes Land, dessen Obristen von Dir
einst als Bündnispartner geduldet wurden.

Rechtloses Land, dem der Rechthaber Macht
den Gürtel enger und enger schnallt.

Dir trotzend trägt Antigone Schwarz und landesweit
kleidet Trauer das Volk, dessen Gast Du gewesen.

Außer Landes jedoch hat dem Krösus verwandtes Gefolge
alles, was gülden glänzt gehortet in Deinen Tresoren.

Sauf endlich, sauf! schreien der Kommissare Claqueure,
doch zornig gibt Sokrates Dir den Becher randvoll zurück.

Verfluchen im Chor, was eigen Dir ist, werden die Götter,
deren Olymp zu enteignen Dein Wille verlangt.

Geistlos verkümmern wirst Du ohne das Land,
dessen Geist Dich, Europa, erdachte.

 

 

  1. rubens
    28. Mai 2012, 10:16 | #1

    Schon interessant mit welch Blödsinn man in die Presse kommt, wie gewisse Personen hetzen dürfen?

  2. astuga
    28. Mai 2012, 10:24 | #2

    Naja, Grass wird eben auch nicht mehr zum Homer…
    Auch nicht zum Aristophanes, mit etwas Selbstironie hätte er aber noch Potential zu seinem eigenen Froschmäusekrieg.

    Xairete!

  3. Maybach
    28. Mai 2012, 10:36 | #3

    @astuga
    Jeder Neo-Liberale, selbst wenn er die Demokratie als Pöbelherrschaft ablehnt, ist andererseits auch nicht gerade zum Literaturkritiker berufen …

  4. astuga
    28. Mai 2012, 10:47 | #4

    @Maybach
    Na zum Glück bin ich kein Neoliberaler. ;)

    Aber interessant, dass du für Literaturkritiker voraussetzt dass sie die Demokratie ablehnen.

  5. Plan B
    28. Mai 2012, 10:57 | #5
  6. 28. Mai 2012, 13:19 | #6

    das Alter macht leider nicht immer “weise”

  7. Maybach
    28. Mai 2012, 14:13 | #7

    @astuga
    Nun einen gewissen Hang zur Elitarität teilen sie ja mit den Neoliberalen, aber das ist so zeimlich das Einzige … Neoliberal war ja auch nicht auf Sie bezogen, aber wenn der Blogbeteiber von “Reimzwang” schreibt, wo doch kein einziger Reim im Gedicht vorkommt, dann muss ich das wohl auch als höhere Form der Ironie betrachten? Wohlan, nichts Geringeres fordere ich für meine Person ein :-)

  8. astuga
    28. Mai 2012, 14:25 | #8

    @Maybach
    Reim hin Reim her.
    Es handelt sich wohl um die Grasssche Empörungsstanze.

  9. Maybach
    28. Mai 2012, 14:42 | #9

    @astuga
    Jeden Tag sind die Zeitungen voll mit ähnlichem Gebrabbel, ich vertseh nur nicht warum man sich gerade über Grass so empört? Weil er ein linker Gutmensch und kein zynischer Zeitungsschmierer ist? Wenn man sich nicht jedesmal aufplustern würde, wären diese Ergüsse am nächsten Tag bereits wieder in der Tiefe des Orkus verschwunden.
    Übrigens kritisiert er ohnehin den Lieblingsfeind vieler Foren besucher: “Sauf endlich, sauf! schreien der Kommissare Claqueure,” da müsste sich doch Verbindendes finden lassen. Aber mir scheint inzwischen, es geht hier nie darum, was gesagt wird, sondern stets nur wer etwas sagt …

  10. Suwarin
    28. Mai 2012, 15:27 | #10

    Grass macht jetzt Wirtschaftskenner und morgen gibt der Zetsche den Buchkritiker.
    Grass, erst glaubt erst er könnte Außenpolitik, jetzt glaubt er er könne Wirtschaft, ist das eine Bewerbung für den Kanzlerkandidaten der SPD?

  11. Der Wanderer
    28. Mai 2012, 16:27 | #11

    “zornig gibt Sokrates Dir den Becher randvoll zurück.”

    mit Almosen darf man den Griechen nicht kommen. Das ist zuwnig. Nicht Bechern, sondern klotzen!

  12. Christian Weiss
    28. Mai 2012, 18:52 | #12

    “Geistlos verkümmern wirst Du ohne das Land,
    dessen Geist Dich, Europa, erdachte.”

    Irgendwann vor über 2000 Jahren gab es in jenem Land ein paar für ihre Zeit bedeutende Denker, von denen bis heute nichts mehr übrig blieb als die Erinnerung an eine Hochkultur, die man immer noch zu sein glaubt. Geistlosigkeit ist in Griechenland längst Normalität, Europa hat an dieser Bananenrepublik nichts zu gewinnen, aber der verknorzte Ideologe Grass merkt nicht mal das.

  13. herbert manninger
    28. Mai 2012, 19:59 | #13

    Immer das gleiche Spielchen: Grass furzt, und alle schnuppern.

  14. Rennziege
    28. Mai 2012, 20:10 | #14

    “Er las immer Agamemnon statt angenommen, so sehr hatte er seinen Homer gelesen.” – Georg Christoph Lichtenberg (über den typischen Vertreter des Bildungsbürgertums).
    Passt auch zu Günter Grass — sosehr er sich diesmal in altgriechischen Versmaßen versucht. Aber weder Hexa- noch Pentameter entfernen das Brettl vorm Hirn.

  15. Maybach
    29. Mai 2012, 09:56 | #15

    Herr gib uns unsere tägliche Empörung und schau dass er nicht zu früh ins Grass beißt. Amen.

  16. Samtpfote
    29. Mai 2012, 10:27 | #16

    @Rennziege
    welches, wie wir wissen, aus Teakholz zu sein hat… :-)

  17. FritzLiberal
    29. Mai 2012, 10:36 | #17

    Maybach :Jeden Tag sind die Zeitungen voll mit ähnlichem Gebrabbel, ich vertseh nur nicht warum man sich gerade über Grass so empört? Weil er ein linker Gutmensch und kein zynischer Zeitungsschmierer ist?

    Weil bei kaum jemandem der Unterschied zwischen hohem moralischen Anspruch und jämmerlicher Realität dermaßen offenkundig auseinanderklafft wie bei Herrn GraSS.

  18. Maybach
    29. Mai 2012, 11:15 | #18

    @FritzLiberal
    Mal abgesehen vom eher fragwürdigen Israel-Gedicht, was ist jetzt an diesem Griechen-Epos so besonderes, dass man sich darüber alterieren kann? Anspruch und Realität klaffen bei den meisten “Künstlern” und Politkern auseinander, wenn man sich da jedesmal ereifern würde, hätte man zu sonst nix mehr Zeit. Je schneller Gedichte wie dieses im Altpapier verschwinden desto besser für die Nachwelt, ernst nehmen tut es sowieso niemand, weil niemand mehr was von Griechen hören will.

  19. DochLieberAnonym
    29. Mai 2012, 12:22 | #19

    Sehr geehrter Herr Ortner,

    was immer man über dieses Gedicht sagen will – aber “gereimt” hat Günter Grass es mit Sicherheit nicht. Auch einem neoliberalen Wirtschaftsjournalisten solte der Unterschied zwischen “Reim” und “Vers” eigentlich geläufig sein …

    Und was das angeblich “leicht antisemitische” Vorgänger-Gedicht betrifft, empfehle ich Ihnen (und einigen Ihrer Kommentarschreibern) einmal folgenden Link (auch der folgende ist lesenswert) – nur mal so zum Reinlesen und Nachdenken. Reflexartige Sekretabsonderung auf definierte Reize mag Pawlow’schen Hunde gemäß sein. Menschen dürfen auch nachdenken, bevor sie schäumen …

  20. mannimmond
    29. Mai 2012, 14:39 | #20
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