Buchtip: „Freie Privatstädte“

(ANDREAS TÖGEL) Titus Gebel, Rechtsanwalt und erfolgreicher Investor, skizziert in diesem Buch die theoretischen Grundlagen zur Errichtung einer staatsfreien Privatrechtsgesellschaft. Dass sich ein von ihm initiiertes Projekt auf einer zu Honduras gehörenden Insel gegenwärtig in der Realisierungsphase befindet, ist kein Zufall. Er begnügt sich eben nicht mit dem Theoretisieren, sondern macht Nägel mit Köpfen.
Auf dem Boden libertärer Prinzipien stehend, argumentiert er auf überzeugende Weise die Vorteile einer auf einer bürgerlich-rechtlichen Ordnung gründenden Gesellschaft als Alternative zum staatlichen Status quo, der auf Zwang, Gewalt und (mehrheitsdemokratischer) Willkür basiert. Tatsächlich erwachsen einem Staatsbürger aus der ihm einseitig auferlegten Steuerpflicht keinerlei konkreten Rechtsansprüche – etwa auf persönliche Sicherheit oder Eigentumsschutz. Zudem kann der Staat seine (Zwangs-)Angebote an seine Insassen jederzeit einseitig in jede Richtung abändern, ohne dass der Bürger bei Missfallen darauf anders, als durch Auswanderung unter Aufgabe seiner Rechte reagieren könnte.
Weshalb, so fragt Gebel völlig zu Recht, sollte es nicht möglich sein, ein Stadtprojekt zu realisieren, das auf zwischen dem Betreiber und den Bewohnern geschlossenen Verträgen, anstatt auf einem „Gesellschaftsvertag“ beruht, den niemand je zu Gesicht bekommen hat und der jederzeit einseitig zum Nachteil der Bürger abgeändert werden kann? Immerhin sind ja auch im totalitären Wohlfahrtstaat unserer Tage immer noch wesentliche Bereiche des Lebens privatrechtlich organisiert: Lebensmittel, Bekleidung, Fahrzeuge und elektronische Geräte (um nur einige zu nennen), werden ja eben nicht vom Staat produziert, wobei von Mangelversorgung (außerhalb sozialistischer Musterstaaten wie Kuba, Venezuela und Simbabwe) keine Rede sein kann. Dass der Staat ein Monopol auf bestimmte Sektoren haben muss, ist also ausschließlich ideologisch zu „argumentieren“.
Praktisch läuft Gebels Privatstadt auf die Verwirklichung jenes jeder sozialen Wärme ermangelnden „Nachtwächterstaats“ hinaus, der von den Sozialisten in allen Parteien so vehement abgelehnt wird. Der Betreiber bietet, zu vertraglich vereinbarten und einklagbaren Bedingungen, die Bereitstellung von Infrastruktur, innerer und äußerer Sicherheit, sowie Rechtsprechung (durch unabhängige Schiedsgerichte) an; die Bewohner erklären sich zur Bezahlung der vereinbarten Beiträge und zur Einhaltung der festgesetzten Regeln bereit. Basta. Umverteilung, Bevormundung der Einwohner im Hinblick auf ihre Lebensgewohnheiten, Zwangsbeglückung oder einseitige Änderung der Konditionen zum Nachteil der Bewohner, gibt es nicht oder sind rechtlich anfechtbar und berechtigen zu Schadenersatzforderungen.
Gebel jagt keiner weltfremden Utopie hinterher, sondern steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden des tatsächlich Machbaren. Konzessionen hinsichtlich der im „Gastland“ herrschenden Rechtsgrundsätze sind unvermeidlich. Dass für Projekte dieses Zuschnitts nicht gerade die sichersten und stabilsten Länder auf dem Globus zur Verfügung stehen, ist – zumindest gegenwärtig – in Kauf zu nehmen. Sollte das Projekt erfolgreich sein, werden sich Nachahmer finden. Der Wettbewerb zwischen den verschiedenen Betreibern wird zur Einhaltung der verabredeten Konditionen zwingen, da andernfalls „Fluchtbewegungen“ einsetzen würden, die den Wert der Stadt – und damit die Gewinnmöglichkeit der Betreiber – reduzieren. Man darf darauf gespannt sind, wie sich Gebels Projekt entwickeln wird.

Freie Privatstädte: Mehr Wettbewerb im wichtigsten Markt der Welt
Titus Gebel
Aquila Urbis Verlag, 2018
315 Seiten, Hardcover
ISBN: 978-3-00-059289-8
29,90,- Euro

3 comments

  1. namor

    Wie peinlich ist diese Lobhudelei. So in etwa hat man sich den Kommunismus vorgestellt, bevor 100 Millionen Tote den selbigen beerdigten.
    Eine Auswahl kritischer Fragen:
    was zahlt man an Pacht für die Nutzung? wie stellt man die Grundversorgung mit Lebensmitteln und Energie sicher? wie durchdacht ist die vollkommene Abhängigkeit von Honduras?

    Man will weg vom Staat mit seinem Zwang und Mehrheitsrecht. Man will unproduktive und delinquente los werden. Wer soll die nehmen und was wenn sie nicht gehen wollen, so ohne Zwang? Was wenn Honduras, USA (Zölle) oder das Klima die Rahmenbedingungen ändern, wer passt die Verträge an, wer ist das Souverän? Was mit den Alten oder den überraschend Erkrankten? was mit behindert geborenen Kindern? Nun ist eine Insel ja prima, am Festland werden sich sofort Armenviertel nein Armenstädte in der Peripherie entwickeln und die besseren Menschen in der Stadt werden gerne die billigen Kräfte für die niederen Arbeiten nutzen, wie zu allen Zeiten.

    Das Liberale ist utopisch Links. Nur halt nicht für die proletarische Mehrheit oder die unterdrückte Minderheit, sondern für den Übermenschen. Aber auch Übermenschen koten und dafür braucht es Sanitäreinrichtungen und die müssen errichtet und geputzt werden. Und sowas machen Übermenschen in ihrer Überstadt nicht. Dazu wird man Menschen von ausserhalb kommen lassen und das auf Zeit. Ähnlich wie die Staaten der arabischen Halbinsel.

    Nicht falsch verstehen, spannende Sache, braucht schon ordentlich was dazu, sowas um zu setzen (starker Partner im Hintergrund?). Aber das Hosianna gehört seit 2000 Jahren dem Fleisch gewordenen Gott und sicher nicht einer menschlichen Utopie.

  2. Andreas Tögel

    Verehrte(r) namor,
    alle, aber auch wirklich alle Ihrer Fragen, werden in dem Buch ausführlich beantwortet. Es scheint, als hätte Herr Gebel auf nichts vergessen – wiewohl er vielfach anmerkt, dass im „Echtbetrieb“ natürlich jederzeit Probleme auftauchen können, die nicht vorherzusehen waren. Was man ihm – anders als den unseligen Bolschewiken – wirklich nicht vorwerfen kann, ist Hybris; der totale Anspruch darauf, die absolute Weisheit gepachtet zu haben. Und vor allem: „Wer es fassen kann, der fasse es“ – alle anderen mögen es einfach bleiben lassen. Keiner wird in der Privatstadt (anders als von den Sozialisten im Rest der Welt) zu seinem Glück gezwungen. Wenn Sie also 250.000,- $ (oder mehr) für dieses Abenteuer übrig haben und einsetzen wollen, dann tun sie´s. Wenn nicht, dann eben nicht. Für besitzloses und arbeitsscheues (akademisches) Lumpenproletariat ist dort natürlich kein Platz.

    Hierzulande verfügen wir leider nicht über das Privileg, uns aussuchen zu können, was wir wollen. Wir haben vielmehr zu fressen, was ein allwissender Leviathan uns vorsetzt.

    Was in aller Welt daran schlimm sein sollte, sich frei entscheiden zu dürfen, erschießt sich mir nicht. Jedermann ist seines Glückes Schmied. Wäre ich 20, 30 Jahre jünger, würde ich mich möglicherweise zu einer Teilnahme an Gebels Projekt entschließen. Spanisch sollte sich ja erlernen lassen ;-).

  3. Mourawetz

    In einem Land, in dem Andersgesinnten der Prozess gemacht wird, ist es durchaus eine Überlegung wert, ob man nicht auswandern möchte. Da wird ein Land mit Bedingungen, wie Gebel das vertritt, durchaus ernsthaft in Erwägung gezogen. Ich habe mir das Buch besorgt, welch interessante Idee.

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