Nein, die Finanzkrise ist nicht vorbei (Teil II)

(FRANK JORDAN) Politiker und Zentralbänker sagen uns, Zustand und Qualität unseres Wirtschafts- und Finanzsystems – besser: ihres Wirtschafts- und Finanzsystems – sei heute nicht nur solide, sondern besser, als vor der Krise. Die Frage bleibt: Sind Qualität und Zustand wirklich besser, oder haben sich lediglich die Beurteilungskriterien verändert?

Ein oft angeführtes Argument für die Qualität der Geldpolitik ist die Inflation. Trotz eines verheerenden Nachfrageeinbruchs im Rahmen der Krise, konnte mit einer noch nie dagewesenen Geldschwemme ein Einbrechen der Preise (Deflation) verhindert werden. Das allein, sagen sie, ist eine Glanzleistung. Aber das Beste an der Sache sei das Folgende: Wenn so viel Geld gedruckt wird, während die zum Verkauf stehende Menge an Gütern nicht zunimmt, dann steigen normalerweise die Preise dieser Güter, weil pro Gut mehr Geld vorhanden ist. Das wäre eine klassische Inflation und auch die konnte verhindert werden. Ein Wunder. Was ist passiert? Und ist es wahr?

Passiert ist das Folgende: Im Rahmen der „unkonventionellen Massnahmen“ der Zentralbanken wurden Banken mit Liquidität versorgt. Die Zentralbanken kauften ihnen ihre Wertpapiere zu überhöhten Preisen ab und gaben ihnen dafür Bargeld. Als der Preis für das Geld, das Banken sich bei den Zentralbanken leihen konnten (Zinsen) auf Null gesenkt wurden, konnten die Bargeldbestände kostenlos weiter erhöht werden. Im Normalfall wird eine Geschäftsbank ihr Bargeld nicht bei sich herumliegen lassen, sondern versuchen, damit Geld zu verdienen, indem sie es weiterverleiht, also Kredite vergibt, und einen Zinsertrag erwirtschaftet. Das bedeutet aber auch, dass Geld im Normalfall in die reale Wirtschaft, also „zu den Gütern“ gelangen würde, was deren Preise steigen liesse. Seit der Krise ist aber eben nichts mehr normal.

Erstens steckt den Banken immer noch der existenzbedrohende Liquiditätsnotstand von 2007 und 2008 in den Knochen, der nur via massiver Eingriffe überwunden werden konnte. Das hat zur Folge, dass sie heute zum einen viel mehr Bargeld halten, als noch vor der Krise, und dass sie das erhaltene Geld zum anderen für Dinge verwenden, die bei Bedarf einfacher zu verkaufen (liquider) und heute – Geldpolitik sei dank – gewinnbringender sind, als Kredite – Wertpapiere. Das neue Geld gelangt also nicht zu den Gütern, sondern fliesst in Vermögenswerte wie Aktien, Obligationen und Immobilien. Und dort wird zum ersten Mal auch klar, dass das Inflationswunder ein Nullwunder ist. Denn dort stiegen und steigen die Preise massiv. Ausgehend von einem Index 100 für Immobilien im Jahr 2004 stehen wir heute in Deutschland gesamt bei 138, für Wachstumsregionen bei 152. 38 beziehungsweise 52 Prozent also – das klingt dann schon etwas anders, als die zwei dauerkommunizierten Prozent der EZB-Sektierer. Bei den Aktien sieht es ähnlich aus. Ausgehend von seinem Tief im März 2009 verzeichnet der DAX bis heute einen Anstieg um die 300 Prozent.

Da nun die meisten von uns weder Aktionäre sind, noch Immobilien besitzen, könnte man meinen, wir seien vor den Preissteigerungen in diesen Sektoren sicher. Und Politik und Zentralbanken kommunizieren in einer Art, die das zwar nicht direkt behauptet, aber diese Deutung durchaus zulässt. Aber dem ist nicht so. Wenn die Immobilienpreise steigen, dann steigen auch die Mieten. Im realen Leben heisst das, dass die Wohnungsmieten seit 2007 in Deutschland um rund 15 Prozent gestiegen sind. Dass wir also alle von der Geldpolitik, der Dauer-Retterei und der Zahlen-Alchemie der Behörden profitieren, ist schlicht eine Lüge. Profitieren tun ganz andere: Die Behörden selber, die von höheren Steuern und Gratisgeld profitieren, die Profiteure, die vom Staat leben und alle anderen, die von den Zentralbanken Geld erhalten – kostenlos via Nullzinsen oder indirekt über Wertpapier- beziehungsweise Anleihenkäufe.

Und dann ist da noch die Sache mit den 2 Prozent Inflation. Sie sind „gut“, sagt man uns und werden „angestrebt“. Hat Ihnen der Bäcker Ihrer Wahl auch schon mal gesagt, für zwei Euro, kriegten Sie das Brot gratis? So oder ähnlich verhält es sich mit der angestrebten, guten Inflationsrate von 2 Prozent mit dem Unterschied, dass Sie beim Bäcker wenigstens ein Brot kriegen für ihre zwei Euro, während der Staat die Zwei-Prozent-Steuer „Inflation“ bloss kassiert und dafür nichts liefert. Zwei Prozent sind verkrakftbar, sagen Sie? Nicht allzu schmerzhaft? Sagen Sie das mal Ihrer Kettensäge oder Motorsense, wenn Sie künftig auf den zweiprozentigen Ölanteil im Benzin verzichten.

Wie ein „Klemmen“, das Nullzinsen auf Sparguthaben und „keine Inflation“ für Normalbürger wie Sie und mich zur Folge haben ist rasch gesagt: Vermögen bilden, also vorsorgen für die Zukunft, ist praktisch unmöglich geworden. Im Gegenteil – da Sparen heute kostet (Geldentwertung und Bankgebühren) und Mieten teurer werden, machen wir „rückwärts“, wenn unser Einkommen gleich bleibt. Um im kommenden Jahr gleich dazustehen wie heute, müssten wir also mehr verdienen. Um besser dazustehen, müssten wir massiv mehr verdienen.  So einfach ist das. Und hier sollte es auch dem letzten klar werden, was und wer die so viel und gerade von Behörden und Finanz-Organisationen beklagte Ungleichheit verursacht: Die Behörden – nicht die schrecklichen freien Märkte, nicht der Kapitalismus, sondern jene, die vorgeben, ihn „zügeln“ zu wollen zum Besten der Menschen.

Fazit: Die Qualität des Systems hat sich in Bezug auf seinen Output nur für jene verbessert, die es lenken. Für alle anderen trifft das Gegenteil zu: Bereits heute ist es ein Verlustgeschäft. Und kein Mensch weiss, was passiert, wenn man diesen Zustand beibehält oder wenn man versuchen sollte, ihn morgen zu normalisieren, wo das Risikoverhalten der profitierenden Akteure heute bereits wieder auf Vorkrisenniveau oder höher zu orten ist. Haben die Banken vor dem ähnlich einer Sonne über allem strahlenden „Whatever it takes“ der Zentralbanken überhaupt einen Grund, zu „normalem“ Verhalten zurückzukehren und auf die Gewinne aus „garantiert“ im Preis steigenden Wertpapiere zu verzichten? Und wenn ja, was passiert, wenn sie dann ihr Bargeld wieder als Kredite verleihen und es durch die Kreditnehmer in die reale Wirtschaft zu den Gütern gelangt?

Nein, das System ist nicht sicherer geworden. Man sieht bloss weniger und weiss nicht viel mehr, als dass man sich auf die bisher gängigen Methoden der persönlichen selbstverantwortlichen Absicherung nicht mehr verlassen kann. Andere Lösungen sind gefragt. Alles muss hinterfragt werden und gedacht werden dürfen. Auch Illegales, das im aufgezwungenen System längst legitim ist: Steuerhinterziehung, Steuervermeidung, Gold- und Vorratshaltung ebenso, wie Konsumverhalten und Schwarzarbeit. Jeder für sich. Der Staat und seine Günstlinge tun dasselbe. Wer es nicht tut, handelt grob fahrlässig. Und wer einmal die AVB seiner Versicherung gelesen hat, der weiss, dass es bei grober Fahrlässigkeit kein Recht auf Entschädigung im Schadensfall gibt. Vom Leben selbst schon gar nicht. Es bleibt also erneut: Freiheit durch persönliches Handeln, oder  warten auf die Erlösung durch den Staat.

3 comments

  1. Manfred M

    Eine klare und verständliche Analyse – sollte zur Standardlektüre jedes Staatsbürgers werden.
    Besonders zum Thema „Inflation“: Während honorig blickende Herren (meist sind es Herren; Damen meiden solche Unverfrorenheit eher) uns wichtigtuerisch vorbeten, 2% Inflation „sei gut“, entlarvt F. Jordan die Realität: Inflation (in der beschriebenen Form) ist eine politisch gewollte Steuer auf „Papiervermögen“. Bei konstant 2% enteignet sie einen Durchschnittssparer innerhalb seiner Lebensarbeitszeit um ziemlich exakt 50% seiner Ansparleistung. Wobei „Sparen“ mit jeder Form von Vorsorgeleistung gleichzusetzen ist, mittels derer Papiervermögen angesammelt wird.
    Trotzdem wählen die Menschen immer wieder Parteien, die diese Form der schleichenden Enteignung gut heißen.

  2. Luke Lametta

    Ich habe übrigens die Erfahrung gemacht, dass des Pudels Kern und der casus knaxus in Sachen Inflation und Geldpolitik interessierten Leuten wesentlich besser und schneller einleuchtet, wenn man all diese ohnehin unsinnigen, völlig irrelevant gewordenen, antiken Metaphern von „Notenpresse“, „Druckerpressen“, „Geld drucken“ uswusf. echt konsequent bleiben lässt. Geldpolitik funktioniert seit ewig langer Zeit völlig anders und setzt auf völlig andere, wirklich nicht um soviel kompliziertere Instrumente, Bargeldumlauf und M0 verlieren von Jahr zu Jahr an Bedeutung und die entsprechenden Bilder taugen höchstens noch, wenn man auf die Inflation irgendwelcher Bananenrepubliken oder Venezuela etc. abstellt, bzw. sich an historischen Exkursen versucht – ansonsten verstellen sie den Weg zum integralen Verstehen eher ziemlich effektiv, als dass sie dabei hilfreich wären, so jedenfalls meine mehr als einmal gemachte Erfahrung.

    Ich fremdle übrigens auch erheblich mit dem Narrativ „Enteignung der Sparer“, so reden Politiker beim Versuch, Interessen zu adressieren und anschließend zu vertreten, ok, aber es ist im Grunde ein ziemlich missverständliches Bild, wie die meisten extrem missverständlichen Bilder freilich an sich „nicht falsch“ und wohl genau deshalb problematisch, es greift mE einfach etwas zu kurz.

    Ob ich spare oder nicht, ob ich mich an inflationierten assets (Pleonasmus) zwecks Geldanlage oder Spekulation versuche, das alles sind bewusste Entscheidungen, die selbst wiederum Preissignale senden. Du möchtest als Sparer nicht enteignet werden? Ja mei, dann lass es halt bleiben, zwecks Kaufkrafterhalt oder, im Idealfall, -steigerung gibts Optionen wie Sand am Meer und problematisch an inflationistischer Politik ist ja im Kern etwas anderes, nämlich die erhebliche Manipulation menschlichen Handelns, die damit ausgelöste, massive Verschiebung menschlicher Präferenzen, die unnatürliche Subventionierung von Risikoaffinität und Bestrafung von Risikoaversion, die Subventionierung und Begünstigung von Schuldenaufnahme und Verschuldung bei gleichzeitiger Existenz einer Art Strafsteuer auf zutiefst gesunde, zivilisations-, und wohlstandsinduzierende Neigungen wie Sparen und Vorsorge uswusf., und dass all diese Interventionismen eben nicht welche unter vielen sind, sondern *die* staatlichen Eingriffe ins Wirtschaftsleben schlechthin, in scale und scope mit nichts anderem vergleichbar

    Keine Art von bewusster, staatlicher Politik wirkt potenziell verheerender oder verschiebt die Wahrscheinlichkeiten stärker Richtung Dirigismus, Krise und Interventionismus, mit keiner wirtschaftspolitischen Klempnerei werden mehr und schädlichere unintendend consequences ausgelöst, nichts sorgt für mehr von dem, was Politiker hinterher „dringenden Handlungsbedarf“ usw. nennen, am Ende stehen dann e.g. Mutti und Steinbrück vor der Fernsehkamera und beschwören sichtlich schweißgebadet, dass die Spareinlagen doch sicher wären, was ja keinen anderen Subtext hat als dass die Situation dermaßen ernst ist, dass eine vertrauensbildende Maßnahme in diesem Umfang nötig ist – Fliehkräfte einfach so massiv geworden, dass man wirklich nicht mehr weit von Armageddon und totaler Kernschmelze des Finanzsystems, wie wir es zeitlebens kannten, entfernt ist bzw. war (ich weiß nicht, ob den Leuten wirklich klar ist geschweige denn war, was das alles konkret bedeutet… – da gehts dann nicht mehr bloß um Bankomaten, die kein Bares mehr ausspucken, da gehen die Lichter aus und das reihum, da steht dann die Welt buchstäblich still…).

    Well, genug der Apokalyptik, soll ja auch lediglich ein Denkanstoß gewesen sein…

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .