Nach uns die Sintflut!

(ANDREAS TÖGEL) Zum Glück für die EU, europäische Regierungen und die Finanzwirtschaft, herrscht gegenwärtig kein Mangel an berichtswerten Themen: Nordkorea, der eben anlaufende Handelskrieg zwischen den USA und dem Rest der Welt, die Aufkündigung des Iran-Deals durch die Trump-Administration, der der Watschentanz von Angela Merkel und Horst Seehofer und – nicht zu vergessen: Die Fußball-WM. Alles superwichtig. Von Glück können die Regierungen (ausgenommen die deutsche) deshalb reden, weil dadurch ein drängendes Problem völlig unbeachtet bleibt, an dessen Entstehung sie einerseits erhebliche Mitschuld tragen und zu dessen Bewältigung ihnen andererseits jede Idee und Möglichkeit fehlt. Es geht um die prekäre Lage der europäischen Bankenlandschaft – namentlich die der italienischen.

Der deutsche Ökonom Philipp Bagus, Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid, hat errechnet, dass die Bilanzsummen der europäischen Banken mittlerweile auf den sagenhaften Wert von 30 Billionen Euro angewachsen sind, was dem 2,91-fachen des EU-BIP entspricht.

Als Gründe für die Schieflage vieler Banken nennt Bagus folgende Gründe:

► Die durch die im Gefolge der Finanzkrise verschärfte Bankenregulierung entstandenen, zusätzlichen Kosten, die derzeit bei 4% des Umsatzes liegen und die bis 2022 mutmaßlich auf gar 10% steigen werden, reduzieren in erheblichem Maße die Produktivität der Institute.

► Unrealistische (d. h. überhöhte) Bewertungen der Anlagevermögen bergen ein veritables Risiko: Korrekt vorgenommene Wertberichtigungen würden nämlich das Eigenkapital vieler Banken augenblicklich vollständig vernichten.

► Die konsequente Nullzinspolitik der EZB hat zu einer nominalen Aufblähung von Anlagepreisen geführt, was Scheingewinne der Institute nach sich zieht und diese damit besser aussehen lässt, als es den Tatsachen entspricht.

► Die Summe der aushaftenden, uneinbringlichen Kredite, ist auf mittlerweile rund 30% des gesamten Darlehensvolumens angewachsen (!) – und damit auf einen historischer Höchststand von 759 Mrd. Euro angelangt.

► Durch das niedrige Zinsniveau bedingt, können viele marode Unternehmen überleben, die längst hätten abgewickelt werden müssen, wodurch die Bankbilanzen drastisch belastet worden wären. Es handelt sich in diesen Fällen de facto um eine verschleierte Konkursverschleppung. Diese „Zombie-Unternehmen“ binden jetzt nicht nur Ressourcen, die anderweitig besser eingesetzt werden könnten, sondern bilden auch gefährliche Zeitbomben in den Bankbilanzen, weil sie im Falle eines Zinsanstieges sofort insolvent würden, die Bankforderungen an sie damit abgeschrieben werden müssten und die betroffenen Kreditoren damit bankrott wären.

► Die Zinspolitik der europäischen Zentralbank verschlechtert die Möglichkeit der Geldinstitute, ausreichende Zins- und Kreditmargen zu generieren. In einer Welt von Negativzinsen auf dem Interbankenmarkt, können sie kein Geld mehr verdienen.

► Die enge Verflechtung von Banken und Regierungen manifestiert sich in hohen Summen von Staatsanleihen. Anfang 2018 hatten die Banken die gewaltige Summe von rund 3,5 Billionen Euro an Staatsschulden in ihren Büchern. Bei der nächsten Rezession ist folglich mit erheblichen Verlusten in den Staatsschuldportfolios zu rechnen – mit absehbar desaströsen Folgen für die Bankbilanzen.

Was auch immer in der nächsten Zeit auf den planwirtschaftlich gelenkten Finanzmärkten geschieht – es wird die angespannte Lage der Banken nicht verbessern. Ein Zinsanstieg würde eine ganze Reihe von Instituten – im Gefolge der dann dräuenden Welle von Unternehmenspleiten – sofort in die Zahlungsunfähigkeit treiben. Fallende Werte von Anlagen (z. B. von Immobilien), werden auch bei stabilen Banken zu massiven Bilanzverlusten führen. Ein weiterhin niedriges Zinsniveau dagegen, schnürt ihnen die Luft zum Atmen ab.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Politisch getriebener Interventionismus in die Wirtschaft und das Finanzwesen, führt mittel- und langfristig stets ins Chaos. Zahlreiche Hyperinflationen, Währungsreformen und Vermögenszerstörungen allein im 20. Jahrhundert, sprechen eine unmissverständliche Sprache: Ein durch die exzessive Ausweitung der (durch keinerlei Gegenwert gedeckten) Geldmenge, generiert regelmäßig eine Scheinkonjunktur, die nicht anders als in einer Rezession enden kann. Zwar ist es erstaunlich, ja geradezu atemberaubend, wie lange die eiserne Komplizenschaft zwischen Regierungen und Finanzwesen es in den zurückliegenden Jahren vermocht hat, den kollektiven Kollaps des weltweit betriebenen Pyramidenspiels zu hinauszuzögern; Am bitteren Ende des frivolen Treibens kann jedoch dennoch kein Zweifel bestehen: Irgendwann wird nämlich jeder Kredit fällig; Irgendwann wird jemand dafür bezahlen müssen. Entweder der gewürgte Schuldknecht oder der enteignete Gläubiger – gewaltsame Verteilungskonflikte inklusive.

Die, die das absehbare Debakel verursacht haben, werden dann längst tot oder in Rente sein. Bezahlen werden die Jungen und die noch Ungeborenen, die keine Schuld an dem von den Babyboomern und deren Nachfolgern initiierten Ponzi-System tragen.

Denn aus dieser Nummer gibt es so oder so kein  Herauskommen. Die notwenigen Maßnahmen einzuleiten, würde keine demokratisch gewählte Regierung überstehen. Also wird von hochkorrupten Politeliten und den mit diesen auf Gedeih und Verderb liierten Geldalchemisten weitergewurstelt werden, wie bisher. Wie formulierte es einst Marquise de Pompadour, Mätresse von König Luis XV? „Nach uns die Sintflut.“

7 comments

  1. Falke

    Ich bin gar nicht so sicher, dass die Verursacher dann schon tot sind. Der Zusammenbruch kann durchaus sehr bald kommen. Allerdings werden die Schuldigen dann wohl schon ihre Schäfchen ins Trockene gebracht haben.

  2. Christian Peter

    ‘Wirtschaftlich getriebener Interventionismus in die Wirtschaft und das Finanzwesen führt ins Chaos’

    Das ist richtig, der Kardinalfehler sind Bankenrettungen. Man sollte marode Banken einfach in die Pleite entlassen, Island bewies, dass dies weit vernünftiger ist, als Banken auf Kosten der Steuerzahler durchzufüttern. Wer sich auf die Finanzkrise 2008 beruft : Der Fehler damals war, dass Banken eben nicht in die Pleite entlassen, sondern vom Steuerzahler gerettet wurden. Neben der Auflösung von Rettungsschirmen sollten gleichzeitig alle staatlichen Haftungen für Banken bzw. Einlagen beendet werden.

  3. elfenzauberin

    @cp
    Die Bankenrettung war nur ein Fehler unter mehreren. Der tiefere Grund für die Krise im Jahr 2008 lag an einer Regulierung, die die Regierung damals beschlossen hatte (soweit ich mich erinnern kann, war das unter Clinton). Die damalige Regierung wollte jedenfalls ein Eigenheim für jedermann, auch für die Ärmeren. Diese hehre Ziel versuchte man zu erreichen, indem man die Banken per Gesetzeskraft anhielt, auch weniger Kreditwürdigen Kredite zu gewähren. Der Rest ist bekannt, nur wollen die Verantwortlichen von ihrer Verantwortung heute nichts wissen. Schuld sind dann die Spekulanten, die Ratingagenturen, das Geldsystem und weiß der Geier, wer noch Schuld hat. Nie und nimmer sind aber die Oberregulierer schuld.

  4. Christian Peter

    @elfenzauberin

    Das stimmt nicht. Die Probleme begannen erst, als Banken den Immobilien – Schrott in neue Finanzprodukte packten und an Ahnungslose rund um den Erdball verkauften.

  5. Christian Peter

    @elfenzauberin

    Zu lasche Regulierung führte zur Finanzkrise 2008. Die Politik hat keine Lehre daraus gezogen, selbst heute genießen Banken nach wie vor Narrenfreiheit und können der Wirtschaft und dem Steuerzahler durch verantwortungsloses Handeln weiterhin schweren Schaden zufügen, ohne zur Verantwortung gezogen zu werden.

  6. Anreas Tögel

    Elfenzauberin hat recht. Aus ideologischen Gründen wurden die Finanzinstitute politisch dazu verhalten, auch Kreditunwürdigen Geld zu leihen. Dass diese die Angebote auch annahmen, darf zwar nicht verwundern, enthebt aber dennoch niemanden seiner Verantwortung – schon gar nicht diejenigen, die einen Kredit aufnahmen, von dem sie sicher sein konnten, ihn niemals bedienen zu können.

    Von einer zu geringen Regulierungsdichte des Finanzsektors kann und konnte jedenfalls keine Rede sein – weder in der Alten noch in der Neuen Welt. Außer in der Pharmabranche gibt es wohl keinen stärker regulierten Sektor als die Geldwirtschaft. Die Hyperregulierung bringt aber keine Sicherheit – im Gegenteil. Der Wurm steckt nämlich schlicht im Prinzip der völligen Entkoppelung von Risiko, Haftung und Verantwortung. Wenn jeder – auch eine Großbank – die Konsequenzen ihres Handelns verantworten muss, ist alles bestens. Wenn betrügerische oder leichtfertige Akteure dagegen in jedem Fall auf einen “Lender of last Ressort” (oder den Steuerzahler) zählen können, dann passiert halt, was passiert und unter der Bezeichnung “Moral Hazard” bekannt ist. Auf politische Lösungen jener Probleme zu setzen, die die Politik erst geschaffen hat, ist jedenfalls ein bisserl blauäugig. Nur Vollpfosten oder Desperados treibt es in die Politik (zumindest in Demokratien) – was sollen die für Otto Normalverbraucher Nützliches auf die Reihe kriegen?

  7. Christian Peter

    @Andreas Tögel

    Selbstverständlich ist mangelnde Regulierung ein großes Problem, ganze Bereiche der Finanzwirtschaft arbeiten ohne jegliche Regeln, was zur Finanzkrise 2008 führte und die Steuerzahler Billionen kostete – bis heute hat sich an diesen Missständen nichts geändert. Wäre der Finanzsektor ausreichend reguliert, könnten vom Finanzsektor keine systemrelevante Risiken ausgehen, die (angeblich) das gesamte Finanzsystem bedrohen. Am besten wäre es, Großbanken zu zerschlagen : ,,If a bank is too big to fail, it is too big.”

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