Warum Israel sich nicht vor Trump fürchtet

„—-Mit dem US-Milliardär, so hoffen die Verantwortlichen in Jerusalem, werde nun ein Mann ins Weiße Haus einziehen, der Israels Nahostpolitik deutlich weniger kritisch gegenübersteht. Einer, der Netanjahu vielmehr freie Hand lässt und nicht immer an ihm herumnörgelt. Einer, der sich im Zweifel eher auf die Seite des jüdischen Staates stellt als auf die der Palästinenser. Einer, der in einer Zwei-Staaten-Lösung allenfalls eine geringe Chance auf Frieden sieht. Einer, auf den als Machtfaktor Verlass ist. (…) (hier)

16 comments

  1. Fragolin

    „…der Israels Nahostpolitik deutlich weniger kritisch gegenübersteht.“
    Wie man überhaupt einer Politik „kritisch“ gegenübersteht, die sich am reinen Überleben des Staates und seines Staatsvolkes orientiert, bleibt zu hinterfragen. Umzingelt von Todfeinden, die, so sie könnten, den gesamten Staat unverzüglich ausradieren würden, einerseits diese Todfeinde mit Nahrung und neuen Knüppeln zu versorgen und andererseits dem Bedrohten anzuraten, metaphorisch ein „No!“-Tattoo zu tragen und eine Armlänge Abstand zu sich selbst zu halten könnte man als Witz auffassen, wenn es nicht um Millionen Leben ginge.

  2. elfenzauberin

    Vielleicht bietet Trumps Wahl für Europa die Gelegenheit, einmal ihre Nahostpolitik gründlich zu überdenken. Hilfreich wäre eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die ein Licht darauf wirft, wie es zu der antiisraelischen Haltung kam.

    Die älteren Leser werden sich vielleicht noch an die Israel-Euphorie der 60-iger Jahre erinnern, wo die Europäer die Schallplatten von Abi und Esther Ofarim hörten, wo deutsche Politiker beim Kibbuzzbesuch den Bewohnern ob des Schreckens und Grauens des Holocaust tränenüberströmt um den Hals fielen.
    Die damalige Israel-Euphorie ging durch alle politische Lager, von den Konservativen bis zur extremen Linken. Sogar Ulrike Meinhof veröffentlichte in der Zeitschrift „Konkret“ isrealfreundliche Artikel, die beinahe kitschig wirkten. Der 6-Tage-Krieg wurde in der europäischen Presse mit martialischen Worten als Sieg der Zivilisation gefeiert. Das Grundempfinden der europäischen Bevölkerung damals lässt sich gut mit dem Klischee umschreiben: die Israelis haben die Wüste zum Blühen gebracht, wohingegen die Araber dort praktisch nichts zusammengebracht haben. Die Israelis standen der übersteigerten Israelophilie der Europäer skeptisch gegenüber, und sie sollten recht behalten.

    Die Stimmung in Europa änderte sich mit dem Jom Kippur-Krieg und mit der damit einhergehenden Ölkrise (1973). Die Europäer hatten Angst, dass die erdölexportierenden arabischen Staaten den Ölhahn zudrehen könnten und gingen allmählich auf Distanz zu Israel. Die Berichterstattung in den Medien wurde deutlich israelkritischer und selbst die israelophile Ulrike Meinhof fand sich mit vielen Kommilitonen schlussendlich in einem palästinensischen Ausbildungslager wieder.

    Ein Schlüsselereignis in der Geschichte zu den israelisch-europäischen Beziehungen ist die Flugzeugentführung nach Entebbe im Jahr 1976. Die Entführer versuchten die Freilassung von 53 Inhaftierten zu erpressen, darunter RAF-Mitglieder und Mitglieder der Bewegung 2. Juni. Bemerkenswert dabei ist, dass nach der Kaperung des Flugzeuges durch die Terroristen diese die Passagiere in Juden und Nicht-Juden einteilte, wobei letztere freigelassen wurden. Dieses Vorgehen wurde von den Israelis zu Recht als eine Art von Selektion aufgefasst, die auch der KZ Arzt Mengele an der Rampe von Ausschwitz vornahm. Umso seltsamer war das damalige geringe mediale Echo auf diesen verstörenden Sachverhalt, auch wurde ausgeblendet, dass die wortführenden Terroristen keine genuinen Palästinenser waren, sondern Deutsche, nämlich Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, beide Mitglieder des Kommandos Che Guevara, dem im Donaupark in Wien ein Denkmal errichtet wurde (sic!).

    Ab diesem Zeitpunkt ging es in der europäischen Berichterstattung nur noch pro Palästina und contra Israel, ein Zustand, der sich bis heute hartnäckig gehalten hat. Vielleicht erkennnen die Europäer, dass die Israelis nicht unsere Feinde, sondern Verbündete im Geiste sind, und vielleicht anerkennt man endlich, dass Israel im nahen Osten der einzige funktionierende demokratische Rechtsstaat ist, der diese Bezeichnung verdient.

  3. aneagle

    ach was, Geschichte! Viel zu kompliziert und langweilig für die digitale-emo- twitter Generation. Und nicht nötig, geht viel einfacher:

    – wer Demokratie, Gleichberechtigung der Frau,Toleranz gegenüber der selbstgewählten Sexualität des Individuums, westliche Werte, Fleiß und Leistungsbereitschaft gut findet, sollte die paar Wirbeln in seinem Rückgrat finden und zu Israel stehen.

    – wessen Herz hingegen eher für einen totalitären Religionsstaat schlägt, mit Unterdrückung für- und sanktionierter Gewalt gegen- Frauen im Alltag , der Scharia als Lebensweg, mit abgehackten Händen und Tötungen mittels Baukränen und Steinigungen, der sollte dort bleiben, wo er jetzt bereits ist- eng an der Seite der islamischen Potentaten mit all ihrer religiösen Ungläubigenverachtung und ihren Welteroberungsfantasien.

  4. astuga

    @elfenzauberin
    Naja, große Teile der bundesdeutschen Linken (der DDR sowieso) waren bereits damals auf antiisraelischem Kurs.
    Mit eindeutig antisemitischen Untertönen.
    Da gab es ja auch linke Anschläge in Deutschland, und in Folge hat man lieber die vermeintlich sozialistischen, arabischen Brüder favorisiert.

    Nicht viel anders als die extreme Rechte.
    Die aber in der polit. Realität dabei keine so große Rolle spielte.

  5. astuga

    Man darf auch nicht vergessen, dass sich das alles vor dem Hintergrund des Kalten Krieges abgespielt hat.
    Alleine schon deshalb verlor die Solidarität der deutschen Linken mit Israel an Bedeutung, während jene mit den „sozialistischen“ arab. Regimen (und Verbündeten der Sowjetunion) unter Israels Nachbarn zunahm.

  6. Wanderer

    @aneagle
    Welteroberungsfantasien würde ich das angesichts nahöstlich-afrikanischer Geburtenraten nicht nennen. Das ist für große Teile der Alten Welt die realistische Zukunft.

  7. aneagle

    @ Wanderer
    bin bei Ihnen, kann sein. Aber die alte Welt wird sich entscheiden müssen. Will sie politisch korrekt gewaltarm untergehen, oder entschließt sie sich, politisch höchst unkorrekt, überleben zu wollen. Dann muss sie sich, dem israelischen Beispiel folgend, robust zur Wehr setzen. So angemessen wie möglich, aber so erfolgreich wie nötig. Weil sich die alte Welt im Wohlstand von Geisteszwergen leiten ließ, heißt das nicht, dass sie in Zeiten des Überlebensdruckes nicht die nötigen Reflexe entwickeln wird. Europäische Zivilisation mag sehr wohl positiv zu überraschen. Einst rettete Sobieski im Zeichen des Kreuzes Wien. Und wer hätte gedacht dass auf einem Chamberlain ein Churchill wachsen kann? Mal sehen was die EU zustande bringt, wenn erst die wohlstandsverwahrloste Politikerkaste fortgelaufen ist. 😉

  8. Lisa

    Es ist auch die Sympathie, die jeder für einen David gegen Goliath hat… Verteidigunskrieg eines kleinern Landes weckt mehr Sympthie als machtvolle Eroberungen… so war auch die Sympathei für Kuweit damals sehr gross. Im übrigen hat zu zeiten des
    Sechstagkriegs die damalige Sowjeunion auch zusätzlich gezündelt…

  9. Fragolin

    @Lisa
    Ich weiß, Sie sind eine Frau. Herzenswarm, empathisch, eben weiblich. Ist ja was Gutes.
    Aber bitte akzeptieren Sie, dass es auch Vernunftgründe gibt, die sich gegen die Auslöschung eines Staates und den Genozid an einem Volk sprechen. Das hat nichts mit romantischer Verklärung zu tun sondern neben der ganz normalen Menschlichkeit mit der praktischen Erwägung, dass Israel das nahöstliche Bollwerk gegen den Islam darstellt, so wie einst Byzanz. Was geschah, als dieses fiel, wird vielleicht in der Schule heute nicht mehr gelehrt, aber man kann sich ja informieren…

  10. Lisa

    @Fragolin: Was unterstellen Sie mir da??? Hab ich was anderes behauptet? Stelle ich Israel in Frage?!? Da sehen Sei ich aber gaanz falsch.

  11. Fragolin

    @Lisa
    Gemach, Teuerste, ich unterstelle Ihnen nichts anderes als Emotionalität, was Sie ja auch interpunktiv bestätigt haben. Sie gehen an sehr viele Themen emotional heran, was ja per se nichts Schlechtes ist, aber Sie relativieren (oder besser: verniedlichen) damit auch vieles. Bei dem Überlebenskampf Israels gegen die umklammernde Feindschaft geht es um Millionen Menschenleben und den Fortbestand der fortschrittlichen, in Rechtsstaaten organisierten Zivilisationsform. Das haben wir in Europa inzwischen mit Israel gemein. Unsere Zivilisationsform steht auf dem Prüfstand, und sie steht nicht sehr gut da. Wenn sie die Prüfung nicht besteht, wird sie untergehen, in einem Meer aus Blut.
    Um nicht mehr und nicht weniger geht es.

  12. mariuslupus

    Obamas Unfähigkeit hat sich nicht nur auf Israel beschränkt. Vielleicht hat Trump bessere aussenpolitische Berater, vielleicht ist es einfacher mit Israel einen Konsens als Republikaner zu finden, als es die Demokratin hätte machen können.

  13. Herzberg

    @Thomas F.

    Die Frage ist, ob Trump auch weiterhin dafür zu gewinnen sein wird, Milliarden von amerikanischem Steuergeld nach Israel zu schicken.

    Wer sich in die Hintergründe des Themas vertieft, erkennt, wonach hierbei weniger Milliarden direkt nach Israel fließen, denn viel mehr an den eigenen Rüstungskomplex. Freilich profitiert Isreal davon, es ist in seinem und in unser aller Interesse, doch das zugrunde liegende Motiv ist erst in zweiter Lesung selbstlos. Trump mag am Effekt hoffentlich weniger ändern, denn vielleicht eher an der Art, wie er zustandekommt.

    Etwas offtopic, aber thematisch verwoben, sind die ominösen 2% des GDPs für die nationale Verteidigung laut Nato-Abkommen. Auch das ist, nüchtern betrachtet, allein eine sichere Bank für die üblichen Verdächtigen. Diese Prozentangabe bezieht sich nicht aufs Budget; bei einer sinkenden Steuerquote (Stichwort: schlanker Staat) würden die Rüstungsausgaben anteilig sogar steigen. Solche Vereinbarungen soll man ein anderes Gewerbe einzufädeln versuchen.

  14. aneagle

    @Lisa
    „Es ist auch die Sympathie, die jeder für einen David gegen Goliath hat…“

    Wer ist David und wer Goliath? ist Goliath ein schwerbewaffnetes kleines Volk das tagtäglich gezwungen ist ums Überleben zu kämpfen, oder aber doch ein Konglomerat von umgebenden feindlichen Nachbarstaaten, die ein gemeinsames Narrativ haben und aus ihrer Absicht der totalen existentiellen Vernichtung dieses Fremdkörpers in ihren Augen, nicht einmal ein Hehl machen? Wieviele zig Millionen aufgehetzte Feinde und wieviel Ölgeld wird hier im ganzen mittleren Ostens gegen ca. 12 Millionen Ungläubige in die Waagschaale geworfen?

    Bitte die Dimensionen zu beachten: Die Landmasse einer kompletten Region gegen ein Land, kleiner als Niederösterreich. Man leistet sich sogar erfolgreich ein radikalisiertes Kleinvolk zu züchten, indem keiner von den sogenannten Bruderstaaten je einen Flüchtling aufnahm. Im Gegenteil, alle wurden eng an der Grenze zu Israel in Internierungslagern gehalten, um sich zu vermehren und ein Volk, exclusiv für das Mitleid verweichlichter Europäer, zu werden. Jasser Arafat (… „wir werden sie mit unseren Lenden besiegen !“) hätte seine Freude daran.

    Im Übrigen, diese Tradition ist bis heute modern. Syrer werden bis nach Europa verschifft, aber kein Bruderstaat nimmt Flüchtlinge auf, höchstens als menschliche Verschubmasse für Drohgebärden, eine Tradition die schändlicherweise die Griechen teilen.

    Und nicht zuletzt: Eine UNO, die 4/5 ihrer Verurteilungen exclusiv für das kleine Land Israel reserviert hält und alle anderen Länder gemeinsam für ihre Verfehlungen mit 1/5 der UN-Verurteilung knapp hält. Und da ist jede Steinigung und jeder Baukran schon includiert, schließlich hat den Vorsitz der Menschenrechtskommission Saudiarabien inne. Nun, wer Ist Goliath? Und warum ist David plötzlich so unsympathisch? Die bestechend einfache Antwort: Israel ist der Jude unter den Völkern ! Immerhin, kein Opfer mehr- ein Fortschritt seit 70Jahren.

    PS: die von der Völkergemeinschaft strategisch sichtlich gewollte Laborsituation des erzwungenen Zusammenlebens zweier verschiedener Kulturen auf verschiedenen Zivilisationsebenen auf engem Raum und ihre Ausweglosigkeit, wird für einen Europäer am verständlichsten mit leiser emotionaler Behutsamkeit von Leon de Winter in seinem vor einigen Jahren veröffentlichten Roman „Das Recht auf Rückkehr“ beschrieben. Wer es nicht kennt und wissen will, wer Goliath ist, sollte es lesen.

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