Eine Verbeugung vor einem großen Europäer

(C.O.) Wenn sich Ende nächster Woche die Regierungschefs der EU in Rom treffen, um den 60. Geburtstag der „Römischen Verträge“ zu feiern, also des rechtlichen Fundaments der heutigen EU, dann wird mit großer Geste auch deren erster Baumeister gedacht werden, der Franzosen Jean Monnet oder Robert Schuman etwa, die heute als „Väter der EU“ bezeichnet werden. Nicht einmal in einer Fußnote hingegen wird vermutlich ein ganz großer Denker und Politiker vorkommen, dessen kritische Loyalität zu Europa bis heute in Brüssel nicht sonderlich goutiert wird: der 2009 verstorbene Ralph Dahrendorf.

In den 1970er Jahren war er Außenhandelskommissar der damaligen Europäischen Gemeinschaft (EG), später leitete er die renommierte London School of Economics, die Queen herself ernannte ihn zum „Baron Dahrendorf of Clare Market in the City of Westminster“ und berief ihn ins britische House of Lords. Vieles von dem, was Dahrendorf vor Jahrzehnten am europäischen Projekt kritisierte – an dem er selbst ja mitarbeitete -, liest sich heute nahezu schockierend aktuell.

„Die Währungsunion ist ein großer Irrtum, ein abenteuerliches, waghalsiges und verfehltes Ziel, das Europa nicht eint, sondern spaltet“, prophezeite er im Dezember 1995, also lang vor dem Start des Euro. Und fügte, ebenfalls mehr als weitsichtig, hinzu: „Das Projekt Währungsunion erzieht die Länder zu deutschem Verhalten, aber nicht alle Länder wollen sich so verhalten wie Deutschland.“

Dem Maastricht-Vertrag, in dem die wichtigsten Regeln für die Eurozone festgeschrieben sind, traute Dahrendorf schon nicht: „Das geht nicht, weil die Wirtschaftskulturen zu unterschiedlich sind.“ Weshalb dieser Vertrag seither ja auch rund 170 Mal gebrochen worden ist.

Besonders ketzerisch war eine Frage, die er vor mehr als 20 Jahren stellte und die bis heute eine Art Tabu in Brüssel ist: „Warum brauchen wir eigentlich eine immer enger zusammenarbeitende Europäische Union? Darauf gibt es in den meisten Ländern kaum eine andere Antwort als die: um Deutschland einzubinden. Merkwürdigerweise ist das auch die deutsche Antwort (…). Ob Deutschland abdriftet, also vom Pfad der Demokratie abweicht, hegemoniale Gelüste hegt oder seine Bindungen an den Westen lockert, hängt doch von seinen inneren Strukturen ab, nicht von irgendeiner äußerlichen Einbindung.“

Wenig an Aktualität eingebüßt hat auch seine überschaubare Begeisterung für das Europäische Parlament: „Das ist kein Parlament. Man kann einem Parlament keine Rechte geben, das Parlament gibt Rechte. Ein Parlament, das bei der Kommission um seinen eigenen Haushalt betteln muss, das keine Steuern erheben kann (…), verdient diesen Namen nicht und wird sich nie zu einem Instrument der Demokratie entwickeln.“ Woran sich auch bis heute nichts wirklich geändert hat, trotz kleinerer Fortschritte.

Lebte Dahrendorf noch, würde er wohl auch bei der großen Fete in Rom eher den Ruhestörer geben. „Nach meiner Meinung“, gab er in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ 2002 zu Protokoll, „liegt das zentrale Problem der EU in der großen Lücke zwischen den anspruchsvollen Festreden über entfernte Ziele der europäischen Einheit und der täglichen Realität einer Gemeinschaft, die sich mehr mit dem Geräuschpegel von Baumaschinen beschäftigt als mit den Dingen, die in den Festreden gesagt werden. Wenn diese Lücke nicht geschlossen wird, dann geht das ganze Unternehmen schief.“  (WZ)

7 comments

  1. Thomas Holzer

    Der Geräuschpegel von Baumaschinen ist halt einfacher zu „harmonisieren“ als die verschiedenen Interessen der verschiedenen Völker der Staaten, welche Mitglieder der EU sind.

    Schon die Kommunisten durften erfahren, daß eine -euphemistisch- Harmonisierung, de facto Gleichschaltung, Gleichmachung verschiedener Interessen nur mit -letztlich brutalem- Zwang kurzfristig „erfolgreich“ sein kann.

  2. Der Bockerer

    @Thomas Holzer:
    Haben Sie eine Ahnung! Die Geräuschpegel von Baumaschinen zu harmonisieren, ist ein Projekt, das die klügsten Köpfe der sogenannten Elite für Jahre beschäftigen kann. Und das ist nur ein kleiner Teil eines nahezu uferlosen Ganzen: Denken Sie nur an die Harmonisierung von Traktorsitzen, Abgasnormen etc. Hier geht die Arbeit nie aus!

  3. stiller Mitleser

    Dahrendorf ist mir noch aus der Positivismusdebatte in Erinnerung. Sein Kontrahent Adorno wäre mit der Verleihung des nach ihm genannten Preises an Judith Butler gewiß nicht einverstanden gewesen.

  4. waldsee

    @stiller Mitleser.
    ich kenne den Positivismusstreit nicht,was soll er gebracht haben.Zur Zeit sehe ich andere Probleme.Ziemlich rückständige Ideologien (im Religionskostüm auftretend) sind dabei die Themenführerschaft an sich zu reißen und wir führen Gespräche im Salon der Vorkriegszeit ?Welche praktischen Auswirkungen haben diese Debatten heute?

  5. stiller Mitleser

    @ waldsee
    https://de.wikipedia.org/wiki/Positivismusstreit

    Vermutlich sind Sie viel jünger als ich oder haben ein MINT-Fach studiert und kennen deshalb den Positivismusstreit, der vor allem inneruniversitäre Auswirkungen hatte, wie z.B. die zögerliche aber doch Zulassung der Psychoanalyse in die univ. Lehre, nicht, man muß ihn auch nicht kennen.

    Wenn Sie Zeit und Muße haben, lesen Sie doch ein bißchen Adorno, mit „Minima Moralia“ beginnen.

  6. Hanna

    Na, bittaschön, aber wo bleibt Richard Graf Koudenhouve-Kalergi, der die Idee „Pan-Europa“ überhaupt entwickelt hat?

  7. mariuslupus

    @Hanna
    Na, wo bleibt er den, der Herr Graf ? Seine Erben haben, wie häufig es halt Erben so tun, seine Ideen so ziemlich pervertiert.

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