Macht Strache die Rechnung ohne den Wähler?

(C.O.) Mit seiner vermutlich ironisch gemeinten, aber jedenfalls ziemlich verunglückten legendären Formulierung, wonach die Juden “kein Volk” seien, und wenn, “dann ein mieses”, (“Spiegel”, 17. November 1975), käme Bruno Kreisky wohl heute nicht einmal mehr in der FPÖ gänzlich ungestraft davon.

Das muss freilich nicht unbedingt mit deren moralischer Läuterung zu tun haben. Mit Antisemitismus und Nazi-Versteherei ist – laut den meisten hiesigen politischen Kommentatoren – einfach heute bei Wahlen kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Das ist das Kalkül der europäischen Rechtsaußenparteien, die sich im Vorfeld der EU-Wahl angestrengt haben, den Mief des Ewiggestrigen, des Antisemitischen und des nicht völlig Entnazifizierten loszuwerden. Deshalb musste zum Beispiel nur wenige Wochen vor dem Wahlgang der FPÖ-Spitzenkandidat Andreas Mölzer weichen, nachdem er das Dritte Reich für seine nicht vorhandenen Ökodesign-Richtlinien lobend erwähnt hatte. Dergleichen, so die politische Logik dahinter, spricht heute nur noch eine kleine Marknische von unbelehrbaren Greisen an, die noch immer an Führers Geburtstag den Schaumwein öffnen, aber größtenteils das Seniorenheim schon in Richtung Walhalla verlassen haben.

Gut möglich ist freilich, dass Marine Le Pen von der Front National und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache da die Rechnung ohne den Wähler gemacht haben. Denn von einem Verschwinden des Antisemitismus kann in Europa auch fast 70 Jahre nach Betriebsschluss des Dritten Reiches nicht die Rede sein, ganz im Gegenteil. Dieses Wählerpotenzial völlig vor den Kopf zu stoßen, birgt für Rechtsaußenparteien deshalb durchaus auch einige Risiken.

Das gilt umso mehr, als Antisemitismus, entgegen einem weitverbreiteten Vorurteil, kein Alleinstellungsmerkmal von Neonazi-Glatzköpfen ist, sondern sich aus der Mitte der Gesellschaft speist wie eh und je.

So ergab eine Untersuchung an der TU Berlin, dass der allergrößte Teil von 14.000 antisemitischen Hass-Mails an die israelische Botschaft, die Kultusgemeinde und zahlreiche Medien nicht von Neonazis und Rechtsextremisten stammte, sondern zu mehr als 90 Prozent von bürgerlichen Akademikern, Studenten und anderen angesehenen Mitgliedern der Gesellschaft.

Nicht Glatzen mit Springerstiefeln, sondern Notare, Lehrer und andere Akademiker sind die typischen Absender von Mails mit Inhalten wie: “Das Ermorden unschuldiger Kinder gehört ja zu eurer jahrtausendealten Geschichte.”

In dieses Bild passt, dass die große Mehrheit der Juden in Europa laut einer EU-Studie in jüngerer Vergangenheit eher mehr als weniger Antisemitismus erlebt; vor allem in Frankreich und Ungarn. Dabei mischt sich in Frankreich alteingesessener Antisemitismus mit jenem, der im Milieu arabischer Migranten virulent ist. Das deutsche Innministerium hat dazu festgestellt, dass bei muslimischen Schülern antisemitische Haltungen dreimal häufiger sind als bei anderen Jugendlichen. Deshalb kann man die kommenden EU-Wahlen auch als interessantes politisches Experiment verstehen, das Aufschluss darüber geben wird, ob es sich im Europa des Jahres 2014 tatsächlich für Rechtsparteien nicht böse rächt, allzu unappetitliche Positionen zu räumen. (WZ)

15 comments

  1. Reinhard

    Antisemitismus ist integraler Bestandteil sozialistischen Gedankengutes.

  2. Thomas Holzer

    @Reinhard
    So ist es, nur wird dieses Faktum von den von der Politik so abhängigen Medien natürlich nicht thematisiert. Außerdem ist der sozialistische Antisemitismus viel subtiler und kommt nicht in Massenaufmärschen Springerstiefel tragender Glatzköpfe daher

  3. S.M.

    Ich glaube nicht, dass die rechten Parteien Europas Wert darauf legen, von der hiesigen muslimischen oder linksradikalen Bevölkerung Stimmen zu erhalten.
    Außer von Muslimen kommt der stärkste Antisemitismus nämlich von Linkradikalen, die im Gewande der Israelkritik oder der Kapitalismuskritik gegen Juden hetzen.

  4. herbert manninger

    Wer waren denn bloß die Politiker, die das “Kauft nicht bei Juden!” als “Kauft nicht von den Siedlern der Westbank!” den Konsumenten andrehen wollten? Welchen Parteien gehörten die bloß an?
    Eine Ironie, dass Leute, welche die Massenmörder Stalin, Mao und PolPot pardonieren, den rehäugigen Mörder Che auf ihren T-Shirts präsentieren, sich als Obermoralisten und Sachwalter hinsichtlich Holocaust aufspielen dürfen. Ihr “Antifaschismus”- eine subtile, aber immer gefährlicher werdende Variante des Faschismus – ist die Lizenenz zum Vernichten der politischen Gegner, ihre Waffe: die allseits bekannte, von bürgerlichen Politikern besonders gefürchtete Nazikeule. Und mit der wird munter auf alles drauf losgedroschen, bis hin zur Zahl 88, keine Lächerlichkeit wird da ausgelassen.

  5. nometa

    @Reini: Genau, voll sozialistisch, die FPÖ. Vermutlich schimpfen sie deshalb immer so auf “Sozialschmarotzer”, “Sozis” etc…

    @SM: Das können S’ Ihrer Herrin erzählen, aber keinem halbwegs vernünftigen Menschen.

  6. Thomas Holzer

    @nometa
    Sie sollten mal zumindest den Versuch wagen, Ihre Scheuklappen abzulegen und mit offenen Augen und Ohren durch die Welt zu gehen; dann wird Ihnen sofort auffallen, daß keine Partei in Europa rechts ist, und in Österreich schon gar nicht!

  7. Reinhard

    @Nomi 😉
    Hören Sie mal richtig hin: Die FPÖ schimpft nur dann gegen Sozialschmarotzer, wenn sie keine gebürtigen Österreicher mit reinem Stammbaum sind, sonst gilt “Unser Geld für unsere Leut’!” Sozialismus bleibt Sozialismus, auch wenn er in nationalistischer Prägung daherkommt.
    Und der Nationalismus ist auch der einzige Reibepunkt zu den Roten. Daher auch die verbitterte Konkurrenz zwischen den beiden, sie fischen nämlich im gleichen Teich. Jeder Gewinn des anderen ist der eigene Verlust.

  8. Thomas Holzer

    “Daher auch die verbitterte Konkurrenz zwischen den beiden”
    So etwas wird landläufig auch Bruderkrieg genannt!

  9. Herr Karl jun.

    @Holzer
    L
    Wie wahr! Die Faschisten und die “Antifaschisten” in unseren Breiten gleichen sich nur in ihrer Lautstärke, für sie gilt auch, dass sich diejenigen in den Frontstellungen oft am nächsten stehen (Stanislaw Lem).

  10. DNJ

    Jaja, die Alten Herren und ihre schlagenden Jungfüchse sind ja alles wahre Philosemiten und frönen in der Freizeit dem Thora-Studium und Jewish Cultural Studies, hören Klezmer und leiebn gefillte fisch, weil bürgerlich deutschnationalen Antisemitismus hat es ja nie gegeben, waren immer alles nur grausliche Linke die Antisemiten, ja sicher.
    Viel mehr: Nicht die Arbeiter sondern die kleinbürgerlichen “arischen” Ladenbesitzer, nicht gerade Linkswähler, haben wohl am meisten vom Boykott jüdischer Geschäfte und deren anschließender Enteignung profitiert, würd ich mal sagen.

  11. DNJ

    @Reinhard
    Aha, staun, und wo sind die ganzen Schwarz-Wähler in den letzten 15 Jahren hin verschwunden, etwa zu den Grünen gegangen?

  12. Reinhard

    @DNJ
    Ja, zum Teil schon.

    Auszug aus der Wählerstromanalyse von sona.at zur NR-Wahl 2013:

    “Die SPÖ konnte bei dieser Wahl 73 Prozent ihrer WählerInnen von 2008 erneut mobilisieren. Den größten Verlust von 154.000 Stimmen erlitt die SPÖ an die NichtwählerInnen. 51.000 Stimmen gingen an die FPÖ verloren, 47.000 an das Team Stronach, 35.000 an die ÖVP, 22.000 an NEOS und 17.000 an das BZÖ.
    Den stärksten Zugewinn erzielte die SPÖ von ehemaligen BZÖ-WählerInnen (59.000). 42.000 Stimmen kamen von der FPÖ, 34.000 von der ÖVP.”

    “Die ÖVP konnte 75 Prozent der WählerInnen von 2008 wieder für sich gewinnen. Auch hier ging der größte Verlust (69.000 Stimmen) an die NichtwählerInnen. Insgesamt 58.000 WählerInnen verlor die ÖVP an die NEOS, 47.000 an die Grünen, 41.000 an FRANK, 38.000 an die FPÖ und 34.000 an die SPÖ.”

    “Den größten Zugewinn von 173.000 Stimmen erzielte die FPÖ von BZÖ-WählerInnen des Jahres 2008. Weitere 51.000 Stimmen kamen von der SPÖ sowie 58.000 von NichtwählerInnen von 2008. 42.000 kamen von den Sonstigen, 38.000 von der ÖVP.”

    “Mit 34% wurde die FPÖ stärkste Partei unter ArbeiterInnen, bei den Angestellten liegt sie mit 25% vor der ÖVP und fast gleichauf mit der SPÖ.”

    Man muss sich mit den Fakten nicht auseinandersetzen, aber rein argumentativ kann einem das sehr von Nutzen sein. Nur so als Tipp für die Zukunft.
    Aber wer sich statt mit Argumenten mit süffisant dahergerotztem Nichtwissen positionieren möchte, dem sei das natürlich gegönnt.

  13. DNJ

    So zu tun, als ob der Großteil der Wähler heute noch ideologisch in der Wolle gefärbt sei, zeugt aber auch von etwas naivem Schwarz-Weiß, pardon Links-Rechts-Denken. Was Sie schildern sind einfach größtenteils Wechselwähler, die weder national noch sozialistisch oder konservativ wählen, sondern was ihnen gerade als Protest gegen die gegenwärtige Regierung opportun scheint. Soviel zu Ihren wissenschftlichen Analysen.

  14. Reinhard

    @DNJ
    Erst bringen Sie selbst das Thema auf’s Tapet, welche Wähler wohin wechseln, und wenn Ihnen dann die Fakten nicht passen, schwurbeln Sie sich mit Blabla Ihr Weltbild wieder zurecht. Einfach nur erbärmlich.

  15. DNJ

    @Reinhard
    Ich tue zumindest nicht so, als ob die Wähler nur durch den Glauben an irgendwelche großen Ideologien motiviert sind. Sondern die meisten wählen immer das geringste Übel. Aber da haben Sie mich wohl missverstanden (absichtlich). “Erbärmlich” passt hier zu Ihrem sonstigen billigen Pathos sehr gut dazu.

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