Wenn Demokratie mit Feminismus kollidiert

(ANDREAS UNTERBERGER) Vor den Wahlen ist viel über die neuen Kandidatensysteme der ÖVP geredet worden; nachher erstaunlich wenig. Dabei zeigt sich erst jetzt das wahre Echo der Vorzugsstimmen- und Reißverschlussaufregung bei den Stimmbürgern. Das ist mehr als eindeutig. Da es aber nicht in den medial-feministischen Zeitgeist passt, wird es völlig unter den Tisch gekehrt. Auch das deutsche Wahlergebnis zeigt alles andere als einen Triumph des Feminismus.

Die Mainstream-Medien beurteilen freilich die Frauenquoten völlig gleichgeschaltet ständig mit dem gleichen Maßstab: Sie tadeln, wenn sich diese irgendwo verringert haben. Sie konstatieren eine „Verbesserung“, wenn sich der Frauenanteil vergrößert hat.

Diese Bewertung ist selbstverständlich eine legitime Meinung, aber sie ist halt ein bisschen undemokratisch. Denn sie hat jedenfalls mit der Meinung der Wähler nichts zu tun, wie sich bei beiden Parlamentswahlen eindeutig gezeigt hat. Und noch undemokratischer ist es, wenn Medien das Verhalten der Wähler nicht einmal zur Kenntnis nehmen, nicht einmal ordentlich darüber berichten, was Hunderttausende am Wahltag genau gewollt haben.

Die deshalb in der Folge detailliert aufgelisteten Einzelbeobachtungen lassen sich auf einen klaren gemeinsamen Nenner bringen: Das Wahlverhalten der männlichen UND weiblichen Wähler zeigt massives Desinteresse an Quoten, zeigt eine deutliche Bevorzugung männlicher Kandidaten, obwohl ja Frauen die deutliche Mehrheit unter den Wählern stellen. Das Quotendenken ist also ganz eindeutig als bloßes Anliegen der politmedialen Schnattergesellschaft entlarvt, den Wählern ist es aber mit Ausnahme der grünen Restelemente weitgehend gleichgültig. Die Medien werden jedoch auch in dieser Frage ganz von einer grünen Wertordnung beherrscht.

Die Detailbeweise zu dieser generellen Erkenntnis:

  1. Der deutsche Bundestag hat einen geringeren Frauenanteil als seit vielen Jahren. Zuletzt war er dort vor 23 Jahren so gering. In Deutschland schicken die in Summe das Ergebnis massiv dominierenden bürgerlichen Parteien AfD, FDP und CDU/CSU überwiegend Männer ins Parlament. Etwa bei der wiedereingezogenen FDP sind von 80 Abgeordneten nur 19 Frauen. Bei der CDU ist der Anteil noch geringer. Und bei der AfD sind es gar nur 10 von 92. Ganz offensichtlich aber haben die geringen Frauenquoten den großen Erfolg von AfD und FDP absolut nicht gehindert.
  2. Einen interessanten Vergleich hat die FAZ angestellt: Sie hat den Frauenanteil unter den CSU-Bundestagsabgeordneten von 27 Prozent näher untersucht. Das ist in Hinblick auf die Gesamtbevölkerung zweifellos eine Unterrepräsentation, auch wenn dieser Anteil höher ist als bei den anderen bürgerlichen Parteien. In Hinblick auf das Interesse an Politik stellen diese 27 Prozent jedoch eine klare Überrepräsentation der Frauen dar. Denn der Anteil der Frauen an der CSU-Mitgliedschaft beträgt nur 20 Prozent, zeigt also eindeutig Desinteresse an der Politik, gibt es doch bei der Aufnahme als Parteimitglied sicher keine der ständig behaupteten Frauen-Diskriminierungen. Parteien freuen sich vielmehr über jedes Mitglied. Dieses Zahlenverhältnis beweist also, dass Männer, die in die Politik wollen, es viel schwerer haben als ähnlich engagierte Frauen, ein Mandat zu erobern. Das ist letztlich eine klassische Diskriminierung. Nur darf offensichtlich nirgendwo über die Diskriminierung von Männern berichtet werden.
  3. Wechsel nach Österreich, zuerst zur SPÖ. Diese hat ja die letzten zehn Jahre Österreich mit einer Fülle weiblicher Minister beglückt, die freilich wenig bleibende Fußabdrücke in der Geschichte hinterlassen haben (wer an dieser Aussage zweifelt, möge einmal seine Umgebung etwa nach den Namen aller Unterrichtsministerinnen der letzten Dekade fragen). Zwar sind 54 Prozent der SPÖ-Wähler Frauen. Sie sind also dort überproportional vertreten. Aber die Sehnsucht nach weiblichen Abgeordneten hält sich dennoch bei den SPÖ-Wählern in sehr engen Grenzen, wie dieser Vergleich zeigt:
    Vorzugsstimmenanteil weiblicher SPÖ-Kandidaten: 14 Prozent
    Vorzugsstimmenanteil männlicher SPÖ-Kandidaten: 86 Prozent
    Noch irgendwelche Fragen?
  4. Vielleicht könnte man noch fragen, wie sieht dieses Verhältnis denn aus, wenn man die beiden parteiinternen Vorzugsstimmen-Kaiser Kern (67.227 auf der Bundesliste) und Doskozil (9022) herausrechnet, auch wenn das eigentlich methodisch nicht sehr seriös ist. Selbst dann ist das Verhältnis eindeutig, wenn es auch nach Wegfall der beiden bestplatzierten Männer natürlich besser für die Frauen ausfällt:
    Vorzugsstimmenanteil weiblicher SPÖ-Kandidaten: 38 Prozent
    Vorzugsstimmenanteil männlicher SPÖ-Kandidaten: 62 Prozent
  5. Noch schlimmer sieht es aus, wenn man die bestplatzierte Frau auf der roten Bundesliste sucht. Das ist Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner. Sie ist im Wahlkampf von SPÖ und (daher auch) ORF besonders gepusht worden, sie ist sogar mit Kern plakatiert worden, sie stand an zweiter Stelle hinter Kern auf der Bundesliste. Und dennoch erreichte sie nur den mageren sechsten Platz hinter fünf Männern! (Wer das war außer Kern und Doskozil? Das waren – noch vor dem Medienliebling Josef Cap – die beiden Herren Ahmed Husagic und Omar Al-Rawi, also Exponenten des bosnischen beziehungsweise arabischen Islams; was übrigens auch zeigt, wohin sich die Schwerpunkte der SPÖ-Wählerschaft verschoben haben).
  6. Bei der ÖVP fällt die männliche Dominanz bei den Vorzugsstimmen noch dramatischer aus. Das hängt mit dem alles dominierenden Sebastian Kurz zusammen (117.468).
    Vorzugsstimmenanteil weiblicher ÖVP-Kandidaten: 10 Prozent
    Vorzugsstimmenanteil männlicher ÖVP-Kandidaten: 90 Prozent
  7. Nun könnte man auch bei der ÖVP so wie bei der SPÖ die beiden Kandidaten mit den meisten Vorzugsstimmen herausrechnen. Das sind Kurz und seine Generalsekretärin Köstinger (7944). Deren zweiter Platz ist immerhin ein weiblicher Teilerfolg. Bei der ÖVP sieht es dann so aus:
    Vorzugsstimmenanteil weiblicher ÖVP-Kandidaten: 35 Prozent
    Vorzugsstimmenanteil männlicher ÖVP-Kandidaten: 65 Prozent
    Nur zur Erinnerung: Dies, obwohl die ÖVP auf allen Listen so wie die SPÖ ein strenges Mann-Frau- (oder Frau-Mann-)Reißverschlusssystem hat.
  1. Als einzige Partei hat die ÖVP daneben auch noch ein deutlich besseres Vorzugsstimmensystem eingeführt. Weiter hinten liegende Kandidaten konnten sich so leichter nach vorne katapultieren, als es das restriktive gesetzliche Vorzugsstimmensystem vorsieht. Aber auch dieses spezifische ÖVP-System brachte alles andere als einen Triumph des Feminismus. Der dadurch ausgelöste Vorzugsstimmenwahlkampf hat vielmehr dazu geführt, dass zwei nicht fürs Parlament eingeplante Männer an Frauen vorbei sogar die strenge gesetzliche Vorzugsstimmenhürde geschafft haben (Dominik Schrott im Tiroler Oberland und Christoph Stark in der Oststeiermark). Bei keiner anderen Partei hat sich sonst hingegen die gesetzliche Reihenfolge verändert. Fünf weitere Kandidaten haben überdies von dem leichter überwindbaren Vorzugsstimmensystem der ÖVP profitiert (drei Männer und zwei Frauen).
  2. Auch der relativ erfolgreichste Vorzugsstimmensammler, der trotz 4100 Vorzugsstimmen ohne Mandat geblieben ist, ist ein ÖVP-Mann: der Tiroler Wirtschaftsbund- und WKO-Tourismuschef Franz Hörl.
  3. Nur bei den Grünen dominieren die Frauen, auf der Kandidatenliste wie auch bei den diversen Vorzugsstimmen-Additionen. Auf dem zweiten Platz hinter der Spitzenkandidatin Lunacek liegt die weitgehend unbekannte Aygül Berivan Aslan. Allerdings: Das gesamte Abschneiden der Grünen ist bekanntlich alles andere als eine Erfolgsgeschichte. Das ist also auch kein Erfolgsbeweis für eine frauendominierten Liste.
  4. Dass bei den Freiheitlichen der Vorzugsstimmenanteil der Frauen verschwindend gering ist, überrascht am wenigsten, haben doch die Freiheitlichen total auf Reißverschlüsse und Quoten verzichtet. Das hat ihrem Erfolg aber überhaupt nicht geschadet. Ihre beste Frau, Marlene Svazek, erreichte mit eher 552 Vorzugsstimmen parteiintern nur den fünften Platz. Parteichef Strache hat hingegen 41.479, Norbert Hofer 9492.
  5. Lediglich bei den Neos kommt eine Frau, Irmgard Griss, mit 5200 Vorzugsstimmen, dem Spitzenkandidaten Strolz (7265) recht nahe.
  6. Die Liste Peter Pilz ist einsam vom Namensgeber dominiert (6064). Der Zweite, der „Volksbildner“ Sebastian Bohrn hat nur noch 1626 Vorzugsstimmen. Das zeigt freilich, wie groß das Problem der Liste ist, seit Frauenbelästiger Peter Pilz ausgeschieden ist.
  7. Dass im österreichischen Parlament der Frauenanteil von 31 auf knapp 34 Prozent gestiegen ist, hängt also in keiner Weise mit einem irgendwie zum Ausdruck kommenden Willen der Wählerschaft zusammen, sondern ausschließlich mit der Listengestaltung der einzelnen Parteien, die vor allem mit dem Reißverschluss dem Druck von Radikalfeministinnen und Medien wieder ein Stück weiter nachgegeben haben.

Wer sich für den Gesamtüberblick interessiert: Hier die jeweiligen Vorzugsstimmenergebnisse der Bundeslisten von ÖVP, SPÖ und Grünen.

Hier die komplette Übersicht der gewählten Kandidaten nach Wahlkreisen.

Und hier die offizielle Liste des Innenministeriums mit allen vergebenen Vorzugsstimmen für alle Parteien.

PS: Als groteske Fußnote sei noch das lächerliche Verhalten der Wiener Landeswahlbehörde erwähnt, die zum Unterschied vom Rest des Landes auch jeden weiblichen Träger des Doktortitels in eine „Dr.in“ verwandelt hat. Auch das zeigt, wie sehr das ständige Quoten- und Feminismus-Gedöns ein bloßes Phänomen der linken Blase in der politmedialen Hauptstadtszene ist.

PPS: Alle Zahlen-Angaben zu Vorzugsstimmen beziehen sich nur auf die Bundesliste. Die meisten Genannten haben auch auf regionalen Listen kandidiert. Die dabei erzielten Vorzugsstimmen sind hier der Vergleichbarkeit halber nicht einberechnet worden. (TB)

One comment

  1. Falke

    Mit seiner Änderungs-, Verjüngungs- und Feminisierungwut hat Kurz so ziemlich über die Stränge geschlagen. Besonders die Einsetzung von Elisabeth Köstinger als NR-Präsidentin istabsolut keine gute Idee. An sich sollte an dieser Position ein längjähriger und erfahrener Parlamentarier sitzen. Erfahrung im EU-Parlament ist da wohl eher kontraproduktiv. Ganz verscherzen mit der „alten“ ÖVP sollte es sich Kurz doch auch nicht, die wird er zweifellos auch noch brauchen.

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