Wieder mal Selbständige als Deppen der Nation

(CHRISTIAN ORTNER) Wer verrückt genug ist, in Österreich als Selbständiger sein Geld zu verdienen, darf dafür auf alles Mögliche hoffen – vornehmlich auf Prügel, die ihm der Staat zwischen die Beine wirft -, aber auf eines ganz sicher nicht: Wertschätzung dafür, einen Beitrag zum Wohlstand dieses Landes zu leisten.

Dem ORF und dem Finanzministerium gebührt deshalb unser Dank dafür, dies jüngst auch auf der Symbolebene für jedermann gut sichtbar gemacht zu haben. Denn um die Steuerreform 2016 gebührlich propagandistisch zu begleiten, hat das Ministerium einen Online-Rechner gebastelt, der auch unter insider.orf.at promotet wird und es jedermann erlaubt, dort seinen persönlichen Zugewinn aus dieser Tarifanpassung zu errechnen. Dazu muss eingegeben werden, welche Art von Einkommen man bezieht, und zur Auswahl stehen Arbeiter, Angestellter und Pensionist. Dass es auch Selbständige gibt, ignoriert der Online-Rechner schlichtweg.
Nicht, dass das jetzt eine besondere Tragödie wäre – aber es illustriert anekdotisch perfekt, welche Wertschätzung Selbständige genießen: gar keine. Das wird wohl auch einer der Gründe sein, dass der Staat nicht einmal im Traum daran denkt, ihnen die Segnungen der Steuerreform in irgend einer Form bereits 2016 zukommen zu lassen, so wie das bei den Unselbständigen der Fall ist.

Österreichs knapp 500.000 Selbständige hingegen berappen viermal pro Jahr eine Vorauszahlung an die Finanz, erst im Folgejahr wird im Zuge der Einkommensteuer-Erklärung dann abgerechnet und entweder eine Nachzahlung fällig oder überschüssige Vorauszahlungen werden refundiert.

Das heißt natürlich, dass Selbständige frühestens im Jahr 2017 zurückbekommen werden, was ihnen der Fiskus heuer allenfalls zu viel abgeknöpft hat. In Summe werden sie damit zwar finanziell nicht schlechtergestellt als Angestellte oder Pensionisten, haben aber eben heuer anders als alle anderen noch keinen in Form von zusätzlicher Liquidität spürbaren Nutzen von der Reform. Für sie heißt es stattdessen: Bitte warten!

Mehr noch: Anstatt den Selbständigen etwa die quartalsweisen Vorauszahlungen (analog zu den Unselbständigen) etwas zu reduzieren, werden diese Akontierungen alle zwei Jahre um schlanke 9 Prozent angehoben. Was bedeutet, dass bei einem Wirtschaftswachstum zwischen 1 und 2 Prozent der Fiskus von der Fiktion ausgeht, die Selbständigen würden ihre Einkommen doppelt so schnell steigern, wie dies aufgrund des Wirtschaftswachstums naheliegend wäre. (Man kann natürlich zur Finanz betteln gehen, um eine Reduktion zu erreichen, ist dabei aber mangels Rechtsanspruch auf die Gnade des jeweiligen Beamten angewiesen.)

Ökonomisch ist das ungefähr so fundiert wie der Glaube, eine Fußwallfahrt des Finanzministers nach Lourdes würde das Budgetdefizit zum Verschwinden zu bringen.

Ein Zeichen der Wertschätzung selbständigem Gelderwerb gegenüber hätten wir uns eigentlich etwas anders vorgstellt. Als kleines Dankeschön könnten ja jetzt ein paar hunderttausend Selbständige beim Finanzamt beantragen, ihre Vorauszahlungen im Zuge der Tarifsenkungen der Steuerreform entsprechend herabsetzen zu lassen. Das gibt sicher einigen Spaß. (WZ)

18 comments

  1. pippin

    Selbständig sein heißt tatsächlich selber ständig arbeiten. Man kann Selbständigkeit nur als Lebenseinstellung betrachten, denn wenn man die tatsächlich aufgebrachte Arbeitszeit (Verwaltungskram!) auf Netto-Stundenlohn umrechnet, müßte man sich selber die Frage stellen, wie dumm man doch nicht sei. Aber es ist einer der ehrlichsten Formen der Leistung: man wird nur nach der reinen, vom Kunden anerkannten Nettoleistung bezahlt. Davon liefert man 50% an Finanzamt und SV ab. Es wäre sehr interressant zu wissen, wieviel Wertschöpfung die Selbständigen in Österreich erbringen, damit diese größer werdenden Gruppe entsprechend wahrgenommen wird. Oder gilt noch immer das alte Schlagwort “Ja, selbständig muaßt halt sein … wir san ja nur Beamtete.”

  2. Ehrenmitglied der ÖBB

    Das nicht berücksichtigen der Selbständigen im online Rechner könnte zwei Gründe haben:
    a) das Ministerium (die “Experten”) sind überfordert?, oder
    b) man will nicht aufzeigen wie sehr die Selbständigen geschröpft um nicht zu sagen gequält werden?

  3. Thomas Holzer

    Ein Selbständiger in diesem Land wäre schon zufrieden und dankbar, würde er von den “Segnungen” der Politikerdarsteller verschont bleiben und schlicht und einfach in Ruhe gelassen.
    Würde dies stattfinden, verzichtet er liebend gerne auf die Wertschätzung von Politikerdarstellern; für diese kann er sowieso nichts kaufen 😉

  4. Fragolin

    @Thomas Holzer
    Dem kann ich nur zustimmen! ich zahle die Hälfte meiner unternehmerischen Einnahmen als Schutzgeld an den Staat und erhoffe (erwarten kann man hier nix mehr) mir einfach, dass es mal reicht und ich von diesen Hetzern, Verleumdern und Schutzgelderpressern einfach nur in Ruhe gelassen werde.
    Ansonsten habe ich bereits im vorigen Jahr meine Dienstleistung reduziert, weil ich keine Lust mehr habe, den Moloch mit meinem Schweiß zu tränken. Ich erarbeite, was ich für mich und meine Familie benötigte, verzichte auf die früheren Formen des sparsamen Wirtschaftens, um das Firmenbudget nicht zu strapazieren, denn dafür wurde ich mit höheren Strafzahlungen an die Schutzgeldmafia “belohnt”. Und bekam noch einen süffisanten Hinweis eines überheblichen Finanzbeamten, dass ich ja selbst Schuld sei, wenn ich nach 8 Stunden nicht in Freizeit gehe sondern dem Mammon nachhechle.
    Also, Leistungsreduzierung auf das Notwendige, Verabschiedung vom “Wachstum-” und “Rasanten Erfolg”-Gelabere, es werden kleine Brötchen gebacken, wenn man kein Brot benötigt um satt zu werden!
    Und nebenbei habe ich Zeit gewonnen um z.B. hier zu lesen und zu posten. 😉

  5. Selbstdenker

    @Thomas Holzer:
    “Ein Selbständiger in diesem Land wäre schon zufrieden und dankbar, würde er von den „Segnungen“ der Politikerdarsteller verschont bleiben und schlicht und einfach in Ruhe gelassen.”

    Das kommt schon noch: 2016 wird zum Waterloo des politischen Establishments werden. Einige ökonomische und politische Grossereignisse stehen vor der Haustüre:

    https://www.youtube.com/watch?v=Ht3zGZfCbzI
    (der interessante Teil kommt ab 14:30)

    Die neoprogressive Welle – und damit auch die Politikhörigkeit – überschlägt sich bereits und kracht in sich zusammen.

    Ich kenne praktisch niemanden mehr, der sich von der Politik noch ernsthaft Lösungen erwartet.

  6. sokrates9

    Ein Bravo dem Mühlviertler Wirt der die Repräsentanten der “Wirtschaftspartei” einfach de facto rausschmiss!
    Würde das Schule machen könnten sich unsere Politiker hinter den Refugees um ein Halal – Essen anstellen!!

  7. Prof. Peter Loidolt

    Vollkommene Zustimmung. Wicht wäre wenn die Steuerberater der Selbständigen hier aktiv wären. Ob diese mehrheitlich das wollen ist zu bezweifeln, weil es sich ja niemand mit dem Finanzamt und deren Gnadenakte nicht verscherzen will, also wird man dies dem Klienten doch eher nicht empfehlen. Ich für meinem Teil werde allen Selbständigen, die bei den Festspielen Reichenau tätig sind unbedingt empfehlen, die Steuervorschreibung für 2016 zu überprüfen und eine Herabsetzung, wenn diese offensichtlich ist, zu beantragen.
    Allerdings ist es in jedem Fall offensichtlich, dass die politischen Vertreter und Organisationen der Selbständigen fürs Krenreiben sind. Man sollte diese samt und sonders feuern. Von der “Wirtschaftspartei ” ÖVP ganz zu schweigen. Einen Vizekanzler Mitterlehner und ein Finanzminister Schelling, eben von dieser Partei, scheinen die überwiegend ÖVP wählenden, halbe Million selbständigen Österreicher gar nicht in den Sinn zu kommen. Sie sollen sich bei den nächsten Wahlen nicht wundern, wenn, ja wenn diese Selbständigen endlich Courage hätten und z.B, geschlossen die erste Rate der Vorauszahlung als “Streik” nicht einzahlen. MFG Peter Loidolt

  8. Christian Peter

    Von den anderen Segnungen der Steuerreform, wie etwa Registrierkassen, etc., welche ebenfalls Hunderttausende Selbständige betreffen, und anderen Steuererhöhungen ganz zu schweigen. Dafür gibt es mehr als genug Mittel für illegale Einwanderer : In Österreich wird von einem Mehrbedarf von 5 – 7 Milliarden Euro pro Jahr (!!!) gesprochen, um die Flüchtlingskosten zu finanzieren.

  9. Christian Weiss

    Eine Verständnisfrage: Was spielt es eigentlich für die Steuereinschätzung eine Rolle, ob man Angestellter, Arbeiter oder Pensionist ist?

  10. Falke

    Bei dem lautstarken Lob der “Steuersenkung” (samt Online-Rechner) wird gerne “vergessen”, dass die steuerliche Absetzung der Aufwendungen für die Schaffung von Wohnraum sowie für private Kranken- und Unfallversicherungen abgeschafft wurde. Wenn also jemand dafür pro Jahr etwa 2000-2500 Euro aufwendet (was durchaus nicht übertrieben ist), ist der steuerliche Nettogewinn durch die Steuersenkung Null oder sogar negativ.

  11. Christian Peter

    Sollen sie noch weiterwursteln bis zu den nächsten Nationalratswahlen, dann werden diese Wahnsinnigen ohnehin die Regierungsbänke verlassen.

  12. Thomas Holzer

    @Falke
    Nicht nur das!
    Diese “größte Steuersenkung aller Zeiten” ist die größte Augenauswischerei aller Zeiten.
    Daß sich ein Herr Schelling dafür wortgewaltig hergibt, hätte ich mir anfänglich auch nicht gedacht; aber anscheinend sind die Wenigsten gegen den Politikerdarstellervirus immun

  13. Thomas Holzer

    @CP
    Ihr Wort in Gottes Ohr; nur: auch an den demokratischen Alternativen verzweifle ich 🙂

  14. Geheimrat

    Es ist dem Untertanen untersagt, den Maßstab seiner beschränkten Einsicht an die Handlungen der Obrigkeit anzulegen.

    Gustav von Rochow (1792 – 1847), preußischer Innenminister und Staatsminister

  15. Christian Peter

    Und nicht zuletzt : Von den Wahnsinnigen des heutigen Regierungsteams wird wohl niemand die nächsten NR – Wahlen überleben.

  16. Josef

    Wider Selbständige, Deppen der Nation!
    So war wohl der Titel gemeint, oder? Capito?

  17. Thomas Holzer

    Und Mitterlehner und Leitl glauben doch tatsächlich, mit einem neuen, zusätzlichen Gesetz einen Bürokratieabbau zu erreichen…….Die Lachnummern der Nation

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