1 Jahr Corona: Versuch einer zukunftsorientierten Bestandsaufnahme

Von | 2. März 2021

(von Rudolf Taschner, Leiter des Wiener Wirtschaftskreises)   Am 11. Februar 2020 gab die Weltgesundheitsorganisation einer anscheinend zum ersten Mal im Dezember 2019 in China aufgetretenen Krankheit, die in vielen Fällen sehr milde verläuft, in manchen Fällen jedoch heftig innere Organe, vor allem die Lunge, befällt, den Namen „Covid 19“ als Abkürzung für „Coronavirus Disease 2019“. An diesem Tag gab es 43.103 bestätigte Fälle. Nun, Ende Februar, 2021, da diese Zeilen geschrieben werden, sind es mehr als 112 Millionen. Und rund 2,5  Millionen Menschen, weitaus mehr als Wien Einwohner zählt, sind an oder mit dem „Corona“ benannten Virus, das Covid 19 verursacht, verstorben[1].

Zwar dürften noch einige Monate vor uns liegen, bis die vom Coronavirus ausgelöste Pandemie in Österreich vorbei sein wird, aber es mehren sich die Zeichen, dass ihr Ende wenn noch nicht in greifbare, so doch in bereits sichtbare Nähe gerückt ist. Dies veranlasst den Wiener Wirtschaftskreis  wie schon einige Male zuvor, über einige gewichtige Fragen nachzudenken, welche

  • die Gesundheit
  • das Sozialgefüge
  • die Politik
  • die Wirtschaft

betreffen und erneut Überlegungen anzustellen, die als zukunftsorientierte Bestandaufnahme gelesen werden können.

Die gesundheitlichen Aspekte der Krise

Schutz und Eindämmung

Erstens werden als Mittel zum Schutz vor dem Coronavirus jene Maßnahmen ergriffen, die bereits im Mittelalter, wenn nicht sogar schon in früheren Epochen, als wirksam erkannt wurden: Es gilt

  • Abstand zu wahren (zunächst einigte man sich auf einen, besonders Vorsichtige auf eineinhalb Meter und erfand dazu den eher kindischen[2] Begriff des „Babyelefanten“, die später mit höherer Ansteckungsgefahr in Österreich auftretenden Mutationen des Virus vergrößern den vorgeschriebenen Abstand auf zwei Meter und man verzichtet dankenswerterweise auf infantile Begriffe),
  • auf Hygiene zu achten, vor allem Hände zu waschen und zu desinfizieren,
  • Mund- und Nasenschutz zu tragen (zunächst war dessen Ausgestaltung frei, schließlich erwies sich die FFP-2-Maske als Mittel der Wahl (FFP ist die Abkürzung für „filtering face piece“, filtrierendes Gesichtsteil, und die Nummer 2 klassifiziert ihre Schutzwirkung, die höher als jene mit der Nummer 1 und niedriger als jene mit der Nummer 3 angesetzt ist).

Zweitens wird als Mittel zur Eindämmung des Coronavirus versucht,

  • möglichst breitflächig zu testen,
  • mit Contact Tracing, der Nachverfolgung von Kontaktpersonen, die Infektionsherde einzukreisen,
  • mit der Verhängung von Quarantänen, strengen Kontaktverboten im lokalen Bereich, und von Lockdowns, unterschiedlich rigoros gehandhabten Kontaktverboten im großen, staatlichen Bereich, die überbordende Ausbreitung einzubremsen.

Die Testverfahren reichen dabei von dem aufwendigen und zur Durchführung eine relativ lange Zeitspanne beanspruchenden PCR-Test (die Abkürzung steht für „polymerase chain reaction“, Polymerase-Kettenreaktion),  über leichter einsetzbare und rasch Ergebnisse liefernde Antigentests bis hin zu dem sogar von medizinischen Laien, ja sogar von Kindern durchführbaren anterior-nasalen Abstrich. Naturgemäß nehmen Sensitivität (die Wahrscheinlichkeit, dass der Test die mit Corona Infizierten mit dem Ergebnis „positiv“ belegt) und Spezifität (die Wahrscheinlichkeit, dass der Test die nicht mit Corona Infizierten mit dem Ergebnis „negativ“ belegt) dieser Tests mit zunehmender Vereinfachung ihrer Handhabe ab. Dennoch zeigt sich, dass umfassende Testungen, selbst bei Tests mit eher geringer Sensitivität und eher geringer Spezifität, Lockerungen in den von den Behörden verfügten Maßnahmen des Lockdowns zulassen.

Beispiele der südostasiatischen Staaten – Singapur zählt bei fast 5,9 Millionen Einwohnern bisher nur 29 an Corona Verstorbene, Taiwan bei mehr als 23,8 Millionen Einwohnern bisher gar nur 9 an Corona Verstorbene – zeigen, dass möglichst breitflächiges Testen zusammen mit sehr strikten Nachverfolgungsmaßnahmen positiv getesteter Personen die Gefahr von Corona auf ein fast an Null heranreichendes Minimum zu reduzieren vermag. Tatsächlich sind die dabei ergriffenen Nachverfolgungsmaßnahmen und Quarantänebestimmungen dieser Staaten so rigoros, dass sie mit europäischen Standards kaum in Einklang zu bringen sind.

Am Beispiel Südkoreas, das bei einer Bevölkerung von mehr als 51 Millionen mit knapp 1.600 an Corona Verstorbenen eine vergleichsweise geringe Todesrate aufweist, argumentierten Eran Bendavid, Christopher Oh, Jay Bhattacharya und John P.A. Ioannidis in einem für rege Diskussion sorgenden Aufsatz[3], dass Staaten, die auf exzessives Testen und Contact Tracing sowie auf sehr strenge Quarantäne setzen, die Gesundheitskrise ohne Verhängung von Lockdowns zu bewältigen vermögen. Als zweites Beispiel für ihre These, man könne Lockdowns erfolgreich vermeiden, zogen die Autoren Schweden heran – eine für einen Vergleich mit Staaten, die Lockdowns verhängten, nicht optimale Wahl, da die Bevölkerung in Schweden weitaus williger als in anderen vergleichbaren Staaten bereit ist, Empfehlungen zu befolgen, die woanders als verpflichtende Maßnahmen verordnet werden müssen, da die Bevölkerungsdichte in Schweden vergleichsweise gering ist und schon dadurch die physischen Kontakte geringer als anderswo sind, aber trotzdem die Todesrate in Schweden relativ hoch ausfiel und die schwedische Regierung aufgrund der hohen Infektionsraten derzeit ernsthaft erwägt, wie in den übrigen europäischen Staaten einen Lockdown zu verhängen.

Eine Quarantäne oder gar einen Lockdown zu verhängen, stellt das letzte mögliche Mittel zur Eindämmung des Virus dar. Mit Fortdauer der Krise nutzt sich dieses Mittel allerdings ab: Da der weitaus überwiegende Teil der Bevölkerung weder persönlich noch im näheren Umfeld von der Erkrankung an Covid 19 betroffen ist, fehlt zunehmend das Verständnis für so sehr das übliche Leben beschränkende Maßnahmen, und man beginnt sich mit zunehmenden Leichtsinn darüber hinwegzusetzen. Rigorose Überwachung und strenge Strafen werden als völlig überzogen empfunden, so auch medial angeprangert, sodass die Überprüfung der Einhaltung der mit dem Lockdown verbundenen Maßnahmen zu versanden droht. Allein mit großem Ernst verkündete Hinweise auf die Heimtücke und Gefährlichkeit des Virus – sie ist faktisch gegeben, wird jedoch von kleinen, aber lautstarken Gruppen mit der gleichen Naivität geleugnet, wie kleine Kinder glauben, verschwinden zu können, wenn sie ganz fest ihre Augen zudrücken – vermag eine Akzeptanz des Lockdowns zu bewirken. Allerdings verhallen solche Appelle mit der Zeit, und Gegner des Lockdowns verunglimpfen sie verantwortungslos als – wie sie verbreiten – unnötige Verängstigung der Bevölkerung.

Beendigung der Gesundheitskrise

Drittens wird als Mittel zur Bekämpfung des Coronavirus,

  • möglichst breitflächig geimpft,
  • mit medikamentöser Behandlung bei drohendem schwerem Verlauf von Covid 19 eine Linderung und in der Regel eine Heilung erzielt.

Dass innerhalb eines Jahres hervorragend gegen die Infektion mit dem Coronavirus schützende Impfstoffe entdeckt, entwickelt, geprüft, genehmigt und hergestellt werden konnten, stellt einen Triumph der Wissenschaft[4] und des freien Unternehmertums dar.

Anders ist es um die Anwendung der Impfstoffe in den einzelnen Staaten bestellt. Hier leuchtet Israel als ein beneidenswertes Vorbild über alle anderen hinweg, breitflächig und schnell führen neben anderen kleinen Staaten auch die USA und das Britische Königreich Impfungen durch, während die Staaten der Europäischen Union quälend langsam, zum Teil sogar sehr schleppend hinterherhinken. Es ist zu beklagen, dass unverantwortliche Unprofessionalität und nicht zu rechtfertigende Hybris gepaart mit schierer Inkompetenz ein angesichts der Impfung vermeidbares Sterben an Corona nachgerade zulassen. Ob dies in der Zeit nach der Krise jemals zur Sprache gebracht wird, ist jedoch zu bezweifeln. Zu sehr wird man wahrscheinlich versuchen, übles Versagen mit dem Mantel des Vergessens zu verhüllen.

Parallel zur Entwicklung der Impfstoffe wuchs das medizinische Wissen um das Coronavirus und die verschiedenartigsten Symptome der Erkrankung an Covid 19. Dies verbesserte die Behandlungsmethoden und den Einsatz von Medikamenten. So hat sich gezeigt, dass zwei alte und sehr billige Medikamente, nämlich Dexamethason und niedermolekulares Heparin am meisten zur erfolgreichen intensivmedizinischen Behandlung beitragen[5]. Direkt das Andocken des Coronavirus verhindernde Medikamente werden unter anderem vom Genetiker und Biotechnologen Josef Penninger erforscht und entwickelt[6]. Man darf daher sehr zeitnah eine effektive Medikation an Covid 19 Erkrankten erwarten, die einen schweren Verlauf in der Regel verhindern.

Somit dürfte es nur mehr eine Frage von Monaten sein, bis das von allen ersehnte Ende der Gesundheitskrise erreicht sein wird. Dieses Ende bedeutet, dass ab diesem Zeitpunkt Corona nicht mehr ein öffentliches, sondern – im Falle einer Infektion – nur mehr ein privates Problem darstellt. Es soll dann verkündet werden, wenn nach Maßgabe fachmedizinischer Expertisen damit zu rechnen ist,

  • dass die meisten der unbedingt vor einer Erkrankung an Covid 19 zu schützenden Personen bereits geimpft sind,
  • dass der Virenbefall bei den übrigen Personen zumeist asymptomatisch oder mit milden Symptomen einhergeht und in den Fällen drohender schwerer Erkrankung in der Regel die Medikation hilft,

sodass keine Gefahr der Überlastung des Gesundheitssystems mehr vorliegt.

Ab dem Ende der Gesundheitskrise spielen Infektionszahlen keine Rolle mehr, weil selbst hohe Infektionszahlen keinesfalls mehr Belastungen oder gar Überlastungen von Spitälern und Intensivstationen nach sich ziehen. Deshalb verlieren ab diesem Ende durchwegs alle erlassenen Maßnahmen gegen Corona ihre Verbindlichkeit, sie werden durch Empfehlungen ersetzt, deren Einhaltung jedem Einzelnen überlassen bleibt.

Die Erfahrung, wie sich Menschen nach Pandemien im Allgemeinen verhalten, spricht sehr dafür, dass nach dem Ende der Gesundheitskrise ein großes Vergessen stattfinden wird – wir kommen darauf in Kürze zurück – mit dem Nachteil, dass es nicht leicht fallen wird, nachhaltige Lehren aus dieser Krise für ähnliche zukünftige Krisen zu ziehen.

Die sozialen Aspekte der Krise

In den ersten Wochen der Krise war von den Beobachtern viel von Solidarität in der Bevölkerung, von Zusammenhalt, von Freiwilligkeit bei gegenseitiger Hilfe und Unterstützung und von fast übertrieben akribischer Befolgung der Schutzmaßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus berichtet worden. Symbol dafür waren die spontanen Konzerte von Balkonen aus, die in italienischen Städten an den lauen Frühlingsabenden stattfanden.

Davon ist nun rund ein Jahr später keine Rede mehr. Die damalige von kluger Vorsicht, von einhelliger Zustimmung zu den Maßnahmen, aber auch von leiser Zuversicht auf ein baldiges Ende geprägte Stimmung ist nun einem spürbaren Trotz, einem freudlosen Unmut beim Befolgen von Verordnungen, einer nervösen Gereiztheit gewichen. Wurden zuvor die Appelle der Regierung als sinnvoll und zielführend empfunden, hegen nun viele Zweifel an ihrer Stimmigkeit und Stringenz. Logisch einleuchtenden Argumenten begegnet eine zwar kleine und heterogene, aber sich lautstark äußernde Gruppe von Verweigerern mit emotionalen Erwiderungen, gar mit Wutausbrüchen. All dies ist aufgrund

  • der eingeschränkten sozialen Kontakte,
  • der für manche wirtschaftlich äußerst prekären Lage und
  • der – wegen der Schulschließungen, der für viele beengten Situation in kleinen Wohnungen und der wenigen Kontakte zu Groß- oder Urgroßeltern – angespannten familiären Beziehungsgeflechte

nur zu verständlich. Hinzu tritt die Wut jener, die sich folgsam an Verordnungen halten wollen, auf die Verweigerer, weil diese nicht nur sich selbst und andere gefährden, sondern auch die für den Erlass von Maßnahmen maßgebenden Infektionszahlen in die Höhe treiben.

Erschwerend kommt hinzu,

  • dass kein sicherer Termin für das Ende der Gesundheitskrise feststeht,
  • dass die Angst vor der wirtschaftlich höchst angespannten Zeit nach diesem Ende das Gemüt belastet,
  • dass die Meinung um sich greift, den Menschen werde durch die Krise und die mit ihr einhergehenden Einschränkungen Lebenszeit genommen – vor allem den jungen Menschen, denen Schulunterricht und Universitätsleben nicht in der üblichen Weise offen stehen.

Schließlich zeigte sich die Entsolidarisierung der Gesellschaft, als zögerlich mit dem Impfen begonnen wurde. Nach anfänglicher Skepsis vieler den eben entwickelten und nur kurze Zeit getesteten Impfstoffen gegenüber schwang das Stimmungspendel in die andere Richtung, und es kann derzeit – Ende Februar 2021 – gar nicht schnell genug gehen, den eigenen Arm der erlösenden Nadel hinzuhalten. Regelrechter „Impfneid“ grassiert. Dieser wird sich bestimmt dann legen, wenn hinreichend viel Impfstoff zur Verfügung stehen wird: dann wird das Stimmungspendel in Richtung „Impfmüdigkeit“ zurückschlagen. Hinzu kommt die Gefahr sozialer Verwerfungen, wenn es zu Privilegien für Geimpfte kommen sollte, selbst wenn diese mit guten Argumenten begründet und verteidigt werden können.

Sehr wahrscheinlich werden aber die meisten Menschen nach dem Ende der Gesundheitskrise danach streben, den Albtraum Corona möglichst zu vergessen. Den vielen an Covid 19 Verstorbenen wird die Allgemeinheit keine Kränze flechten, nur deren engste Angehörige werden noch eine Weile um sie trauern. Schon Wochen nach Aufhebung der staatlich verordneten Maßnahmen wird es als eigenartig empfunden werden, wenn man Vorsichtigen in den öffentlichen Verkehrsmitteln oder beim Einkauf mit einem Mund-Nasen-Schutz begegnet. Der Drang, vermeintlich Versäumtes unbedingt nachholen zu müssen, wird dazu führen, das Ausgelassenheit und Überschwang an der Tagesordnung stehen: eine Wiederholung der „wilden Zwanziger“ nach einem Jahrhundert. Ähnlich war es nach dem Ende der sogenannten Spanischen Grippe, die ungleich mehr Todesopfer forderte als Corona, ja sogar mehr Todesopfer als der Erste Weltkrieg: Zwar findet man zuhauf Denkmäler und Erinnerungstafeln für die zwischen 1914 und 1918 gefallenen Soldaten, aber selten[7] Erinnerungsstätten für die Toten der Spanischen Grippe …

Als vor Erreichen des Höhepunkts der ersten Welle in Frankreich Staatspräsident Emmanuel Macron von einem „Krieg“ gegen das Virus sprach[8], übertrieb er maßlos angesichts der Not und Qual, die echte Kriege begleiten. Dass bei den im Vergleich dazu linden Einschränkungen und Beschneidungen mit Fortgang der Krise dennoch wilde Verweigerungen und harsche Klagen um sich griffen, spricht nicht für solidarische Widerstandskraft – heute würde man zeitgeistig „Resilienz“ dafür sagen – der Bevölkerung.

Die politischen Aspekte der Krise

Zwar wird man sehr schnell die vom Coronavirus ausgelöste Krise zu vergessen versuchen, einige der politischen Erfahrungen, die während dieses Ausnahmezustandes gesammelt wurden, bleiben jedoch sicher haften, so zum Beispiel

  • die Mühelosigkeit, mit der aufgrund sehr schwerwiegend empfundener äußerer Umstände gleichsam über Nacht Grundrechte eines liberalen Rechtsstaates zugunsten vitaler Interessen aufgehoben werden können,
  • die Vielstimmigkeit von Expertisen, wodurch sich politische Entscheidungsträger nicht durch klare und einhellige Empfehlungen von Fachleuten bei ihren Verordnungen sicher wähnen können,
  • die Wankelmütigkeit des Demos, der zwar der Idee einer demokratischen Verfassung nach der Souverän des Staates ist, doch offenkundig, insbesondere in Krisenzeiten, beim Fällen und Befolgen rein sachlich begründeter Maßnahmen überfordert ist,
  • die Leichtigkeit, mit der leichtfertig mit dem Aufschaukeln von Emotionen spielende Demagogen das sprichwörtliche Vulgus mobile auf ihre Seite zu ziehen verstehen,
  • das blamable Versagen der Europäischen Union sowohl bei der Koordinierung von Maßnahmen und dem freien Warenverkehr von Masken zu Beginn der Krise, vor allem aber auch bei der Beschaffung von Impfstoffen.

Nach dem Ende der Gesundheitskrise ist nicht zu erwarten, dass sogleich politische Stabilität herrschen wird, wie sie zum Beispiel in den Jahren knapp vor der Jahrtausendwende bestand, also vor der Dot-com-Blase, vor Nine-Eleven und vor der Lehman-Pleite mit ihren Folgen. Auch nach Überwindung der Pandemie wird Corona für politische Akteure eine Fülle von Schieflagen und Bedrohungen bereit halten, viel mehr als jene, denen man sich nach der Dot-com-Blase, nach Nine-Eleven, nach der Finanzkrise von 2007 stellen musste. Den in den oben genannten fünf Punkten angesprochenen Gefahren kann nur eine Politik mit Weitsicht, Verantwortungsbewusstsein und Mut begegnen. Im Einzelnen sei dazu festgehalten:

  • Während Corona aufgrund der Evidenz seiner Gefährlichkeit und aufgrund des Wissens, dass das Virus nur eine begrenzte, überschaubare Zeitspanne wüten wird, die Aufhebung von Grundrechten zugunsten der Wahrung von Sicherheit und Leben rechtfertigt, liegt eine solche Rechtfertigung bei anderen mutmaßlichen Gefahren nicht vor, wenn deren Offenkundigkeit eher propagiert als sachlich gegeben ist und deren Bedrohung auf unbestimmte Zeit prolongiert wird. Dennoch ist die Versuchung groß, dass nach den Erfahrungen mit der Coronakrise auch in solchen Fällen die Ausrufung des Ausnahmezustandes ernsthaft erwogen wird. Dies wäre für den liberalen Rechtsstaat fatal.
  • Die Vielstimmigkeit der Wissenschaft lässt sich nicht beseitigen. Letztlich bleibt es der klugen Einschätzung der politischen Entscheidungsträger überlassen, welchen von Wissen und Gewissen geleiteten wissenschaftlichen Koryphäen bei der Beratung das Ohr zu leihen ist.
  • Der Wankelmütigkeit des Demos kann allein durch Aufklärung begegnet werden. Hierin erweist sich erneut und verstärkt, dass gute, allen offenstehende Schulen die notwendige Bedingung für das Gelingen von Demokratie darstellen.
  • Demagogen werden immer ihre Foren finden. Es liegt an vertrauenswürdigen Medien, ausgleichend, unaufgeregt, sachlich, alle Argumente abwägend zu berichten und es liegt an gewissenhaften und vorausschauenden journalistischen Persönlichkeiten vor den von Agitatoren gelegten Fallen zu warnen und mögliche zukunftsweisende Wegmarken aufzuzeigen.
  • Was die Europäische Union betrifft, mag sein, dass sich das harte Wort des Philosophen Rudolf Burger bewahrheitet[9]: „Ich vermute, dass die Europäische Union als politisches Projekt – es geistert ja das Wort der Staatswerdung herum – tot ist. Die EU wird bestehen bleiben als eine Art ,Europäische Freihandelszone plus‘. An die politische Union der europäischen Staaten habe ich nie geglaubt.“

Die wirtschaftlichen Aspekte der Krise

Die aus der Spanischen Grippe gezogenen Erfahrungen lehrten, dass die wirtschaftliche Erholung an jenen Orten zügiger und wirksamer stattfand, wo am effektivsten gegen die Ausbreitung der Krankheit gekämpft wurde und sich das Virus am raschesten zurückzog. Überträgt man diese Erfahrungen auf die gegenwärtige Situation, stellt sich die Lage für die Staaten der Europäischen Union düster dar.

Ende Februar 2021 wurden von 100 Erwachsenen in Israel rund 92 Personen mindestens einmal geimpft, in den Vereinigten Arabischen Emiraten rund 60 Personen, im Britischen Königreich rund 30 Personen in den Vereinigten Staaten von Amerika rund 21 Personen, in Bahrein rund 17 Personen. In Österreich sind es knapp 7 Personen. Österreich rangiert damit in der Europäischen Union im unteren Mittelfeld. An der Spitze in der EU liegen Malta mit rund 16 Personen, Dänemark mit knapp 10 Personen  und Polen mit knapp 8 Personen; nach Österreich rangieren nur mehr Frankreich, Tschechien, Luxemburg, Niederlande, Kroatien, Lettland und Bulgarien[10].

Wiewohl diese Zahlen nicht alleine maßgebend für die Bewältigung der Gesundheitskrise sind, verdeutlichen sie dennoch den großen Nachholbedarf der Staaten der EU im Vergleich zu Staaten anderer Regionen.

Für China und eine Reihe anderer südostasiatischer Staaten ist Corona als Thema, das im wirtschaftlichen Geschehen eine dominante Rolle spielt, abgehakt. Das Wirtschaftswachstum in China ist 2020 auf 1,85 Prozent (notabene: plus 1,85 Prozent) eingebrochen und wird 2021 auf 8,21 Prozent emporschnellen[11]. Bei den anderen bereits technisch hoch entwickelten Staaten Südostasiens und des pazifischen Raums ist die Lage ähnlich. Die Wirtschaftskraft der Vereinigten Staaten von Amerika dürfte trotz der dort massiv wahrgenommenen Verbreitung des Coronavirus im Wesentlichen ungebrochen bleiben. Und im Nahen Osten ist nicht bloß nach einem beherzten und umfassenden Impfen eine sehr rasche Erholung von der Gesundheitskrise in Griffnähe. Die in den letzten Jahren zustande gekommenen Friedensabkommen wirtschaftlich potenter arabischer Staaten mit Israel und die damit einhergehenden wirtschaftlichen Kooperationen, die unter dem Namen „Abraham Agenda“ firmieren, werden die Wirtschaft in dieser Region in enormem Maße befördern.

Welche wirtschaftlichen Lehren aus der Krise zu ziehen und welche wirtschaftlichen Felder sinnvoll zu beackern sind, ist in Artikeln des Wiener Wirtschaftskreises[12] bereits angedeutet worden. Dass China, die USA, der aufstrebende Nahe Osten – jeder von ihnen auf seine aus der jeweiligen Tradition gewonnenen Weise – diese Lehren befolgen, diese Felder nicht brach liegen lassen werden, steht außer Zweifel.

Europa, viel länger von der Krise gebeutelt und von den mit ihr einhergehenden sozialen und politischen Unstimmigkeiten behindert, droht das Schicksal eines Nachzüglers zu ereilen, dessen Zukunft nur mehr in der Vergangenheit liegt. Doch einzelne europäischen Staaten, die auf einer vor der Krise solide fundierten Basis aufbauen können und mit dem vorhandenen Potential einer gut geschulten und leistungsbereiten Bevölkerung auf Erzeugung und Verkauf intelligenter und nachhaltige Bedürfnisse befriedigender Produkte setzen, werden die Nachhut im Lauf um die besten wirtschaftlichen Plätze hinter sich lassen – die Schweiz wird sicher zu ihnen zählen, und Österreich mag ihnen vielleicht auch angehören.

 

[1] cf.: https://www.worldometers.info/coronavirus/#countries

[2] cf.: Konrad Paul Liessmann: Kleine Kinder: Politik und die Logik des Sandkastens. Neue Zürcher Zeitung, 22. 9. 2020

[3] Eran Bendavid, Christopher Oh, Jay Bhattacharya, John P.A. Ioannidis: Assessing mandatory stayathome and business closure effects on the spread of COVID19. European Journal of Clinical Investigation, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/eci.13484

[4] cf.: https://www.facebook.com/professortaschner/videos/133130621944456: Gespräch mit Univ-Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt, Leiterin des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der Medizinischen Universität Wien,

[5] Hinweis von Univ.-Prof. Dr. Josef Smolle, Medizinische Universität Graz und Abgeordneter zum Nationalrat

[6] cf.: https://www.facebook.com/professortaschner/videos/1671705416342517: Gespräch mit Univ.Prof. Dr. Josef Penninger, Leiter des Life Sciences Institute an der University of British Columbia

[7]  In der kleinen Schweizer Gemeinde Unterlangenegg im Kanton Bern findet sich eine Gedenktafel, 1988 wurde in Auckland in Neuseeland ein Gedenkstein am Massengrab vieler der 1128 Todesopfer errichtet, und 2019 wurde in Wiesloch, in Baden-Württemberg das erste in Deutschland errichtete Denkmal zur Erinnerung an die Spanische Grippe enthüllt.

[8] in einer am 16. 3. 2020 an die Nation gehaltenen Rede mit dem sechsmal martialisch wiederholten Wort „Nous sommes en guerre“.

[9] Thomas Hödlmoser: Philosoph Burger: „Die Beschränkungen sind nicht mehr als eine Belästigung“. Salzburger Nachrichten vom 20. April 2020

[10] cf.: COVID-19 vaccine doses administered. https://ourworldindata.org/

[11] cf.: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/14560/umfrage/wachstum-des-bruttoinlandsprodukts-in-china/

[12] cf.: https://www.wko.at/Content.Node/kampagnen/wiener-wirtschaftskreis/wissenswertes.html#studien

4 Gedanken zu „1 Jahr Corona: Versuch einer zukunftsorientierten Bestandsaufnahme

  1. CE___

    Das „Problem“ dieses langen Artikels ist dass er (der ARtikel) noch voll im Narrativ einer Art „Killervirus“ und einer angeblichen „Gesundheitskrise“ gefangen ist. Leider.

    Der Wuhan-Virus (und seine Mutationen) ist/sind kein Killervirus, auch wenn im Labor daran herumgebastelt wurde.

    (Das macht aber auch nicht das Verbrechen der VR China strafrechtlich kleiner, die Welt damit vorsätzlich angesandelt zu haben, denn es hätte auch anders kommen können, da wir alle im Risiko standen wie sich so ein Virus in freier Wildbahn verhält!)

    Die Todeszahlen, und sei es auch nur ungenau da verfälschend Todeszahlen extremst erhöhend als „an und mit Corona“ definiert, müssen neben die Vergleichszahlen von anderen Influenza- Corona und Rhino-Viren gesetzt werden. Und da ist nicht viel Unterschied, jedenfalls kein so gravierender um die ganzen seit März 2020 angerichtetet uns noch auf Jahre hinaus beschäftigenden Kollateralschäden zu rechtfertigen (sofern wir diese überhaupt wieder wegbekommen, vor allem demokratiepolitisch!)

    Weiters bestand daher auch nie eine Gesundheitskrise.

    Die Zeit einer Befürchtung einer Gesundheitskrise wäre im Januar 2020 gewesen (!), aber spätestens mit den im Januar und Februar 2020 Erfahrungen der unzähligen wochenlang vor verschiedenen asiatischen Häfen mit mehrheitlich betagten Passiegieren und Infizierten/Erkrankten an Bord vor Anker liegenden Kreuzfahrtschiffen, stellte sich dies immer mehr als unwahrscheinlich heraus.

    Den entspricht auch dass die ganzen im Spitalsbereich vorgehaltenen Kapazitäten grosso modo nie beansprucht wurden, und oft sogar schon wieder reduziert und abgebaut.

    Just face it:

    Das was „passierte“ war eine hirnlose und kopflose Panik- und Hysterie-Aktion seitens Politik, Bürokatie und Medien (!!!), die davor nichts anderes im Schädel hatten als Klima-Gedöns, CO2-Schmafu, „Gegen Rechts“, Klimahüpfen, die Höhe des Meerespiegels einstellen, gewählte Länderchefs per ordre de mufti absetzen (Thüringen), usw usf., um dann als es darauf ankam VOLL FALSCH zu reagieren. Und ja, auch viele darunter denen dieser Sturmbock zur Durchsetzung eigener totalitärer Ziele sehr gelegen kam.

    Wäre dem allein noch nicht genug, kommt noch erschwerend hinzu dass sich so gut wie alle Welt auf von der VR China in die Welt gestreute „Maßnahmen“ und „Daten“ verließ, und die von entsprechenden rotchinesischen Fünften Kolonnen, entweder international (WHO) oder authochton (Forschungsinstitute, Universitäten,…) übernommen wurden.

    Ich denke zumindest wir im Westen sollten endlich aus dem gegen den Baum gefahrenen Wrack gedanklich aussteigen, diese ganzen „Maßnahmen“ restlos wieder aufheben, die „Fahrer“ sollten abtreten, und wir uns nicht noch weiter mit Impfzwang und anderen unnötigen „Maßnahmen“ weiter selber beschädigen.

  2. Johannes

    Es ist interessant das es zu Beginn‘ Länder gab welche die Pandemie durch natürliche Herdenimmunität zu bewältigen versuchten. Alle die ich kenne sind eher über kurz von dieser Position abgerückt
    Ich bitte um Information in welchem Land dieser Welt der Infektionen freie Ausbreitung gewährt wurden und wie positiv sich das auf Gesundheitssystem und Wirtschaft ausgewirkt hat.
    Gibt es irgendwo auf der Welt ein Beispiel wie ein exponentieller Infektionsverlauf ohne Gegensteuern positiv verlaufen wäre?

  3. Falke

    Eine im Allgemeinen recht gute Zusammenfassung, allerdings mit – zumindest – zwei auffälligen (euphemistisch ausgedrückt) Ungenauigkeiten:
    1. „Allerdings verhallen solche Appelle mit der Zeit, und Gegner des Lockdowns verunglimpfen sie verantwortungslos als unnötige Verängstigung der Bevölkerung“. Mit „solchen Appellen“ meint der Autor „mit großem Ernst verkündete Hinweise auf die Heimtücke und Gefährlichkeit des Virus“ – offenbar die Warnung des Bundeskanzlers vor 100.000 Toten sowie, dass jeder so jemanden kennen wird. Nun, wenn das keine unnötige Verängstigung der Bevökerung war, was dann? Vielleicht eine „nötige“?
    2. „… hervorragend gegen die Infektion mit dem Coronavirus schützende Impfstoffe …“ Glatte Fehlinformation; das behaupten nicht einmal die Erzeuger. Die Impfstoffe schützen eben genau nicht vor einer Infektion (und damit auch nicht vor einer Weitergabe), sie sichern lediglich einen leichten Verlauf der Krankheit.

  4. CE___

    @ Johannes

    Schweden? Süd-Dakota (hier sogar mit offenen Grenzen zu den übrigen US-Bundesstaaten)? Weissrussland? Tansania?

    Viele (mehr) waren ja es ja nicht. Leider.

    Und diese Staaten schwimmen mittendrin, nicht besser, nicht schlechter, egal ob des Zirkuses den so gut wie alle anderen Staaten aufführen. FAKT. Wäre es anders würden wir diese Länder täglich als Horrorszenarien genüsslich in den Medien vorgeführt bekommen. Nur, da es nichts aussergewöhnliches zu berichten gibt, werden diese totgeschwiegen.

    Auch Sie gehen noch immer von einem falschen Narrativ aus, dem des „exponentieller Infektionsverlaufs“.

    Dieser angeblich stafffinden werdende „exponentielle Infektionsverlauf“ basiert laut meinen Informationen rein auf theoretischen Computermodellberechnungen aus dem UK, und wird von vielen Fachleuten als unwahrscheinlich gesehen in Hinblick auf Erfahrungen mit vergangenen Ausbrüchen ähnlicher Viren.

    Und sogar WENN man einen „exponentieller Infektionsverlauf“ konzediert, was ist denn bitteschön, ganz rational betrachtet und als Hauptpunkt eigentlich, das Problem daran wenn die Letalitätszahlen eines Viruses nicht anders sind als bei bekannten Influenza-Ausbrüchen, wo auch kein so ein „Zirkus“ veranstaltet wurde?

    Ich weiss, diese Frage, huch, das gehöre sich angeblich nicht. Ich finde sie gehört sich aber doch.

    Man kann natürlich jetzt als Staatsdoktrin herausgeben einer JEDEN, ich meine wirklich jeden, Virus-Infektion, und sei es überspitzt auch Herpes, nachzulaufen und zu versuchen sie im Sinne von „whack-a-mole“ zu eliminieren und jegliche Ansteckung und Infektion von Neuwirten zu verhindern, ohne zu hinterfragen ob die Gefährlichkeit des Virus dem überhaupt entspricht, nur dann werden wir in einer Welt mit tausenden von bestehenden Viren und noch viel mehr noch kommenden Mutationen zu nichts mehr anderem kommen. Kann man machen, ob es aus vielen anderen Punkten heraus sinnvoll ist bezweifle ich.

    Das sind Fakten um die sich sehr viele Leute sehr herumdrücken.

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