Wie unmoralisch ist Sparen?

(C.O.) Wenn die österreichischen Banken und Sparkassen Ende Oktober, so wie jedes Jahr, wieder einmal den sogenannten Weltspartag inszenieren, wird dies ein Ereignis von ziemlich hoher absurder Qualität sein. Denn wer heute noch spart, gilt in der brandgefährlichen Welt der Null- und Negativzinsen, wie sie die Europäische Zentralbank unverdrossen betreibt, als gefährlicher Irrer. Gefährlich ist der Sparer aus der Sicht der EZB, weil er nicht so viel konsumiert, wie er könnte, und damit keinen Beitrag zum Wirtschaftswachstum leistet; und irre, weil er dabei zusieht, wie seine Ersparnisse immer weniger wert werden. Dieses üble Verhalten auch noch mit einer Art Feiertag gutzuheißen, ist in der absurden Logik der Negativzinswelt ungefähr so wie ein Welttag des Drogenmissbrauchs, an dem kleine Kinder Gratisspritzen, Opiumkostproben und Joints geschenkt bekämen.

Dass Sparen, über Jahrhunderte als eine bürgerliche Tugend anerkannt, plötzlich zu einem asozialen und volkswirtschaftlich schädlichen Verhalten umgedeutet und entsprechend mit Minuszinsen pönalisiert wird, hat freilich gravierende Auswirkungen weit über das Ökonomische hinaus. Denn bewusst auf heutigen Konsum und die damit verbundenen Lustgewinne zu verzichten, ist eine der bedeutenderen zivilisatorischen Errungenschaften der vergangenen Jahrhunderte. Wer spart, um etwa für seinen Lebensabend vorzusorgen, Kindern eine besonders gute Ausbildung zu ermöglichen oder auch nur, um kostspieligen Schicksalsschlägen nicht hilflos ausgesetzt zu sein, gewinnt damit ein Stück Autonomie. Wer ausreichend gespart hat, um diese Ziele zu erreichen oder auch nur im Falle einer unerfreulichen Wendung der Biografie die finanziellen Folgen selbst schultern zu können, wird damit deutlich unabhängiger vom fürsorglichen Staat oder der karitativen Hilfe Dritter.

Kurz: Wer spart, legt damit ein solides Fundament zu einer Existenz als selbstbewusster Citoyen der Republik, der dem Staat nicht als demütiger Bettler gegenübersteht, sondern als unabhängiger Souverän. “Die Bildung von Eigentum durch das Zurücklegen von Geld führt zu großer wirtschaftlicher Freiheit des Individuums, was wiederum eine notwendige Bedingung für politische Freiheit ist,” analysierte jüngst der Schweizer Publizist Michael Rasch in der “Neuen Zürcher Zeitung”.

Demgegenüber hat übermäßiger Konsum immer etwas leicht Infantiles an sich. Wer nicht imstande ist, sich Konsum zu verkneifen, um dafür Unabhängigkeit und langfristige Sicherheit zu gewinnen, gleicht letztlich immer einem Kind, das nicht imstande ist, selbst und ohne Beistand Dritter sein Leben zu fristen. Das macht unfrei und abhängig.

Genau das aber ist die Folge jener üblen Politik, mit der die EZB die Sparer bewegen will, ihr Vermögen in den Konsum zu stecken, um Wirtschaftswachstum zu generieren. Übrigens bis jetzt mit sehr überschaubarem Erfolg, denn den Sparern ist im Großen und Ganzen die Freiheit, die sie durch ihr Verhalten gewinnen, wichtiger als die entgangenen Zinsen oder gar vereinzelte Negativzinsen wie in der Schweiz. Den zivilisatorischen Fortschritt von ein paar hundert Jahren einfach zurückzudrehen, ist offenbar nicht ganz so leicht. Und das ist gut so. (“WZ”)

10 comments

  1. stiller Mitleser

    Für Prekäre ist Sparen fast nicht nicht mehr möglich, dafür haben sie andre Formen des Einsparens von Ausgaben gefunden: dumpster diving, waste cooking, Recycling

  2. stiller Mitleser

    Korrektur, ein “nicht” zu viel, also richtig: Sparen für Prekäre fast nicht mehr möglich

  3. sokrates9

    Ein Unternehmer spart um eine große Investition tätigen zu können und oder steckt sein(erspartes) Geld in Forschung und Entwicklung. Wenn er dafür keine Zinsen bekommt wird er sich schnell überlegen sein Geld vielleicht doch in einen anderen Bereich – Ferrari-Oldtimer? zu investieren! Die Politiker dürfen dann rätseln warum die Investitionsneigung dramatisch abgenommen hat!

  4. Johannes

    Im Normalfall gilt ja für Österreich das jeder verdiente Euro mit dem Finanzminister geteilt werden muß. (Nebenbei würde es mich interessieren ob die kolportierten 5 000 Euro Mindestsicherungen für zehnköpfige Zuwandererfamilien netto sind?)
    Das heißt während wir Normalbürger mit etwas mehr als der Hälfte unseres Bruttoeinkommens unser Leben bestreiten, und wenn wir es sorgsam verwenden noch ein klein wenig für, wie sie es richtig schreiben, Eventualitäten vorsorgen, so ist die Politische Gesellschaft nicht in der Lage mit der Hälfte unseres Bruttoeinkommens plus der 20 Prozent Mehrwertsteuer aus unserem Konsum auszukommen.
    Das ist meiner Meinung nach schlicht weg ein Skandal. Die Politik HAT mit den Steuereinnahmen auszukommen tut sie es nicht macht sie sich, für mein persönliches dafürhalten strafbar.
    Diese Erkenntnis, würde sie in die Schädel der Politiker ihren Weg finden wäre das Patentrezept für schuldenfreie Staatsfinanzen.

  5. sokrates9

    Johannes@ Um ihre Arbeitsmotivation weiter zu erhöhen: Meiner Meinung nach sind Sozialhilfe, Kindergelder, usw alles Nettobeträge! Dazu kommt noch gratis ORF, Freifahrten in Wien, Telefon und andere Goodies!
    Sie werden von unseren Kulturbereicherern – das muss uns doch etwas wert sein – vollkommen ausgelacht!!

  6. Falke

    Ich bin ja neugierig, mit welchen Argumenten die Banken ihren Kunden am Weltspartag ein Sparbuch geschmackig machen wollen.

  7. Thomas Holzer

    Edward Prescott: “Es ist erwiesen, daß Geldpolitik keine nachhaltigen Effekte auf Wachstum und Beschäftigung hat”

  8. mariuslupus

    “Wer spart, ist verdächtig. Der Sparer ist ein subversives Element. Versucht das Geld, dass eigentlich dem Staat gehört, mit unlauteren Absichten, zu unterschlagen.” – Zitat aus der unveröfentlichten Gebrauchsanweisung “Zieht dem Sparer das Unterhemd aus”, der EZB, Ko-Autoren M.Draghi, W.Schäuble. Erhältlich im Wegelagerer-Verlag. Für Erstbesteller gratis.
    Später wird es teuer werden.

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .