Hier irrt der Kardinal
Ein Gespenst geht um in Europa: das Gespenst des Nationalismus. Sogar Christoph Kardinal Schönborn, gemeinhin ja nicht eben als hyperventilierender Alarmist bekannt, fühlt sich ungut an dunkle Zeiten erinnert. “Wir stehen an einer Weggabelung: Bringen wir die Solidarität auf zusammenzubleiben? Oder betreibt man billiges, politisches Kleingeldmachen mit neuen Nationalismen, neuem Schüren von alten Vorurteilen?”, meinte er dieser Tage in einem “Standard”-Interview. “Dann gehen wir in eine Richtung, die es schon gegeben hat, nämlich zwischen den beiden Weltkriegen – mehr brauche ich nicht zu sagen.”
Angesichts der sozialen Unruhen in Südeuropa, die teils radikale antideutsche Sentiments bedienen, aber auch des derben Tonfalls mancher deutschsprachiger Medien gegenüber vermeintlich faulen Südeuropäern mag die Sorge des Kardinals eine gewisse Berechtigung haben; auch wenn sein Vergleich mit den 1930ern doch einigermaßen schrill erscheint. Viel problematischer ist freilich, dass Schönborn – wie fast alle anderen Mitglieder des politischen Establishments, die solche Sorgen umtreiben – sich etwas um die zentrale Frage drückt: die nach den tatsächlichen Ursachen dieses aufkeimenden Nationalismus der unguten Art. Denn “politisches Kleingeldmachen” und das “neue Schüren von Vorurteilen” in Europa sind ja nicht irgendeiner geheimnisvollen Infektionskrankheit, einem Anfall kollektiver Verblödung oder anderen Formen höherer Gewalt geschuldet, sondern eher Symptome einer erheblichen Dysfunktionalität des politischen Systems in Europa. Jenen neuen Nationalismus, den die politische Klasse Europas nun bitter beklagt, hat sie weitgehend selbst herangezüchtet: durch eine Reihe gröberer Fehlentscheidungen beim Bau des europäischen Hauses und insbesondere der Errichtung der Einheitswährung. Erst diese haben zwischen Gebern und Nehmern der unfreiwillig entstandenen europäischen Transfernunion zu Zwist, Misstrauen und wechselseitiger Verachtung geführt und Solidarität zu einem knappem Gut gemacht (wobei der Norden mit seinen erheblichen Anstrengungen zugunsten des Südens sehr wohl Solidarität zeigt).
Es greift daher reichlich kurz, den Griechen, die sich den Gürtel von den Deutschen nicht noch enger schnallen lassen wollen, und den Deutschen, die nicht bis ans Ende aller Tage an die Griechen zahlen wollen, einfach unverständigen Nationalismus vorzuwerfen. Mit bloßen Schuldzuweisungen lässt sich das Gespenst des Nationalismus in Europa nicht bannen, sondern es müssen jene Konstruktionsmängel der Eurozone behoben werden, die Europas permanente Rettungspolitik und die daraus resultierenden innereuropäischen Konflikte hervorgebracht haben. Wenn wir denn an einer Weggabelung stehen, dann vermutlich nicht an einer zwischen Solidarität und neuem Nationalismus, sondern eher an einer, wo es auf der einen Seite in Richtung verantwortungsvoller Budgetpolitik in der ganzen Eurozone geht, die niemandes Solidarität überfordert – oder in Richtung einer permanenten Transferunion, die bei Gebern wie Nehmern neue nationalistische Eruptionen provoziert. (WZ)
Sehr gut, so was ähnliches habe ich dem Kardinal vor ein paar Tagen geschrieben.
Da ist es wieder, das pöhse Wort Nationalismus. Die Wenigsten wissen überhaupt, was es bedeutet.
Nationalismus, der, vom französischen nationalisme
a) übersteigertes Nationalbewusstsein,
b) erwachendes Selbstbewusstsein einer Nation, mit dem Bestreben einen eigenen Staat zu bilden (laut Duden).
Man sieht, dass der Begriff nichts mit Krieg oder sonstigen schlechten Auswirkungen zu tun hat, die dem Begriff unterstellt werden, das wäre Chauvinismus.
Der Kern der Frage, um den es hier geht, ist also nicht die Budgetpolitik, sondern ob Nationalismus überhaupt schädlich ist.
Nein. Die wohl größte Lüge dieser EU ist nicht einmal die No- Bailout- Klausel, sondern, dass die EU den Frieden gebracht hat und bringt.Das ist grundfalsch. Den Frieden gebracht haben Nationalstaaten, die den Willen zum Frieden bekundeten. Auch ohne EU hätte es Frieden gegeben, ganz einfach weil der zweite Weltkrieg zu viele Opfer forderte und Europa den Krieg satt hatte.
Es ist vielmehr so, dass Nationalismus der einzige Anker gegen Krieg ist. Die Völker wollen Selbstbestimmung, wird ihnen diese genommen, so entsteht Krieg. Beispiele hiefür gibt es aktuell auf der Welt zuhauf, man schaue nur in den Nahen Osten, Afrika usw.
Hitler wurde nicht gewählt, weil Deutschland frei und unabhängig war, sondern gerade weil Deutschland geknebelt wurde (Vertrag von Versailles).
Steinigen Sie mich ruhig für diese Aussage, aber die EU hat sehr viel gemeinsam mit Hitler. Auch die EU will keine Nationalstaaten mehr, sondern eben die Vereinigten Staaten, bzw. wohl eher eine EUdssR. Nur der Deckmantel ist ein anderer. Hitler wollte ein großes deutsches Reich, die EU die EUdssR. Welche Ziele so ein “Reich” “Flächenstaat” oder wie auch immer, verfolgt, ist zweitrangig. Wichtig ist, dass dieses Ziel nicht mit dem Willen der Völker vereinbar ist und somit früher oder später zwangsweise versucht wird, durchzusetzen.
Der einzige Grund, warum wir nicht schon längst eine EUdssR haben, ist der, dass die EU über keine eigene Streitmacht verfügt (aber daran wird ja eifrig gearbeitet).
Auch die Habsburger wollten den Nationalismus vermeiden und auch dies endete in einem Massenblutvergießen.
Die Lösung ist somit nicht die Verhinderung des Nationalismus, sondern endlich zu akzeptieren, dass Völker einfach frei sein wollen.
Übrigens bestätigt sich meine Aussage auch durch eine Metapher:
Jeder Staat steht hierbei für einen Menschen. So, wann wird es eher Frieden geben? Wenn man
a) diese Menschen zusammenpfercht und ihnen Regeln vorschreibt, wie sie leben sollen oder
b) diese Menschen einfach in Ruhe lässt und sie respektiert?
Der artikel = ein vorgezogenes weihnachtsgeschenk!
Endlich eine robuste antwort an einen glaubensvertreter, der seinen glauben vom an sich guten menschen ohne anstrengung weiterträumen möchte und sich dabei selbstgerecht mahnende worte anmaßt.
Auch er und seine verschwommenen glaubensgrundsätze werden nicht an der realität vorbeikommen, dass sich jede kultur ihre sinnvollen werte,
insbesondere einen gesamtgesellschaftlich, solidarischen humanismus ohne einbahnstraßen, mühevoll selbst erarbeiten muß.
Glaubwürdige, kreative, bemühte problemlöser sind gefragt, träumer und mahner haben wir zur genüge.
@rubens
Hat er schon geantwortet?
Ich selbst bringe, ohne jemals gesteinigt worden zu sein, dieses Argument seit Langem schon sowohl schriftlich hier und anderswo, wie auch in mündlichen Debatten. Die Behauptung, keine Supernation errichten zu wollen, verkommt zur Absurdität, wenn gleichzeitig darauf verwiesen wird, es sei unabdingbar, sich gegen (sic!) die USA, gegen Rußland, China, Südamerika, etc. pp. zu verbünden, um im Weltkonzert ein hörbares Instrument zu spielen, wollte man nicht der globalen Bedeutungslosigkeit anheimfallen.
Nationen haben keine Freunde, bloß Interessen. Es ist fraglos ein Dummkopf derjenige, der diese Analogie zur angedachten Supernation EU negiert.
Nicht minder dumm ist die die Behauptung, ohne noch tiefere Integration stünde der innereuropäische Krieg vor der Tür. Mit derselben Inbrunst ließe sich behaupten, die Fortschritte in der Hygiene der letzten Jahrhunderte hätten die Sterblichkeit signifikant gesenkt, aber erst eine Intensivierung bis hin zur amtlich überwachten täglichen Ganzkörperdesinfektion aller Bürger würde in Hinkunft den Rückfall in mittelalterliche Zustände mit Millionen von Seuchen dahingerafften Menschen unterbinden.
Einmal mehr zeigt sich die Angstgetriebenheit der Linken jeglicher Couleur, die zu absurden Übertreibungen und zum Kollektivismus führt, ist doch vorgeblich nur das absolute Kollektiv in der Lage, Sicherheit zu bieten. Und ist es nicht Angstgetriebenheit, dann zumindest Machtgeilheit der handlungsbestimmenden Protagonisten. Oder auch ein Mix davon.
Am vorläufigen Ende der Entwicklung teilt sich die Weltbevölkerung auf in die Nationen Ozeanien, Eurasien und Ostasien. Aus dem Radio erfährt der Büger täglich aktuell, mit welcher Nation man sich gerade im Konflikt befände und welche andere Nation seit Menschen Gedenken ein Verbündeter gewesen sei.
Orwell’sches Neusprech und Doppeldenk – die aktuelle Heuchelei um das Wesen und Wirken der Nation EU ist dabei das deutlich vernehmbare Präludium.
@Suwarin
Noch nicht, aber ich denke, er wird es tun. Ich lasse es Sie dann wissen.
Als religiöser Mensch sollte dem Herrn Kardinal der Turmbau zu Babel eigentlich ein Begriff sein.
@Tod
Nun voihrem Grund-Prinzip her ist aber gerade die katholische Kirche dem Nationalismus zu 180° entgegengesetzt, das sollte man schon im Auge behalten.
@rubens
Sehr nett, Danke schön!
@Behaimb
Hab ich je gesagt die katholische Kirche solle politisches Gewicht haben? Im Gegenteil, sie sollte sich endlich einmal wieder um ihre Schäfchen kümmern.
@Tod
Nein, sie soll kein politisches Gewicht haben, aber auch nicht á la Innitzer et al. zum willfährigen Werkzeug werden.
Sooft Kirchenfürsten und Priester auf Kanzeln oder vor Mikrophonen politische Meinungen absondern, anstatt sich um ihre Schäfchen, deren Glauben und die Substanz des Christentums zu kümmern, sollte man ihnen ungeniert und flach aufs Maul hauen, dann auf beide Wangen — in der Hoffnung, dass sie noch bibelfest genug sind, die jeweils andere darzubieten, wie sich’s für Christen gehört.
Juristen kennen den Begriff der Geschäftsführung ohne Auftrag (negotiorum gestio), die so gut wie immer eine Anmaßung ist.
Vor wenigen Jahren noch eine selbstverstümmelnde Verirrung der Protestanten, greift diese Anmaßung zunehmend auf die Katholiken über. Kardinal Schönborn sollte es besser wissen. Eine Kirche, die ihre Tore für alle und alles öffnet, wird die triste Erfahrung der Protestanten teilen: Durch die weit und breit geöffneten Tore gehen mehr hinaus, als neu hereinkommen.
Es reicht völlig aus, Kardinalspurpur zu tragen; man muss nicht modische Sprechblasen von sich geben, für die man nach kurzer Frist ebenso purpurn erröten wird.
Wenn unsere Eliten Billionen (1000 Milliarden)an den Parlamenten vorbei in den Süden schleusen, ist es klar, dass der Unmut der Bevölkerung groß ist. Eines Tages wird der Geduldsfaden reißen! Es ist eine Schande, dass auch der Kardinal nicht einsieht, dass man mit dem Geld anderer sorgsam umgehen muss, sein oberster Chef hat das vor fast 2000 Jahren besser gewusst (Matthäus 24, 14-30).Uns Geberländer mit der Friedens- oder Kriegsdrohung weitere Milliarden abzupressen zeugt nicht von europä-ischer Gesinnung oder gar Dankbarkeit.
@Rennziege
Sie vergessen, die zentrale Botschaft Jesu ist eine eminent sozialpolitische. Christentum ist mehr als brav in die Kirche gehen, Hände falten und die Goschen halten.