Buchbesprechung: „Krise der Inflationskultur“

(ANDREAS TÖGEL)  Dieses Buch erscheint, da die Eurokrise trotz – oder besser: wegen! – immer neuer „Rettungspakete“ von einem Höhepunkt zum nächsten eilt, genau zum rechten Zeitpunkt. Der Autor, Jörg Guido Hülsmann, der an der Universität von Angers Volkswirtschaftslehre unterrichtet, lässt die Luft aus der der von staatsnahen Scharlatanen geschaffenen Erklärungsblase, wonach angeblich unregulierte Märkte, die Gier von Bankern und Spekulanten, und eine kollektive Unterkonsumption die Schuld am nicht enden wollenden Verschuldungs- und Währungsdebakel tragen sollen.

 

Einer Schuldenkrise mit einer noch weiter auf die Spitze getriebenen Schuldenorgie Herr werden zu wollen, wie es gegenwärtig die politischen Eliten versuchen, erscheint verrückt. Bereits jetzt in vielen Branchen bestehenden Überkapazitäten mittels „Konjunkturprogrammen“ noch weitere hinzuzufügen, irrsinnig. Weder Monetaristen noch Keynesianer hatten die Blasenbildungen der letzten Jahrzehnte kommen sehen. Bis heute kann keiner von ihnen eine konsistente Erklärung für deren Entstehung anbieten, geschweige denn eine plausible Idee vorweisen, welcher Ausweg zu nehmen ist. Hülsmann stellt die auf dem Kopf stehenden Theorien und Lösungsansätze der Hauptstromökonomie auf rund 300 Seiten wieder auf die Füße: Nein, an Regulierungsdichte mangelt es der Finanzwirtschaft nicht. Nein, von einem zu zaghaften Einsatz der Notenpresse oder anderen den Staaten zur Verfügung stehenden Instrumenten, kann auch keine Rede sein. Wo also liegt der Hund begraben?

 

Um seine Erklärung für die Krise und den darauf folgenden Maßnahmenkatalog zu fundieren, holt der Autor weit aus. Im „Über Wachstum“ betitelten ersten Teil seines Buches, unterzieht er einige irrige Vorstellungen, wie jene, wonach Deflation der Übel größtes sei, oder daß ohne „billige Kredite“ kein Wachstum möglich wäre, einer kritischen Würdigung. Im zweiten Teil nimmt er das Phänomen Inflation aufs Korn, erklärt deren verschiedenen Erscheinungsformen und beschreibt die fatale Wirkung, die sie nicht nur auf Geldwert und private Ersparnisse ausübt, sondern in letzter Konsequenz auch auf die Richtung, in der sich eine Gesellschaft entwickelt. Daß Inflation Schuldnern und Verschwendern nutzt, während sie Sparern schadet, dürfte eine Einsicht sein, die auch Zeitgenossen vermittelt werden kann, die sich selten mit Wirtschaftsfragen befassen. Weniger leicht zu erklären sind indes deren langfristigen Folgen, da nicht offensichtlich auf der Hand liegt, welch tiefgreifende Veränderungen der Gesellschaft mit einer dauerhaft gepflegten „Inflationskultur“ einhergehen.

 

Erste und größte Nutznießer der Inflation sind der Staat und der mit ihm innig verbundene Bankensektor. Der wesentlichste Grund dafür ist, daß Staat und Banken, vor allen Normalsterblichen, über das neu in die Welt gebrachte – keinerlei „inneren Wert“ repräsentierende – Geld verfügen können. Das unentwegte Staatswachstum einerseits und die monströse Aufblähung des Finanzsektors andererseits, sind unmittelbare Konsequenzen des staatlich monopolisierten Schuldgeldsystems.

 

Da Staaten nichts produzieren, und daher nichts „verdienen“, sind die Regierungen genötigt, ihre Bürger mittels Steuern und Abgaben um ihr erarbeitetes Einkommen und das ersparte Vermögen zu bringen, um ihre Vorhaben zu finanzieren. Da die tragbare Steuerlast, trotz theoretisch unbegrenzter staatlicher Zugriffsmöglichkeiten, endlich ist, die Begehrlichkeiten der Regierungen aber grenzenlos sind, bildet die Schuldenmacherei eine willkommene Finanzierungsalternative. Stehen den Regierungen in einer solchen Lage hörige Zentralbanken und willig kooperierende, weil gegenüber allen anderen Wirtschaftsakteuren privilegierte, Geschäftsbanken zur Seite, steht der planmäßigen Ausplünderung der Privathaushalte durch eine in „finanzieller Repression“ kulminierende Geld- und Fiskalpolitik, nichts mehr im Wege.

 

Die im dritten Teil des Buches präsentierten Vorschläge für einen Ausweg aus der Krise sind – so richtig sie erscheinen – auf dem Boden des demokratischen Wohlfahrtsstaates schwer bis unmöglich umzusetzen. Da der Staat es geschafft hat, die Mehrheit der Wahlberechtigten – mit deren eigenem Geld! – von sich abhängig zu machen, wird die Reduzierungen der Staatsaufgaben schwierig werden. Schließlich hängt eine große Mehrheit der Wahlberechtigten der, von Intellektuellen und Massenmedien genährten Illusion an, letztlich doch mehr aus dem System herausziehen zu können, als sie einzahlt. „Der Staat ist die große Fiktion, daß jedermann auf Kosten von jedermann leben kann.“ Ein Ende für das staatliche Geldmonopol und die Zentralbanken (und damit der über Jahrzehnte gepflegten „Inflationskultur“) wird Otto Normalverbraucher daher als utopisches Vorhaben erscheinen. Die Inkaufnahme einer – möglicherweise mehrere Jahre anhaltenden – deflationären Rezession, die alle durch den Staatsinterventionismus geschaffenen Verzerrungen beseitigt, wird keine Regierung aushalten, ohne aus dem Amt gejagt zu werden. Dennoch: das vom Autor geforderte „Ende mit Schrecken“ ist zweifellos die einzig sinnvolle Alternative zum derzeit zelebrierten, immer tiefer in den Abgrund führenden, „Mehr vom selben“. Erleben werden wir eine Umsetzung der Hülsmann´schen Vorschläge wohl eher nicht. So werden wir vielmehr weiterhin mit einem Schrecken ohne Ende zu leben haben…

 

Krise der Inflationskultur

Jürg Guido Hülsmann

Finanzbuchverlag 2013

320 Seiten, broschiert

ISBN 378-3-89879-797-9

€ 17,99,-

 

Tagebuch

 

7 comments

  1. Christian Peter

    Dennoch ist die Inflationskultur nicht nur der Obrigkeit, sondern vor allem
    auch der Kreditausweitung durch Geschäftsbanken geschuldet. Selbst Mises
    meinte : „An der Wiege der Kreditausweitung stand der Bankier und nicht die
    Obrigkeit.“

  2. gms

    @Christian Peter

    Ignoranz, Aktionismus und eine gediegene Achtelbildung bilden langsam aber sicher bei Ihnen schon ein verdammt ungustiges Konklomerat.

    Mises meinte nämlich nicht minder und dem von Ihnen zitierten Satz vorangestellt: „Als die Bankiers, die über anvertraute Gelder Empfangsbestätigungen ausgestellt hatten, die im Verkehr als Geldsurrogate verwendet wurden, dazu übergingen, einen Teil der verwahrten Gelder auszuleihen, hatten sie nichts anderes im Auge als ihren eigenen Vorteil. Sie hielten es für unbedenklich, nicht den ganzen Gegenwert der ausgegebenen Empfangsbestätigungen in barem Geld in ihrer Kasse bereit zu halten.“

    Raten Sie mal, inwieweit sich das mit heutigen Zuständen deckt.

    Einige Absätze nach Ihrem Zitat(auf der Folgeseite 693 [1]) beschreibt Mises das *Privileg der Banken* in der Notenausgabe, sowie das banale Faktum, der *Geldmengenausweitung* durch unredliche Staaten oder Bankiers sei einzig und allein durch völlige *Freigabe des Bankwesens* zu begegnen.

    Dumm gelaufen, Pjotr!

    [1] LvM, Nationalökonomie, tinyurl.com/oqxjzn2

  3. Rennziege

    @gms
    Thanks again, sir! Zitate aus dem Zusammenhang zu reißen und dadurch zu verbiegen war immer schon ein Werkzeug der linksdrehenden Gruftspione. Ziemlich arm, immer wieder dieselben schalen Tricks anwenden zu müssen.

  4. Christian Peter

    Mises beschrieb mit dem Satz nichts weiter als die bis heute gängige Praxis
    der multiplen Geldschöpfung im fraktionalen Reservesystem – die Wiege der
    Kreditausweitung und Inflationskultur. (Mises sprach sich übrigens für Free
    Banking und hundertprozentige Reservepflicht für das Bankwesen aus).

    Schlechtes Geld ist Kreditgeld, das nicht durch Ersparnisse gedeckt ist. Ob
    es sich dabei um Giralgeld oder Zentralbankgeld handelt, ist völlig neben –
    sächlich.

  5. Rennziege

    @Christian Peter
    Wie schön, dass Sie Mises echt verstanden haben. Glückwunsch! Unsereine ist leider zu blöd dazu. Durch Sie kann unendlich viel lernen, was mir in emsiger Mises-Lektüre verborgen blieb. Wenn Sie mir jetzt noch verraten, wo ich mir Ihre Gasmaskenbrille oder Ihr Brettl vorm Hirn kaufen kann?

  6. begges

    @gms

    Mises bezog sich mit der „Freigabe des Bankwesens“ auf die Notwendigkeit der Abwesenheit staatlicher Regulierung. Das heisst nicht, dass Banken tun und lassen können, was sie wollen. Die Rechtsprinzipien sind selbstverständlich einzuhalten.

    Jörg Guido Hülsmann:

    „Assume that you own a sum of money and that you have the choice to deposit your property either in a 100-percent or in a fractional-reserve bank. Is it not entirely up to you to choose the second alternative? And if you do so, would it not be entirely proper behavior on the part of the banker to create fiduciary money substitutes, using your money as backing? It seems to be difficult to deny this. Yet problems arise as soon as one takes a closer look at this „contract“ with the fractional-reserve bank. What precisley is it about? The astonishing answer is, -one cannot tell-. For in fractional-reserve banking, all customers have the right to use the same deposited money. The owner may withdraw his deposit at any time, and the banker may use it during the whole time until it is withdraw. This clearly contradicts the very idea of contracts, which is to determine who, and at which time, has the right to use a given object. Both the customer and the banker, in their dealings with other market participants, represent themsleves as the owners of the deposit. Their „contract“ implies that two titles for one and the same propery are now used in market exchanges. This is a clear instance of fraud (Hoppe et. al 1998).“

    http://mises.org/journals/qjae/pdf/qjae1_3_8.pdf

  7. gms

    begges :
    This clearly contradicts the very idea of contracts, which is to determine who, and at which time, has the right to use a given object.

    Guido Hülsmannn ist Mitglied Hoppes Property&Freedom Society, wie ich, daher darf ich in aller Bescheidenheit anmerken, mit dieser Thematik aus erster Quelle vertraut zu sein.

    Oben von Ihnen als ausführliches Zitat Angeführtes ist zweifelsfrei richtig, nachdem ein Gut nunmal nicht mehr als einen Eigentümer haben kann und die mehrmalige Verbriefung einer /Hinterlegung/ somit Betrug darstellt.

    Was aber geschieht nun, wenn dieser Umstand allen Beteiligten bekannt ist? Kann damit tatsächlich eine Hinterlegung verbrieft sein, oder tatsächlich nur ein jederzeit ausübbares /Bezugsrecht/? Unter der Annahme, der Titel sei gerichtlich einklagbar, so folgt daraus, der Emittent müßte im Anlaßfall seiner Verpflichtung nachkommen. Unabdingbar für den Wert der damit begründeten Währung ist die Fähigkeit des Ausgebenden, seine Versprechen zu halten. Ob er dabei erfolgreich ist und wie das im Hintergrund gestricktes Netz von sonstigen Schuldfäden ist, ist ganz allein seine Angelegenheit.
    Ist derjenige ein Betrüger, der zwar nur eine einzige Goldmünze im Tresor hat, selbst aber zugleich ausreichend viele Schuldner hat, die, wenn sie ihre Schuld begleichen, wiederum den ersten Schuldner entschulden?

    Solange niemand zur Annahme einer fragwürdigen oder für ihn undurchschaubaren Währung gezwungen ist, haben auch solche Konstukte ihre Berechtigung. Deutlich wird dies dann, wenn man etwa eine Aktie oder ein sonstiges Wertpapier als ausreichend marktgängig für bestimmte Anwendungen und damit als Geld für eng umrissene Zwecke betrachtet. Eingepreist in den heutigen Wert ist dabei immer auch die Zukunft, der Wert steht und fällt mit der Fähigkeit derer, die in der AG das Sagen haben.

    Die Forderung nach einem freien Geldwesen ist albern, wenn zugleich die Forderung erhoben wird, amtliche Kontrollore müßten jederzeit die Verwahrstellen kontrollieren. Betrüger wird selbst ein striktes Verbot von Teilreserve nicht abhalten. Damit bleibt einzig und allein der Markt, der über das Gelingen oder Mißlingen einer Währung zu entscheiden hat, ist echtes Geld doch bei Tageslicht auch nur eine Ware.

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