Ukrainisches Blessing in Disguise

(MANFRED JACOBI) Es gibt im Englischen den wunderbaren Ausdruck blessing in disguise. Gemeint ist damit, dass eine Sache auf den ersten Blick wie ein großes Übel aussieht, sich bei näherer Betrachtung (und auf lange Sicht) jedoch als ein unerwarteter Segen erweist.  Die Ukraine-Krise hat auf jeden Fall das Potenzial, dieser Redensart Ehre zu machen. Wie das?

Nun, kürzlich wurden verschärfte Sanktionen gegen Russland verhängt. Welch grauenhafte Auswirkungen dies auf das Leben der kleinen Leute in Putins Reich hat, kann man u.a. hier nachlesen.

Es ist bestimmt nur ein Zufall, aber gerade jetzt haben die Russen erhöhte Pestizidwerte in polnischem Gemüse gefunden. Klar, dass die dann ihre Gemüseimporte aus Polen erst mal aussetzen müssen. Für die örtliche Landwirtschaft ist diese Nachricht ein herber Schlag. Auch kleine Leute.

Jedoch ergibt sich bei genauerer Betrachtung ein anderes Bild. So eröffnet sich uns, also den Nicht-Polen, nunmehr die Möglichkeit, mehr (polnisches) Gemüse zu essen. Wir ernähren uns gesünder, machen öfters mal einen Veggie-Day, senken unsere Blutfettwerte und helfen nebenbei noch der polnischen Landwirtschaft, die sonst auf einem geschätzten Verlust von 1 Mrd. € sitzenbleiben würde.

Alles in allem, ein klarer Fall von blessing in disguise.

Wenn da nur nicht diese Pestizide wären….

4 comments

  1. Mourawetz

    Den Import von Gemüse und Obst aus Polen hat Putin verboten. Die Griechen fürchten, dass es ihnen mit den Pfirsichen und Erdbeeren genauso ergeht. Dann werden wir also in Zukunft auch Obst aus Griechenland genießen müssen. Umgekehrt bleibt die russische Klientel am Graben in Wien aus, die dort Preise in Mondhöhe bezahlt hat, weil sie es kann. Ich fürchte, auch in diesen sauren Apfel werden wir beißen müssen. 

  2. Mona Rieboldt

    Deutschland storniert einen Millionenauftrag Russlands für einen Rüstungsauftrag, aber ich bin sicher, dafür steigt dann Frankreich ein. Wenn deutsche Firmen unter den Sanktionen leiden, kostet das hier Arbeitsplätze. USA schaden die Sanktionen nicht, den Preis bezahlt Europa.

  3. gms

    Mona Rieboldt,

    Zustimmung meinerseits zu Ihren Worten. Während sich die Briten, Franzosen und auch die Österreicher mit Tricks aus den Sanktionen herauswinden, gebiert sich Deutschland mit Sigmar Gabriel an der Spitze wie ein Musterknabe. Als exemplarische Blüte daraus steht nun sogar im Raum, wonach 100 Millionen, die Rheinmetall als Schaden hieraus erwachsen könnten, aus dem deutschen Budget beglichen werden könnten. Besonders Spitzfindige mögen nun einwerfen, der Schaden könne so groß nicht sein, wird doch seit einigen Tagen die einen Bürgerkrieg führende Ukraine wieder mit Waffen beliefert, nachdem das vormalige entsprechende Embargo der EU ohne viel Medienecho zurückgenommen wurde.

    Die wirtschaftliche Verflechtung gemessen an wechselseitigen Investitionen zwischen der BRD und Russland ist ziemlich genau jene, welche Deutschland mit Frankreich verbindet. Jedes Belasten dieser Verflechtung hat Konsequenzen, die weit über die unmittelbar absehbaren hinausgehen. So gut können die Beziehungen hinter den Kulissen zwischen Deutschland und Russland garnicht sein — wenn die Regierung den Stecker zieht, dann war’s das mit der Verlässlichkeit und Vertragstreue, mit der Deutsche in Russland (und vice versa) bislang punkten konnten.
    Zu Österreich: All das bisherige und hinkünftige Tricksen verkommt zur Nullnummer eingedenk der 20 Milliarden Euro, welche österreichische Banken in Russland als Kredite aushaftend haben. Selbst wenn davon nur ein Teil schlagend würde, weil man doch sanktionstechnisch die russische Wirtschaft in die Knie zwingen will, hat Austriachstan ein verdammtes Problem. Daß ein Abschwächen der Konjunktur in Deutschland zusätzlich noch auf Österreich durchschlägt, haben Sie zutreffen ausgeführt.

    Wie vertrottelt müssen eingedenk dieser banalen Tatsachen all die ignoranten Aushilfspolemiker sein, die nun Wortspenden über polnisches Obst und russische Touristen am Kohlmarkt einbringen? Wollte man etwas zu deren Verteidigung anführen, so kann dies nur ein hoffnungsloses sich eingegraben Haben im vergangenen Unsinn sein. Falsches wird mit noch Falscherem verteidigt, käme doch jedes Einlenken oder auch nur Unterlassen weiteren Geplappers vermeintlich einem Gesichtsverlust gleich.

  4. Mona Rieboldt

    @gms
    Es ist mir immer eine Freude Ihre Ausführungen zu lesen und für mich durchaus lehrreich.
    Es gibt keine europäische Solidarität. Wenn Deutschland wieder den Musterknaben spielt, wird Frankreich diese Geschäfte übernehmen wie Rüstungslieferungen. Und die Bürger Deutschlands dürfen dann im Winter höhere Gaspreise zahlen.

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