Afrika: „Ein Glücksspiel auf Leben und Tod“

(Volker SEITZ) Die Sicherheit von Verkehrsmitteln wird laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in vielen afrikanischen Ländern vernachlässigt. Todes- und Unfallraten sind hoch, Mängelstatistiken – sofern es sie gibt – weisen Defizite aus. Es sind vor allem die technischen Standards der Fahrzeuge, die Möglichkeit Führerscheine zu kaufen, das Fehlen der Fahrerschulung und eine kaum stattfindende Verkehrsaufsicht, die das Unfallrisiko mit bestimmen. Es wird schicksalsergeben hingenommen, dass es bei Unfällen kaum funktionierende Rettungssysteme gibt. Dies alles trifft vor allem die Armen.

Gründe für eine Hinnahme der Zustände liegen auch in kulturellen Eigenheiten. Die britische Wissenschaftlerin Rachael Dixey publizierte 1999 eine Studie, in der sie Angehörige des Yoruba Volkes (21 Prozent der Bevölkerung in Nigeria) zu Verkehrsunfällen befragte. Die Befragten erklärten, dass im Leben alles vorbestimmt sei. Oludumare, der Lebensschöpfer, habe das Schicksal jedes Menschen schon vor der Geburt weitgehend festgelegt. Eine derart fatalistische Einstellung ist bequem für die herrschende Klasse, und sie ist mir auch in anderen afrikanischen Ländern, z.B. im Niger, Benin und Kamerun begegnet.

Der Beniner Künstler Romuald Hazoumè thematisiert Transport und Fatalismus in seinem künstlerischen Video „Roulette béninoise“, also ein Art „Russisches Roulette“, ein Glücksspiel auf Leben und Tod, im Straßenverkehr. Hier ist es der Benzin-Schmuggel von Nigeria nach Benin, für den die Moped-Fahrer – bis zu 300 Liter Benzin werden in aufgeblasenen Kanistern auf einem Moped transportiert! – täglich ihr Leben riskieren. 1.500 FCFA verdient solch ein Fahrer pro Tag, keine zwei Euro. (Vgl. „Romuald Hazoumè“, Buchpublikation von Daniela Roth, 2013, Kapitel „Roulette béninoise.)

Jeder, der in Afrika unterwegs ist, kennt es: Hinter dem Steuer sind viele Afrikaner seltsamerweise immer in Eile. Obwohl sie im täglichen Leben viel Zeit haben, rasen sie mit halsbrecherischer Geschwindigkeit die Hänge herunter und mit riskanten Überholmanövern in die Kurven hinein. Die Überlandstraßen, oft in schlechtem Zustand, sind gesäumt von zahlreichen ausgebrannten Fahrzeugen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass mehr Menschen bei Autounfällen sterben als an Malaria oder Aids. Viele Straßen gelten insbesondere nachts als Todesstrecken. Unbeleuchtete LKWs sind dann häufig tödliche Fallen. Durch die risikoreiche Raserei mit Schrottkisten kommen Menschen zu Tode, werden zu Krüppeln. Afrikanische Medien berichten fast täglich von schweren Unfällen. Am gefährlichsten ist das Reisen nachts in privaten Bussen: „Leichenhäuser auf Rädern“ werden sie im Volksmund genannt. Der kamerunische Schriftsteller Hilaire Mbakop schreibt: „Die Strecke Douala-Yaoundé wird zu Recht die Straße des Todes genannt.“

In manchen Ländern Zentralafrikas kommt es auf den Hauptverkehrsverbindungen zu Straßenüberfällen. Ein gefällter Baumstamm verhindert die Weiterfahrt. Die coupeurs de route (Straßenräuber), nehmen das Hindernis gegen Bezahlung wieder weg. Die Höhe des zu entrichtenden „Wegegeldes“ richtet sich nach dem mutmaßlichen sozialen Status der Passagiere. Diese Straßenräuberei in milder Form bis hin zu schweren Formen wird kaum geahndet. Der Nuntius von Kamerun (päpstlicher Botschafter; entsprechend gekleidet) allerdings erzählte mir, dass er vom Obolus befreit wurde mit den Worten: „Dich kenne ich aus dem Fernsehen! Du darfst weiterfahren!“

Autos und Busse sind pittoresk überladen und kaum verkehrssicher. Jedes in Europa ausgemusterte Fahrzeug findet hier noch seinen Liebhaber. Sicherheitsgurte, Airbag und Wartung sind praktisch unbekannt. Schwere Unfälle durch versagende Bremsen, durch Fahren ohne Licht, bzw. generell fehlende Wartung der Fahrzeuge, sind leider in Teilen Afrikas häufig. Dazu kommen fehlende Fahrkenntnisse. Es gibt zwar einen TÜV, aber die Überprüfung von PKWs und LKWs ist eine Farce. Oft fehlt den Prüfern eine solide Ausbildung. Der richtige Geldschein genügt allerdings für den Stempel. Viele Autofahrer können nicht lesen und schreiben. 90% der Taxifahrer in Dakar, der Hauptstadt des Senegal, halten Verkehrsschilder für Straßenschmuck, hat eine Umfrage ergeben. All das wird mit Fatalismus hingenommen. Jedes Auto wird gefahren, bis es wirklich überhaupt nicht mehr fährt oder bei einem der zahlreichen Unfälle zu einem Totalschaden wird. Die Fahrzeuge bleiben dann einfach am Straßenrand liegen und verrosten. Für Schrotthändler aus Europa wären viele Staaten Afrikas ein Paradies.

Selbstredend gilt dies alles nicht für die privilegierte Klasse. Sie fährt teure, sichere Geländewagen.
LUFTFAHRT

Am 30. Dezember 2016 musste ein A380 von AIR FRANCE auf dem Weg von Paris nach Abidjan in der Elfenbeinküste auf halbem Wege wieder umkehren. Am Zielort war die Pistenbeleuchtung defekt. Das ist nicht zum ersten Mal passiert. Peinlich für die dortige Regierung, denn sie hat mehrfach erklärt, dass der Aéroport International Félix-Houphouet-Boigny zu den sichersten und besten in Westafrika zählt.

Die afrikanische Luftfahrt leidet immer noch unter jahrzehntelanger Vernachlässigung. Es gibt riesige Gebiete ohne Luftraumüberwachung. Die Lücken in der Bodenüberwachung bestehen vor allem südlich der Sahara. In Südafrika und in den nördlichen Staaten gibt es eine effiziente Bodenkontrolle. Allerdings fehlt auf einer Route von Europa nach Südafrika oft eine Radar-Luftraumüberwachung. Afrika bleibt bei der Flugsicherheit der gefährlichste Kontinent der Welt. 20 Prozent aller schweren Unfälle ereignen sich in Afrika – obwohl dort nur drei Prozent aller Abflüge stattfinden. In Asien hat sich gezeigt, wie eine exzellente Flughafenstruktur die Wirtschaftsentwicklung beschleunigen kann. Laut IATA (International Air Transport Association) ist es – aufgrund hoher Steuern – in Afrika um ein Fünftel teurer, ein Flugzeug zu betanken, als im globalen Durchschnitt. Alle Routen werden von Regierungen kontrolliert, oft verbunden mit einer Menge Bürokratie.

Warum wird nicht mehr Geld in die Ausbildung der Piloten und in neue Flugzeuge investiert? Weil die Fluggesellschaften als Pfründe für Politiker herhalten müssen. Hier spiegelt sich auch der Mangel an verantwortungsvoller, am Gemeinwohl orientierter Machtausübung von Regierungen und der ihnen unterstellten Behörden bei der Führung der Staatsgeschäfte wider.

Die hohe Zahl der Flugunfälle in Afrika berücksichtigt dabei nicht einmal die Zwischenfälle mit Geräten aus sowjetischer Produktion. Den Illuschins und Antonovs aus den 1960er Jahren fehlt es an Wartung. Diese Flugzeuge sind noch zahlreich im Kongo, in Angola, in Guinea, in Äquatorialguinea und Kongo-Brazzaville: Länder, die enge Beziehungen zum sowjetischen Block hatten. Ich kenne Afrika seit 40 Jahren. Im afrikanischen Luftraum hat sich seither nur wenig geändert. Es fehlt eine „Sicherheits-Kultur“. Zu meiner Zeit in Kamerun sprachen französische Luftfahrtbehörden für die damalige staatliche Fluglinie CAMAIR mehrmals ein Landeverbot aus. In Paris wurden Lecks in der Hydraulik, abgefahrene Reifen, ungültige Bordpapiere, unsachgemäße Sicherung von gefährlichem Cargo (was schon einmal zu einem Unfall geführt hatte, weil das Heck beim Abflug in Duala auf der Piste aufgeschlagen war), Überladung der Maschine, etc., festgestellt. Die kamerunische Regierung reagierte mit Unverständnis auf das Landeverbot und warf den Franzosen vor, „unflexibel“ zu sein. Internationale Sicherheitsnormen werden nur unter Druck akzeptiert. Auf der schwarzen Liste der EU Kommission stehen 100 Fluggesellschaften, die unter dem notwendigen Sicherheitsniveau liegen und die EU nicht mehr ansteuern dürfen. Die Mehrzahl aus Afrika.

Die Flughäfen in manchen Staaten, z.B. Kamerun, Kongo, sind in einem beklagenswerten Zustand. Die Liste der technischen Mängel reicht von fehlender Sicherheit der Flughäfen (unzureichende Umzäunung, schlechte Qualität der Start- und Landebahnen, katastrophale Ausstattung der Rettungs- und Löschdienste) bis zu den Pisten. Auch sie sind in jämmerlichem Zustand, werden oft nicht ausreichend beleuchtet, Notstromaggregate sind defekt, es fehlt an Ersatzteilen, es fehlt an Benzin für Feuerwehrfahrzeuge – und auf den Landebahnen steht schon mal eine Kuh oder eine Ziege. Im Kongo werden seit 2009 10 US-Dollar Gebühren für Inlandflüge und 50 Dollar für internationale Flüge erhoben. Das bringt pro Jahr 20 Millionen Dollar und war für die Verbesserung der Flughafeninfrastruktur vorgesehen. Einzige Verbesserung bislang: der Bau eines neuen Ehrensalons für den Staatspräsidenten auf dem Flughafen Ndjili in Kinshasa.

Für Fluggäste empfiehlt sich eine fatalistische Haltung auch in Bezug auf Reisewege. Oft fliegt man in ein afrikanisches Nachbarland rascher und sicherer über Europa. Von Yaoundé in Kamerun nach Bangui, Zentralafrikanische Republik, – Luftlinie 791km – war es für mich die einzige Möglichkeit, zuerst nach Paris zu fliegen, umzusteigen und wieder zurück zu fliegen.

Die afrikanischen Regierungen wissen, dass die Wahrscheinlichkeit, an Bord einer großen europäischen Airline in einen schweren Unfall verwickelt zu werden, sehr gering ist. Auch wird es kaum vorkommen, dass vor Abflug noch zahlreiche Passagiere ohne Ticket zusteigen. Deshalb fliegen Afrikaner, die es sich leisten können, mit europäischen Fluglinien. Schon weil dort die 1. Klasse angenehmer ist, die für die afrikanischen Eliten als einzig angemessene Reisemöglichkeit gilt.

Sicheres Reisen in Afrika ist ein Privileg. Für die Mehrzahl der Afrikaner gilt, was schon Joseph Conrad sagte: „In Afrika muss man vor allem Gleichmut bewahren.“

Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Buches „Afrika wird armregiert“, das im Herbst 2014 in erweiterter siebter Auflage bei dtv erschienen ist. Volker Seitz publiziert regelmäßig zum Thema Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika und hält Vorträge.

6 comments

  1. Thomas Holzer

    So der „Westen“ gefragt werden sollte, dann möge er helfen, primär aber nicht mit dem schnöden Mammon, sondern mit konkreten Projekten a la „learning by doing“.

    Ansonsten: man lasse bitte die Afrikaner ihres Glückes Schmied selbst sein

  2. Rado

    Warum hat sich Afrika eigentlich nie zivilisiert und entwickelt?
    Singapur hatte in den 1960er Jahren etwas dieselbe Ausgangsbasis wie Tansania. Und jetzt?

  3. Erich

    @Rado
    Immer noch wird uns eingeredet, dass die Ausbeutung Afrikas durch uns (!) an allem Schuld ist. Angeblich wird auch heute noch der Kontinent durch uns (!) ausgebeutet. Seitz hat ja so recht: 70 Jahre nach Ende der Kolonialzeit geht es der afrikanischen einfachen Bevölkerung immer schlechter. Leider werden seine Bücher nicht so propagiert wie beispielsweise die eines Jean Zieglers und anderer Weltverbesserer.

  4. sokrates9

    Gerade zurück aus Westafrika kann ich den Artikel von Seitz nur bestätigen! Fatalismus, Korruption, kein Verständnis für Wartung und Service! Lösung? Zaun rund um Afrika und die Europäer raus! 60% der Ghanesischen Ärzte sind in London! Ein junger Arzt kehrt mit altem Röntgengerät in seine Heimat zurück! Er hat kaum Patienten – nebenan sind Ärzte ohne Grenzen mit neuester Ausrüstung beschäftigt!

  5. Falke

    @Erich
    Und weil wir an den Zuständen in Afrika „schuld“ sind, müssen wir natürlich auch die Millionen afrikanischer „Flüchtlinge“, die täglich aus dem Mittelmeer „gerettet“ werden, bei uns aufnehmen und bis ans Lebensende durchfüttern.

  6. mariuslupus

    Merkel meint afrikanische Flüchtlinge sollten LKW Fahrer Fahrer werden. Auch eine Bereicherung auf den Strassen und Marktplätzen.

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .