Der Moral-Imperialismus der EU gehört auf den Müll

Von | 14. November 2015

(C.O.) Vermutlich haben wir den Amerikanern noch immer nicht verziehen, dass sie uns 1945 von den Nazis befreit haben.   Anders lässt sich kaum erklären, dass eine gediegene Portion Hass auf Amerika als verlässliche Konstante durch die öffentliche wie die veröffentlichte Meinung in diesem Lande wabert – relativ unabhängig davon, was Sache ist. Flüchtlingskrise? Verursacht von den „Ölkriegen“ der USA natürlich. Eurokrise? US-Komplott zur Schwächung unserer Wirtschaft natürlich. Ukrainekrise? Folge des US-Imperialismus natürlich. Kein Problem im bewohnbaren Teil der Welt also, das nach dieser Denke nicht irgendwie den Amerikanern in die Schuhe geschoben werden kann.

Ein Vorwurf, der zum Standardrepertoire des gehobenen Antiamerikanismus gehört wie Ketchup zum Burger: Die Amerikaner verbünden sich ungeniert mit jedem Verbrecher-Regime dieser Welt, wenn es nur ihrem eigenen Vorteil dient. Nach dem bewährten Motto: „He is a bastard, but he is our bastard.“ Im Gegensatz zu den meisten antiamerikanischen Stereotypen ist an diesem Vorwurf einiges dran. Die lange Liste jener Diktatoren, Gewaltherrscher und Leuteschinder, mit denen sich die USA im Laufe ihrer Geschichte verbündet haben, ist ja nun wirklich von beeindruckender Hässlichkeit.

Die EU hingegen, und ganz besonders deren im linken Teil des politischen Spektrums verortete Eliten, hat sich dem gegenüber stets als moralisch höherwertige „soft power“ stilisiert, die allein mit der Macht der besseren Argumente und schlimmstenfalls dem Geld der Deutschen ihre Interessen durchzusetzen vermag. Redlich war das nie, schon allein wegen der Abhängigkeit Europas vom militärischen Schutzschild der Vereinigten Staaten.

Um so befremdlicher ist, wie die EU und einzelne Mitgliedstaaten angesichts des immer klarer sichtbar werdenden Migrations-Fiaskos auf ihr Moralgesülze von gestern pfeifen und genau das unternehmen, was den Amerikanern jahrzehntelang vorgeworfen wurde. In ihrer Planlosigkeit und Not suchen die Europäer das Bündnis mit der Türkei des Möchtegern-Sultans Recep Tayyip Erdoğan.

Der Deal ist simpel: Weil die EU völlig unfähig war und ist, ihre Außengrenze so zu sichern, wie das ihre Pflicht wäre, und weil die Politiker dieser Union hyperventilierende Panikattacken erleiden bei der Vorstellung jener Bilder, die eine robuste Sicherung der Außengrenzen nun mal mit sich bringt, soll Herr Erdoğan diesen Job erledigen. Nach dem bewährten Motto: Bastard, aber unser Bastard.

Die Türkei, so merkte Außenminister Sebastian Kurz jüngst an, gehe beim Sichern der Grenzen gegen illegale Migration „wesentlich entschlossener vor, als das in Europa üblich“ sei. Wer mit der Arbeit türkischer Sicherheitskräfte vertraut ist, weiß, was das bedeutet. Dafür, dass Erdoğan bereit ist, den mimosenhaften Europäern, die in Ohnmacht fallen, wenn sie irgendwo Blut sehen, die Drecksarbeit abzunehmen, sind die ganz offensichtlich bereit, ihren moralischen Imperialismus kurz in den Schrank zu stellen und auf jene Werte zu pfeifen, die sie sonst hochmütig vor sich her tragen.

Anstatt die Beitrittsgespräche mit der Türkei für beendet zu erklären angesichts des zügigen Umbaus des Landes in eine islamisch fundierte Autokratie, eine Art Russland mit Minarett, will EU-Kommissar Johannes Hahn nun diese völlig sinnlosen Verhandlungen neu beleben. Dass der jüngste „Fortschrittsbericht“ der EU in der Causa Türkei ein Rückschrittsbericht ist, wird da zur bloßen Formalie. „Deutliche Mängel beeinträchtigten die Justiz sowie die Meinungs- und Versammlungsfreiheit“, ist da etwa zu lesen – wie man sich einen EU-Kandidaten halt so vorstellt. Macht alles nichts, solange Erdoğan behilflich ist, uns Migranten vom Hals zu schaffen.

Könnte ja sein, dass die EU einfach von den Amerikanern lernt, wie man Interessen durchsetzt. Dann wäre es aber auch Zeit, den Gestus der moralischen Überlegenheit in den Müll zu entsorgen. (“Presse”)

7 Gedanken zu „Der Moral-Imperialismus der EU gehört auf den Müll

  1. mike

    die moralische Scheinheiligkeit der Linken hat uns immer nur Nachteile beschert. Leider haben auch die anderen – sogenannte Konservative – diese moralapostolischen Scheinheiligkeiten zum Teil übernommen.
    Der modern gewordene Antiamerikanismus samt Verschwörungstheorien ist jedoch grundsätzlich abzulehnen. Ich weiß, wo wir heute wären, wenn wir die USA nicht hätten bzw. gehabt hätten. Nämlich tief im kommunistischen Bereich wahnsinniger Diktatoren, wir hätten wahrscheinlich nicht unter einem Putin zu leiden, eher unter einem mörderischen Stalin/Lenin/Kim Jong Un-Typen.
    Aber all das wissen die Jungen von heute nicht mehr.

  2. waldsee

    wäre ich ein Rechtgläubiger ,müßte ich wie die rechts-Gläubigen ,gegen Amerika sein,weil dort so viele gibt ,die richtig garstig zu uns sind.wir könnten uns dann vereint in Verschwörungstheorien suhlen .(schließlich gibts noch die,deren Namen ich mir gar nicht einmal zu sagen getraue.)

  3. astuga

    Natürlich sind die USA nicht für alles Übel in der Welt verantwortlich, wie das in den Fieberphantasien linker oder rechter USA-Hasser ist.
    Aber von allem freisprechen kann man sie auch wieder nicht.
    Die einzige Supermacht hat zwangsläufig an fast allen bedeutenden Entwicklungen ein aufmerksames Interesse, und mitunter auch die Finger im Spiel.

    Wobei man aber oft auf die falschen einschlägt, beispielsweise haben gerade die Clinton Administration und Obama haben viele Fehler zu verantworten.
    Clinton war etwa maßgeblich an der späteren Kreditkrise verantwortlich und hat Osama bin Laden laufen lassen.
    Obama ist zu früh aus dem Irak abgezogen und hat den Aufstieg des IS wesentlich befördert (und hat mit den Saudis nicht Klartext gesprochen, damit sie diese Gruppen nicht unterstützten), was aus seinem Iran-Deal wird bleibt abzuwarten.

  4. aneagle

    Europa kann ganz beruhigt auf seinem Hochmoral – Ross sitzen bleiben. Fast die gesamte EU-Elite*, mehrheitlich die Linksverortete, sichert jährlich mit Millionen Stillhaltegeld Hamas und Fatah, deren Verbündete soeben ein kräftiges Lebenszeichen in Frankreich von sich gegeben haben. Damit bezahlt die “moralisch höherwertige soft power“, nicht nur einen üblen Pseudokalifen für Auftragsunterdrückung von Flüchtlingen sondern hat sogar die Organisation und Durchführung von Terroranschlägen auf eigenem Gebiet ausgelagert. Auch die Bewaffnung wird zugeliefert, idealerweise samt Finanzierung mittels Ölkauf oder Förderung.

    Moralisch hat die EU Amerika also längst eingeholt, bzw. unterboten. Jedoch ohne irgendeinen, auch nur eingebildeten Leistungsgegenwert für den friedensbewegten Minikontinent zu erschaffen. Traurig für die Bürger, außer Spesen nichts gewesen 😉

    *PS: zu den linksverorteten EU-Eliten zählen in Deutschland auch die staatsgläubige CDU, samt ihrem evangelischen Bischofsklüngel, sowie in Österreich die gesamte “Volks” Partei, Initiatorin des wiener Saudi- Dialogzentrums, inclusive ihrem NEOSozialistischen Ableger. Eine saubere Partie, das !

  5. Mario Wolf

    Das Verhältnis der Europäer, pauschal gesprochen, zu den USA war schon immer zwiespältig. Eine gewisse Überheblichkeit resultierte aus der Überzeugung den Amis kulturell überlegen zu sein. Die Unterwürfigkeit andererseits, war die Haltung des Besiegten einen Sieger gegenüber. Dadurch kam es nie zu einer Diskussion über die Rolle der USA auf dem europäischen Kontinent. Die USA werden gerne als Freunde Europas bezeichnet. Von einen Freund enttäuscht zu sein schmerzt und führt zu überschiessenden Affekten. Die USA haben keine Freunde. Staaten haben keine Freunde, Staaten haben Interessen. Die USA haben immer ausschliesslich ihre eigenen Interessen verfolgt. Ob sie es immer sinnvoll und auch für die USA selbst vorteilhaft war, ist ein anderes Thema. Die USA sind aber sicher nicht in den Krieg eingetreten um irgend jemanden zu befreien, sondern um ihre eigenen Interessen zu wahren. Wieso die (Un)verantwortliche Brüsseler Politikerkaste dieses politische Axiom, der Priorität der Wahrung der eigenen Interessen, über Bord geworfen haben, ist nur durch dümmliche Abhängigkeit von einer Ideologie und die Negation der Realität, zu erklären, aber nicht zu verstehen.

  6. Thomas Holzer

    @aneagle
    Ich wusste gar nicht, daß es in den EU-“Eliten” auch noch andere als linksverortete gibt; mir ist niemand bekannt 😉

  7. Lisa

    Auch die USA verhalten sich eben opportun. Wer vergrault schon gern die Saudis: die sitzen mit ihrem Erdöl immer noch am längeren Hebel und können ihre feudalen und autokratischen Gesellschaftsstrukturen so lange beibehalten, bis gleichwertiger Ersatz für das „schwarze Gold“ erfunden wird und Erdöl nichts ist als eine stinkende Brühe, die keiner mehr will. Mit ihren Gold- und Kunstkäufen haben sie zwar vorgesorgt, wird wohl eine Weile halten – aber irgendwann ist auch da Schluss.

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