Das Leiden der Schweiz an ihrem Erfolg

(KLAUS KASTNER)  Arme Schweiz! Bald könnte die Schweiz für weniger erfolgreiche Länder (wie z. B. Österreich) zum Beispiel dafür werden, dass es gar nicht so gut ist, alles richtig zu machen und extrem erfolgreich zu sein. Warum?

Das Vertrauen der Welt in die Schweiz und ihre Währung Franken (CHF) ist aufgrund der Schweizer Erfolge ungebrochen. Mit dem Ergebnis, dass der CHF gewissermaßen eine Fluchtwährung geworden ist. Je unsicherer alle anderen Währungen werden, desto wohler scheinen sich die Inhaber des Geldes mit dem CHF zu fühlen. Nach der Einführung des Euro hatte sich der EUR/CHF Kurs 10 Jahre lang relativ stabil zwischen 1,50-1,60 bewegt. Ein österreichischer Häuslbauer, der Ende der 2000er Jahre seinen Finanzberater fragte, ob es nicht doch riskant werden könnte, sein Vorhaben mit CHF zu finanzieren; ob der CHF nicht vielleicht doch einmal auf 1,20 gehen könnte, hätte mit Sicherheit als Antwort bekommen: „Das ist unmöglich! Da würde doch die Schweizer Exportwirtschaft kaputt gehen!“ Ab 2010 begann die Flucht von anderen Währungen in den CHF und der rasante Anstieg des Wechselkurses setzte ein. Sicherlich nicht wegen der Schweizer Zinsen. Bei 1,20 zog die Schweizer Notenbank (SNB) die Notbremse und verkündete ihre Kursstützungspolitik. Auch hier war die Schweiz wieder anders. Andere Länder verstehen i.d.R. unter einer Kursstützungspolitik, die eigene Währung vor der Abwertung zu schützen. Die Schweiz musste ihre eigene Währung vor der Aufwertung schützen! Um dies zu bewerkstelligen, musste die SNB anderen ihre Devisen, die sie nicht mehr haben wollten, abkaufen und sie mit CHF, die die anderen haben wollten, bezahlen. Die SNB musste also CHF drucken nicht um ein Budgetloch zu füllen, sondern um dem Bedarf nach CHF seitens der Investoren nachzukommen. Im Endergebnis bedeutet dies jedoch, dass CHF gedruckt wurden. Seit 2010 hat die SNB rund 450 Mrd.CHF gedruckt, um anderen ihre Devisen abzukaufen. Die Devisenreserven der SNB (mit gedruckten CHF finanziert) machen bereits mehr als 80% der Bilanzsumme der SNB aus und fast ¾ des Schweizer BIP. Während die Bilanzsumme anderer Notenbanken (Fed, EZB) selbst in Krisenzeiten bei 25-30% des BIP liegt, ist die Quote der SNB schon nahezu 90%! Nicht alle Investoren lassen die gekauften CHF auf der Bank liegen. Viele investieren das Geld in Sachwerte wie z. B. Immobilien. Erste Fragen werden gestellt, ob sich die Schweiz vielleicht bereits in einer Immobilienblase befindet. Das viel größere Problem sind jedoch die Devisenreserven im Gegenwert von rund 450 Mrd.CHF. Sollte die SNB ihre Kursstützungspolitik einmal nicht durchstehen und sollte anschließend der EUR/CHF Kurs auf 1:1 gehen, dann wären rund 80 Mrd.CHF an Volksvermögen durch Wertberichtigungen bei den Devisenreserven der SNB vernichtet (tatsächliche Verluste würden allerdings erst entstehen, wenn die SNB Devisenreserven bei 1:1 verkauft). Außerdem hätte dann die Schweizer Exportwirtschaft genau jenen überteuerten CHF, den man vermeiden wollte. Nachdem die SNB das Geldmonopol für den CHF hat, könnte sie natürlich ihre Kursstützungspolitik auf ewig durchstehen: sie müsste einfach auf ewig CHF drucken und Devisen kaufen. Je mehr sie allerdings davon tut, desto größer wird ein allfälliges Abwertungsrisiko, falls sie die Kursstützungspolitik doch aufgeben müsste. Und übrigens: hat Gelddrucken nicht auch etwas mit Inflation zu tun? Die SNB gibt sich hoffnungsvoll, dass sich dieses Problem von selbst lösen wird. Ab 2015 erwartet sie einen Zinsanstieg in anderen Währungen relativ zum CHF. Dann würden, so die Logik, Investoren CHF wieder gegen Devisen verkaufen und die Devisenreserven der SNB und die CHF Geldmenge würden von selbst wieder auf ein vernünftiges Niveau sinken. Durchaus möglich. Oder auch nicht. Man lasse z. B. die Euro- oder andere Krisen wieder aufflammen. Könnte es dann möglicherweise zu einer erneuten Flucht in den CHF kommen? Wenn ja, dann müsste die SNB entweder massiv CHF drucken, um Devisen zu kaufen und den Wechselkurs zu halten oder sie gibt ihre Kursstützungspolitik auf und lässt den Kurs durch die Decke rasseln mit dem Ergebnis eines massiven Bewertungsverlustes und einem teuren CHF für die Exportwirtschaft. Je erfolgreicher die Schweiz als kleines Land inmitten der Eurozone wird, desto mehr wird sie Gefangene ihres Erfolges. Nicht nur, dass Bürger aus anderen Ländern in die Schweiz wollen, sondern auch die Währungen anderer Länder. Und je mehr von beiden geschieht, desto mehr Risiken wird sich die Schweiz aussetzen müssen. Da ist doch ein Land wie Österreich bestens beraten, nicht so erfolgreich wie die Schweiz werden zu wollen! Übrigens: der CHF ist heute rund 25% teurer als vor 4 Jahren. Trotzdem rast die Schweizer Exportwirtschaft von Rekord zu Rekord und der Leistungsbilanzüberschuss der Schweiz ist, gemessen am BIP, fast doppelt so hoch wie jener Deutschlands. Könnte es sein, dass der Schweizer Erfolg vielleicht doch aus mehr besteht als nur Schwarzgeld-Banken?

9 comments

  1. Rennziege

    6. August 2014 – 14:52 Luke Lametta
    In der Tat: Die einst so souveränen Eidgenossen verneigen sich nun vor dem Gessler-Hut der EU und der OECD. Das war ihnen seit dem Rütli-Schwur noch nie in den Sinn gekommen. Wer hat die Heidis und Geißenpeters bloß so eingeschüchtert?

  2. Mourawetz

    die SNB sollte ihre Euroeinkaufstour beenden und den CHF durch die Decke steigen lassen. Die Schweiz könnte dadurch ihre Rohstoffe noch billiger besorgen, ihre Produkte am Weltmarkt wären daher noch konkurrenzfähiger. Damit würde die kleine Schweiz die großen Wirtschaftsräume Euro und Dollar bloß stellen, die sich mit einer laufenden Abwertung gegenseitig konkurrenzieren und meinen, Gewinne einzufahren. Sowas hat noch nie funktioniert.

  3. Klaus Kastner

    @Mourawetz
    Ihre Überlegung ist zweifelsohne ein Nachenken wert. Ich hätte gemeint, dass auch bei einem Kurs von 1,20 (immerhin eine 25% Aufwertung) die Schweizer Exportwirtschaft brutal leiden würde. Stattdessen wächst sie weiter. Man darf sich in der Tat fragen, was denn wirklich so Dramatisches passiert wäre, wenn die SNB damals nicht interveniert hätte. Irgendwo hätte sich ein Kurs eingependelt.

    Auch der Schweizer Tourismus müsste in der Theorie brutal leiden (er ist wahnsinnig teuer). Trotzdem kommen die Touristen nach wie vor. Wahrscheinlich nicht mehr die Billig-Touristen, sondern nur mehr die Qualitätstouristen, aber die will man ja ohnehin haben.

    Ein Notenbanker hat mir erklärt, dass die Motivation der SNB weniger die Exportwirtschaft war, sondern die Gefahr einer Deflation. Würde der CHF noch härter werden, würden die Importe noch billiger werden und das würde zu einer Deflation führen. Kann ich nicht beurteilen.

    Wie dem auch sei, die Zeit wird zeigen, ob die Kursstützungspolitik der SNB eine kluge Sache war. Noch ist m. E. das Urteil noch nicht zu fällen.

  4. FDominicus

    @Klaus Kastner
    „Wie dem auch sei, die Zeit wird zeigen, ob die Kursstützungspolitik der SNB eine kluge Sache war. Noch ist m. E. das Urteil noch nicht zu fällen.“

    Meine Meinung dazu steht heute schon fest. Keine kluge Sache. Diese Bindung kann nur aufrecht erhalten werden wenn sich die Situation in der EU nicht zu sehr verschlechtert. Und die SNB kann dem eigentlich nur gegensteuern in dem Sie mehr Geld in Umlauf bringen. Also versuchen schneller zu drucken als der CHF aufwertet. Die Taschen der Zentralbanken sind sehr tief aber irgendwann ist auch da ein Boden erreicht. Nein das war für die Schweizer nie eine gute Idee. Denn durch die Aufwertung hätten Sie ja billiger einkaufen können und wenn die Preise anfangen zu schnell zu steigen wird die SNB sich entscheiden müssen
    – Preissteigerungen akzeptieren (weiter Geld drucken)
    – gegenzuhalten.

    Eins steht auch heute schon fest, dem einen Eingriff werden andere folgen und meist schaukelt sich das in’s Negative auf….

  5. Christian Weiss

    Ich seh‘ die Kursstützung von 1.20 Fr./1 Euro eh nur als vorübergehende Massnahme. Als sie beschlossen wurde, verlief die Aufwertung des Schweizer Franken in rasendem Tempo und wurde für die Exportwirtschaft zu einem Problem. Inzwischen hat sich die Wirtschaft den Begebenheiten angepasst. Thomas Jordan und Kollegen sollen die Schwelle fallen lassen. Können ja dann wieder intervenieren, wenn das Verhältnis 80 Rp./ 1 Euro ist.

  6. Mourawetz

    @Klaus Kastner

    Interessant, dass der Notenbanker die Deflation als zu bekämpfendes Übel anführt. Hat die Schweiz denn so hohe Schulden, dass sie fürchten müsste, in einem deflationären Umfeld ihre Außenstände nicht mehr begleichen zu  können? Aber die Schweiz ist bloß mit 35 % des BIP verschuldet. Die Sache wird immer kurioser.

    Schade, dass sich die Schweiz den Gegenentwurf zum Experiment der OMTs und QEs nicht zutraut. Sie schließt sich lieber dem gefährlichen Spiel der Wertvernichtung an als, wie bisher bewährt, alternative Schweizerische Wege zu gehen. 

  7. Klaus Kastner

    @Christian Weiss
    Das Problem ist nur, dass eine Aufgabe der Kursstützung jetzt aller Wahrscheinlichkeit mit hohen Kosten vebunden sein würde (Kosten, die man nicht gehabt hätte, hätte man nie gestützt). Sobald der EUR/CHF Kurs über 1,20 steigt, muss die SNB ihre Devisen, deren Gegenwert derzeit 450 Mrd.CHF ist, abwerten. Ich habe schon einmal gesagt, dass das bei einer 10%-igen CHF Aufwertung einem Bewertungsverlust von 45 Mrd.CHF entspricht. Natürlich könnte sich die SNB davon unbeeindruckt zeigen und sagen, dass sie die Devisen erst verkaufen wird, wenn der Kurs wieder bei 1,30 (oder schwächer) ist. Was aber, wenn der Kurs nie mehr die 1,20 erreicht?

    M. E. kann die SNB nur hoffen, dass es irgendwann einmal zu einem großen Abluss von CHF kommt. Das könnte passieren, wenn die Inhaber dieser CHF zur Auffassung gelangen, dass sie in anderen Währungen wegen höherer Zinsen wesentlich besser dran sin. Dann könnte die SNB ohne Verlust aussteigen (möglicherweise sogar mit Gewinn). Ebenso muss die SNB hoffen, dass nirgendwo in der Welt so richtig der Blitz einschlägt, denn so etwas könnte eine Lawine in Richtung CHF bewirken und dann würde die Situation für die SNB nur noch riskanter werden.

  8. H.Trickler

    Ohne Kurskorrektur der SNB wäre die Exportwirtschaft sehr rasch am Ende gewesen.

    Aber auch mit der Korrektur auf 1.20 ist es für einige Exportbranchen sehr schwierig geworden, es wurde nur das Schlimmste damit verhindert.

    Eine Liquidation der Exportindustrie wäre auf jeden Fall extrem viel teurer gewesen als der mögliche Vorteil durch billigere Importe, so dass ich der Massnahme mit grossen Bedenken zugestimmt habe.

    Der Anstieg der Nachfrage bei der SNB hat sich abgeflacht und vorderhand ist kein Grund zu sehen, warum sie nicht weiterhin das benötigte Geld drucken sollte? Wenn es die Wirkung haben sollte, dass das Vertrauen in den SFr. schwindet, so kann sie die fremden Devisen mit Gewinn verkaufen, das Risiko scheint mir erträglich?

    >“Trotzdem rast die Schweizer Exportwirtschaft von Rekord zu Rekord“

    muss nach Branchen differenziert werden. Sehr viele industrielle Arbeitsplätze sind in den vergangenen Jahren verschwunden und man kann nicht als Volk von Versicherungsmaklern und Bankern sicher überleben 😉

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>