Die Tücken des Target

(ANDREAS TÖGEL) Während sich der in Wirtschaftsfragen grob unterernährte Otto Normalverbraucher unter dem Begriff TARGET-2 kaum etwas vorstellen kann, herrscht unter den Fachleuten Uneinigkeit, worum es sich dabei in Wahrheit handelt. Um Wesen und Bedeutung dieses seit dem Jahr 2007 bestehenden Clearingsystems der Eurozone, streiten die Experten seit Jahren. Die Befürworter der fortschreitenden Eurozentralisierung, sehen keinerlei damit verbundenen Probleme und erklären kurzerhand jeden Kritiker zum Europafeind, wie es etwa EZB-Präsident Mario Draghi auf einer im Juli abgehaltenen Pressekonferenz getan hat. Doch es sind durchaus namhafte Fachleute, wie der ehemalige Chef des Münchner IFO-Instituts, Hans-Werner Sinn (der bereits vor einigen Jahren in seinem Buch „Die Target-Falle“ die Problematik gründlich untersucht hat), die vor der eminenten Gefahr für die Kreditoren warnen, die von TARGET-2 ausgeht. Welche der beiden Seiten hat recht?

Das Trans-European Automated Real-time Gross Settlement Express Transfer System wurde als Zahlungsausgleichsystem innerhalb der Eurozone geschaffen, um Zahlungen und Forderungen der einzelnen Nationalbanken zu saldieren. Abhängig von der Richtung der Zahlungsströme, entstehen, bei ungleichen Leistungsbilanzen der Teilnehmerländer, Schulden und Forderungen in wechselseitiger Abhängigkeit voneinander. Im Juli 2018 beliefen sich die TARGET-2-Außenstände der deutschen Bundesbank auf die gewaltige Summe von 913,3, Mrd. Euro. Darin spiegelt sich die überlegene Exportstärke der deutschen Wirtschaft innerhalb des Euroraumes wider. Es ist keine Überraschung, dass die Länder des „Club-Med“, allen voran Italien, Spanien, Portugal und Griechenland, die größten Negativsalden aufweisen. Es sei indes nicht unterschlagen, dass auch Österreich zu den Ländern mit einem Negativsaldo zählt. Der belief sich per Ende Dezember 2017 auf immerhin 39 Mrd. Euro.

Die technischen Details zu erläutern, die zum Auf- und Abbau von Target-Forderungen führen, bei denen es nicht nur um Handelsströme von Waren und Dienstleistungen geht, sondern auch um Geldtransfers, die z. B. dem Erwerb von Immobilien oder Firmenbeteiligungen im Ausland dienen, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Daher nur so viel: Entscheidend ist, dass bei fortgesetzten ökonomischen Ungleichgewichten innerhalb der Eurozone, in der Länder mit hochproduktiven, leistungsstarken Unternehmen, solchen in denen wenig investiert, dafür aber umso mehr dem dolce far niente gefrönt wird, gegenüberstehen, sich die Forderungssummen der ersteren unentwegt erhöhen. Anders kann es auch gar nicht sein. Alles andere stünde nämlich mit den Gesetzen der Logik in Konflikt.

Das wäre im Grund noch kein Grund zur Panik, wenn die auf diese Weise gewährten Kredite wenigstens verzinst würden, was nicht der Fall ist; Aussicht auf freiwillige Rückzahlung bestünde, woran kein bei Sinnen befindlicher Mensch glauben kann; Und/oder wenn die Gläubiger eine Möglichkeit hätten, ihre ausstehenden Forderungen fällig zu stellen und einzutreiben – was nicht vorgesehen ist.

An dem Tag, an dem das Offensichtliche auch von den politisch Verantwortlichen und den emsigen Schwundgeldalchemisten in den Notenbanken eingestanden wird, – dass nämlich beispielsweise Italien seine gegenüber Deutschland bestehenden Verbindlichkeiten weder begleichen kann noch will, wird sich kollektive Katerstimmung breitmachen. Da die größte Kanzlerin aller Zeiten in diesem Fall kaum daran denken wird, Kanonenboote ins Mittelmeer zu entsenden, um den deutschen Ansprüchen ein wenig Nachdruck zu verleihen, bleibt nämlich nichts anderes übrig, als die Forderungen knirschenden Zahnes abzuschreiben.

Dem Deutschen Michel würde dann schlagartig klarwerden, dass er seine durch Jahre hindurch lautstark bejubelte Exportweltmeisterschaft mit eigenen Geld finanziert, deutsche Waren zum Nulltarif ausgeführt, und dafür Luftbuchungen im Target-System „lukriert“ hat.

Der deutsche Ökonom und Chefvolkswirt der Degussa, Thorsten Polleit, stellt in einem kürzlich im Blog des deutschen Mises-Instituts veröffentlichten Artikel fest: „Mit dem Target-2 ist ein nicht parlamentarisch bewilligtes und kontrolliertes Umverteilungssystem etabliert worden.“ Eine umfassende Debatte über Wesen und Gefahren des Target-Systems ist dringend geboten.

3 comments

  1. mh

    Deutschland könnte doch einen Staatsfonds auflegen und sich in ausländischen AGs einkaufen, um den Target Saldo in reale Assets umzuwandeln, nicht?

  2. Klaus Kastner

    Dass Österreich Target2 Verbindlichkeiten von 39 Mrd.EUR hat, ist äußerst ungewöhnlich, immerhin hat Österreich schon seit Jahren einen Überschuss in der Leistungsbilanz. Eine Target2 Verbindlichkeit bedeutet, dass aus dem nationalen Bankensystem mehr Geld ins Ausland fließt als vom Ausland hereinkommt. Normalerweise würde ein Bankensystem, das – wie das österreichische – problemlosen Zugang zu Krediten aus dem Ausland hat, diese Lücke mit Krediten von ausländischen Banken schließen. Dass Österreich das via Target 2 macht, gibt Anlass zum Nachdenken. Könnte es damit zu tun haben, dass Target2 nicht verzinste Verbindlichkeiten sind, während Kredite von ausländischen Banken verzinst werden müßten? Auf jeden Fall wäre ich hier für Zusatzerlärungen dankbar!

  3. dna1

    Es ist völlig egal, aus welchem Titel ein Target2 Saldo entsteht, ob aus Warenlieferung oder einem derivativen SWAP-Geschäft. Einzige relevant ist der Saldo, der warum auch immer entstanden ist und nicht ausgeglichen wurde. Einer der größten Fehler im Euro-System.
    Auch in der USA gibt es solche Salden bei der FED, zwischen den Notenbanken der einzelnen Bundesstaaten, aber dort müssen diese ständig ausgeglichen werden, sonst werden die Transaktionen blockiert. Im Euro gibt es eine solche Bestimmung nicht, und das ist das Problem. Ich nehme an man hat eine solche „Bestimmung“ einfach weggelassen im Wissen, dass sich ohnehin kein europäischer Politiker daran halten würde, aber das ist eine reine „Verschwörungstheorie“ :-).

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