1929, 2008, 20??

(C.O.) Seit die Welt im Jahr 2008 in die schwerste Rezession seit 1945 taumelte, wird unter Ökonomen eine zentrale Frage heftig und kontroversiell diskutiert: Haben die Verantwortlichen in den Notenbanken, den Finanzministerien und den Regierungszentralen diesmal die richtigen Schlüsse aus der großen Katastrophe von 1929 gezogen, als Massenelend und letztlich der Faschismus die Konsequenz einer völlig verfehlten Krisenpolitik waren – oder haben sie auch diesmal falsch reagiert, nur eben anders falsch als damals?

Ein insgesamt fast überraschend günstiges Zeugnis stellt den zeitgenössischen Verantwortungsträgern nun der bekannte US-Ökonom Barry Eichengreen in seinem jüngsten Werk “Die großen Crashs 1929 und 2008 – Warum sich Geschichte wiederholt” aus. Gerade weil sich zentrale Player des globalen Dramas wie etwa Ben Bernanke, der damalige Chef der US-Notenbank “Fed”, akademisch intensiv mit der Großen Depression der 1930er Jahre auseinandergesetzt hatten, so Eichengreen in seinem 560-Seiten-Wälzer, sei es gelungen, einen wirklichen Zusammenbruch der Weltwirtschaft zu verhindern.

EZB mit “Fed” nicht vergleichbar
Doch, so seine zentrale Theorie, dieses Lernen aus der Geschichte habe starke negative Nebeneffekte gebracht. Gerade weil es diesmal, anders als 1929, gelungen ist, eine Depression zu verhindern, habe die Politik zu früh die Hände in den Schoß gelegt und es unterlassen, die globalen Wirtschaftssysteme so stark und massiv zu reformieren, dass künftige Crashs nach menschlichem Ermessen verunmöglicht würden; etwa durch einen radikalen Umbau des Bankensektors. “Es steckt eine Menge Ironie in der Tatsache, dass gerade die erfolgreiche Abwendung eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs wie in den 1930er Jahren verhinderte, dass die Politiker für eine stärkere Erholung sorgen konnten”, meint Eichengreen.

Dabei unterscheidet der Autor allerdings stark zwischen der US-Rettungspolitik, wie sie die Fed mittels einer hochtourig laufenden Notenpresse betrieben hat, und der diesbezüglich etwas zurückhaltender agierenden EZB, der er vorwirft, diese Politik zu wenig und zu spät betrieben zu haben, weil sie unter einer “Obsession der Inflationsangst” litte. Er vertritt damit die in den USA beliebte vulgär-keynesianische Theorie, wonach eine Schuldenkrise mit noch mehr Schulden zu bekämpfen sei und lässt außer Acht, dass der gesetzliche Auftrag der EZB die Erhaltung des Geldwertes ist, wo hingegen die Fed aufgrund ihres Statuts auch den Arbeitsmarkt im Auge zu behalten hat. Ein signifikanter Unterschied, der seine Ursache in den unterschiedlichen Traumata der Europäer (Hyperinflation) und der Amerikaner (Massenarbeitslosigkeit) hat. Aus der Geschichte lernen kann eben zu höchst unterschiedlichen Ergebnissen führen.

Wenig Gnade kennt der Autor mit dem Euro, den er für eine glatte Missgeburt hält, weil “eine Währungsunion ohne politische Union” geschaffen worden ist. Er sieht eine Parallele zum Goldstandard der 1929er Jahre, der es damals Krisenländern verunmöglicht hat, ihre Währungen abzuwerten – ganz ähnlich wie es sich heute mit dem Euro in Griechenland, Italien oder Portugal verhält.

Penibel listet Eichengreen die zahllosen anderen Parallelen zwischen den beiden Crashs 1929 und 2008 auf. Kreditfinanzierte Immobilienblasen legten der Krise ein solides Fundament, neue Technologien, wie damals die Elektrizität und heute das Internet, führten zu irrationalen Übertreibungen der Börsianer, und allgemein verbreitet war damals wie in den 2000er Jahren der Glaube an goldene Zeiten inflationsarmen, permanenten Wachstums ohne Crashs und geplatzte Blasen. Was schließlich zu immer weniger und immer nachlässigerer staatlicher Regulierung geführt habe, mit bekanntem Ergebnis.

Düstere Prognose
Detailverliebt wie ein großer Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts führt Eichengreen den Leser durch die Krisenjahre, beschreibt die Akteure mit bemerkenswerter historischer Präzision, bietet dadurch aber keinen zusätzlichen Erkenntnisgewinn. Wer dazu imstande ist, sollte das Buch übrigens im englischen Original (“The Hall of Mirrors”) lesen, denn die deutsche Übersetzung ist wenig vergnüglich geraten. Da finden sich dutzendweise Sätze wie “Es gab ein unfreiwilliges Direktorium (eines Unternehmens), aber es bewies wenig Überblick”, oder “Tausende neue Banken wurden organisiert”, die den Leser eher ratlos zurücklassen, weil Banken doch eher gegründet werden und “unfreiwillige Direktorien” mehr Fragen eröffnen als beantworten.

“Wir können Risiken erkennen, aber wir können Krisen nicht exakt vorhersagen”, meint Eichengreen – und beschließt sein Werk mit der düsteren Prognose, dass der nächste Crash nur eine Frage der Zeit sei. (WZ)

4 comments

  1. Thomas Holzer

    “……die globalen Wirtschaftssysteme so stark und massiv zu reformieren, dass künftige Crashs nach menschlichem Ermessen verunmöglicht würden.”

    Erinnert mich daran, daß “unsere” Politikerdarsteller ja auch felsenfest davon überzeugt sind, den globalen Temperaturanstieg auf exakt 2Grad plus begrenzen zu können

  2. H.Trickler

    >“Wir können Risiken erkennen, aber wir können Krisen nicht exakt vorhersagen”

    Ehrlicherweise müsste es heissen, dass man den Zeitpunkt des Eintretens von Krisen i.d.R. überhaupt nicht vorhersagen kann. Und dass die nächste weltweite Krise vor der Türe steht, wird niemand ernstlich bestreiten wollen.

    Wann sie eintreten wird – keine Ahnung.

  3. Fragolin

    @H.Trickler
    Richtig. Und wenn es passiert, dann innerhalb von wenigen Stunden. Da bleibt keine Zeit mehr, Schäfchen, die sich noch nicht auf sicheren Hügeln befinden, aus den steigenden Fluten zu retten.

  4. Mario Wolf

    Der Zusammenhang Weltwirtschaftskrise und Aufstieg des Faschismus etwas simplifiziert dargestellt. Zu Erinnerung – Aufstieg des Faschismus nach WW 1, Italien – wird immer gerne vergessen, das Benito die Initialzündung getätigt hat, der Reichsverweser war auch kein Demokrat, Marschall Pilsudski auch nicht. Die Ursache des Nationalsozialismus, ein gewisser ideologischer Unterschied zum Faschismus ist evtl. vorhanden, ist die Negation und fehlende Unterstützung der Weimarer Republik, durch die westlichen Siegermächte. Über die Ausprägung der Demokratie während der Weimarer Republik lässt sich sicher diskutieren, aber sie war qualitativ nicht anders als die damaligen Vorzeigedemokratien, Frankreich und Tschechoslowakei

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