Der Mann mit der Narrenkappe

Verfügte Norbert Darabos über eine auch nur geringfügige Achtung vor Norbert Darabos, wäre er vom Amt des Verteidigungsministers zurückgetreten. Freilich nicht unbedingt jetzt, nach der verlorenen Volksbefragung über die Wehrpflicht: Denn anderer Meinung zu sein als die Mehrheit kann ja gelegentlich durchaus ein Hinweis darauf sein, die richtige Meinung zu vertreten.

Verfügte Norbert Darabos über eine auch nur geringfügige Achtung vor Norbert Darabos, wäre er bereits im Oktober 2010 zurückgetreten – damals, als der Wiener SPÖ-Chef Michael Häupl dem überzeugten Vertreter der allgemeinen Wehrpflicht Darabos mitteilte, er habe künftig ein überzeugter Gegner der Wehrpflicht zu sein.

In dieser für einen Verteidigungsminister zentralen Frage öffentlich und dazu noch vom schon jenseits seines Zenits politischer Potenz befindlichen Häupl am Nasenring durch die Manege geführt zu werden, zum Gaudium des johlenden medialen Mobs – schlimmer ist wahrscheinlich noch kein Minister in der Zweiten Republik gedemütigt worden.

Hätte Häupl seinen Parteifreund Darabos angewiesen, den Rest seiner Amtszeit mit einer roten Narrenkappe bei den Kabinettssitzungen zu erscheinen, die Erniedrigung wäre nicht größer gewesen. (Wobei Darabos‘ Verhalten den Verdacht nahelegt, er hätte selbst diese Weisung Häupls erfüllt und sich damit getröstet, wieder ein paar gebrauchte Brillen günstig aus der Sammlung Claudia Bandion-Ortners zu erwerben). Faszinierend an diesem Vorgang ist die Frage, was einen eher intelligenten, umgänglichen und wahrscheinlich nicht einmal unredlichen Mann wie Darabos dazu bewegt, eine so entwürdigende Behandlung durch seine Parteifreunde hinzunehmen, ohne diesen ein erleichterndes „Leckts mich doch!“ und anschließend den Ministerjob hinzuwerfen. Der Nachweis, dass man auch ohne Rückgrat stehen kann, wenn die Haut nur dick genug ist, ist ja schon längst erbracht. Darabos hätte mit seinem Rücktritt die Achtung vor sich selbst bewahren und die Dritter erwerben können – stattdessen hat er sich der Lächerlichkeit preisgegeben.

Völlig ausgeschlossen werden kann als Erklärung dafür jene, die Darabos selbst gibt: Er sei eben klüger geworden, und ganz zufällig in jenen Tagen, als Genosse Häupl wendete. Das ist ungefähr so plausibel, als würde Kardinal Schönborn nach der Lektüre von Richard Dawkins‘ Buch „Der Gotteswahn“ erklären, er sei nun auch klüger geworden, das mit Gott sei wahrscheinlich doch ein Schwindel.

Zu vermuten ist eher: Darabos‘ würdelose Entsorgung jeglicher Selbstachtung dürfte weder einer Erregung ob der öffentlichen Demütigung noch einem jähen Erkenntnisschub geschuldet sein, sondern bloß der realistischen Einschätzung über seinen Marktwert jenseits der von der Partei vergebenen Arbeitsplätze. Sein offizieller Lebenslauf weist nicht auf einen einzigen in der Welt der Arbeiter, Angestellten und Unternehmer verbrachten Tag hin – nicht einmal ein erlernter und dann je ausgeübter Beruf ist darin zu erkennen.

Auf Darabos trifft deshalb wohl zu, was sein Landsmann Fred Sinowatz einst offen konzediert hatte: „Ohne die Partei bin ich nichts.“ Dass der Minister angesichts dieser Erkenntnis die öffentliche Erniedrigung der Alternative „nichts sein“ vorzieht, mag irgendwie nachvollziehbar sein. Ein hübscher Anblick ist das nicht. („Presse„)

10 comments

  1. Gerhard

    Mir tut der Norbert Darabos langsam leid. Er ist doch ein Parteisoldat, welcher nur das ausführt, was in der Löwelstraße mehrheitlich beschlossen wird. Jetzt hat man dort eben entschieden, dass er das Ganze „aussitzen“ muss und der ÖVP in den nächsten Monaten bei der erzwungenen Umsetzung der x-ten BH-Reform noch einige Prügel vor die Füsse zu werfen. Außerdem hätte die SPÖ derzeit gar keine andere Person, welche sich für die nächsten paar Monate (mehr werden es nicht sein!) für diesen Job „verheizen“ lässt. Mit dieser Strategie versucht man, die 20/1-Niederlage in einen Sieg umzufunktionieren.

  2. La Rochefoucauld

    Die Erklärung ist aber – wenn die Gerüchte stimmen – einfach. Darabos will next LH im Burgenland warten. Dadurch muss er aus seiner Sicht im Spiel bleiben.

  3. Weninger

    @world-citizen
    „Und unbemerkt vom Rest der Welt.“

    Gut so, Dann kanns den wichtigen Deutschen ohnehin wurscht sein. Es gibt keinen Grund, dass Ö als EU-Mitglied auch in die NATO oder andere Wehrsysteme eingebunden wird, die Europa am Hindukusch oder in Zentralafrika verteidigen. Im Gegensatz zu den Franzosen und Engländern haben wir dort keine Rechnungen offen. Also was spricht gegen Neutralität, auch wenn diese nicht mehr ganz so diamantenhart ist?

  4. Rennziege

    @Weninger

    „Also was spricht gegen Neutralität, auch wenn diese nicht mehr ganz so diamantenhart ist?“

    Nichts. Wir sollten sogar entschlossen daran arbeiten, die diamantene Härte wiederherzustellen.

  5. Rennziege

    Our landlord at his best!
    Nach Betrachtung seines „Presse“-Artikels an Ort & Stelle fallen mir zwei Leserkommentare auf:

    Sie haben ja – leider – nur allzu recht, herr o., aber der billige seitenhieb auf die brillen war entbehrlich und schwach.

    Antwort:
    Re: Sie haben ja – leider – nur allzu recht, herr o.,
    Nein! Weder entbehrlich noch schwach war dieser Seitenhieb, sondern von einer selten gewordenen satirischen Qualität, die an Karl Kraus erinnert …
    … und keineswegs an den Haaren herbeigeholt ist: Denn Norbert Darabos‘ Neigung zu prollig geschmacksverirrten Brillen ist nicht minder bekannt als die der überaus modebewussten Ex-Justizministerin.
    Christian Ortner ist einer der wenigen Lichtblicke im österreichischen Journalismus. Er möge, sofern nervenstark genug, der „Presse“ noch lange die Treue halten!

    Ich teile diese Antwort. Unser Hausherr hat mit der „Narrenkappe“ eine in allen Schlenkern meisterliche (und in keiner Silbe unfaire) Satire geschrieben, die nicht nur Norbert Darabos, sondern unserer gesamten Phäaken-Republik einen Spiegel vorhält.
    Die von jenem Poster gewünschte Nervenstärke dürfen wir voraussetzen; er beweist sie ja täglich, indem er uns aushält. 🙂

  6. Kassandra

    Eine Frage: was ist mit der SPÖ? Es war doch ein Berufsheer, das 1934 den Bernascheckaufstand niedergewalzt hat, oder? Bisher war doch diese Partei immer für ein Milizheer. Offen gestanden: ich staune.

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