Der Akademisierungswahn an den Hochschulen

(THOMAS EISENHUT) Welchen Nutzen bringt es mit sich, wenn heute jede Ausbildung eine toll klingende akademische Bezeichnung mit sich bringt, nur damit man sich selbst besser „vermarkten“ kann? Mittlerweile gibt es bereits ein Diplom für nahezu fast alles. Kommt demnächst ein „Weinkenner-Doktorat“?
Hochschulen liefern sich einen Wettstreit der schrillsten Grade, und Weltmeister in dieser Disziplin ist eindeutig die österreichische kostenpflichtige Donauuniversität in Krems. Weiterführende Ausbildungen sind zu einem unglaublich lukrativen Geschäftsfeld geworden.
Durch diesen Größenwahn bahnt sich eine Entwertung der akademischen Abschlüsse und des gesamten Hochschulsystems an.

Gibt es bald ein Promotionsrecht für FHs?
Es ist sonderbar, doch die „Weiterbildungsuni“ in Krems, darf ohne ein grundständiges Studienangebot Abschlüsse auf BA und MA Niveau anbieten.
FHs verhandeln mittlerweile über ein künftiges Recht auf Promotion. Für ein Doktoratsstudium kann eine Kooperation der Fachhochschulen mit den Universitäten genügen.
Zudem muss man hier viel individueller hinsehen und differenzieren, denn es gibt Hochschullehrgänge sowie diverse „dubiose“ Fernhochschulen, die sich für ein phD gar nicht qualifizieren.
Laut Josef Christian Aigner handelt es sich dabei um übertriebene Eitelkeit und hohe Selbstinszenierung bei den „Hohen Schulen“ in Österreich.
Die Unis halten sich für die unverzichtbare wissenschaftliche Elite und trauen den FHs dahingehend zu wenig zu. Dafür wird den FHs wiederum ein starker Praxis und Anwendungsbezug nachgesagt.
In Wirklichkeit haben wir generell eine einschneidende Verschulung in beiden Systemen und das ist ein Grundproblem.
Immer mehr wird von oben vorgegeben und es bleibt weniger Möglichkeit für die Eigenverantwortung und Freiheiten der Studentenschaft.
Jedoch könnten Unis und FHs viel mehr voneinander lernen und kooperieren sowie sollten sich beide auf ihre jeweiligen Stärken konzentrieren und ihr Profil nachhaltig schärfen.

Wahnsinn begann mit Bologna
Im Jahr 1999 wurde die europaweite Studienreform in Bologna eingefädelt. Die Ziele der Reform waren mehr Freiheit, mehr Individualität und höhere Flexibilität.
Die Entscheidung wurde damals „durchgewunken“ und mit massiver Kritik von den Hochschulen zur Kenntnis genommen. Am Beispiel Österreich wurde ersichtlich, dass das anerkannte Diplom und Magister „Titel-System“ und auch der Wert welcher diesem beigemessen wurde, teilweise untergraben sowie relativiert wurde. Dadurch sollte ein angloamerikanisches System dem traditionellen europäischen übergestülpt werden, was logischerweise von der Professorenschaft stark kritisiert wurde. Vor allem weil die Durchführung nicht konsequent war und bis heute Mischsysteme sowie absolute Unübersichtlichkeit besteht.
Bestimmte Berufslobby-Gruppen wie Ärzte und Juristen behielten ihren alt-eingesessenen Dr. med bzw. Mag. iur bei und sicherten sich ihre klaren definierten Berufsbezeichnungen.
Durch die Reform sollte auch die Akademikerquote in manchen EU-Staaten erhöht werden. Eine Eurostat-Studie weist nach, dass Österreich im Jahr 2015 bei den EU-Bildungsindikatoren in Hinsicht auf die Akademikerquote der 30- bis 34-Jährigen mit 38,7 % sogar genau im Durchschnitt der gesamten EU und sogar vor Deutschland (32,3 %) liegt. Die oft strapazierte niedrige Akademikerquote ist also eine Propaganda-Lüge.

Diskussion bricht wieder los
Heute beginnt die Diskussion um das kritische Bologna-System wieder zu erstarken. Julian Nida Rümelin ist sicher, nun stehen wir vor dem Problem, dass durch das Bachelor/Master System zu viele junge Menschen beginnen zu studieren und auch das Niveau gesunken ist, so der Münchener Professor.
Exot unter der Vielzahl an Abschlüssen war ein paar Jahre nach der Reform der sog. „Bakkalaureus, weil man sich anfangs noch nicht mit dem englischen Bachelor anfreunden konnte. Deshalb wurde zwischenzeitlich einige Jahre der Grad „Bakkalaureus“ (Bakk.) verliehen.

Studiengänge sind überbürokratisiert
Hinzu kommt dass bei der Akkreditierung der Studiengänge heute eine überbordende Bürokratisierung vorherrscht und die Existenzfrage neuerlich gestellt werde müsste.
Unter Professoren gelten die neuen Strukturen ohnehin als unakademisch und intellektuellen-feindlich. Stefan Kühl ist ein erklärter Bologna-Gegner und kritisiert zurecht das irrsinnige Credits sammeln anstatt sich auf die Studieninhalte zu konzentrieren.
Außerdem findet eine „Gleichmacherei“ statt, welche früher weit weniger stark ausgeprägt war. In Österreich gab es den Diplom-Kaufmann wenn man wirtschaftlich studierte und einen Diplom-Ingenieur für technische Zuordnungen.
Dies war klar geregelt und jeder wusste woran er ist. Aktuell hat man völlig allgemeine BA und MA Grade in den verschiedensten Bereichen aus Wirtschaft, Kultur, Sprachen etc.
Derzeit wird an der Schreibweise des akademischen Grades nicht vornherein erkannt, was dieser überhaupt bedeutet.

Neue Bewertung von Hochschulausbildungen
Es bräuchte künftig viel mehr innovative Bewertungsmechanismen und Qualitätsmerkmale als irgendwelche ach so schön klingenden Bezeichnungen in englischer Sprache. Hier könnte der Fokus beispielsweise auf die Anzahl der Semester und den Lernaufwand der einzelnen Lehrveranstaltungen gelegt werden.

Ungereimtheiten bei den Höheren berufsbildenden Schulen
Generell ist das Bildungssystem ist auf bereits mehreren Stufen hierzulande undefinierbar und wenig nachvollziehbar geworden.
Warum gibt es für die HTL Absolventen, einen Ingenieurs, der doch noch ein Relikt aus vergangenen Zeiten ist und keinen akademischen Grad aufzeigt. Jedoch findet diese Bezeichnung durchaus gewisse Anerkennung in der Praxis.
Höhere technische berufsbildende Schulen wie HTLs dürfen also noch eine zuordenbare Berufsbezeichnung, welche vom Staat durch einen Bescheid nach einer notwendigen Anwendungserfahrung im Beruf vergeben wird. Sollte dies dann nicht auch für sämtliche höhere berufsbildende Schulen gelten? Jedoch hat ein HAK Absolvent, der ebenso fünf Jahre Ausbildungszeit hat, diese Möglichkeit offiziell nicht. Wenn er nach dem Abschluss Berufserfahrung sammelt, so müsste es hier doch legitim sein, zumindest die Bezeichnung Kaufmann zu erlangen. Bei einem Absolventen eines Gymnasiums stellt dies die ideale fundierte Vorbildung dar, bevor man ein geisteiswissenschaftliches Studium anstrebt. Hier war eine berufliche Bezeichnung also nicht von Bedeutung.

Aktuelle ungerechtfertigte Maßnahmen
Nun soll der Ing. sogar mit dem Niveau des Bachelor gleichgestellt werden. Die stellt eine Absurdität dar und ist zugleich eine Diskreditierung von Absolventen einer Hochschule.
Das Handwerk wird auch aufgewertet und europaweit sind Meister und Ingenieure damit auf gleicher Stufe mit den Akademikern. Selbstverständlich gilt einem Handwerk natürlich höchste Wertschätzung und
Hut ab vor den technik-affinen Ingenieuren (In Deutschland ist diese Bezeichnung übrigens tatsächlich ein akademischer Grad!). Jedoch bedeutet die Gleichsetzung einen weiteren Schritt in Richtung einer Gleichmacherei und unterstreicht den Wahn der Akademisierung. Jemand der für sein Handwerk lebt und durch und durch ein Techniker ist, benötigt diese Pseudo-Gleichstellung doch gar nicht. Er verdient deshalb auch keinen einzigen Euro mehr. Durch den Ministerratsbeschluss ist fix, dass berufliche Bildung mit akademischer auf die gleiche Stufe gestellt wird. Dadurch soll angeblich das Image der Lehre verbessert werden.
Die Hochschulen waren klar gegen diese neue EU – Regelung. Trügerisch ging es um die Aufwertung der Lehre und um höhere Qualität. Jedoch ist anzunehmen, dass durch die Regelung überhaupt keine Auswirkung auf eine Verbesserung der Qualität zu erwarten ist.

14 comments

  1. astuga

    Nur am Rande, wie heißt eigentlich eine Frau mit Master-Abschluss?
    Hoffentlich nicht Mistress…

  2. Fragolin

    Ein reiner Auswuchs eitler Titelgeilheit. Es zählt nicht, was du kannst, sondern welchen Titel du trägst.
    Es gibt hochfähige HTL-Abgänger, praxiserfahrene Fachschulabsolventen und strunzdumme Uni-Abgänger ebenso wie andersherum. Der Titel selbst sagt gar nichts aus.
    In Österreich, wo sich Lehrer an Dorfschulen mit „Professor“ anreden lassen und die „Frau Magistra“ mit ihrem sinnlosen Orchideenstudium und ihrem Job als Teilzeitsachbearbeiterin am bfi auf richtige (also falsche) Nennung ihres Titels klagt, ist der Titel nichts anderes als eine Maske aus selbstgeklöppelter Wichtigkeit, hinter der sich die Unsicherheit selbsterkennender Bedeutungsarmut verbirgt. Ich kenne viele Akademiker, darunter eine Handvoll wirklich fähige und hochintelligente Leute mit hervorragenden Abschlüssen und hoher Kompetenz (von denen kein einziger auf die Nennung des Titels Wert legt) und etliche eitle strunzdämliche Gockel, die sich irgendwie durchgewurstelt haben, sich dafür aber allein über ihren Titel definieren (nun ja, worüber auch sonst…). Und ich kenne Automechaniker, die sich mehr Bildung selbst erworben haben als mancher Studierte in verschlafenen Vorlesungen jemals ignoriert hat.
    Es stimmt, der Titel ist wertlos. Aber das hat mehrere Gründe, nicht nur die Vergaberegelungen für Bildungsinstitute.

  3. Thomas Holzer

    Schon Konrad Paul Lissmann hat den Bologna-Prozess von Beginn an als das kritisiert, was er ist und was sich nun immer mehr herauskristallisiert; Nivellierung ohne Rücksicht nach unten, Absenken der verbliebenen „Anforderungen“ auf ein solch niedriges „Niveau“, daß bald auch „zugereiste“ Analphabeten inner maximal 3 Jahre von der Alphabetisierung über „VS, AHS bis zur Universität“ einen „Abschluß“ erzielen können.
    Andererseits ist diese „Entwicklung“ nur allzu verständlich, ist dies doch genau das, was „unsere“ Politikerdarsteller benötigen: mit Verlaub, eine manövrierfähige und -vor allem-
    -willige Masse an Idioten, welche davon überzeugt ist, zur Elite des Landes zu gehören, nur weil sie eben alle ganz stolz einen Titel vor ihren Namen setzen dürfen, sei dieser Titel auch noch so inhaltsleer
    Aber: verantwortlich für diesen Wildwuchs an und diese Verwässerung der akademischen Lehre ist noch immer primär die Politik.
    Ich warte ja schon seit ein paar Jahren auf den z.B. „facility-bachelor“, „back-Office-MA“ etc.

  4. Kluftinger

    @ Thomas Holzer
    Den „facility-bachelor“ gibt es schon. An der FH Kufstein können sie „Facility und Immobilien -Management“ studieren.
    Nur muss man auch dazusagen, dass es immer wieder die Berufsverbände waren, z.B. die Hebammen, die nach einer „Akademisierung“ ihres Berufes geschrien haben. Da hatten die Akkreditierungsbehörden und die Ministerien die Hände voll zu tun – letztlich gab man aus politischen Überlegungen nach.(und die OECD sagt ja auch immer wir hätten zu wenig Akademiker! Jetzt werden dann auch die HTL Absolventen Bacc.)

  5. Thomas Holzer

    @Kluftinger
    Danke für die Aufklärung; wollte schon immer feststellen, wie sich der Unterschied in z.B. Toiletten manifestiert, die einmal von einem akademisch geprüftem Personal und einmal von einem „normalen“ Personal betreut werden; ditto auch die Sauberkeit von Stiegenhäusern, Gartenanlagen etc. 😉

  6. sokrates9

    Sie können in Holland eine Ausbildung für experte in Katastrophenfällen werden! Wahrscheinlich gar nicht so blöd! – Sie schließen ab mit „Master of Desaster! 🙂
    Dank Bolognia ist es zu einer unglaublichen Nivellierung der Ausbildung gekommen! Absolute Verschulung! Sie können heute ein Studium abschließen ohne ein einziges Buch vollständig gelesen zu haben! – Google macht es möglich! Die akademischen Titel wurden entwertet! Ein Problem gegenüber den anglikanischen Systemen besteht darin, dass es dort strenge Aufnahmsprüfungen gibt, dafür aber dann die Studenten regelmäßig mit „Sehr gut“ beurteilt werden! In Österreich hingegen ist es nur wenigen Studenten möglich derartig viele „sehr gut“ zu erlangen.Österreichische Studenten werden daher in diesen Ländern benachteiligt! – Wird sich aber ändern: Nachdem jetzt begabte analphabetische Flüchtlinge – die zu Lehrveranstaltungen in der Regel Stunden zu spät erscheinen, dafür früher gehen innerhalb von 100 Tagen erfolgreich den 8 jährigen Schulabschluss unserer blöden Schüler schaffen, ist davon auszugehen, dass die innerhalb von 1 Semester ein Doktorrat erhalten!

  7. Alfred Reisenberger

    Und was bei diesem Akademisierungswahnsinn übersehen wird, ist dass die vielen neuen „Akademiker“ auch ein höheres Gehalt wollen. Nur, wer soll einer Pflegekraft, die einen Titel hat, plötzlich so viel mehr bezahlen? Auf was hinauf? Wenn er/sie einen guten Job macht, dann bekommt er/sie das entsprechende Gehalt. Aber sicher nicht für einen Pseudotitel.

  8. Thomas Holzer

    An der UNI-Salzburg, so ich mich recht entsinne, wurde mit dem WS 2016/2017 ein Hochschullehrgang „Flüchtlingsmanagement“ eingeführt 😉

  9. Falke

    @Thomas Holzer
    Ja, das habe ich auch gehört. Ob man da wohl auch ein Doktorat machen kann? Etwa „Dr.ref.“ oder so ähnlich? 🙂

  10. astuga

    Ausnahmsweise mal ganz lesenswert, vom Standard Multikulti-Ableger „Das Biber“.
    http://www.dasbiber.at/content/bachelor-auf-türkisch

    „Kein Deutsch, Kein Problem: In Österreich macht jeder zehnte türkische Student den Bachelor in Politikwissenschaften (Anm.: kurz Powi – wahrscheinlich von Powidl).
    Viele von ihnen sprechen kaum Deutsch. Unter Mitstudierenden rumort es…“

  11. Grossvater

    Als Handwerksmeister komme ich immer mehr zur Bestätigung der Fakten: man muß lange studieren bis man zu nichts mehr zu gebrauchen ist. Zu meiner Zeit ging man in die Schule das man etwas beigebracht bekam und heute wir die Zeit verschwendet, aber daran sind nicht allein die Schüler schuld.

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>