Der neue Portisch

Heute stellt Hugo Portisch seine Autobiografie „Aufregend war es immer vor“. OrtnerOnline bietet exklusiv einen Blick in das Buch – jenes Kapitel, in dem Portisch beschreibt, wie Otto Habsburg mit Hilfe des „Kurier“ Staats- und Regierungschef der Republik Österreich werden wollte. Viel Vergnügen bei der Lektüre!

Der Eigentümer und Herausgeber des »Kurier«, Ludwig Polsterer, mischte sich in der Regel nicht in die redaktionelle Führung der Zeitung ein. Zwischen Polsterer und mir bestand zwar ein gut funktionierender, aber nur zu besonderen Anlässen stattfindender persönlicher Kontakt. In grundsätzlichen Dingen waren wir der gleichen Meinung: Polsterer war ein überzeugter Demokrat, ein entschiedener Bekämpfer antisemitischer und rechtsradikaler Tendenzen und unterstützte mich in dieser Haltung kompromiss- los. Dann kam es zum sogenannten »Fall Habsburg«.

Otto von Habsburg, der Sohn des letzten österreichischen Kaisers Karl, befand sich seit der Ausweisung der Familie Habs- burg im Jahr 1919 mit seinen Eltern im Ausland. Eine Rückkehr nach Österreich war den Habsburgern gesetzlich verboten, es sei denn, sie würden, jeder für sich, auf den Anspruch, auf den Thron zurückzukehren, ausdrücklich verzichten. Otto, der Thronfolger, lebte in einem Haus in Bayern, in Pöcking am Starnberger See. Er hatte 1951 Regina von Sachsen-Meiningen geheiratet und dem Paar wurden fünf Töchter geboren. Doch am 11. Januar 1961 erblickte ein Sohn das Licht der Welt und wurde auf den Namen seines Großvaters, Karl, getauft.

Die Eintragung im Taufregister von Pöcking nennt die Eltern

»Seine Majestät Otto von Österreich-Ungarn« und »Ihre Majestät Regina von Österreich-Ungarn« sowie den Sohn »Karl von Habs- burg, Erzherzog von Österreich, königlicher Prinz von Ungarn«.

Das sah nicht  wie eine Verzichtserklärung  auf den Thron- anspruch aus.  Aber Otto von  Habsburg bewarb sich  nun  um die Zulassung seiner Rückkehr nach Österreich. Darüber zu entscheiden hatte zunächst die Bundesregierung, die große Koalition von ÖVP und SPÖ mit Gorbach als Bundeskanzler und Pittermann als Vizekanzler an der Spitze. Doch da schieden sich die Geister. Die ÖVP wollte die Einreise Habsburgs zulassen, die SPÖ war strikt dagegen. Eine Rückkehr Habsburgs, so argumentierten die Sozialdemokraten,  würde  von  ihren  Wählern  nicht  verstanden werden.  Und  wohl  auch  eine  negative  Reaktion  der  Nachbarstaaten,  der  Tschechoslowakei,  Ungarns  und  Jugoslawiens  aus- lösen, die vermutlich von der Sowjetunion und von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs, Frankreich und Großbritannien, unterstützt würden. Das hätte nachhaltige Auswirkungen nicht nur politischer, sondern auch wirtschaftlicher Natur für Österreich. Die FPÖ erkannte ihre Chance, durch eine Unterstützung der SPÖ in dieser Frage die große Koalition eventuell sprengen zu können. Und bei den Sozialisten erkannte Franz Olah die Chance, mit einer kleinen Koalition von SPÖ und FPÖ erstmals die Führung in Österreich zu übernehmen. Der Krach war perfekt.

Und natürlich musste auch ich im »Kurier« dazu Stellung beziehen. Das war nicht einfach. Otto von Habsburg verdiente meine Hochachtung: 1938 protestierte er als einer der sehr weni- gen gegen den »Anschluss« Österreichs an Hitlerdeutschland. Im Exil in Paris gründete er ein Hilfskomitee für Flüchtlinge aus Österreich. Das waren in der Mehrzahl Juden, für die er nun ver- suchte, in allen nur möglichen Ländern Einreisevisa zu erhalten. Als 1940 die Hitler-Truppen vor den Toren von Paris standen, flüchtete Habsburg und nahm viele mit, die von seinem Hilfsko- mitee betreut wurden. Das waren über hundert Personen, haupt- sächlich Juden. Die Flucht ging nach Spanien. Dort regierte zwar der Faschist Francisco Franco, aber nominell war Spanien ein Königreich und die königliche Familie mit den Habsburgern ver- wandt. Otto von Habsburg hatte also hier trotz Faschismus ein automatisches Aufnahme- und Bleiberecht. Er schon, aber seine mit ihm an der Grenze angekommenen Schützlinge? Habsburg erklärte, sie alle gehörten zu seinem Hofstaat, und die Spanier ließen sie alle einreisen.

Während des Zweiten Weltkriegs sprach Habsburg sowohl bei Präsident Roosevelt als auch bei Premierminister Churchill vor, um sie für die Wiederherstellung Österreichs und für die Schaffung eines Staatenbundes im Donauraum zu gewinnen – nicht ganz zugegeben – vermutlich unter seiner Führung. Als allerdings Karl Renner von den Sowjets als Staatskanzler in Ös- terreich eingesetzt wurde, riet Habsburg dem amerikanischen Präsidenten Roosevelt davon ab, diese Regierung anzuerkennen. Sie sei ein »Trojanisches Pferd« Stalins. Da hatte er sich geirrt, aber mit dieser Meinung war er nicht allein.

Jetzt wollte Habsburg zurück in diese Republik Österreich. Und ich musste im »Kurier« dazu Stellung nehmen. Das tat ich und war der Meinung, dass seine Rückkehr Österreich nicht nur außenpolitisch in Schwierigkeiten bringen würde, sondern auch innenpolitisch zum Sprengsatz werden könnte.

Da erhielt ich den Anruf Ludwig Polsterers. Der Herausgeber hatte, wie ich wusste, eine Reihe adeliger Freunde. Aber Polsterer rief nicht an, um für Habsburg zu intervenieren. Er hatte einen anderen Vorschlag, und den hatte er wohl mit seinen Freunden ausverhandelt: Ich möge doch mit ihm gemeinsam nach Pöcking reisen, wo wir mit Habsburg über dessen Absichten und Pläne persönlich sprechen könnten. Das taten wir nun und wurden im Hause Habsburg von Otto und seiner Gemahlin freundlich emp- fangen. Von da an bis lange nach Mitternacht diskutierten wir mit Doktor Habsburg.

Ohne Umstände legte er dar, wie er den Zustand Österreichs zurzeit einschätzte. Die große Koalition, nun schon fast 20 Jahre am Ruder, sei unfähig und korrupt, daher dementsprechend unbe- liebt und politisch am Ende. Österreich benötige dringend eine neue Regierungsform, ähnlich der, die General Charles de Gaulle vor Kurzem in Frankreich eingeführt habe, durchaus demokratisch, aber doch mit einem entschlossenen, starken Mann an der Spitze.

 

Das kam völlig überraschend für mich und auch für Polsterer. Der Proporz in Österreich sei gewiss bei vielen Menschen unpopulär und es gab auch einige Korruptionsskandale, aber das Re- gierungssystem abzuschaffen und an die Spitze Österreichs wie- der einmal einen starken Mann zu setzen sei unserer Ansicht nach aus vielen Gründen gewiss nicht im Sinne der Österreicher. Doch, doch, insistierte Habsburg, dafür gebe es unwiderlegbare Beweise, die er von seinen ganz verlässlichen Vertrauensleuten in Österreich erhalte. Österreich sei reif für eine Volksbewegung, so wie sie de Gaulle in Frankreich gegründet habe.

Und er sei bereit, sich an die Spitze einer solchen Volksbewegung zu setzen. Bei freien Wahlen würde er eine Mehrheit erhalten, die es ihm ermöglichen würde, die Verfassung zu ändern. Und wie würde die neue Verfassung aussehen? Auch das formulierte Habsburg genau: Die Ämter des Bundeskanzlers und des Bundespräsidenten würden zusammengelegt und von einem ein- zigen Mann bekleidet werden. Selbst den Namen für diese Funktion hatte Habsburg parat: Justizkanzler würde der heißen, eine integere Person, die für Gerechtigkeit und Sauberkeit im Staat sorgen würde. Er, Otto von Habsburg, ließ keinen Zweifel daran, dass er bereit sei, diese Funktion auszuüben.

Polsterer und ich waren gleicher Meinung. Schon die Einschätzung der Zustände in  Österreich,  wie  sie  Habsburg  sah, war falsch. Der Versuch, unter Habsburgs Führung eine Volksbe- wegung zu organisieren, die praktisch die Auflösung der republi- kanischen Verfassung bedeutete, würde, unserer Meinung nach, nicht zum Erfolg, sondern nur zu einer politischen Spaltung der Bevölkerung führen. Und das nach all dem, was Österreich seit 1918 schon durchzustehen hatte – die Spaltung in zwei Lager, den Bürgerkrieg, den Naziputsch mit Kanzlermord, den »Anschluss«, den Krieg und die erst so mühsam errungene, endgültige Freiheit.

Am Schluss der ausführlichen und lebhaften Diskussion rich- teten wir eine Frage an Habsburg: »Soll all das das Ziel Ihrer Rückkehr  nach  Österreich  sein?«  Die  Antwort  kam  laut  und entschlossen: » Ja!«

Wir hatten das Abendessen im Kreise der Familie, und nach deren Tischgebet, eingenommen. Wir waren eingeladen, im Hause zu übernachten, was wir zu dieser Stunde auch dankend annah- men. Doch bevor wir zu Bett gingen, setzten sich Polsterer und ich noch zu einer kurzen Besprechung zusammen. Die Unterredung mit Habsburg hatte uns beide zum gleichen Ergebnis gebracht: Eine Einreise Habsburgs nach Österreich konnte unter diesen Bedingungen von uns nicht unterstützt werden. Doch auch das wäre zu wenig: Der »Kurier« müsste sich auch dagegenstellen – mit der von uns auch Habsburg gegenüber vertretenen Begründung: Eine Rückkehr mit diesen Absichten würde zu Unruhen in der Bevölkerung führen und das Land außenpolitisch isolieren.

Natürlich benötige das politische System in Österreich eine Reform. Vor allem müsse die Proporzwirtschaft abgeschafft werden. Doch das forderten der »Kurier«, andere parteiunabhängige Zeitungen und auch viele vernünftige politische und gesellschaftiche Kräfte schon seit Längerem, und das würde sich, so waren wir überzeugt, letztlich auch durchsetzen. Das war übrigens damals und dort nicht nur eine Hoffnung. Zwei Jahre später gab es das Volksbegehren zur Reform des Rundfunks und leitete damit auch den Abbau des Proporzes ein.

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns von der Familie Habsburg mit einem offenen Wort an Habsburg: »Herr Doktor, unter diesen Umständen und Ihren Zielsetzungen werden wir uns gegen Ihre Rückkehr wenden.«

Der »Fall Habsburg« erwies sich auch schon ohne Gründung einer Volksbewegung als Sprengsatz in der österreichischen Innenpolitik. Die Regierung konnte sich über den Antrag Otto von Habsburgs zur Rückkehr nicht einigen. Habsburg rief den Verfas- sungsgerichtshof an, der sich aber für nicht zuständig erklärte. So klagte Habsburg die Regierung beim Verwaltungsgerichtshof an – wegen Säumigkeit. Inzwischen aber mobilisierte die SPÖ ihre Anhängerschaft zur Massendemonstration gegen die Rückkehr Habsburgs. Auf vielen Transparenten und in Sprechchören wurde Habsburg angegriffen und teils verhöhnt.

Im Parlament kam es zur bislang hitzigsten Debatte der Zweiten Republik. Dazu Hermann Withalm, damals Generalsekretär der ÖVP und Fraktionsführer im Parlament: »Das war die stür- mischste Sitzung, die ich je erlebt habe im Parlament. Bei meiner Rede gab es 156 Zwischenrufe, darunter nicht die feinsten.« Als Withalm mit dem Ruf »Recht muss Recht bleiben« schloss, ver- ließen die Abgeordneten der SPÖ protestierend den Saal. Es war der Anfang vom Ende der damaligen großen Koalition und die Vorbereitung zum künftigen Zusammengehen von SPÖ und FPÖ, das 1970 zu Kreiskys Minderheitsregierung mit Unterstützung der FPÖ führt. Wofür Kreisky der FPÖ mit einer Wahlreform dankte, die ihr künftig mehr Mandate brachte.

Polsterer und ich haben die Vertraulichkeit unserer Unterredung mit Habsburg bewahrt. Aber wir traten gegen seine Rückkehr ein, solange er nicht von  seinen politischen Ambitionen Abschied nahm. Otto von Habsburg trug mir das übrigens nicht nach. Schon zwei Jahre später vertraute er mir einen neuen Plan für den Donauraum an. Interessanterweise in Taiwan (Formosa). Ich besuchte nach meiner Reise in Rot-China auch die »Republik China«, die damals noch von General Tschiang Kai Schek auf der Insel Taiwan geführt wurde und dort auch heute noch existiert.

Der General gewährte mir ein Interview und lud mich ein, am nächsten Tag an einem Empfang zu Ehren des Nationalfeiertags teilzunehmen. Der Empfang fand in einem großen Park statt, in dem sich ein kleiner See mit einer Insel befand, auf der eine Mili- tärkapelle musizierte. Eingeladen waren mehrere hundert Gäste. Das Eintreffen Tschiang Kai Scheks und seiner Frau wurde über Lautsprecher angekündigt und die nationalchinesische Hymne gespielt. Kurz danach ertönte aus den Lautsprechern die Ansage:

»Ladies and Gentlemen, his Majesty, the Archduke of Austria and her  Majesty  the  Archdutchess  of  Austria.«  Die  Militärkapelle begann zu spielen, die anwesenden chinesischen und amerikanischen Offiziere standen Habt Acht und salutierten, alle Gäste hatten sich erhoben. Ich dachte, nun kommt die alte Kaiserhymne, doch nein, es war der »Donauwalzer«. Und auf der Bühne erschien Otto von Habsburg mit seiner Frau.

Natürlich begrüßte ich sie später und Habsburg zog mich auch gleich ins Vertrauen. Er sei jetzt auf einer Rundreise und besuche nach Tschiang Kai Schek den Präsidenten Südkoreas in Seoul und fliege dann nach Washington, um dort Präsident John- son zu sehen. Zwischen den Rot-Chinesen und der Sowjetunion sei es bereits zu Schießereien an der Grenze gekommen. Lange würden sich die Sowjets das nicht gefallen lassen können. Dann aber würden sie Unterstützung brauchen. Und er, Habsburg, könnte dabei Hilfe leisten. Dies vorzubereiten, sei der Zweck seiner Reise: Nämlich Nationalchina, Südkorea und die USA zu einer Unterstützung der Sowjetunion im Falle eines Krieges mit Mao Zedongs China zu gewinnen.

Ich hörte erstaunt zu und fragte dann: »Und das würden Sie der Sowjetunion anbieten?« Darauf Habsburg: »Die Sowjets müssten natürlich ihren Preis dafür zahlen und alle Länder im Donauraum freigeben.« Diese Freiheit wollte Habsburg den Län- dern der früheren Doppelmonarchie auf diese Weise bringen, vor allem Ungarn, der Tschechoslowakei und Polen. Österreich war zu diesem Zeitpunkt schon frei.

Ich habe Otto von Habsburg noch einige Male gesehen, auch sprach ich mit ihm als wichtigen Zeitzeugen für unsere Dokumentationen »Österreich I« und »Österreich II«. Nach dem Re- sultat seiner damaligen Weltreise habe ich ihn nicht gefragt. Habsburg wählte schließlich einen anderen Weg: Er wurde ein prominenter Abgeordneter der Bundesrepublik Deutschland im Europäischen Parlament, wo er sich unentwegt für die Freiheit der Völker hinter dem Eisernen Vorhang einsetzte. Es war auch die von Habsburg geförderte paneuropäische Bewegung,  die jenes Picknick in Ungarn veranstaltete, von dem aus Hunderte DDR-Bürger aufbrachen, um durch den Eisernen Vorhang nach Österreich zu kommen, ein Beispiel, das sofort Schule machte und den Zusammenbruch des Sowjetimperiums einläutete.

Den Frieden zwischen der SPÖ und Habsburg hatte Bruno Kreisky schon früher geschlossen, als er die Teilnehmer eines Tref- fens der Paneuropa-Bewegung, die in Wien tagte, in das Kanzleramt einlud, wo es zu dem historischen Händedruck zwischen Kreisky und Habsburg kam. Da erinnerte ich doch noch einmal an den »Justizkanzler«. Ja, meinte Habsburg, das sei so ein Gedanke gewesen, »eine Art Ombudsmann«.

Als Otto von Habsburg am 4. Juli 2011 starb, wurde er in Wien unter Anteilnahme großer Teile der Bevölkerung mit einem fast kaiserlichen Begräbnis in der Kapuzinergruft beigesetzt.

One comment

  1. Rennziege

    Leider hält Hugo Portisch mit seinem reichen Hintergrundwissen über die Tiefen und Untiefen österreichischer Geschichte ein wenig hinter dem Berg. Meinem alten Herrn zufolge, der ihn (aus erfrischenden ORF-Zeiten unter Gerd Bacher) persönlich kennt, ist das keineswegs „für’n Hugo“, was Herr Portisch sich nicht öffentlich zu sagen traut.
    Na, ich werde mir sein Buch kaufen, um ihm auf den Zahn zu fühlen; vielleicht überrascht er mich ja noch.

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