Sozialismus wirkt!

(ANDREAS TÖGEL) Beim Sozialismus handelt es sich, wie der russische Mathematiker Igor Schafarewitsch wohl zu Recht befindet, um eine „anthropologische Konstante“. In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen bricht er hervor – stets unter neuen Bezeichnungen und niemals ohne Gewalt, Chaos, Armut, Elend und/oder Leichenberge hervorzubringen. Aber der „wahre Sozialismus“ sei ja bisher ja noch niemals verwirklicht worden, weshalb man auch nicht von seinem Scheitern sprechen könne, tönt es aus den Reihen unbelehrbarer Dogmatiker nach jedem furios verunglückten Versuch. Das Ausmaß an Verblendung und Realitätsverweigerung ist schier grenzenlos.

Vor nicht allzu langer Zeit forderte Genossin Julia Herr, ihres Zeichens SPÖ-Berufsjugendliche und Dauerstudentin der Soziologie, die Bundesregierung auf, sich am leuchtenden Beispiel Venezuelas zu orientieren und die Alpenrepublik – am besten aber gleich die ganze Welt – auf einen ähnlichen Kurs zu bringen. Der zu den schönsten Hoffnungen Anlass gebende dunkelrote Jungstar, träumt von der Verstaatlichung von Banken und „Schlüsselindustrien“ und fordert die Rückkehr ihrer Partei zu einem antikapitalistischen Kurs, den diese angeblich verlassen habe. Wie dem auch sei: Da weder Faktenresistenz noch Dummheit strafbar sind, darf Frau Herr träumen, wovon immer sie will.

Ein etwas präziserer Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung, die Venezuela nach dem im Jahre 1998 vom marxistischen Ex-Obristen Hugo Chavez (1954 – 2013) errungenen Wahlsieg genommen hat (ein paar Jahre zuvor hatte der Mann demonstriert, wes Geistes Kind er ist, als er einen Putschversuch unternahm, der kläglich scheiterte), lohnt sich allemal.

Präsident Chavez hatte die Gedanken und Handlungen der historischen Protagonisten sozialistischer Realpolitik offenbar sehr gründlich studiert. Zum Beispiel jene Lenins, der einst konstatierte: „Wer die Kapitalisten vernichten will, der muss ihre Währung zerstören.“ Ob beabsichtigt oder nicht – Chavez und seinem nicht minder glücklosen Nachfolger Nicolás Maduro, ist das Kunststück der Kapitalismuszerstörung – zumindest in dem geplagten lateinamerikanischen Land, nunmehr auf ganzer Linie gelungen. Mit einer auf das Jahr hochgerechneten Geldinflationsrate, die auf eine Million Prozent (!) zusteuert, nehmen die strammen Marxisten Venezuelas Kurs auf einen Allzeitweltrekord, der selbst die Inflation der Weimarer Republik des Jahres 1923 in den Schatten stellt.

Es war anno 2006, das Enteignungs- und Verstaatlichungsprogramm für die in aus- und inländischem Besitz stehenden Privatbetriebe Venezuelas lief bereits auf vollen Touren, schickte Präsident Chavez sich an, den Fluch des Kapitalismus endgültig zu brechen und gab zu Protokoll: „Es gibt einen Markt, der durch Tausch und nicht durch Währung reaktiviert werden kann.“ Die Aussage ist natürlich absolut richtig. Vor der Erfindung des Geldes, eines von ihm offenbar als menschenfeindliches Teufelszeug entlarvten Werkzeugs zur Ausbeutung der proletarischen Massen, stellte die primitive Tauschwirtschaft schließlich das einzige Mittel zur Arbeitsteilung dar. Insofern hatte er schon recht. Und wenn das Geld – wie derzeit in Venezuela – seinen Tauschwert vollständig verliert, bilden Bartergeschäfte tatsächlich den einzigen Ausweg um zu überleben – falls keine Ersatzwährung zur Verfügung steht. Auf welchem Niveau eine geldbefreite Tauschökonomie operiert, wie viele Möglichkeiten dadurch ungenutzt bleiben, und wieviel Wohlstand aufgrund unüberwindlicher Tauschbarrieren einfach nicht produziert werden kann, braucht hier nicht weiter ausgeführt zu werden.

Unter dem unausgesprochenen Motto zurück zu den Wurzeln, hat Chavez´ Nachfolger Maduro das von ersterem definierte Ziel erreicht, wenn auch bezweifelt werden darf, dass die wackeren Herren Klassenkämpfer sich das tatsächlich auch so gewünscht hatten. Wie formulierte es F. A. Hayek: „Wenn die Sozialisten etwas von Wirtschaft verstünden, wären sie keine.“

Die venezolanischen Roten haben, als der Ölpreis im Jahr 2014 einbrach, was der Finanzierung der umfangreichen Sozialprogramme des auf seine Erlöse aus Ölexporten angewiesenen Landes die Basis entzog, durch den ungehemmten Einsatz der Notenpresse die Landeswährung, den Bolivar, ruiniert. Auslandsinvestoren bleiben längst aus und ohne jede Rechtssicherheit und stabile Währung, bieten sich auch für Inländer keinerlei Investitionsanreize und -Möglichkeiten. Immerhin ist das Elend gleich verteilt (selbstverständlich ist die Nomenklatura davon ausgenommen, weil etwas gleicher als alle anderen).

Venezuela bietet für die jüngeren Semester Europas, die selbst weder eine Hyperinflation, noch eine (stets mit Enteignungen einhergehende) Währungsreform erlebt haben, bestes Anschauungsmaterial für die Konsequenzen einer verfehlten Wirtschafts- und einer irrwitzigen Geldpolitik. Wie dank Ludwig Mises seit rund 100 Jahren bekannt, scheitern sozialistische Ökonomien immer und zwangsläufig am Kalkulationsproblem, weil ihr die durch Preise ausgedrückten Signale des Marktes fehlen. Hinzu kommt im vorliegenden Fall, dass jede Währungsinflation nur bis zu dem Zeitpunkt einigermaßen ungestraft funktioniert, zu dem die Bürger herausfinden, dass die von ihnen erlebte Kaufkraftminderung voraussichtlich kein Ende nehmen wird und damit beginnen, ihre Geldnachfrage einzuschränken. Stattdessen versuchen sie (siehe Weimarer Republik im Jahr 1923), ihr Geld nach dem Erhalt so schnell wie möglich wieder loszuwerden. Eine Flucht in Sachwerte setzt ein und entfacht zunächst eine kurzlebige „Katastrophenhausse“, die alsbald in einem totalen Wirtschaftskollaps endet. Alles schon dagewesen. Historische Evidenz ist en masse vorhanden. Keiner der zeitgeistig-modernen Geldalchemisten kann sich auf Unwissenheit ausreden.

Nur zur Erinnerung, falls die Geschichte in Vergessenheit geraten ist oder einfach keinen mehr interessiert: Die Zerstörung der Reichsmark im Gefolge des verlorenen Weltkriegs in den frühen 1920er-Jahren, trieb große Teile des deutschen Mittelstandes in den Ruin und gilt seither vielen Historikern als einer der wichtigsten Bausteine für den Aufstieg und späteren Triumph der Nationalsozialisten. Bleibt zu wünschen, dass dieser Umstand auch dem Herrn der EZB bewusst ist. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

6 comments

  1. Daniel B.

    “Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.”

    Nein,…die Hoffnung wird im Sozialismus zuerst erschossen!

  2. AD

    wenn schon Nobelpreisträger Stiglitz das venezolanische Modell 2007 schon gelobt hat kann Fr. Herr doch nicht fehlen.

  3. Herbert Manninger

    Ideologisch Verbohrte sind der Logik nicht zugänglich, auch eigene schmerzhafte Erfahrungen bringen sie nicht vom in diesem Falle linken Weg ab. Selbst einen Schritt vor dem Abgrund wollen sie noch ,,fortschrittlich” sein.

  4. Bösmensch

    „Wenn die Sozialisten etwas von Wirtschaft verstünden, wären sie keine.“

    Treffender könnte man es nicht formulieren.

  5. fxs

    The oppressed are allowed once every few years to decide which particular representatives of the oppressing class are to represent and repress them.
    (Karl Marx)

  6. Mourawetz

    Sozialismus ist der Versuch, sich ein besseres Leben herbeizuwünschen.

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