Das keynesianische Endspiel: Wieviel Schulden erträgt ein Staat?

(KLAUS KASTNER)  Nach der Lehre der reinen Vernunft ist es denkunmöglich, dass Staaten sich quasi unbegrenzt verschulden können. Nach der Lehre der Praxis ist das gar nicht ganz auszuschließen. Sicherlich nicht unbegrenzt, aber möglicherweise noch sehr, sehr lange. Alles hängt von der wahrgenommen Verschuldungskapazität eines Staates ab.

 Jeder Kreditnehmer – sei es eine Privatperson, ein Unternehmen oder ein Staat – hat eine maximale Verschuldungskapazität. Das Problem ist nur, dass man diese maximale Verschuldungskapazität im Vornherein nicht kennt, sondern sie erst erfährt, wenn man sie überschreiten möchte. Bei Privatpersonen und Unternehmen ist dies einfacher, weil der Kreditnehmer in Gesprächen mit seiner Bank erfährt, wieweit die Bank bereit ist, ihn zu finanzieren. Anhand von Bilanzen, G+V Rechnungen und/oder Haushaltsbudgets kann die Bank kalkulieren, wie viele Schulden der Private oder das Unternehmen bedienen kann ohne pleitezugehen. Irgendwann kommt der Punkt, wo die Bank sagt „bis hier her und nicht weiter“ und der Kreditnehmer muss sich anpassen.

 

 Anders ist es bei Staaten. Staaten sind souverän und können de jure nicht pleitegehen. Firmen und Private können Insolvenz anmelden; Staaten können das nicht (mögliche Ausnahme: ein Régimewechsel à la Zarenreich/Sowjetunion). Griechenland und griechische Steuerzahler wird es immer geben. Sollte sich der Rest der Welt weigern, den Griechen Schulden zu erlassen, dann bleiben diese Schulden auf ewig aufrecht. Sollte Griechenland sich weigern, diese Schulden zu bedienen, dann bleibt es auf ewig von der internationalen Finanzwelt ausgeschlossen. Nur ein einvernehmlicher Schuldenerlass kann dieses Problem lösen.

 

 Im Gegensatz zu Privaten und Unternehmen gibt es bei Staaten keine empirische Grundlage, die maximale Verschuldungskapazität zu errechnen (weil ein Staat nicht pleitegehen kann). Die Frage bei Staatsschulden ist nicht, ob zukünftige Generationen damit belastet werden, sondern wie viele. Zukünftige Generationen wird es immer geben. Im Laufe der Zeit hat sich die Kennziffer „Staatsschulden als Prozent der Wirtschaftsleistung“ als Messlatte etabliert. Und hier liegt der Hase im Pfeffer: es gibt keine empirische Grundlage, auch nicht Rogoff & Reinhart, die diese Messlatte glaubhaft belegen könnte. Es gibt nur eine „vergemeinschaftete Erkenntnis der Märkte“, wie hoch diese Kennziffer werden kann, bevor es Probleme gibt.

 

 Als Bruno Kreisky Bundeskanzler wurde, hatte meiner Erinnerung nach Österreich eine Staatsverschuldung im einstelligen Bereich (Prozent der Wirtschaftsleitung). Als sich Kreisky in Richtung 25% bewegte, warnten fiskalpolitische Experten vor einem Bankrott Österreichs. Maastricht erhöhte diese „vergemeinschaftete Erkenntnis“ auf 60%. Seit Griechenland liegt sie nunmehr bei 120%. Japan liegt irgendwo um die 200%.

 

 Angenommen, eine Höhere Gewalt hätte Anfang der 1970er Jahre festgelegt, dass eine Staatsverschuldung unter Androhung von Besatzung dieser Höheren Gewalt 60% nicht überschreiten darf. Dann hätte Kreisky gewusst, wie hoch seine verbleibende Verschuldungskapazität ist (vom einstelligen Bereich auf 60%, plus Wirtschaftswachstum). Die Frage wäre lediglich gewesen, ob man diese Verschuldungskapazität innerhalb einer Generation aufbraucht oder sie auf mehrere verteilt. Nach Erreichen der Verschuldungskapazität wären zusätzlich Schulden mit dem Wirtschaftswachstum limitiert. Gut für die erste Generation; schlecht für die nächsten.

 

 Es gibt KEINERLEI Grundlage zu widerlegen, dass die „vergemeinschaftete Erkenntnis“ über die maximale Staatsverschuldung in Zukunft einmal als 500% (oder auch mehr) wahrgenommen werden könnte. Fiskalpolitiker werden argumentieren, dass der Zinsaufwand die Budgeteinnahmen ‚auffressen‘ würde. Macht nichts. Man nimmt einfach neue Schulden auf, weil man noch weit von den 500% (oder mehr) entfernt ist.

 

Keynes‘ Antwort darauf war – sinngemäß – „in the long run we are all dead“. Dieser “long run” kann sehr, sehr lange sein und deswegen erscheint es etwas vermessen, schon jetzt über ein keynesianisches Endgame zu sprechen. Außerdem verbleibt noch ein sehr wirksames Instrument (das wir derzeit nur seinenAnfängen kennenlernen), dem „long run“ entgegenzuwirken. Keynes nannte es die „euthanasia of the rentier“. Heute wird es „financial repression“ genannt. Auf gut Deutsch: eine negative Realverzinsung des Kapitals.

 

 Die USA haben sich eines Großteils ihrer kriegsbedingten Staatsverschuldung nach dem 2. Weltkrieg nicht durch Wirtschaftswachstum, sondern durch „financial repression“ entledigt. Jahrelang wurde das Kapital negativ verzinst. Wir erleben heute die Wiederholung dieses Prozesses, wir können aber kaum etwas dagegen tun. Wir werden zwar nach wie vor auf lange Sicht alle tot sein, aber bis es soweit kommt, werden die Sparer um Einiges ärmer werden.

 

 

 

 

 

21 comments

  1. Reinhard

    Wieviel Schulden erträgt ein Staat?
    Genau so viele, wie ihm andere bereit sind, Kredite zu zahlen.
    Und jetzt kommen die verschuldeten Staaten, packeln sich zusammen, gründen gemeinsam eine Zentralbank (Nennen wir sie mal EZB…), und die verspricht den unbegrenzten Ankauf von Staatsanleihen mit selbstgedrucktem Geld. Eine Schneeballschlacht beginnt, und nirgends gibt es einen Hinweis darauf, wie groß eigentlich der größte zusammengepappte Schneeball sein kann.
    Sicher für die Protagonisten ist nur eines: Wenn das System zusammenbricht (und das dauert noch lange…) sind sie nicht mehr da. Die Krot‘ fressen andere Generationen.
    Wie sehr müssen diese Leute ihre Kinder hassen. So sie welche haben.

  2. zen

    Es gibt unterschiedliche Arten von Staatsschulden, die sich ganz unterschiedlich ökonomisch, vom Ermessensspielraum und von den Möglichkeiten des Schuldners und der Gläubiger auswirken.

    1.) Schulden in einer Fremdwährung:
    Hier sind die Gläubiger prinzipiell viel vorsichtiger gleich beim Vergeben neuer Kredite und bei manchen Krediten wird zusätzliche Besicherung gefordert z.B. musste Venezuela für einen US$ Kredit Gold in den USA für Goldman Sachs mit 110% Deckung (Goldpreisschwankungsrisiko) hinterlegen. Der Grund für diese Vorsicht liegt darin, dass jede Notenbank zwar nie in der eigenen Währung, aber sehr wohl in einer Fremdwährung insolvent gehen kann.
    2.) Kredite in der eigenen Währung vergeben von Finanzriesen.
    3.) Finanzierung in Form von Neuausgabe von Staatsanleihen

    Das sind die klassische Arten der Staatsverschuldung.
    Rating Agenturen berechnen aber beim Risiko fast immer nur das Volumen aller an Finanzmärkte zu zahlenden Raten und nicht die Verschuldung des Staates bei eigenen privaten Bürgern.
    Bei Finanzmärkten wirken sich Zahlungsprobleme oder auch nur öffentliches Reden über mögliche Zahlungsprobleme sehr direkt auf das Rating und die Vertrauenswürdigkeit aus.

    Die Märkte müssen hier dem Staat soweit vertrauen, dass er in der Höhe der Kreditraten regelmässig sein Rückzahlungsversprechen erfüllt.

    Aber der Staat hat nicht nur bei Krediten Zahlungsversprechen für die Zukunft gegeben.
    4.) Auch Renten sind nichts anderes als Zahlungsversprechen in die Zukunft.
    Dieses kann meistens sogar noch schwieriger bei zu erwartenden Zahlungsproblemen mit Vernunft gelöst werden. Während andere Gläubiger bei kleinen Zahlungsproblemen auch fast immer kleine Schuldenschnitte akzeptieren und das Rating in Folge nur leicht fällt, können wohl erworbene Rechte hier kaum nur zum Teil abbezahlt werden. Die Beamten sind da sehr fordernd und es macht ihnen gar nichts aus, dass sie im Schnitt 5 Jahre früher als geplant in Pension gegangen sind, viel weniger eingezahlt haben im Vergleich zu den in Zukunft erhaltenen Pensionsforderungen und auch noch mehr wurden als erwartet und länger lebten als erwartet.

    5.) Weiters gibt es noch versteckte Staatsschulden in Form von eingegangenen Haftungen, die mit Zahlungsunfähigkeit des eigentlichen Schuldners dann an den Staat als Bürgern übergehen.
    Dieses Risiko ist am schwersten zu kalkulieren.

    Der Fehler bei den Pensionen und den Bürgschaften ist immer, dass der Staat zu leicht Zahlungs- oder Haftungsversprechen für die Zukunft eingeht ohne dabei Rücklagen zu bilden, Garantien oder Pfand für Bürgschaften zu verlangen und sich zu wenig Handlungsspielraum selbst einräumt.

    Kein Privater würde je diese Haftungen oder Pensionszusagen wie der Staat eingehen.

  3. oeconomicus

    Staaten können sich unbegrenzt bei den eigenen Bürgern (Japan) verschulden, denen sie ja das Geld wieder wegnehm können, oder im Ausland wegen besonderer Umstände (USA-„Weltwährung“). Alle anderen Staaten müssen sich an gewisse Regeln und Grenzen halten, sonst kriegen sie nur mehr Devisen für Importe zu horrenden Zinsen (GR [2012] 35%). Sie können sich zwar ihr eigenes Geld drucken (Mickeymouse-money), das aber im Ausland nichts wert ist. Solche Staaten sind von der Weltwirtschaft abgeschnitten und können nicht einmal das Notwendigste im Ausland kaufen. Darum liegt die Verschuldungs-grenze irgendwo zwischen 80 und 100% des BIP. Liegen die Schulden darüber, werden die Anleger nervös.

  4. Klaus Kastner

    @oeconomicus
    Von der rationalen Argumentation her stimme ich Ihnen zu, die Praxis widerlegt jedoch oft die rationale Argumentation. Sie sprechen das Leistungsbilanzdefizit an. Ein Leistungsbilanzdefizit bedeutet, dass ein Land Schulden im Ausland aufnehmen muss, um die Zinsen ins Ausland (und Importe, etc.) zahlen zu können. Werden die Anleger nervös, bekommt das Land diese Schulden nicht mehr und muss Importe radikal reduzieren. So geschehen im Lateinamerika der 1980er Jahre.

    In Südeuropa, allen weit voran Griechenland, wurden seit dem Euro gigantische Leistungsbilanzdefizite gefahren und die Anleger wurden trotzdem nicht nervös. Von 2001-10 hatte beispielsweise Griechenland ein kumuliertes Handelsdefizit von 300 Mrd.EUR und ein kumuliertes Leistungsbilanzdefizit von 199 Mrd.EUR. Hatten die Anleger das nicht bemerkt? Natürlich haben sie das bemerkt, aber die „vergemeinschaftete Einschätzung“ war, dass das kein Problem ist (von 2001-2010 stieg Griechenlands Auslandsverschuldung sogar um 283 Mrd.EUR, d. h. mehr als das Leistungsbilanzdefizit!, und 2010 lag die Auslandsverschuldung bei über 200% der Wirtschaftsleitung!!!).

    Jetzt könnte man sagen, das war nur möglich, weil Griechenland diese Auslandsschulden in Euro und nicht in Devisen hatte. Stimmt aber nicht! Von der Funktion her war/ist der Euro für Griechenland (wie auch für die anderen 17 Länder) eine Devise und keine Lokalwährung aus dem einfachen Grund, dass kein Land Euros drucken kann.

    Man muss unterscheiden zwischen Staatsverschuldung einerseits und der Auslandsverschuldung des gesamten Landes (die meistens nicht in der Landeswährung ist) andererseits. Zen hat das oben sehr trefflich dargestellt.

  5. Thomas Holzer

    @Reinhard
    Vergessen sie die EZB, FED und wie sie alle heißen!
    Der wahre Strippenzieher ist die BIZ in Basel, dort, und nur dort wird der Daumen gesenkt oder gehoben 😉

  6. Klaus Kastner

    @Zen
    Ich stimme Ihrer Analyse vollinhaltlich zu. Ja, man MUSS bei Staatsschulden differenzieren zwischen Schulden in Lokalwährung (die der Staat mit gedruckten Geld zahlen kann) und jenen in Fremdwährung. Erstaunlicherweise wird das kaum gemacht.

    Ein Staat mit Lokalwährung wird IMMER die Pensionen zahlen können. Wenn er es nur mit gedrucktem Geld macht, werden diese Pensionen wohl weniger wert werden, aber zahlen kann sie der Staat (siehe Argentinien).

    Die USA geniessen den zweifelhaften Luxus, dass sie sowohl ihre Inlands- wie auch Auslandsverschuldung in einer Währung haben, die sie selbst drucken können. Meines Wissens ist die Fed schon seit langem der größte Käufer von neu emittierten Treasuries und die Fed ist mittlerweise der größte Gläubiger der USA. Trotzdem können die USA NIE illiquide werden, nur der Dollar kann sehr viel an Wert verlieren. Jeder Eurostaat hingegen KANN illliquide werden (und seine Pensionen nicht mehr zahlen können), weil kein Eurostaat Euros drucken kann.

    Ein anderer Aspekt, bei dem nie so richtig unterschieden wird, der jedoch überaus wichtig ist, ist die Unterscheidung zwischen Schulden des Staates (in Lokal- und Fremdwährung) und Auslandsschulden der gesamten Volkswirtschaft. Spanien und Irland hatten relativ solide Staatsschuldenquoten vor der Krise, aber die gesamte Volkswirtschaft (d. h. der Privatsektor) war hoffnungslos im Ausland verschuldet. Da die Staaten dann für diese Schulden einspringen mussten, sind jetzt auch die Staaten hoffnungslos verschuldet.

    Die Eurostaaten sind in einer ganz prekären Situation. Ihre gesamte Staatsverschuldung und alle ihre Staatsausgaben sind in einer Währung, die sie selbst nicht drucken können. Und vor allem die Peripherie (Österreich nicht!) hat einen Großteil dieser Schulden im Ausland. Normalerweise muss ein Staat/Land, wenn es keine Auslandskredite mehr bekommt, seine Importe reduzieren. Seine Inlandsausgaben kann er jedoch mit Lokalwährung bezahlen. Wenn ein Eurostaat keine Kredite mehr bekommt, dann kann er gar nichts mehr bezahlen, auch nicht Inlandsausgaben.

  7. gms

    Klaus Kastner,

    „.. aus dem einfachen Grund, dass kein Land Euros drucken kann.“

    Falsch, siehe: ELA – Emergency-Liquidity-Assistance

  8. Klaus Kastner

    @gms
    Jein. Ja insofern, dass via ELA schon Einiges möglich ist. Nein, weil ich unter Gelddrucken verstehe, dass ein Staat völlig eigenmächtig und ohne Zutun irgendwelcher Dritter Geld in Umlauf bringen kann. ELA kann von der EZB gestoppt werden und dann ist es mit dieser Hintertür vorbei.

  9. FDominicus

    Ich sehe es inzwischen ziemlich fatalistisch. Solange sich noch Abnehmer für Staatsanleihen finden, gibt es keien Pleite, und wir wir wissen sind die Taschen der Zentralbanken sehr sehr tief. In den USA hält die EZB schon 1/4 der Schulden der USA. Wie wir auch wissen hat es Obama in gerade einmal 6 Jahren geschafft die Schulden der USA zu verdoppeln und immer noch müssen ca 1/4 der Schulden der USA also von irgendwelchen Anleihegläubigern gehalten werden. Das ist die „traurige“ Wahrheit. Die USA sind eine wandelnde Leiche, genau wie Japan, und viele andere Länder ich persönlich rechne auch China als „pleite“. Über bestimmte Länder brauchen wir nicht mehr „diskutieren“ Argentinien, Bolivien, jede Meng Staaten in Afrika und die Restukraine sowie so. Offensichtlich haben sich Anleihekäufer für griechische Anleihen gefunden, wohl wissend, daß diese Bonds eigentlich Eurobonds sind, im Zweifel wird die EZB diese 4 Mrd aufkaufen ohne mit der Wimper zu zucken.

    Es ist jetzt nur noch die Frage wann hören Nichtzentralbanken auf Anleihen zu kaufen. Ich denk das ist dann sehr weit am Ende, dann bleibt nur noch die Frage wie weit meint man können die Zentralbanken Ihre Bilanzen noch aufblähen, das Ende kommt genau dann wenn die Leute anfangen die Zahlungsmittel der EZB nicht mehr anzunehmen und dann geht man zurück auf Los. Mit dann ganz tollen Gesetzen, daß so etwas nie nie mehr passieren kann. War das nicht auch der Spruch nach den Hyperinflationen in Ö und D?

  10. Klaus Kastner

    @FDomenicus
    Ich glaube, dass der unten verlinkte Artikel sehr gut beschreibt, weshalb der griechische Bond so ein großer Erfolg war. Über die USA muss man sich m. E. keine Sorgen machen. Solange der USD die Weltreservewährung bleibt (und ein Ende ist nicht abzusehen), können sich die USA immer über das Ausland entschulden.

    http://blogs.reuters.com/felix-salmon/2014/04/11/five-explanations-for-greeces-bond-yield/

    Und hier ist noch ein guter Artikel. Ich zitiere nur einen Absatz:

    Thursday’s debt offering only illustrates the severity at which the global junk debt bubble has grown and how desperate investors have become in their futile search for yield. Investors have no real confidence in Greece or Europe. Either they have lost their minds or they view Greece as some sort of momentum play in which they will try to cash out right before the bottom falls out of the market. Europe remains an economic basket case, and Greece continues to be the weakest link in a brittle chain.

    http://finance.fortune.cnn.com/2014/04/11/greeces-economy-is-still-a-huge-mess/

  11. Thomas Holzer

    @FDominicus
    Spätestens wenn Politiker Worte wie: „immerwährend, nie mehr, alternativlos“ verwenden, weiß man, daß nichts Gutes kommt 😉

  12. S.M.

    @ all

    Staatsverschuldung ist dann ein Problem, wenn sich kein Käufer mehr für Anleihen findet. Man muss vor allem beachten, dass Banken in diesem staatlichen System involviert sind und die weitaus größten Abnehmer von Staatsanleihen sind.
    Versteht man dies und denkt es sich durch, dann sind die Gründe und die Möglichkeit eines Staatsbankrotts schnell ableitbar.
    Die USA werden immer einen Käufer finden, und wenn es die eigene Zentralbank ist (was zur Zeit ja auch passiert). Die Japaner haben einen anderen Vorteil. Ihre Anleihen werden von Institutionen gekauft, die im Prinzip sich selbst finanzieren. Japanische Banken und andere Institutionen werden immer Anleihen kaufen, und weil die japanische Regierung notfalls den Banken alles wegnehmen kann, wird die japanische Regierung niemals bankrott sein.
    Die Euro- Staaten sind in einer einzigartigen Situation. Sie sind zwar in einer Union, fiskalpolitisch aber getrennt. Als die Finanzkrise ausbrach, haben sich Staaten hoch verschuldet, um die Banken und die Konjunktur am Leben zu erhalten. Da aber laut den Verträgen kein Staat für den anderen haften durfte, wurde die Frage akut, welcher Staat denn nun seine Anleihen noch damit bedienen konnte, dass er seine Bürger theoretisch total enteignet.
    Im Falle der PIIGS sind ausländische Banken schnell zum Schluss gekommen, dass diese Länder ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen können, weil zum Beispiel Griechenland deutsche Banken nicht enteignen konnte. Die PIIGS waren bankrott, eben weil ihre eigenen Banken ihre Anleihen nicht mehr kaufen konnten, ausländische Banken wollten sie nicht mehr und die EZB durfte nicht.
    Dies hat sich nun völlig verändert. Draghis Worte machten klar, dass es immer einen Käufer geben wird und zwar (verbotenerweise, aber welchen Eurokraten kümmert dies schon?) im Notfall die EZB. Zudem haften jetzt die anderen Staaten de facto.
    Noch ein Faktor ist natürlich, dass das viele billige Geld schnell Käufer auf den Plan ruft und dank Basel III werden Staatsanleihen bevorzugt.
    Die Eurozone ist jetzt in der gleichen Situation wie Japan. Sie hat mit der EZB einen „lender of last resort“, hat nunmehr lauter Banken, die die Anleihen kaufen (nämlich alle Eurobanken kaufen alle Euroanleihen) und muss nicht mehr fürchten, dass es keinen Käufer mehr für ihre Staatsanleihen gibt.
    Weil aber der Dollar, der Yen und der Euro alle abwerten und der Goldpreis als Indikator wegfällt (weil dieser nur auf hohe Inflation reagiert, welche durch das schwache Wirtschaftswachstum aber nicht zum Tragen kommt) merken die Wenigsten, dass wir zur Zeit alle enteignet werden.
    Ein Staatsbankrott ist also in der Eurozone ebenfalls nicht mehr möglich.
    Diese Zäsur leitet aber eine neue Ära ein. Wenn die Wirtschaft wächst, das viele billige Geld zu Inflation führt, die Zinsen dann steigen und die Megablase platzt, müssen die Staaten alle dermaßen viel Geld drucken um nicht pleite zu gehen, dass eine Hyperinflation nur eine Frage der Zeit ist.
    Die Staaten können aus diesem Kreis nicht mehr ausbrechen, es sei denn, sie lassen sich selbst bankrott gehen.

  13. Klaus Kastner

    @S.M.
    „Die Eurozone ist jetzt in der gleichen Situation wie Japan“ — diesem Satz stimme ich nicht zu. Die Bank of Japan ist eine Notenbank, hinter der ein Staat mit einer Staatsregierung steht. Die EZB ist eine Notetenbank ohne Staat. Premier Abe hat einfach den Notenbankpräsidenten mit jemandem ersetzt, der seine Wünsche erfüllt. Niemand in der Eurozone könnte das mit der EZB tun. Die EZB ist möglicherweise sogar die unabhängigste Notenbank der Welt.

    Und noch etwas: natürlich ist ein Staatsbankrott in der Eurozone nach wie vor möglich („Staatsbankrott“ im Sinne von Zahlungsunfähigkeit). Sollte beispielsweise in Griechenland die Opposition an die Macht kommen und sollte sie ihre Versprechen einhalten, dann würde eine solche Regierung sofort ein Moratorium erklären. Hat die Opposition zumindest hoch und heilig versprochen.

  14. S.M.

    @ Kastner

    Theoretisch haben Sie Recht. In der Realität sieht es offenbar aber anders aus, oder wie erklären Sie sich die Reaktionen Draghis? Wie unabhängig die EZB ist, muss man an ihren Taten messen und sieht man sich die vergangenen Taten an, so spricht nicht sehr viel für Unabhängigkeit.

  15. Thomas Holzer

    Die EZB und unabhängig?!
    Verzeihung Herr Kastner, aber das ist der! Witz des heutigen Tages; ohne Ihnen und Ihrer Kompetenz zu nahe treten zu wollen

  16. Klaus Kastner

    @S.M. und Holzer
    Ich habe nicht den Eindruck, dass sich Draghi von irgendjemandem Order holt und/oder Order von irgendjemandem annimmt. Im Gegenteil, die Sorge der Politik ist doch, dass sie Draghi nicht in den Griff bekommt. Das meine ich mit Unabhängigkeit — Draghi scheint tun und lassen zu können was er will. Dass er eine Linie fährt, mit der nicht jedermann einverstanden ist, ist ein anderes Thema. Hat mit Abhängigkeit oder Unabhängigkeit nichts zu tun.

  17. S.M.

    @Kastner

    Sie unterstellen, dass die Politik Draghis nicht dem Wunsch der Euromitgliedstaaten entspricht. Mir fällt aber kein Kommentar seitens eines Regierungschefs ein, der die Vorgehensweise Draghis kritisiert hätte.
    Vielleicht helfen Sie mir da auf die Sprünge?

  18. FDominicus

    Spätestens wenn Politiker Worte wie: “immerwährend, nie mehr, alternativlos” verwenden, weiß man, daß nichts Gutes kommt – See more at: http://www.ortneronline.at/?p=28223#comments

    Da haben Sie recht, ich denke aber es gibt auch andere Füllwörter, eines davon muß man IMMER auf dem Schirm haben „soziale Gerechtigkeit“. Damit fängt es m.E. immer an. Ich bin noch unentschieden ob „es ist schon ok wenn wir Schulden machen, unsere Enkel profitieren ja auch“ vorher kommt.

    Aber ansonsten haben Sie da schon Phrasen gefunden, bei denen man wirklich weiß… Ach du……

  19. Thomas Holzer

    @Kastner
    Ich könnte gehässig werden und schreiben, „Draghi holt sich seine Direktiven von Goldman-Sachs.“

    Die Politik hat Draghi -meiner Meinung nach- absolut im Griff; die Linie, die er fährt, wird von der Mehrheit der €-Teilnehmer zumindest toleriert, und das ist erschreckend genug.

    Man sollte jedoch zum grundsätzlichem Übel vordringen, nämlich dem, daß sich die Politik-wieder einmal- erdreistet, die Wirtschaft positiv beeinflussen zu können!

  20. H.Trickler

    Die Ausführungen Kastners erachte ich als richtig.

    Es scheint mir aber noch wichtig anzumerken, dass sich die zulässige Verschuldungsgrenze öfters sehr abrupt vermindert, wenn z.B. ein opinion leader kalte Füsse kriegt, verkauft und die Lemminge es ihm gleichtun. Ähnliches passiert wenn eine Ratingagentur (aus welchen Gründen immer) Warnungen ausspricht.

    Oder wenn, wie in Lichtenstein dem Investor Jürgen Hermann widerfahren, ein Fonds unter Aufsicht gestellt wird. Dann bricht sogar im Ländle der wilde Westen aus!

  21. Klaus Kastner

    @Trickler
    Dieses Phänomen wird „sudden stop“ genannt (am Beispiel Griechenlands bestens zu beobachten). Gestern machte man noch neue Kredite, weil man meinte, weit von der Verschuldungsgrenze entfernt zu sein. Und heute hat man erkannt, dass die Grenze bereits überschritten wurde. Nicht nur hört man auf, neue Kredite zu machen, sondern man will plötzlich sein Geld zurück.

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