Filmtip: Die dunkelste Stunde

Plötzlich verlässt Churchill sein Auto, er begibt sich in die U-Bahn hinunter, wo er offensichtlich noch nie war. Er beginnt die Menschen zu befragen. Es findet sozusagen eine Volksabstimmung statt. Die Szene ist frei erfunden. Und doch birgt sie eine Wahrheit: Die gewöhnlichen Leute wissen gemeinhin besser, was zu tun ist, als jene, die lange und vieles studiert haben. Im Mai 1940 wäre England fast untergegangen. Dann kam Churchill. Gedanken zu einem bemerkenswerten Film./ mehr

9 comments

  1. Falke

    @Rado
    Wird dort auch die eher weniger ruhmreiche Vergangenheit Churchills thematisiert? Bekannt wurde er ja ursprünglich durch seine Brutalität im südafrikanischen Burenkrieg, die ihm den Beinamen „butcher“ eingetragen hat.

  2. Rado

    @Falke
    Habe dort einen halben Tag verbracht, aber dieses Detail ist mir nicht aufgefallen. Kenne diese Geschichte offengesagt auch nicht.
    Es hat auch nicht alles ruhmreich geendet, was Churchill angefasst hat, dies wird dort im Museum durchaus thematisiert. Meines Wissens war Churchill im Burenkrieg eher als Zeitungskorrespondent tätig. Den Beinamen „Butcher“ würde ich eher um sein Amt als Marineminister im 1. WK wegen der Landung in Gallipoli vermuten.

  3. Rennziege

    Was wenige wissen: Churchill erhielt 1953 den Nobelpreis — nicht den für Friedensstifter, den es damals noch nicht gab, sondern für Literatur. Dass der Kampf des UK (vulgo Burenkrieg) gegen die Abspaltung der Kolonie Südafrika „nach heutiger Ansicht“ als Völkermord klassifiziert werden kann, erscheint mir fragwürdig.
    Man möge bitte alles vor dem Hintergrund der Zeit betrachten, nicht nur mit heutigen Augen. Ausnahme: der Holocaust des NS-Regimes, der aus jeder Perspektive ein Völkermord war.
    Was auch für die planmäßige Ermordung der Armenier durch die Türken nach dem Ersten Weltkrieg gilt.

  4. LePenseur

    Chère Rennziege,

    was besagter Winston Churchill mit seinem „moral bombing“ in Deutschland (und ganz besonders eklatant in Berlin, Hamburg und schließlich Dresden) betrieb, war dafür „aus jeder Perspektive“ (außer der der Siegermächte, selbstmurmelnd) ein Kriegsverbrechen. Und zwar eines, das an Opferzahlen die Bomben von Hiroshima und Nagasaki in den Schatten stellte, und an Grausamheit und Menschenverachtung wenigstens gleichkam.

    Ja, Sie haben völlig recht: man möge das alles vor dem Hintergrund der Zeit betrachten!

    Und vor dem Hintergrund der Zeit hatte Churchill einfach das „Mazel“, Politiker einer Siegernation zu sein. In Nürnberg wurden auch Politiker und Generäle, die objektiv gesehen weit weniger Schuld auf sich geladen hatten, zum Galgen oder zu jahrelangen Freiheitsstrafen verurteilt (denken Sie etwa an den bereits 1938, lang vor Kriegsbeginn, geschaßten Außenminister v. Neurath, der danach nur mehr als „Frühstücksdirektor“ in Titularfunktionen fungierte, und doch bis 1954 — als man ihn nach einem Herzinfarkt mit 81 Jahren entließ — in Spandau einsaß, oder an den gleichfalls längst kaltgestellten GFM v. Manstein).

    Was diesen W.C. betrifft: was er 1945 mit seinem Verrat an der Wlassow-Armee betrieb (mein Vater war damals Augenzeuge von verzweifelten Kosaken, die sich zum Ertrinken in den Fluß stürzten, als sie erkannten, daß sie gegen die ihnen gegebenen Zusagen an Stalin ausgeliefert werden sollten), war kein Völkermord, aber eine derart letztklassige Schuftigkeit, daß man besagten Herrn W.C. locker in der selben A****loch-Liga mitspielen lassen kann, wie den „Föhrer“, „Väterchen Stalin“ oder den „Großen Vorsitzenden“ aus dem Reich der Mitte. Jedenfalls hätte dieser W.C. — weit eher als der relativ harmlose Hess — es redlich verdient, aus seinem Grab ausgebuddelt, verbrannt und dann in der Nordsee verklappt zu werden.

    Das werden Transatlantiker nicht gerne hören, für die dieser W.C. immer noch ein „großer Staatsmann“ ist. Mag sein (obwohl seine Naivität gegenüber Stalin auch dies nicht gerade angebracht erscheinen läßt) — aber die Größe als Kriegsverbrecher und Charakterschwein schlägt die des Staatsmannes um Längen und Klassen!

    Und was den „Nobel-Schriftsteller“ W.C. betrifft … … naja … … dann hätte Bismarck posthum den Literaturnobelpreis mindestens ebenso verdient! Und erst der hochgebildete und stets stilsichere Fürst Bülow mit seinen „Denkwürdigkeiten“ — die sind ja ein Chimborazo gegenüber den Kahlenbergen der W.C.-Schriften, denen die noble Schwedenakademie „für seine Meisterschaft in der historischen und biographischen Darstellung sowie für die glänzende Redekunst, mit welcher er als Verteidiger von höchsten menschlichen Werten hervortritt“ nachwarf.

    „Verteidiger von höchsten menschlichen Werten“: man kann nicht soviel fressen, wie man bei so viel heuchlerischer Geschichtsfälschung kotzen möchte …

  5. Rennziege

    6. FEBRUAR 2018 – 16:24 — LePenseur

    Chèr Penseur, danke für Ihre kluge Replik. Sie öffnen ein breites Scheunentor, das meine kleine Kärntner Petroleumlampe gar nicht ausleuchten kann. Aber den britischen Verrat an den ~12.000 Mann der Wlassow-Armee kenne ich aus zahlreichen Erzählungen meines alten Herrn, der damals noch nicht geboren war, aber das Wissen von Augenzeugen weitertrug. Es war am Millstätter See, wo die aus Jugoslawien abrückenden Wlassow-Ulanen ihre Ausrüstung und Waffen versenkten — am Nordufer zwischen Pesenthein und dem Schloss Heroldeck, Steilufer. Noch Jahrzehnte später tauchten die Buben alles Mögliche aus den Tiefen.
    In Spittal/Drau waren die Briten, denen sich die Russen ergaben. wie Sie sagen, im Vertrauen auf die gegebenen Zusagen. Die Briten nahmen sie gefangen und ließen sie in die Umgebung von Lienz/Osttirol marschieren, wo sie nach Wochen unter freiem Himmel den sowjetischen Truppen übergeben wurden. Von dort ging es per Eisenbahn nach Russland, wo diese von den Briten kaltblütig Verratenen nur noch der Tod erwartete. Aber ist dieses Verbrechen wirklich W.C. anzulasten? Waren es nicht Generäle wie Montgomery und Shukow, die es vereinbarten?

    Zu Winston Churchill gibt es viele divergierende Meinungen. Die überwiegende ist aber, dass er es war, der den Sieg der deutschen Wehrmacht verhinderte, indem er die Royal Air Force modernisierte, den Enigma-Code der deutschen U-Boote knacken ließ (durch Turing et al.) und vor allem, indem es ihm gelang, den widerstrebenden F.D. Roosevelt mit all den Ressourcen der USA als Verbündeten zu gewinnen.

    Immerhin soll er in der Potsdamer Konferenz (während der er daheim abgewählt wurde) gesagt haben, erbost über die Sturheit der Sowjets: „Ich fürchte, wir haben das falsche Schwein geschlachtet.“
    Zu den Verurteilten in den Nürnberger Prozessen mag ich nichts sagen. Ich habe etliche Dokus darüber gesehen, und diese Typen waren allesamt Ungeheuer der untersten Kajüte, sich durch ihr Selbstmitleid und ihre verkorksten Ausreden (Ausnahme: Dönitz) entlarvend. — Churchills Nobelpreis war eine politische, keine literarische Entscheidung.
    Kurz: Sie wissen mehr als ich. Herzliche Grüße!

  6. Rado

    @Le penseur
    Danke für den Hinweis. Die Kosaken und deren Schicksal an der Drau kommen im Museum zu London mit Sicherheit nicht vor. Dafür glaube ich eine Spur von ihnen im Heimatmuseum von Schloss Porcia entdeckt zu haben (bin mir aber nicht sicher). Nämlich ein völlig metallfreies Pferdefuhrwerk, allerdings ohne Objektbeschriftung.

  7. Falke

    @Rado
    Nochmals meine Replik, die offenbar (wer weiß, aus welchen Gründen) verschwunden ist:
    Sie haben recht, Churchill war im Burenkrieg Zeitungskorrespondent, wurde aber auch gefangen genommen, konnte fliehen und strickte daraus ein Heldenmythos. Ganz abgesehen davon, „befürwortet und verharmlost er die englischen „Concentration Camps [Konzentrationslager]“, die tatsächlich Vernichtungslager sind, in denen ein Drittel der burischen Frauen und Kinder durch Hunger und Seuchen umkommen“.
    http://biogra.0catch.com/churchill.htm

  8. Rado

    @Falke
    Die Flucht aus der Gefangenschaft der Buren wird im Londoner Curchill Museum ausführlich behandelt. Es sind sogar einige Mitbringsel aus dieser Episode ausgestellt. Ganz alleine hat er das übrigens nicht geschafft, er hatte einheimische Helfer. Feig war er mit Sicherheit nicht. Das zeigt ua. die Geschichte seiner Teilnahme an der Schlacht von Omdurman gegen die Armee der Mahdi. Sehr lesenswert sein Buch „The River war“, geschrieben, als er um die zwanzig war. Die deutsche (stark gekürzte) Fassung „Kreuzzug im Reich des Mahdi“ die vor einigen Jahren erschienen ist, enthält allerdings nicht die berühmte Aussage Churchills über den Islam.

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