Buchtip: “Siegen oder vom Verlust der Selbstbehauptung”

“…..Eine geläufige Formulierung zur heutigen Lage lautet „Die Welt ist aus den Fugen“. Das Sprachbild, das hier gebraucht wird, legt nahe, das Problem in einem großen „Auseinander“ zu verorten, das die Welt spaltet. Und schon ist das Heilmittel geboren: Wir brauchen jetzt ein großes „Zusammen“ – der globale moralische Imperativ lautet „den Zusammenhalt stärken“. Aber es gibt viele Anzeichen, dass die heutige Weltsituation anders zu beschreiben ist: als eine heillose Verwicklung. Als eine Kombination unterschiedlicher Übergriffigkeiten. Als ein endloser Kriegszustand ohne Aussicht auf Auflösung. Das erinnert in mancher Hinsicht an die deutschen Zustände im Dreißigjährigen Krieg, der vor 400 Jahren begann und der die Bildung einer neuzeitlichen deutschen Nation über lange Zeit zurückwarf. Während andere Nationen in Europa und im Westen ihre Existenz mit militärischen Siegen verbinden konnten, blieb diese Erfahrung in Deutschland immer zweideutig und umstritten. In unserer Zeit scheint dieser Sieger-Komplex wieder bedeutsam zu werden. Aber diesmal nicht als deutsches Sonderproblem, sondern als generelle Unfähigkeit Europas und des Westens, das Eigene auch mit Gewaltmitteln zu behaupten.

Das ist das Thema des Buches „Siegen – oder vom Verlust der Selbstbehauptung“ von Parviz Amoghli und Alexander Meschnig. Es geht dabei nicht um die vielbeschworenen „Werte“, die durch ihre Überzeugungskraft siegen. Hier werden nicht die „weichen Faktoren“ betrachtet, sondern es wird geradezu demonstrativ „das Harte“ zum Prüfstein gemacht: die Fähigkeit, in einer kriegerischen Auseinandersetzung zu siegen. Frei nach dem Grundsatz: Das Gute ist nur dort wirklich etwas wert, wo es zur physischen Gewalt wird. Natürlich setzt sich ein solches Unterfangen sofort dem Vorwurf aus, gleichgültig gegenüber den Opfern kriegerischer Auseinandersetzungen zu sein.

Doch die Autoren sind alles andere als Bellizisten. Sie wenden sich an ein deutsches Publikum, das inzwischen ein Grundgefühl der Hilflosigkeit gegenüber vollendeten Tatsachen hat, die andere setzen. Das Buch ist dabei kein Alltags-Report, sondern ein grundlegender Essay über die Fähigkeit und Unfähigkeit zum Kriege, der unsere Gegenwart in einem größeren historischen Maßstab betrachtet. Die Autoren beschreiben unterschiedliche Situationen und ziehen zahlreiche Quellen heran. Das macht das Buch zu einer Fundgrube. Es ist dabei auch ein ehrliches Buch. Es zeigt, wie bedrohlich und verfahren die heutige Situation ist und kleistert diesen Befund nicht mit einer optimistischen Schlussbotschaft wieder zu. Dem mündigen Leser wird das recht sein. (weiterlesen hier)

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .