Buchtipp: “Necla Kelek: Hurriya heißt Freiheit”

Ausgerechnet in Tunesien, wo der sogenannte Arabische Frühling vor ziemlich genau zwei Jahren begonnen hatte, fühlte sich die deutsche Publizistin Necla Kelek jüngst wie ins Deutschland der 1930er Jahre zurückgebeamt: “In allen Moscheen, die wir in Tunis besuchten, sind die Salafisten zugegen und verbreiten von dort aus eine Art Tugendterror. Sie wollen getrennten Unterricht von Jungen und Mädchen, sie wollen den Niquab an den Universitäten, sie wollen kein Theater, keine Musik, keinen Alkohol. Mit diesen aggressiv vorgebrachten Forderungen schüchtern sie die Menschen ein. Mich erinnert dieses Vorgehen an die Gewalt gegen die deutschen Juden in den dreißiger Jahren (…) . Der Terror, die Diskriminierung, die Ausgrenzung wurden alltäglich, die Menschen zögerten, sich dagegen zu wehren, weil sie fürchteten, selbst Opfer von Übergriffen zu werden . . .”

Es ist keine sehr optimistische Sicht auf die Arabischen Revolutionen und ihre Auswirkungen, die Necla Kelek, gebürtige Türkin und Muslima, in ihrem Buch “Hurriya heißt Freiheit?” entwickelt. Mehrere Wochen ist die Soziologin und Islam-Kennerin durch Ägypten, Tunesien und Marokko gereist, um die Frage zu beantworten, was der Arabische Frühling vor allem den Frauen dieser Region gebracht hat.

Ihre ernüchterte Antwort: nichts. Und in manchen Fällen noch weniger als das, weil sich die Lage der Frauen zum Teil eher noch verschlechtert hat, seit die Diktaturen kollabiert und durch mehr oder weniger islamistische Regimes ersetzt worden sind, denen Feminismus ja bekanntlich nicht wirklich ein Anliegen ist.

Stattdessen beobachtet Kelek, wie schwach westlich-liberale Vorstellungen selbst im städtischen Milieu Kairos vorhanden sind und wie massiv die Religion alle sozialen Schichten dominiert: “Je mehr wir auch mit liberal eingestellten Menschen sprechen, desto deutlicher wird, dass diese Gesellschaft ohne Religion nicht denkbar ist. Säkularität, die Trennung von Staat und Religion, allein die Vorstellung, dass etwas ohne göttlichen Ratschlag gemacht oder gedacht werden könnte, stößt meist auf völliges Unverständnis.”

Düstere Zukunftsprognose
Dementsprechend düster ist auch Keleks Prognose über den weiteren Verlauf der Revolution in Ägypten: “In der eigenen Familie, jedem Haus, vor jeder Bühne werden religiöse Wächter sitzen. Die Diktatur der Älteren über die Jüngeren, der Männer über die Frauen wird zum Prinzip werden. Die Umma (Gemeinschaft der Gläubigen) als Kontrolleur …”

Es ist gleichzeitig eine Stärke und eine Schwäche des Buches, dass es sich über weite Passagen mehr wie ein Reisebericht einer den Reizen des Orients sichtbar zugetanen Autorin liest (“Das Flugzeug landet in Casablanca im Nebel. Fahles Licht auf feucht schimmerndem Asphalt…”) denn als strenge soziologische Untersuchung über die Lage des Feminismus in der arabischen Welt. Das macht den Text auf der einen Seite leicht konsumierbar und gelegentlich durchaus vergnüglich zu lesen. Auf der anderen Seite führt der kolportagehafte Stil gelegentlich dazu, dass die Autorin sich über weite Strecken nicht mit dem Gegenstand ihrer Untersuchung befasst, sondern zwischen allzu banalen touristischen Beobachtungen (“Wir verlassen gegen zehn Uhr Vormittag das Hotel, das uns mit seinem verschlafenen Charme gut tut”) und eher schlicht geratenen historischen Exkursen changiert.

Dazwischen freilich liefert Kelek auch immer wieder harte Fakten. Wie etwa, dass in Ägypten jede zweite verheiratete Frau von ihrem Ehemann geschlagen, getreten oder sonst wie körperlich misshandelt wird; dass es bis heute den Tatbestand der Vergewaltigung in der Ehe im ägyptischen Strafrecht nicht gibt; dass 95 Prozent aller Ehefrauen zwischen 15 und 49 Jahren beschnitten werden oder dass misshandelte Frauen von der Polizei im Regelfall zu ihren gewalttätigen Männern zurückgebracht werden. Wer den Arabischen Frühling noch immer für eine Art 1989 der arabischen Welt hält, wird wenig Freude mit Keleks Befunden haben. Für Realisten hingegen ist der Text mit einigem Erkenntnisgewinn zu lesen. (WZ)

5 comments

  1. Ehrenmitglied der ÖBB

    Ich hoffe nur, dass Bücher dieser Art nicht nur gelesen, sondern auch in ihren Konsequenzen durchdacht werden!
    Warum ich das schreibe? Als Samuel P. Huntingston`s Buch “Kampf der Kulturen ” ( The Clash of Civilizations) in deutscher Sprache erschien (1996), wurde der ehemalige deutsche Aussenminister H. D. Genscher um eine Einschätzung von Huntington`s Thesen gefragt .
    Antwort von Genscher: “Es wird schon dort und da zu Konflikten kommen, aber es wird kein Blut fließen”
    Soweit zur Lernkurve sogenannter Realisten!

  2. menschmaschine

    mich stört hier etwas, daß angedeutet wird, der gegenentwurf zum unterdrückenden islamismus sei für frauen der feminismus. das ist sicherlich nicht so.

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