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Buchtip: “Die Asozialen”

Die deutsche Gesellschaft, so diagnostiziert der “stern”-Journalist Walter Wüllenweber in seinem jüngsten Buch “Die Asozialen”, befindet sich “in Auflösung. Seit einigen Jahren werden die Zentrifugalkräfte, die auf diese Gesellschaft wirken, immer deutlicher spürbar.” Das ist vorerst weder besonders neu noch besonders originell. Dass sich die sozialen Ober- und Unterschichten immer weiter voneinander entfernen, gehört mittlerweile zum Kanon unumstößlicher ökonomischer Weisheiten des frühen 21. Jahrhunderts.

Durchaus originell, wenn auch nicht in jedem Detail nachvollziehbar, ist hingegen die von Wüllenweber gelieferte Erklärung für diese soziale Erosion: “Am unteren Ende ist eine wachsende Unterschicht dabei, sich aus den bürgerlichen Wertvorstellungen zu verabschieden. Gleichzeitig zieht sich die Oberschicht in ihre Parallelwelt zurück. Das Erstaunliche daran: An den gegenüberliegenden Enden der Gesellschaft beobachten wir ähnliche, teils idente Entwicklungen: Die Wert- und Moralvorstellungen von Ober- und Unterschicht entfernen sich immer weiter von denen der Mehrheitsgesellschaft. Ober- und Unterschicht empfinden kaum einen Zusammenhang zwischen Leistung und Erfolg. Tricksen wird mehr und mehr zur Lebensform. Die Reichen tricksen beim Finanzamt, die Armen beim Sozialstaat. Oben und Unten leben auf Kosten der Mittelschicht. Mächtige Verbündete haben ein Interesse daran, dass sich an diesen Zuständen nichts ändert: Die Finanzindustrie macht die Oberschicht reich. Die Hilfsindustrie ermöglicht die Lebensform der Unterschicht (…).”
Sowohl Reichtum als auch Armut haben, so der Autor, ihren Charakter seit dem Ende des 20. Jahrhunderts stark verändert. An die Stelle von Unternehmerpersönlichkeiten, die durch gesellschaftlich nützliche industrielle Tätigkeit reich geworden sind, traten in vielen Fällen deren Erben, die keinen erkennbaren Mehrwert schüfen. Und an die Stelle der Armen von einst trat eine Art modernes “Lumpenproletariat” (Karl Marx), langzeitarbeitslos, vom Sozialstaat bestens alimentiert und hochgerüstet mit “Mikrowellenherd, Spielkonsolen, Smartphones, Computer und natürlich Flachbildschirmen”.

Fundament Leistungsethik wird unterwaschen
Nicht Armut, sondern ein Mangel an Bildung, am Willen, sich zu bilden und der dadurch verhinderten Teilhabe am bürgerlichen Leben sei das zentrale Problem dieser neuen Unterschichten. Und “Geldarmut ist nicht die Ursache dieser Verhaltensweise, sondern ihre Folge, eine Folge der Unterschichtenkultur. Das wahre Elend ist also die Armut im Geiste, nicht die im Portemonnaie. Gegen diese Benachteiligung kann Geld nur wenig ausrichten.”

Mit dem reichsten Prozent der Bevölkerung, meint Wüllenweber, verbindet diese Unterschicht nicht nur “Tricksen als Lebensform”, sondern auch, dass ihr jeweiliges Einkommen weitgehend von der Leistung entkoppelt ist, die sie allenfalls erbringen. “Das typische Einkommen an beiden Rändern der Gesellschaft ist kein Resultat von Arbeit, sondern leistungsloses Einkommen: Transferzahlungen des Sozialstaates oder Profite aus Vermögensanlagen.”

Damit wird gleichsam das moralische Fundament der deutschen Gesellschaft unterwaschen, die Leistungsethik: also die stillschweigende Übereinkunft, wonach zwischen Leistung und Einkommen sowie Vermögen ein Kausalzusammenhang zu bestehen habe. Diese Leistungsethik war “nicht nur für den Wohlstand, sondern auch für den inneren Zusammenhalt von überragender Bedeutung. Ein Ersatz für diese Wertbasis ist nicht in Sicht. Oben und unten steht nicht mehr auf demselben Fundament.”

Der Mittelstand trägt weitgehend die Kosten
Dort steht bloß noch der Mittelstand, und der trägt in Wüllenwebers Analyse weitgehend die Kosten dieser Entwicklung. Und “die politische Klasse hat die Kraft verlassen, auf die Veränderung der Gesellschaft organisatorisch zu reagieren (…) Die Politik scheint sich mit der Auflösung der Gesellschaft von den Rändern her abgefunden zu haben (…) Deutschland kapituliert vor Oben und Unten.” Enttäuscht wird sein, wer am Ende des Buches Therapievorschläge des Autors erwartet. Lapidar schreibt Wüllenweber auf Seite 233: “Am Ende ist keine Lösung (…) Es wäre eine Anmaßung zu glauben, ausgerechnet ich wüsste die Lösung, die allen anderen bislang verborgen geblieben ist.” Das ist freilich eine Form der Bescheidenheit, die den Leser doch eher ratlos zurücklässt. (WZ)

Walter Wüllenweber: Die Asozialen. Wie Ober- und Unterschicht unser Land ruinieren – und wer davon profitiert. DVA, 256 Seiten, 20,60 Euro.

 

  1. KClemens
    21. November 2012, 08:43 | #1

    Ja, ja – der gute alte Stern.

    Zuerst war der Stern, gemeinsam mit anderen “Qualitätsmedien” ganz vorne mit dabei, wenn es darum ging, den “überbordenden” Sozialstaat sturmreif zu schießen.

    Kaum eine Talkshow die Herr Jürges ausließ, um auf das faule Gesindel und die Under- und Lowperformer zu schimpfen, die es nicht auf ein Jahresgehalt von mindestens 200.000€ brächten.

    Und jetzt machen die gleichen Blätter wieder Kasse, weil sie den Zerfall der Gesellschaft, den sie selbst mit herbei geschrieben haben, anprangern.

    Und einzelne Journalisten (von Spiegel, Focus, Stern) können dafür sogar noch etwas Text für ein Buch abgreifen, und den Under- und Lowperformern, sowie der Mittelschicht zeigen, wie man mit Phrasendreschen noch mal richtig Kohle machen kann. Und sich erneut bei der “1%-Gesellschaft” und der Politik anbiedern.

    Hugenberg bekäme feuchte Augen, wenn er sehen könnte, was “freie” Presse so alles leisten kann.

  2. rubens
    21. November 2012, 10:06 | #2

    Das sind auch meine Beobachtungen. Danke für den Buchtipp.

  3. rubens
    21. November 2012, 10:07 | #3

    @KClemens
    Schimpfen Sie nicht einfach nur herum, das vernebelt den Blick.

  4. Samtpfote
    21. November 2012, 10:47 | #4

    Tut’s Euch doch zusammen. neuer Buchtitel:
    “Die Asozialen Prolokraten”
    :-) :-)

  5. 21. November 2012, 12:42 | #5

    Samtpfote :
    Tut’s Euch doch zusammen. neuer Buchtitel:
    “Die Asozialen Prolokraten”

    Das heißt PC korrekt “Sozialdemokratie”. Soviel Gutsprech muß schon sein ;-(

  6. Plan B
    21. November 2012, 14:01 | #6

    FDominicus :

    Samtpfote :
    Tut’s Euch doch zusammen. neuer Buchtitel:
    “Die Asozialen Prolokraten”

    Das heißt PC korrekt “Sozialdemokratie”. Soviel Gutsprech muß schon sein ;-(

    Als FDP-Wähler (September 09, leider) und ehemaliges SPD-Mitglied wehre ich mich entschieden dagegen, die Sozialdemokratie zu beschmutzen. Denn es gibt sie heute nicht mehr. Weder die heutige SPD noch die amorphe CDU können als sozialdemokratisch bezeichnet werden.

    Was ist sozialdemokratisch? Eine kleine persönliche Zeitreise in meine 50er Jahre.

    Einige der klaren Ansagen meiner sozialdemokratischen Großmutter (trug die Hauptlast meiner Erziehung):

    Fieber ist, wenn es das Thermometer anzeigt (also ab in die Schule, die Mathearbeit konnte nicht geschwänzt werden)
    Wenn du nicht vernünftig lernst, landest du als Straßenkehrer.
    Man liegt anderen Leuten nicht auf der Tasche

    Dieser knappe Dreisatz ist konservativ pur: Beweg’ deinen Hintern, sonst landest du in der Gosse. Das sozialdemokratische Credo war in den Aufbaujahren ganz simpel. Teilhabe am Wohlstand muss man sich erarbeiten (und sicherlich auch erstreiten, also berechtigte Forderungen stellen und durchsetzen). Wir wollen hier nicht die Historie der SPD behandeln, aber es ist doch eine unbestrittene Tatsache, dass die Arbeiterbewegung eine Bewegung des Aufstiegswillens war. Ohne Leistung keine Forderung nach Verbesserung der Lebensverhältnisse. Und Leistung im sozialdemokratischen Sinne setze eigenverantwortliches Handeln voraus, also die Bereitschaft zu lernen und für seinen Lebensunterhalt aufzukommen. (Wo gibt es heute noch die Kulturvereine? Die Stätten der Arbeiterbildung?) Dass dieses Bestreben der Emanzipation politisch immer wieder auf Widerstände stieß, und die Partei sich häufig selbst zerfleischte zwischen den Flügeln der Revisionisten und Etatisten ändert nichts am Kern. „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“ und „Jeder ist seines Glückes Schmid“ gehörten in das Repertoire gesammelter Sprichwörter meiner Sozi-Großmutter.

    Also Leute, streicht bitte sozialdemokratisch aus dem Wortschatz und ersetzt es durch interventionistisch.

  7. 21. November 2012, 18:14 | #7

    @Plan B
    Sehen Sie Neoliberal ist ein Schimpfwort aus der rechten und linken Ecke. Der Begriff war mal recht positiv besetzt. Sozialdemokraten waren nunmal vor etwas längerer Zeit Sozialisten. Und dazu gehört wie Sie es nennen Interventionen. Und davon ist die derzeitige Sozialdemokratie (sei es im Original SPD oder CDU oder FDP voll. Sozialdemokratisch hat immer das Sozial in sich was man nur noch als Schimpf und/oder Kampfbegriff auffassen kann YMMV)

    Sozial ist nun mal fast nur noch asozial deswegen “passt” das schon mit der Wortspielerei

    Asozial = sozial
    und Prolokratie = Demokratie also
    zusammen in Gutsprech Sozialdemokratie.

    Die Großmutter war such nicht “sozial” eingestellt sondern “normal”.Und selbst zu in den 60 er oder 70 er Jahre war Sozial immer mit “anderen etwas wegnehmen” verbunden. Man mußte es speziell in NRW den Kapitalisten abnehmen, man selber “malochte”.

    Sie wollen die SPD nicht beschmutzen? Warum nicht? Verhält sich die SPD derzeit “sozial”. Wie bitte äußert sich das? Hat die SPD den ganzen Rettungschirmen und Bankenbailout zugestimmt oder nicht. Was ist daran sozial Gesetze willentlich zu brechen?

    Ich war mal bei der FDP und Sie können mir glauben, ich bin mehr als sauer auf diese “Partei”. Also warum soll ich sie nicht beschmutzen. Sie hat doch angefangen zu lügen und zu betrügen. Genau das mach die SPD doch auch. Was müsste Ihre Meinung nach noch passieren bevor Sie die SPD “beschmutzen” dürften?

    Ich frage Sie ganz offen wo und wann war die Sozialdemokratie nicht interventionistisch?

    Und eine letzte Frage was verstehen Sie unter erstreiten. Es heißt doch wohl auch nicht miteinander etwas “weiter” kommen sondern gegeneinander und man selber ist wohl auf der “richtigen” Seite. Was bitte war an der Umlagefinanzierung für die Rente fair? Wieso wurden die Rentner schon zu Beginn der BRD so bevorzugt? Ich gehe davon aus, es war der “Wunsch” gewählt zu werden. Wie zufällig durften Rentner wählen, aber Kinder nicht. Ist es da komisch, daß es eine Umlagefinanzierung gab?

    Sozial heißt für mich nicht. “Wenn alles nach meiner Pfeife läuft ist gut, wenn nicht Streik, oder wie auch immer geartete Zunder” Sozial heißt für mich freiwillig etwa tun wenn man findet es liegt etwas im Argen aber nicht andere zu nötigen die Arbeit für einen selber zu erledigen oder dafür zahlen lassen. Sozial zusammen mit Zwang zu sehen hat nichts mehr mit sozial zu tun es ist einfach nur Willkür.

    Anderen wegnehmen ohne Gegenleistung oder nur ein “vages Versprechen” finde ich nicht “sozial”.

    Ihre Großmutter war nach dem was Sie schreiben leistungsbewußt. Hat Sie damals gefordert andere müsste mehr weggenommen werden? Wenn nein war Sie auch damals nicht Sozialdemokratisch.

    Was speziell meinen Sie machte Ihre Mutter zu einer Sozi. Es liest sich absolut nicht so. Sozialdemokratie hat leider aber auch immer interventionistisch in der Hinterhand. Es ist nur manchmal mehr oder weniger sichtbar.

    Wer entscheidet denn nach Ihre Meinung was sozial ist? Und wer verhält sich sozial und wer asozial? Konkretes Beispiel was ist daran sozial wenn Wohnunganbieter nicht bezahlt werden, sondern im Gegenteil noch die Wohnungen verwüstet werden. Wieso ist dann unser Wohnrecht sozial. Es wird offenkundig jemand auf kosten eines anderen geschädigt, wie kann das “sozial” sein. Die Leute möchten bezahlbaren Wohungsbau, aber wer legt denn die Bebauungspläne fest? Was ist daran “sozial”. Können Sie irgendwo ein Stück Land kaufen und da bauen, nein, das Land ist knapp und daher wird es teuer und dann wird sich darüber beschwert, daß Mieten zu hoch sein. Oder im Extrem wie vor kurzem in Freiburg.
    Es wird gefordert die Mieten zu halbieren. Was ist da “sozial”?

    Im Namen von “sozial” in was für einer Schattierung auch immer, wurden alle Eingriffe “sanktioniert”. Wie kann es sein, daß die Maximierung von Schäden als “soziale Wohltat” durchgeht?

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