Die Ethik des Notfalles

(GEORG VETTER)  Stellen Sie sich folgendes vor: Sie fahren im dichten Nebel auf der Autobahn und plötzlich überholt sie ein anderes Auto mit weit überhöhter Geschwindigkeit. Nach ein paar Kilometern sehen Sie dieses verunfallte Auto in den Leitplanken. Würden Sie anhalten? Ich würde es nicht tun. Ich würde mein Leben nicht riskieren, um irgendeinen Wildfremden zu retten, der sich selbst in Gefahr gebracht hat.
Ayn Rand hat schon vor mehr als einem halben Jahrhundert eine „Ethik der Notfälle“ entwickelt, aus der wir noch heute viel lernen können. Zur Erinnerung: Any Rand war eine russische Jüdin, die sich nach dem Verlassen der Sowjetunion in den USA niedergelassen und dort die libertinäre Philosophie des Objektivismus entwickelt hat. Berühmt ist ihr Werk „Der Streik“. „Die Ethik der Notfälle“ stammt aus ihrem Werk „ Die Ethik des Egoismus“ (1963).
Weil es so erfrischend erscheint, möchte ich ein paar Gedanken von Ayn Rand zum Besten geben.
• Die richtige Methode zur Beurteilung, ob und wann man einer anderen Person helfen sollte, ist Bezugnahme auf den eigenen rationalen Vorteil und die eigene Wertehierarchie: Die Zeit, das Geld oder der Einsatz, den man aufbringt oder das Risiko, das man auf sich nimmt, sollten proportional zum Wert der Person in Bezug auf das eigene Glück sein.
• Um dies am Lieblingsbeispiel der Altruisten – der Rettung einer ertrinkenden Person – zu illustrieren: Wenn die zu rettende Person ein Fremder ist, ist seine eigene Rettung moralisch nur richtig, wenn das Risiko für das eigene Leben minimal ist; wenn das Risiko groß ist, würde es unmoralisch sein, es zu versuchen: Nur Mangel an Selbstachtung könnte jemanden dazu veranlassen, sein eigenes Leben nicht höher zu schätzen als das irgendeines Fremden.
• Altruistische Ethik bedeutet Mangel an Respekt für andere, weil sie Menschen für eine Herde hilfloser Bettler hält, die um Hilfe schreien.
• Da der Altruismus die Frage, wie anderen zu helfen sei, zur zentralen und primären Frage der Ethik erhebt, hat der Altruismus des jedes authentischen Wohlwollens oder guten Willens zerstört.
• Die meisten Menschen akzeptieren oder praktizieren keine Seite der teuflisch falschen Dichotomie des Altruismus, doch ihr Resultat ist ein intellektuelles Chaos in Bezug auf normale menschliche Beziehungen und in Bezug auf das Wesen, den Zweck oder das Ausmaß der Hilfe, die man anderen zuteilwerden lässt.
• Nur in Notfällen sollte man Fremden freiwillig helfen, sofern es in der eigenen Macht liegt. Ein Mensch, der menschliches Leben schätzt und z.B. Schiffbruch erleidet, sollte seinen Mitpassagieren helfen (aber nicht auf Kosten des eigenen Lebens). Aber das bedeutet nicht, dass er, nachdem alle das Land erreicht haben, seine Anstrengung darauf richten sollte, seine Mitpassagiere vor Armut, Unwissenheit, Neurosen oder sonstigen Problemen zu retten. Auch bedeutet es nicht, dass er sein Leben damit verbringen sollte, die sieben Meere auf der Suche nach Schiffbrüchigen abzusegeln.
• Man kann sein Leben nicht nach Regeln leben, die nur für Bedingungen gelten, unter denen menschliches Überleben unmöglich ist.
• Das Prinzip, dass man Menschen in Notfällen helfen sollte, kann nicht auf alles menschliche Leiden ausgedehnt und das Unglück anderer kann nicht zur Hypothek auf das eigene Leben gemacht werden.
• Die einzige Verpflichtung gegenüber anderen lautet daher, ein Gesellschaftssystem zu erhalten, das Menschen die Freiheit lässt, ihre Wert zu erlangen, zu gewinnen und zu behalten.
• Der moralische Zweck des Lebens ist das Erlangen des eigenen Glücks. Das bedeutet nicht, dass man allen gegenüber gleichgültig ist, dass menschliches Leben kein Wert ist und dass man keinen Grund hätte, anderen in Notlagen zu helfen. Aber es bedeutet, dass man sein Leben nicht dem Wohlergehen und den Wünschen anderer unterordnet, dass die Linderung ihres Leidens kein primäres Motiv ist, dass jede Hilfe, die man leistet, eine Ausnahme und keine Regel, ein Akt der Großzügigkeit und keine moralische Pflicht ist, dass sie marginal und zufällig ist (da Katastrophen im Leben marginal und zufällig sind) und dass Werte, nicht Katastrophen, das Ziel, das primäre Motiv und die Antriebskraft des Lebens sind.
All das scheint geradezu unglaublich aktuell zu sein. Ich beginne Ayn Rand zu schätzen.

9 comments

  1. Dieuetmondroit

    Schön. In der Theorie. Im realen Leben hätten Sie ein Verfahren wegen unterlassener Hilfeleistung am Hals.

  2. Manuel Leitgeb

    @Dieuetmondroit
    Nicht ganz, bzw. nicht immer. Der Vorwurf „unterlassener Hilfeleistung“ fällt, wenn man durch die Hilfe das eigene Leben in Gefahr bringen würde.
    Auch das Gesetz sagt, man muß als normaler Bürger nicht das eigene Leben riskieren (bzw. darf den Bürger nicht dazu zwingen).
    Wenn’s interessiert: §95 Abs 2 StGB

  3. sokrates9

    Märtyrer und Missionare sind die Menschen die diese Philosophie von Any Rand nicht teilen.Wobei sich die Frage stellt was die Aufgabe des eigenen Lebens – weil man es anscheinend nicht schätz- eigentlich bringen soll!

  4. GeBa

    Ich kann diese Einstellung nachvollziehen und würde auch so handeln.
    Vor 2 Jahren fuhren wir im Waldviertel auf einer Bundesstraße mit wenig Verkehr. Es stand ein Auto auf der vis-a-vis Seite. Ich fuhr langsamer um zu sehen, ob vielleicht HIlfe benötigt würde. Neben dem Auto stand ein nicht österreichisch aussehender junger Mann, der sich anschickte die Straße zu überqueren. In dem Moment sah ich einen zweiten halb versteckt hinter dem Auto. Ich aufs Gas und weg, 1 Km nachher habe ich die Polizei angerufen und denen das erzählt. Wie die Geschichte weiter ging weiß ich nicht – aber uns ist nichts geschehen.

  5. Rado

    Die nächste Frage könnte sein, wie man es mit der Notfallhilfe bei Burkafrauen hält, zumal wenn der kulturfremde Herr der Schöpfung in der Nähe herumstreicht.
    Die Problematik mit dem „Leben riskieren“ kann da durchaus auch ins Spiel kommen.

  6. Selbstdenker

    Ayn Rand ist aktueller denn je. Sie ist tiefer als viele liberale und konservative Geistesgrössen bis zu den (falschen) philosophischen Grundannahmen, auf denen der Sozialismus in all seinen Spielarten wankt, vorgedrungen.

    Jedes totalitäre System spricht dem Individuum das Selbsteigentum ab und degradiert es zu einem – für sich betrachtet – nutzlosen Rädchen im System.

    Ähnlich wie bei einer Sekte, wird das Kollektiv zur „Familie“ verklärt, der jedes einzelne Mitglied – mit Ausnahme vom Guru und seiner ihn besonders nahestehende Clique –
    grenzen- und bedingungslose „Liebe“ schuldet.

    Gleichheit und Selbstaufopferung (der Mitglieder) werden zu den höchsten Werten erhoben. Das Private (der Kommunarden) ist dann öffentlich und das Öffentliche privat (für den Guru).

    Genau diese grenzen- und bedingungslose „Liebe“ bereitet philosophisch den Boden für totalitäre utopische Experimente auf. Leonard Peikoff und Stephen Hicks haben diesen Zusammenhang in ihren Werken detailliert beschrieben.

    Der Sozialismus ist ein „moralisches“ System, das sich als Wirtschaftsmodell ausgibt. Überall dort, wo dieses „moralische“ System Fuss fasst, kommt zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kernschmelze.

  7. Leon

    Selten so eine charakterliche Offenbarung eines Asozialen gelesen.

    Menschen, die ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, um andere zu retten, ernten von jedem halbwegs normalen Menschen Bewunderung und Respekt.
    Nur abgehobene Intellektuellendarsteller bringen es mit kopfigen Verrenkungen zustande, dies als „unmoralisch“ zu betiteln und ihre eigene charakterliche Verkommenheit als „moralisch“ zu rechtfertigen bzw. sogar zu überhöhen.

    Zum Glück interessiert sich kein Durchschnittsbürger für derlei konstruiertes Geschwätz eines Anwalts.

    P.S.: Ich wünsche mir Menschen wie Sie definitiv NICHT als Nachbar!

  8. Selbstdenker

    @Leon:
    Was ist von Leuten zu halten, die andere in Gefahr bringen, weil sie sich selbst unnötig – manchmal sogar absichtlich – in Gefahr bringen? Meiner Meinung nach sind das die wahren charakterlichen Asozialen.

    Erschreckend ist, mit welcher Starrsinnigkeit Sie von den offenbar Vernünftigeren die Selbstaufopferung für Hasardeure einfordern.

    Wer – wie im Artikel beschrieben – in einer dichten Nebelbank mit weit überhöhter Geschwindigkeit rein rast, weiss auf was er sich einlässt. Schlimm genug, dass jemand auf diese Art und Weise das eigene Leben riskiert. Zusätzlich nimmt er aber auch das Leben seiner Retter in Kauf.

    Haben Sie den Kommentar von Georg Vetter überhaupt vollständig gelesen?

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