Der Planet der Banken

(KLAUS KASTNER) Robert Jenkins, prominenter Finanzexperte, nannte jüngst in einer Rede vor der New York Society of Security Analysts folgende bemerkenswerten Kennziffern (alle in USD) über das weltweite Finanzsystem: Chinas Devisenreserven – 3,6 Billionen; US Fed Bilanzsumme – 4 Billionen; täglicher Devisenumsatz – 5 Billionen; US Staatsschulden – 17 Billionen; weltweite Finanzvermögen – 80 Billionen; weltweite nominale Derivativvolumen – 700 Billionen. 1980 entsprach der Finanzsektor innerhalb der OECD 10% des Wirtschaftsproduktes. 2007, vor Beginn der Finanzkrise, waren es 30%. Der tägliche Umsatz von Finanztransaktionen entsprach alleine in den USA 1970 2-x GDP, 1980 6,4-x GDP und im Jahr 2000 52-mal GDP. Solche Dimensionen machen ein System extrem anfällig, weil schon geringe Veränderungen gewaltige Auswirkungen haben. Sollte nur 1% der Derivatkontrakte schiefgehen, sind 7 Billionen vernichtet. Sollte China seine Auslandsreserven um 10% reduzieren, würde dies 360 Mrd. an Einkaufsvolumen und Umsatz bedeuten. Bestehende Richtlinien erlauben Banken eine Leverage von 33:1; d. h. eine Bank, deren Aktiva um nur 3% abwerten, hat 100% ihrer Eigenmittel verloren. Wohin soll das führen?

Tatsache ist, dass der Mensch von Finanztransaktionen alleine nicht leben kann. Angenommen, 1.000 Schiffbrüchige landen auf einer unbewohnten Insel. Das mitgebrachte Bargeld wird ihnen nur dann nutzen, wenn jemand unter ihnen bereit ist, für dieses Bargeld eine Leistung zu erbringen. Wenn sich alle nur gegenseitig Geld austauschen, werden sie früher oder später verhungern.

Der Finanzsektor ist nicht in dem Sinn parasitär, dass er möglicherweise keine reale Wertschöpfung bringt. Im Gegenteil: er schafft Beschäftigung und steuerpflichtige Einkommen, d. h. er schafft Einkommen für den Staat und Kaufkraft. Die Frage ist jedoch, was ist die Quelle dieser Staatseinkommen und Kaufkraft? Angenommen, Investment Bank A vermittelt die Fusion von Firmen B und C und erhöht dadurch den fusionierten Shareholder Value um 100. Es erscheint nur fair, dass die Investment Banker dafür eine Provision von 10 als Einkommen erhalten, das sie versteuern müssen und in der Realwirtschaft ausgeben können. John Maynard Keynes lässt grüßen. Für die Schiffbrüchigen auf der unbewohnten Insel würde dieses System nicht funktionieren!

Ein Finanzsektor hat vielerlei Aufgaben. Idealerweise würde er immer für Wachstum in der Realwirtschaft sorgen. Auf jeden Fall sollte er jedoch stabil sein, vor allem, wenn seine Größe Dimensionen annimmt, wie man sie derzeit vorfindet. Ein instabiler Finanzsektor kann die Realwirtschaft nachhaltig beschädigen.

Prof. Jenkins plädiert für eine Einschränkung des Verschuldungsgrades („Leverage“) im Finanzsektor. Je niedriger die Leverage, desto höher der Sicherheitspuffer, mit dem der Finanzsektor allfällige Einbrüche aus eigener Kraft bewältigen kann. Dies ist Wasser auf die Mühlen von Hellwig/Admati, die das gleiche Argument in ihrem Buch „Des Bankers neue Kleider“ gemacht haben. Am Beispiel der Deutsche Bank, die derzeit eine Leverage von 33:1 hat: würden nur 3% ihrer Aktiva wertlos werden, wären ihre Eigenmittel von 56 Mrd.EUR vernichtet. Hätte die Deutsche Bank eine Leverage im Ausmaß jener Leverage, die die Deutsche Bank von ihren Kunden verlangt (20-30% Eigenmittel), dann würde sie einen Verlust von 3% ihrer Aktiva kaum spüren.

Gegner von erhöhtem Eigenkapitalerfordernis im Finanzsektor führen immer 2 Argumente ins Feld: Banken verdienen nicht genug, um dieses Eigenkapital selbst zu verdienen und es gibt nicht genug Anlagekapital im Markt, um alle Banken mit erhöhtem Eigenkapital auszustatten. Wenn dem so ist, dann muss man daraus ableiten, dass der Finanzsektor einer Strukturbereinigung bedarf. Dann gibt es offensichtlich mehr Banken, als die Marktwirtschaft im freien Wettbewerb mit ausreichenden Gewinnen und ausreichenden Eigenmitteln ausstatten kann. Dann sollte man an den Spruch „weniger ist mehr!“ denken. (Robert Jenkins: Systemic Risk and the Investment Professional)

6 comments

  1. Christian Peter

    Bankenregulierung wäre ganz einfach :

    1. Aufspaltung der Großbanken zur Vermeidung systemrelevanter Risiken.
    2. Trennbankensystem statt Universalbankensystem (Trennung in Geschäfts- bzw. Investmentbanken).
    3. Verbot des Eigenhandels der Banken.
    4. Unterbinden unsinniger Spekulationsgeschäfte (z.B. mehrmaliges Verbriefen von Forderungen – Auslöser der Finanzkrise 2008).
    5. Erhöhte (Eigen-) Kapitalanforderungen für Risikogeschäfte, u.a.

    Die wahren Ursachen der heutigen Probleme liegen jedoch am (betrügerischen) Geldsystem. Ganz ohne Bankenregulierung käme man aus, wenn man Banken wieder auf ihre ursprüngliche Funktion als Aufbewahrungseinrichtung der Geldvermögen der Kunden und Durchführung des Zahlungsverkehrs reduziert. Dazu bräuchte man Banken bloß dazu verpflichten, Sichteinlagen mit 100 % Reserven zu unterlegen und diesen somit das Privileg der Kreditgeldschöpfung zu entziehen.

  2. gms

    Werter Herr Kaster,

    verzeihen Sie, wenn ich meine scharfen Einwände bringe, ohne Ihren Kommentar vollständig gelesen zu haben. Allein das Lesen Ihrer einleitenden Absätze war schon schmerzhaft genug. Das wiederholte Vermengen von GDP und Handelsvolumia zeugt von einem grundlegenden und gravierenden Verkennen der Zusammenhänge. Mit derselben Verve ließe sich anführen, sogar Babynahrung würde um ein Vielfaches gehandelt als produziert oder verbraucht, weswegen sogar unsere Kleinsten einem erhöhten Risiko ausgesetzt wären, das augenscheinlich zu bekämpfen sei.

    „Sollte nur 1% der Derivatkontrakte schiefgehen, sind 7 Billionen vernichtet.“

    Sie wollen also behaupten oder zumindest nahelegen, der sog. Realwirtschaft würden besagte sieben Billionen (ggfs. sogar widerwillig) entzogen, diese Summen würden wiederum in einem Paralleluniversum im Kreis geschickt und dort im Fehlerfall, wie immer der auch aussehen soll, pulverisiert? Mit einer beliebigen Definition von „schiefgehen“ und „vernichten“ mag das gelingen, bei Tageslicht aber entpuppen sich solche Ansagen als (Verzeihung) billionenfach aufgeschäumte Sprechblasen.

    Sonderbarer Weise bemühen Leute wie Sie sich erfolgreich im trivial Bildhaften, ohne zugleich die behauptete Vernichtung von Wohlstand durch die sog. Finanzwirtschaft ebenso anschaulich demonstrieren zu können:
    „Tatsache ist, dass der Mensch von Finanztransaktionen alleine nicht leben kann. Angenommen, 1.000 Schiffbrüchige landen auf einer unbewohnten Insel. Das mitgebrachte Bargeld wird ihnen nur dann nutzen, wenn jemand unter ihnen bereit ist, für dieses Bargeld eine Leistung zu erbringen. Wenn sich alle nur gegenseitig Geld austauschen, werden sie früher oder später verhungern.“

    So what. Dasselbe Schicksal würden die Schiffbrüchigen erleiden, wenn es sich ausschließlich um Friseure und Deutschlehrer handelte, egal ob nun 10, 1.000 oder 80 Millionen.

    Bringen Sie nun, bitte, dasselbe Schiffbrüchigen-Beispiel mit ebensolch einfachen Worten, welches das „Schiefgehen“ von Fisch-, Bambusholz- oder Wetter-Derivaten auf dieser Insel darstellt mit einer allfälligen „Vernichtung“ des mitgebrachten Bargeldes oder sonstiger zwingender Schreckensszenarien. Entweder, Sie haben Ihre Vokabeln im Griff und zugleich mental vollständig durchdrungen was Sie behaupten, dann können Sie es auch darlegen, oder das bislang Gebrachte ist bloß einmal mehr ein Jonglieren mit Phantastilliarden zur Verdummung einer Leserschaft, die bei allem jenseits einer Milliarde das Hirn aus- und die Bauschspeicheldrüse einschaltet.

    Nicht daß im Bankwesen nicht der Wurm d’rin wäre, doch ist niemandem damit gedient, die Fehler dort zu behaupten, wo sie definitiv nicht sind. Im Verschwurbeln sind die Linken perfekt, weswegen sie ihren dreckigen Job verdammt nochmal auch alleine machen sollten.

  3. gms

    Christian Peter,

    „Dazu bräuchte man Banken bloß dazu verpflichten, Sichteinlagen mit 100 % Reserven zu unterlegen ..“

    Die Unterschiede zwischen Sicht- und Spareinlagen oder Darlehen und Kredit brauchen braune Köpfe ja nicht zu jucken, wenn sie artig aber bar jeglichen Verständnisses alle im Netz gefundenen Parolen hier auftürmen.

    „.. und diesen somit das Privileg der Kreditgeldschöpfung zu entziehen.“

    „Somit“ also. Ihr obiges „mehrmaliges Verbriefen von Forderungen“ war dann mit der Betonung auf „mehrmalig“ wohl eher ein dummer Fingerfehler, denn ein totsicherer Indikator, keinen Tau von der Materie zu haben. Nicht wahr?

    Und neues Geld kommt nach Ihren Vorstellungen, wie von roten, grünen und braunen Sozialisten unisono gefordert, ausnahmslos von der staatlichen Fiat-Zentralbank, die jedem braven Bürger nach demokratistischen Maßstäben entsprechende Summen zuweist. Korrekt?

    Ausserdem bauen Banken sowieso viel zu wenig Radwege, und der eine oder andere Bankchef soll sogar schon beim Rauchen ertappt worden sein. Allein das spricht für die umfassende Verstaatlichung jeglichen Geldwesens.

  4. gms

    Christian Peter,

    „Wann platzt die die 700 Billionen Derivate – Bombe?“

    Ja, wann eigentlich? Wenn schon die Deutsche Bank wegen 2 Mrd. Miese zum Menetekel hochgejazzt wird, dann muß schon was an der Sache dran sein. Die 36 Euro als Kursziel halten zwar immer noch, aber all die Analytiker lesen halt keine DWN. Den professionellen Bewertern ging sogar die jüngste Abschreibung der UniCredit in Höhe von 14 Mrd. am Arsch vorbei. Was für Ignoraten!

    Bei näherer Betrachtung könnte man die Ignoranten aber bei den DWN selbst vermuten, unterfüttern sie deren Bomben-Artikel doch ausgerechnet mit einer Statistik [1], die selbst in den Jahren 2008/09 (Stw. Asset Backed Securities und subprime) kein Platzen einer Bombe ausweist. Sonderbar, nicht wahr? Daß rund um den partiellen Schuldenschnitt Griechenlands unzählige CDS schlagend wurden und rein garnichts geschah, überraschte auch bloß Unkundige, nicht jedoch, daß ausgerechnet die Kommunalkredit mit einer späteren Unterrichtsministerin griechische Anleihen hielt, zugleich aber noch Versicherungen gegen deren Ausfall ausgab und deshalb den Bach runterging.

    Damit Sie, werter Peter, aber nicht umbedingt per Link die Deutsche Bank oder die Manchenschaften rund um die Monte dei Paschi di Siena anführen müssen: Selbst die brave Bawag hätte sich unter Nowotny mit Linz kein 400 Mio schweres faules Ei einhandeln müssen, ohne sich hierfür anderwärtig rückzuversichern. Das ist nämlich der Standardfall und erklärt auch — Überraschung — die hohen Summen, die insgesamt im Umlauf sind. Ein Kontrakt, der mittelbar x Beteiligte betrifft, scheint in der Statistik auch x mal auf. Und weil’s eine Handelsstatistik ist, verdoppelt sich die Zahl mit einem Schlag, wenn alle Beteiligten ihre Kontrakte weiterverkaufen und damit null Risiko haben.
    Das ist ziemlich simpel, und dennoch weigern sich viele, diese Sachverhalte zu verstehen. 700 Billionen und damit das 10-fache der globalen Wirtschaftsleistung klingt ja auch irgendwie ganz toll, selbst wenn’s bloß statistische Luft ist.

    [1] deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/wp-content/uploads/2013/01/Unbenannt15.jpg

  5. gms

    Wer sich in aktuelle Zahlen und Fakten rund um Derivate einlesen will -> Bank for international settlements, „OTC derivatives statistics at end-June 2013“ [1][2]:

    Man beachte u.a. den Hinweis: „Notional amounts increased substantially in the first half of 2013, up from $633 trillion at end-2012. The increase was driven in part by a further shift towards clearing through CCPs. When contracts are cleared through CCPs, notional amounts reported for the BIS’s surveys increase because one contract becomes two.“

    Sieht man sich ergänzend die weitaus relevanteren Gross Market Values*) an, so sind diese konstant rückläufig. Stiegen die fiktiven Werte (notional amount outstanding) im Zeitraum 09/2011 bis 09/2013 von 678 auf 710 Billionen, so sanken zugleich die GMVs von 27 auf 19 Billionen – sprich hätte man fiktiv mit einem Schlag weltweit alle Kontrakte glattgestellt. Das tatsächliche Risiko ist also sogar signifikant kleiner geworden.

    Von wegen böse Credit Default Swaps: Der mit Abstand größte Anteil im Derivate-Markt sind Absicherungen gegen Zins-Schwankungen (interest rate contracts), dann kommt lange nichts, und erst danach klassische Optionen und Kreditausfallversicherungen (credit default swaps). Hatte man mit Dezember 2013 alle CSDs bewertet, wären weltweit gerademal 653 Mrd Dollar zusammengekommen [2, erste Seite].

    Zum Abrunden: Ausgerechnet in Europa sind CDS-begebende Einrichtungen (lt. [3] ECB-Statistik 2013, pag 16) nennenswert gut gestreut: „Noticeably, non-European CDS networks are more concentrated than European CDS networks.“ –> Die Risikostreuung funktioniert in Europa besser als anderswo.

    Die Moral von der Derivate-Geschichte: Das größte Potential für irgendwelche hohen Wellen im Markt steckt definitiv nicht in ominösen Asset Backed Securities dubioser Provinienz oder Credit Default Swaps, sondern in stinknormalen Absicherungen gegen Zinsschwankungen. Die einzigen, die daher die Lunte an der propagandistisch beschworenen 700-Billionen-Bombe zünden könnten, sind Zentralbanken mit eratischen Zinssprüngen.

    *) „As stated above, gross market values supply information about the potential scale of market risk in derivatives transactions. Furthermore, gross market value at current market prices provides a measure of economic significance that is readily comparable across markets and products.“ [Anm: GMC -> represents the cost of replacing all open contracts]

    [1] bis.org/publ/otc_hy1311.pdf
    [2] bis.org/statistics/dt1920a.pdf
    [3] ecb.europa.eu/pub/pdf/scpwps/ecbwp1583.pdf

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