Leben wir in der Vorkriegszeit?

(GEORG VETTER) Ein in den letzten Monaten viel gelesenes Buch heißt „Die Schlafwandler“ von Christopher Clark. Es handelt von der schlafwandlerischen Art und Weise, wie die Welt vor 100 Jahren in den großen Krieg schlitterte. Ähnlich hatte schon Stefan Zweig in „Die Welt von Gestern“ beschrieben, wie leicht eine Situation des allmählich wachsenden Hasses explodieren kann.

Die Geschichte wiederholt sich – im Gegensatz zu einer bekannten Volksmeinung – nie, kennt jedoch ab und zu erstaunliche Parallelen. Vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs erlebte Europa mehrere kleine Kriege, scheinbare unwichtige Ereignisse brachten die Völker auseinander und die Massenpsychosen wuchsen und wuchsen.

Auch heute scheinen die Völkerfeindschaften populärer zu sein als die Völkerfreundschaften – auf der rechten und auf der linken Seite.

Da gibt es jene, die die Amerikaner verstehen und den Russen den schwarzen Peter zuschieben. Die USA spielten mangels Alternative nach wie vor den Weltpolizisten, während von der russischen Föderation noch immer eine ähnliche Gefahr ausginge wie seinerzeit von der Sowjetunion.

Die andere Gruppe sieht es umgekehrt: Die Amerikaner schürten geschickt den Krieg, die Europäer ließen sich instrumentalisieren und die Russen seien in Wirklichkeit Opfer einer amerikanisch-europäischen Erweiterungsstrategie.

Weiters gibt es eine immer größer werdende Gruppe, die weder die USA noch Russland „verstehen“. Beide Länder verfolgten eine interessengeleitete Politik zu Lasten Europas. Die Lösung liege allerdings nicht so sehr in einer Stärkung des alten Kontinents als vielmehr in einem nebulosen Isolationismus, der jenseits jeder Machtpolitik niemals schuldfähig sein kann.

Schließlich gibt es eine kleine Gruppe von Kosmopoliten, die alle Seiten zu verstehen und den aufkommenden Massepsychosen zu entrinnen sucht. Es handelt sich um eine Gruppe, die im amerikanisch- europäischen Freihandelsabkommen TTIP kein Instrument zur Spaltung der beiden Kontinente sieht, die Präsident Obama nicht als konzern- und militärgetriebene Marionette sieht, der es nur auf die Erweiterung der US-Weltmacht ankommt. Anderseits sieht diese Gruppe auch im heutigen Russland nicht jene hinterwäldlerische Macht, die es, zunächst über die hochgespielte Schwulenfeindlichkeit psychologisch aufbereitet, mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt. Im Gegenteil: Die Fortschritte der Russischen Föderation während der letzten 25 Jahre stellen bedeutende Schritte dar. Ich bekenne, zu dieser Gruppe zu gehören.

1914 war ein Attentat auf den Thronfolger und seine Frau Auslöser eines großen Kriegs. Heute müssen wir aufpassen, dass nicht der Abschuss eine Passagiermaschine am Beginn eines großen Unheils steht. Hatte damals niemand mit einem solchen Anschlag gerechnet, glaubte auch das friedensverwöhnte Europa bis vor ein paar Tagen nicht, dass der Krieg in der Ostukraine den Rest des Kontinents betreffen könnte. Tragisch wurden wir eines besseren belehrt – und flüchten in die Empörung. Richtig wäre es, einerseits die eigenen Verteidigungsanstrengungen zu heben und andererseits den um sich greifenden Völkerfeindschaften den Kampf anzusagen. „Die Schlafwandler“ und „Die Welt von Gestern“ sind Bücher, die zu lesen sich gerade in der heutigen Zeit so sehr empfiehlt.

2 comments

  1. rubens

    Es gibt kein Entrinnen, auch nicht für Kosmopolitien, man muss der Realität in die Augen schauen, den ideologischen Spaltungsbestrebungen mit Mut Widerstand entgegensetzen. Mit kleinen Schritten vorwärtsgehen, die Menschen auf die Reise mitnehmen. Gerade das Zurücklassen der Menschen schafft Raum für Demagogen. Auf der einen Seiten vergrößern, dass auf der anderen zur Abschottung und Entfremdung führt, das braucht keiner. Zugegeben eine Sisyphosarbeit.

  2. FDominicus

    Ich kenne ein paar kleine Blogger, die das schon vor einiger Zeit thematisierten. Ja, wenn das nun auch die “Schlauen” herausfinden….

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .