„Islamismus fühlt sich erniedrigt, weil er nicht herrscht“

Anfangs Februar hat Stephen Smith, Afrikanist an der Duke University in den USA, ein verstörendes Buch geschrieben: „Der Weg nach Europa. Das junge Afrika unterwegs nach dem Alten Kontinent“. Darin plädiert der Wissenschaftler für eine freie Einwanderung von Afrika nach Europa. Angesichts der Demographie sei dies so gut wie unvermeidlich, so Smith. „Dann ist Europa nicht mehr Europa“, reagierte darauf der französische Philosoph Alain Finkielkraut. Jetzt warnt Finkielkraut gemeinsam mit über 100 anderen Intellektuellen vor der zunehmenden Ausdehnung des politischen Islams in Europa. Veröffentlicht wurde der Appell letzte Woche in der Tageszeitung Le Figaro (auch online, hinter einer Paywall).

Wir sind Bürger unterschiedlicher und sehr häufig entgegengesetzter Meinungen, welche sich darauf geeinigt haben, abseits aller Tagesaktualität ihre Sorge über den Aufstieg des Islamismus auszudrücken. Geeint sind wir nicht in unseren Vorlieben, sondern in unserem Gefühl, dass die Freiheit im Allgemeinen, und nicht nur die Gedankenfreiheit, in Gefahr ist. Was uns heute vereint, ist grundlegender als die zahlreichen Dinge, die uns morgen wieder trennen werden.

Der islamische Totalitarismus versucht mit allen Mitteln, Boden zu gewinnen und sich als Opfer der Intoleranz darzustellen. Diese Strategie zeigte sich vor einigen Wochen, als die Lehrergewerkschaft SUD Éducation 93 einen Lehrgang anregte, welcher Workshops über „Staatsrassismus“ beinhaltete, verboten für weisse „Teilnehmer.Innen“. Etliche der Initianten waren Mitglieder oder Sympathisanten des CCIF (Collectif contre L’Islamophobie en France) oder der P.I.R.-Partei (Parti des Indigenes de la Republique). Solche Beispiele gab es viele in letzter Zeit. Daraus lernen wir, dass die Trennung der „Rassen“ geeignet wäre, um den Rassismus zu bekämpfen. Als Republikaner schockiert und diese Idee.

Wir hören auch sagen, dass die Religionen in Frankreich durch eine „instrumentalisierte“ Gewaltentrennung unterdrückt werden und dass man somit der Minderheitenreligion, also dem Islam, einen speziellen Platz einräumen muss, damit er nicht mehr gedemütigt wird. Dieselbe Argumentation zieht sich weiter: Anscheinend schützt man die Frauen vor den Männern, indem man sie durch einen Schleier bedeckt und befördert ihre Emanzipation, indem man sie von den Männern trennt. Die Gemeinsamkeit all dieser Erklärungen ist, dass der einzige Weg, um die „Geknechteten“ (nicht unsere Wortwahl, sondern jene von SUD Éducation 93) zu verteidigen, darin bestehen soll, sie vom Rest der Gesellschaft zu trennen und ihnen Privilegien einzuräumen. Es ist noch nicht lange her, da regierte die Apartheid in Südafrika. Mit der Segregation der Schwarzen als Grundlage, wollte man sich entschuldigen, indem man Bantustans (für die Schwarzen reservierte Gebiete, Anm. d. Übers.), mit einer angeblichen Autonomie.

Zum Glück ist dieses System verschwunden. Heute allerdings will man eine neue Art von Apartheid in Frankreich errichten, eine spiegelverkehrte Segregation dank der die „Geknechteten“ ihre Würde bewahren, indem sie sich von ihren „Peinigern“ abkapseln. Bedeutet dies, dass eine Frau, die den Schleier ablegt und auf die Strasse tritt, zum gewöhnlichen Freiwild wird? Bedeutet dies, dass eine „Rasse“, welche sich mit anderen vermischt, ihre Würde verliert? Bedeutet dies, dass eine Religion ihr Gesicht verliert, wenn sie akzeptiert, dass sie nur eine unter mehreren ist? Und die muslimischen Franzosen oder kulturelle (nicht-praktizierende) Muslime, welche die Demokratie lieben und gemeinsam mit allen anderen leben wollen: Sieht der islamistische Plan vor, auch sie abzutrennen? Und die Frauen, die sich gegen das Eingesperrtsein wehren, wer entscheidet über sie? Und die anderen, die anscheinend keinen Schutz verdienen: gehören sie weggesperrt ins Lager der „Peiniger“? Das alles widerspricht all den Vorkehrungen, die man in Frankreich getroffen hat, um den gesellschaftlichen Frieden zu garantieren. Schon vor langer Zeit wurde die Einheit des Landes begründet, indem man die Eigenheiten beiseite schob, welche Konflikte auslösen können.

Der sogenannte republikanische Universalismus besteht nicht darin, die Geschlechter, Rassen und Religionen zu verleugnen, sondern darin, unabhängig von ihnen einen staatsbürgerlichen Raum zu schaffen, von dem niemand ausgeschlossen ist. Wie kann man übersehen, dass der Laizismus auch die Minderheitenreligionen beschützt? Ihn in Gefahr zu bringen, beschwört die Rückkehr der Religionskriege herauf. Was also ist der Nutzen dieser neuartigen Segregation? Soll er lediglich den selbsternannten „Geknechteten“ erlauben, ihre Reinheit zu bewahren, indem sie unter Ihresgleichen bleiben? Oder hat er vielmehr zum Ziel, sich von der nationalen Gemeinschaft, ihren Gesetzen, Werten und ihrer Moral loszusagen? Kommt darin nicht der ausgesprochenste Hass auf unser Land und die Demokratie zum Ausdruck?

Dass jeder nach dem Gesetz seiner Gemeinschaft oder seiner Kaste lebt – unter Missachtung der Anderen -, dass jeder von den Seinen gerichtet wird, das ist das Gegenteil des republikanischen Geistes. Die Republik wurde begründet durch eine Absage an ein spezielles Recht für bestimmte, exklusive Gruppen, durch die Abschaffung der Privilegien. Ganz im Gegenteil: Dasselbe Recht für jeden von uns, das ist es, was uns die Republik garantiert. Man bezeichnet es ganz einfach als Gerechtigkeit. Der neue Separatismus schreitet maskiert voran. Er will gutartig erscheinen, ist aber in Tat und Wahrheit die Waffe zur islamistischen Eroberung von Politik und Kultur. Der Islamismus will für sich sein, weil er die Anderen ablehnt, einschliesslich der Muslime, die seine Ansichten nicht teilen. Der Islamismus hasst die Souveränität der Demokratie, weil sie ihm alle Legitimität abspricht. Der Islamismus fühlt sich erniedrigt, weil er nicht herrscht. Das können wir nicht akzeptieren. Wir wollen in einer vollständigen Welt leben, wo die beiden Geschlechter sich anschauen, ohne sich durch die Gegenwart des anderen beleidigt zu fühlen. Wir wollen in einer Welt leben, wo die Frauen nicht von Natur aus als minderwertig gelten. Wir wollen in einer Welt leben, wo die Leute miteinander verkehren können, ohne Angst zu haben. Wir wollen in einer Welt leben, wo keine Religion die Gesetze schreibt.“ (hier)

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