Das Jahr 1938 und die verschwiegenen Fakten

(ANDREAS UNTERBERGER) An keine Epoche der österreichischen Geschichte wird so oft erinnert wie an den März 1938. Das geschieht alle fünf Jahre mit noch erhöhter Intensität, so auch jetzt 80 Jahre „danach“. An sich rechtfertigen die katastrophalen Folgen von 1938 durchaus Intensität und Frequenz des Gedenkens; Österreich war ja damals nicht nur seiner Unabhängigkeit und Eigenständigkeit beraubt worden, sondern ist auch in ein mörderisch-totalitäres Regime sowie einen verheerenden Weltkrieg geraten. Jedoch erfolgt dieses Gedenken seit Jahren so seltsam einseitig, jedoch wird dabei Wesentliches so weitgehend weggeschwiegen, dass man von einer Fake-Geschichtsschreibung sprechen muss. Diese übertrifft die gegenwärtig europaweit für so viel Aufregung sorgende Geschichts-Umschreibung durch Polen bei weitem.

Die Fakten, die man seit Jahrzehnten zu hören bekommt, sind zwar an sich durchaus nicht falsch. Sie brauchen daher hier nicht wiederholt zu werden. Es werden aber jene Aspekte so gut wie nie erwähnt, die ein kritisches Licht auf die Rolle vieler Sozialdemokraten werfen. Vielen von ihnen waren großdeutsches Denken und der National-SOZIALISMUS deutlich sympathischer als der autoritäre Ständestaat. Obwohl dieser an verbrecherischer Intensität überhaupt nicht mit dem totalitären Hitler-Regime vergleichbar war. Obwohl dieser viele Jahre verzweifelt um die Eigenständigkeit Österreichs gekämpft hat.

Die wichtigsten Fakten, die das beweisen:

  1. Das ist einmal die düstere Rolle von Richard Bernaschek, der als oberösterreichischer Chef des „Schutzbundes“ (das ist die bewaffnete Miliz der Sozialdemokraten) und Landesparteisekretär hauptverantwortlich für den Ausbruch des Bürgerkriegs im Februar 1934 gewesen ist. Von ihm gibt es aus den Tagen vorher eindeutig antisemitische Äußerungen des Zorns über die „jüdische Führung“ der Sozialdemokraten, weil diese den Bürgerkrieg nicht wollte. Bernaschek hatte mehrere konspirative Kontakte mit illegalen Nazis, die er selbst so kommentierte: „Das Programm der Nationalsozialisten steht uns näher“. Wenig überraschend, dass es dann wenige Wochen später ein Illegaler (Nazi) als Gefängnischef war, der ihm die Flucht aus der Haft nach Deutschland ermöglichte, und dass Bernaschek erst nach dem „Anschluss“ hochgeehrt wieder nach Österreich zurückgekommen ist. Bei den Massenverhaftungen nach dem Attentatsversuch (konservativer Offiziere) des Juli 1944 gegen Hitler wurde allerdings dann auch er festgenommen und knapp vor Kriegsende ermordet. Es ist also eindeutig eine Geschichtsklitterung, wenn der Aufstand des Schutzbundes ständig als hehrer Kampf für Demokratie und Freiheit dargestellt wird. Es gab viele in der Sozialdemokratie, die so dachten wie Bernaschek. Und noch heute erinnern viele Straßen-Bezeichnungen in sozialistisch regierten Gemeinden an ihn.
  2. Im auch nach(!) der Machtergreifung Hitlers in Deutschland noch monatelang so geltenden „Linzer Programm“ der Sozialdemokraten aus 1926 heißt es wörtlich: „Die Sozialdemokratie betrachtet den Anschluss Deutschösterreichs an das Deutsche Reich als notwendigen Abschluss der nationalen Revolutionen von 1918. Sie erstrebt mit friedlichen Mitteln den Anschluss an die Deutsche Republik.“
    Die Bezeichnung „Deutschösterreich“ war freilich schon im Jahr 1919 wieder abgeschafft und durch „Republik Österreich“ ersetzt worden. Sie wurde 1926 von den Sozialdemokraten ganz offensichtlich zur Unterstreichung ihrer Anschlusslust verwendet!
    In diesem Programm ist auch sonst vom klaren Bekenntnis zum Marxismus über allgemeine Verstaatlichung bis zur „Diktatur der Arbeiterklasse“ alles enthalten, was jeden Bürgerlichen davon überzeugt musste, dass diese Partei sowohl deutschnational wie kommunistisch ist. Das hat insbesondere vor dem Hintergrund der Millionen Opfer der zehn Jahre zuvor erfolgten Machtergreifung der Bolschewiken in der Sowjetunion alle Nichtsozialisten schockiert.
  3. Die Abschaffung der österreichischen Demokratie im Jahr 1933 war von Bundeskanzler Dollfuß nicht ganz zu Unrecht mit der Überzeugung begründet worden, dass nur so die Eigenständigkeit Österreichs gegen die Nazis gerettet werden könne. Diese hatten auch hierzulande davor etliche Wahlerfolge erzielt. Das hat im Juli 1934 zu Nazi-Putschversuch und Dollfuß-Ermordung durch die Nazis geführt. Das hat Österreich aber zweifellos ein paar Jahre eigenständig überleben lassen.
  4. Der deutsche Einmarsch im März 1938 wurde nicht durch eine Einladung Österreichs ausgelöst, sondern im Gegenteil durch dessen überraschende Ankündigung, eine Abstimmung über Österreichs Eigenständigkeit abzuhalten. Diese wäre nach überwiegender Ansicht auch der meisten linken Historiker selbst bei einem korrekten Ablauf pro Österreich ausgegangen. Umso absurder ist es, dass in der offiziellen Geschichtsdarstellung ständig nur von der total manipulierten Nazi-Abstimmung mit 99-Prozent-Ergebnissen berichtet wird.
  5. Rund um die vom Ständestaat angekündigte Abstimmung gab es intensive Versuche vor allem sozialdemokratischer Arbeiterführer wie Franz Olah, gemeinsam mit der Regierung gegen Hitler zu kämpfen, aber die (ob der Abschaffung der Demokratie verbitterte) Parteiführung war nicht bereit dazu.
  6. Nach dem deutschen Einmarsch verfasste Karl Renner ohne jeden Zwang (wie er nach dem Krieg selbst zugab) einen Text, in dem er „die beispiellose Beharrlichkeit und Tatkraft der deutschen Reichsregierung“ bejubelte. Und er rief freiwillig zum Ja bei der von Hitler inszenierten Volksabstimmung über den Anschluss auf.
  7. Am 1. April 1938, also knapp nach dem deutschen Einmarsch, veröffentlichte das Auslandsbüro der österreichischen Sozialdemokraten (geführt vom langjährigen Parteichef Otto Bauer) in Brüssel eine Deklaration, dass der „Anschluss“ nicht rückgängig zu machen sei, weil die Revolution nur im gesamtdeutschen Rahmen eine Chance habe.
  8. Die einzige Organisation, die während der NS-Zeit in Österreich eine eindrucksvolle Anti-NS-Kundgebung zustandegebracht hat, war im Herbst 1938 die Katholische Jugend. Sie skandierten damals provokant in St. Stephan „Wir wollen unseren Bischof sehen“, womit sie sich über das „Wir wollen unseren Führer sehen“ der Nazis lustig machten. Das hatte für die Kirche damals zwar schlimme Folgen. Das tilgte aber die Schande, dass Erzbischof Innitzer zuvor ebenfalls zu einem Ja bei der Volksabstimmung aufgerufen hat.
  9. In Deutschland hatte eine Analyse des Wahlverhaltens zu demokratischen Zeiten gezeigt, dass die Nationalsozialisten dort am stärksten geworden sind, wo früher die Sozialisten erfolgreich waren.
  10. Die größte der von linken Propagandisten verbreitete Lüge ist aber zweifellos, dass „Österreich“ zwischen 1938 und 1945 Schuld auf sich geladen hätte. Das Gegenteil ist wahr: Der Staat Österreich hat bis zuletzt gegen den Anschluss gekämpft, nach diesem aber nicht mehr existiert. Wer nicht existiert, kann keine Schuld auf sich laden. Das ändert aber natürlich nichts daran, dass sehr viele Österreicher Schuld auf sich geladen haben. Als SS-Angehörige. Als „Illegale“. Als Parteimitglieder. Oder gar als Schergen des Systems bei Gestapo oder in Konzentrationslagern.
  11. Während der ganzen NS-Zeit weigerten sich die Sozialdemokraten im Ausland, an einer österreichischen Exilregierung mitzuwirken (eine Idee, die etwa von dem den Nazis verhassten Otto Habsburg intensiv forciert und durch Lobbying in Washington vorangetrieben worden ist).
  12. Eine weitere weitverbreitete Lüge ist, dass Österreich nach 1945 die Verbrechen der NS-Zeit ignoriert hätte. Es gab im Gegenteil – in Relation zur Bevölkerungsgröße – sogar eindeutig mehr Urteile, auch Todesurteile für Nazis als in den beiden deutschen Staaten. Richtig ist freilich, dass man dann 1949 bald Schluss mit der Aufarbeitung jener Zeit gemacht hat. Alle Lager haben beschlossen, dass man die „Ehemaligen“ als Wähler haben will, sie auch als Ärzte, Techniker, Beamte usw. braucht. Das ist übrigens ganz vergleichbar mit dem, was nach 1989 in Osteuropa passiert ist: Da hat man auch überall auf eine ernsthafte Aufarbeitung der kommunistischen Verbrechen verzichtet. Und sogar oft zugelassen, dass die früheren kommunistischen Fabriksdirektoren in die Rolle von Eigentümern schlüpfen konnten. Wahrscheinlich wird man auch dort erst dann wieder energisch gegen die Ex-Genossen und ihre Verbrechen vorgehen, wenn diese 90-jährige Greise geworden sind.

Ein „Tagebuch“-Text kann nicht die ganze Geschichte abarbeiten. Dieser Text hat konzentriert die Fehler der Sozialdemokratie aufgelistet. Das heißt natürlich nicht, dass nicht auch die anderen Seiten genug Fehler begangen hätten. Auf diese anderen Fehler wird von ORF&Co aber ohnedies rund um die Uhr hingewiesen. Es ging daher nur darum, auf jene Geschichts-Fakten hinzuweisen, die man seit der linken Geschichtsumschreibung eher nie zu hören bekommt.

Und man wird sie wohl auch weiterhin nicht zu hören bekommen, weil die neue Regierung absurderweise die Herrn Rathkolb und Fischer als Geschichtsgeneralbevollmächtigte in Amt und Würden belassen hat. Obwohl gerade diese beiden Herrn zu den Hauptschuldigen der einseitigen Geschichtsumschreibung zählen.

Freilich: Woher sollen Sebastian Kurz und die anderen neuen Minister überhaupt wissen, dass die Geschichte ein wenig anders gelaufen ist, als sie seit Jahren getrommelt wird? Durch ORF und Geschichtsbücher konnten sie das sicher nicht gelernt haben. (TB)

16 comments

  1. Der Realist

    Verschiedene Fakten passen eben nicht in das Geschichtsbild der „Antifaschisten“ und „Widerstandskämpfer“ der Jetztzeit. Dass auch Österreicher in der Naziverwaltung tätig waren, braucht ja nicht extra erwähnt werden. Dass sich heute die meisten Österreicher für die Vorgänge unter Hitlers Regierungszeit nicht schuldig fühlen, ist für einige „Intellektuelle“ allein schon ein Verbrechen.
    Und die Geschichte ist unumkehrbar, alles Wenn und Aber müssig. Jede Zeit bringt gewisse Entwicklungen mit sich, die Ursachen sind meist vielfältig.
    Auch das ständige „Niemals wieder“ der hauptberuflichen Vergangenheitsbewältiger“ ist entbehrlich, in dieser Form wird sich die Vergangenheit wohl nicht mehr wiederholen. Sollten sich die Lebensumstände aber krass negativ entwickeln, wird es garantiert wieder Strömungen in der Bevölkerung geben, die irgendwelchen Heilsbringern zujubeln, schließlich ist den meisten das Hemd näher als der Rock, und zuerst kommt das Fressen und dann die Moral.

  2. G.

    Den besonderen Österreichbezug der Sozialisten sieht man immer dann aufs Neue, wenn ihre Macht hierzulande ins Wanken gerät. Dann werden aus Sozialisten ganz schnell Inter-National-Sozialisten und Österreich wird verraten und verkauft.
    Ihr großer Traum von einem nicht mehr eigenständig existierenden Österreich innerhalb der weltweiten sozialistischen Familie kommt durch die sozialistische EU täglich der Verwirklichung näher. Und viele Österreicher scheinen es zu mögen, sonst hätten sie diese Pharisäer bereits mit nassen Fetzen aus dem Land gejagt.

  3. Erich

    Ich empfehle dazu als Ergänzung für die Jahre 1927 bis 1938 die akribischen Analysen von Gudula Walterskirchen in ihrem Buch „Die blinden Flecken der Geschichte“. Über dieses Buch wurde natürlich im ORF kein Wort verloren; es versucht, an Hand der für alle zugänglichen (!) Unterlagen, ein möglichst objektives Bild zu zeichnen. Da kommen die Sozialisten – wie auch sonst bei unabhängigen Historikern – nicht sehr gut weg.

    Für Menschen, die unter „Geschichte“ nur einseitige Erzählungen aus den Jahren 1938 bis 1945 gehört haben, ist das alles klarerweise unverständlich – und wahrscheinlich auch uninteressant. Daher muss der ORF immer wieder ordentlich aufwärmen.

  4. Herbert Manninger

    Vielleicht sollten die ,,Strategen“ der ÖVP einen Geschichts-Nachilfeunterricht besuchen. Die weicheiernen VPler lassen sich nämlich von ,,Historikern“ wie Rathkolb&Co.geduldigst am Nasenring führen.

  5. bill47

    Die Medien überbieten sich in der Berichterstattung kleinster Details zu den Ereignisse von 1938. Eines wird aber konsequent verschwiegen: Zu der von den Nationalsozialisten am 10. April 1938 angesetzten Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich erklärte ein gewisser Karl Renner, ja der, der später sozialistischer Bundespräsident wurde am 3. April 1938 im sozialistischen Tagblatt „Als Sozialdemokrat und somit als Verfechter des Selbstbestimmungsrechtes der Nationen, als erster Kanzler der Republik Deutschösterreich und als gewesener Präsident ihrer Friedensdelegation zu St.-Germain werde ich mit Ja stimmen.“

  6. Christian Peter

    Naja, Opfer waren Österreicher nicht gerade. Man braucht sich nur die Bilder der Begeisterung der Massen bei Besuchen des Führers in Österreich anzusehen.

  7. Falke

    @CP
    Nein, „die Österreicher“ waren keine Opfer, genauso wie viele Österreicher sich an den Naziverbrechen beteiligt haben, ja vielfach sogar diese selbst eingeleitet haben. Der Staat „Österreich“ war aber sehr wohl ein Opfer (ganz offiziell von Stalin, Roosevelt und Churchill auf der Konferenz von Yalta festgestellt), ebenso hat „Österreich“ keinerlei Schuld an den Naziverbrechen, ganz einfach, weil es diesen Staat zwischen 1938 und 1945 gar nicht gab. Letztere Feststellung ist zwar politisch völlig inkorrekt, nichtsdestoweniger in meinen Augen völlig logisch nachvollziehbar.

  8. Thomas Holzer

    @CP 12:26h
    Aus dem bequemen Ohrensessel, mit 80 Jahren Abstand lässt es sich halt leicht (ver)urteilen.

    Man sollte sich lieber selbst immer und immer wieder die Frage stellen, wie man selbst unter den identen Bedingungen, ohne das Wissen der „Spätgeborenen“ gehandelt hätte.

    Ich für mich hoffe und bete, daß ich nicht mitgejubelt hätte

  9. Der Realist

    @Thomas Holzer 13:14
    das sind die hauptberuflichen Vergangenheitsbewältiger die jedermann erzählen, sie hätten Widerstand geleistet. Ich weiß was diese zu spät Geborenen getan hätten, sie hätten sich bis oben hin ange……….
    Und die Frage, ob jemand mitgejubelt hätte, lässt sich im Nachhinein ohnehin nicht beantworten, zumindest würde es kaum einer zugeben. Ich kann garantiert sagen, was ich getan hätte.

  10. Thomas Holzer

    @Der Realist
    Deswegen ist mir diese öffentlich zur Schau gestellten Selbstzufriedenheit, Selbstgerechtigkeit so abgrundtief zuwider.

  11. Rennziege

    11. MÄRZ 2018 – 11:59 — Thomas Holzer
    Ist es nicht seltsam, dass „Die Presse“ diesen interessanten Artikel nur als Gastkommentar bezeichnet, aber den Namen des Autors verschweigt? (Zumindest online.)
    Mein Großvater selig, der Kurt von Schuschnigg und die Anschlussjahre erlebte, überlieferte die Stimmung der Österreicher so:
    Ab 1935 — „Heim ins Reich!“
    Ab 1942 — „Heim, uns reicht’s!“

  12. Rennziege

    11. MÄRZ 2018 – 17:22 — Thomas Holzer
    @Rennziege
    Danke, Herr Holzer! Hab‘ dieses Elaborat, Ihrer Empfehlung folgend, soeben gelesen. Naiv ist es in der Tat, um höflich zu bleiben. Und die meisten Kommentare dazu, den Ihren ausgenommen, sind so israelfeindlich, wie dumpfe Gemüter halt ticken.

  13. Thomas Holzer

    @Rennziege
    my pleasure
    Ja, es ist beschämend, vielmehr aber noch entsetzlich!

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