Boris Johnsons dead cat Strategie

(GEORG VETTER)  Hinsichtlich des russischen Geheimdienstes scheint es derzeit zwei Denkschulen zu geben: Die erste hält den russischen Geheimdienst für unfähig einen Exagenten auszuschalten – noch dazu unter Hinterlassung einer Visitenkarte.

Die andere hält den russischen Geheimdienst für so smart, dass er selbst die amerikanischen Präsidentschaftswahlen gewinnt, ohne dass andere dies rechtzeitig merken.

Eine dritte Gruppe glaubt sogar beides. Sie begibt sich sozusagen in jene Welt Dostojewskis, in der alles wahr ist – auch das Gegenteil.

Probleme haben beide Denkschulen mit der Beweisbarkeit. Daher flüchtet man in die Propaganda. Wie sagte Konfuzius, den man in Russland gerne zitiert? Es ist schwer eine schwarze Katze in einem dunklen Raum zu finden – vor allem dann, wenn sie nicht da ist.

Apropos: Mit den Katzen hat es auch der britische Außenminister Boris Johnson, der 2013 die dead cat Strategie erfunden hat:

There is one thing that is absolutely certain when you throw a dead cat on the dining room table and I don’t mean that people will be outraged, alarmed, disgusted. That is true, but irrelevant. The key point is that everyone will shout: ‘Jeez, mate. There is a dead cat on the table!’ In other words they will be talking about the dead cat – the thing you want them to talk about – and  they will not be talking about the issue that has been causing you so much grief.

Kann sich noch jemand erinnern, worüber man im Königreich vor der Gifttattacke und der anschließenden Solidarisierungswelle sprach?

19 comments

  1. sokrates9

    @ Georg Vetter: zur 3. Gruppe gehören alle europäischen Medien! Die werden verkauft – gottseidank immer weniger – die Journalisten bekommen für ihre Narrative bezahlt – die Welt ist in Ordnung!

  2. Christian Peter

    Dass Russland hinter den Mordanschlag im Fall Skripal steht, darüber kann kein ernsthafter Zweifel bestehen. Schließlich handelte es sich nicht um den ersten Anschlag dieser Art, es mussten schon zahllose russische Dissidenten sterben, u.a. der ehemalige Doppelagent Alexander Litwinenko.

  3. Christian Peter

    @TH

    Selbstverständlich. Litwinenko lief 2003 zum MI6 über und trat danach als Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin und Buchautor in Erscheinung, bis er 2006 durch das Gift Polonium in Großbritannien getötet wurde.

  4. publisher

    Georg Vetter:
    Ausgezeichneter Artikel!
    Die Geschichte mit der toten Katze hat schon Kreisky in den 70er Jahren mit Bravour praktiziert:
    Hatte er politische Probleme, stellte er bei einer Pressekonferenz eine tolle neue Idee in den Raum – und ORF und Medien hoppelten sofort brav bis hysterisch dem neuen Schweinchen hinterher……

  5. Falke

    Theresa May und Boris Johnson standen ja unter Dauerdruck wegen der Brexit-Verhandlungen. Da kam die Skripal-Affäre wie gerufen: kein Mensch kümmert sich mehr um Brexit, (fast) der ganze Westen erklärt sich solidarisch mit GB – natürlich ohne jeden Beweis, da gilt plötzlich die Beweislastumkehr, also der Beschuldigte muss seine Unschuld beweisen. Gut, dass es Putin und Trump gibt: immer, wenn irgendwo etwas schiefgeht, ist einer von den beiden schuld daran.

  6. Dieuetmondroit

    Ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber spekulieren darf ich doch:
    Russlands Geheimdienst soll also einen Anschlag ausgeführt haben, der
    1. nicht funktionierte, denn das Opfer lebt ja noch.
    2. eine unbeteiligte Person (Tochter der Zielperson) mitbetraf.
    3. von jedem bemerkt wurde (ein Verkehrsunfall wäre unfauffälliger)
    4. mit einer Substanz verübt wurde, die nach Russland zurückverfolgt werden kann.

    Habe ich etwas vergessen? Ein so stümperhaftes Vorgehen kann ich mir bei einem großen Geheimdienst nicht vorstellen. Alleine schon aus diesem Grund bezweifle ich den vermuteten Tathergang.

  7. sokrates9

    CP@ Die alten Römer kannten die Cui – Bono Frage wenn man zweifelte wer eine Tat begangen hat! Was haben die Russen davon auf dilettantische Weise einen Agenten nach 5 Jahren gerade vor wichtigen Ereignissen aus Russischer Sicht ( Putin, Fußball) dilettantisch zu eliminieren und die westliche Welt gegen sich aufzubringen! Um hier Argumente zu finden müssen Sie schon gewaltige intellektuelle Doppelsaltos schlagen!.. es gibt auch andere Fälle, die Russen waren es weil das absolut tödliche Gift nur in Russland hergestellt werden kann, mit deutschen Panzern werden ja schließlich derzeit auch die Kurden ermordet..
    Die Beweise sind so logisch und stichhaltig wie Saddam´s Gift und Atomwaffenarsenale an die auch heute noch verzweifelt einzelne Gutmenschen glauben, weil das Böse ist nur im Osten zu finden…..

  8. Christian Peter

    @Dieuetmondroit

    1. Funktionierte sehr wohl, falls Skripal überlebt, wird er aufgrund bleibender Schäden ein Krüppel bleiben.
    2. Interessiert die Auftraggeber nicht, schließlich handelt es sich um Angehörige eines Landesverräters.
    3. Abschreckung ist beabsichtigt und soll Landesverräter davon abhalten, Staatsgeheimnisse zu verraten.
    4. Ganz egal, welches Gift verwendet wird, dass russische Auftraggeber hinter dem Mordanschlag stecken, liegt ohnehin auf der Hand.

  9. Pete R.

    Weiß nicht, vielleicht hat man vor der Gifttattacke und der anschließenden Solidarisierungswelle auch über RBS gesprochen? Pot. Schaden ~90E9 GBP

  10. Thomas Holzer

    @CP 11:23h
    Ich hoffe doch, Sie wissen, was ein Doppelagent ist; sicherlich kein Überläufer

  11. Christian Peter

    @CP

    Stimmt, zur Zeit des Überlaufens zum MI6 spionierte Litwinenko nicht mehr für den FSB. Aber Wie auch immer, in beiden Fällen werden Staatsgeheimnisse verraten und es handelt sich um Landesverrat.

  12. Giovanni B.

    Meines Wissens hat Herr Skripal ja seine Haftstrafe in einem russischen Gefängnis verbüßt. Wer über russische Gefängnissse bescheid weiß, weiß auch, wie leicht einem dort etwas zustoßen kann! Ergo, hätte sich der FSB, wenn er gewollt hätte, sich schon damals dieses Mannes auf „elegantere“ Weise entledigen können. Auch ist es keineswegs sicher, dass dieses Gift direkt aus Russland kommen muss. Da die Zusammensetzung mittlerweile bekannt ist, …. – auch besteht die Möglichkeit, das gewisse Herrschaften, da gäbe es genug Interessenten, etwas davon abgezweigt haben. Derartiges wäre nicht das erste Mal der Fall. Zweifel an der Geschichte sind mehr als angebracht, schon auch deswegen, da das britische Militärlabor, Herrn Johnson und der britischen Regierung widersprochen hat.

  13. Christian Peter

    @Giovanni

    Skripal wurde für einen Agentenaustausch benötigt, dabei gelangten 2010 10 vom FBI verhaftete russische Spione zurück in ihre Heimat, darunter die russische Agentin Anna Chapman. Bereits damals verkündete Wladimir Putin im Fernsehen : ,,Diese Verräter werden ins Gras beißen, diese Leute haben ihre Freunde betrogen, ihre Waffenbrüder.“

  14. Rennziege

    6. APRIL 2018 – 17:28 — Christian Peter
    Immer wieder atemberaubend zu lesen, was Sie alles wissen. Offenbar ein Insider und Geheimnisträger. 🙂
    Verständlich, dass Sie Ihre Quellen nicht nennen dürfen.

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