Wer entscheidet, wen Ihr Auto tötet?

Von | 22. Oktober 2016

(CHRISTIAN ORTNER) Wenn irgendwann in näherer Zukunft Autos auf den Straßen unterwegs sind, die vom Bordcomputer gesteuert werden (autonomes Fahren), dann werden diese Rechner naturgemäß immer wieder Entscheidungen über Leben und Tod von Menschen treffen müssen. Denn in den Sekundenbruchteilen vor einem schweren Verkehrsunfall wird sich das Auto entscheiden müssen, ob es etwa nach links ausweicht und dort eine junge Frau mit einem Kinderwagen vermutlich töten wird – oder nach rechts steuert, wo eine Gruppe Rentner beim Kartenspiel sitzt.

Im Grunde geht es dabei um eine ganz ähnliche Frage wie jene, die am Montag dieser Woche in der interessanten Fernsehproduktion „Terror“ gestellt wurde: Darf ein Pilot ein Verkehrsflugzeug mit 164 Menschen an Bord abschießen, wenn dadurch 70.000 Menschen in einem Stadion gerettet werden können, auf die das von Terroristen gekaperte Flugzeug Kurs genommen hat? Darf man eine kleine Zahl Menschen töten, um eine größere Zahl Menschenleben zu retten?

Ganz im Gegensatz zum „Terror“-Plot wird eine wesensgleiche Entscheidung – welche Menschen sollen getötet werden dürfen, um welche Menschen zu retten – schon bald regelmäßig im Verkehrsalltag zu treffen sein. Solange Menschen diese Entscheidung treffen, stellt sich die Frage nicht wirklich, weil sie vom Fahrer intuitiv, spontan und damit unkontrollierbar getroffen wird, wenn es kracht. Dem autonomen Auto hingegen wird dessen Hersteller einen Algorithmus einbauen müssen, nach dem es diese Entscheidung trifft.

Das heißt aber auch: Es wird Gesetze brauchen, die relativ genau regeln, wie diese Algorithmen funktionieren und nach welchen Regeln sie die Entscheidung über Leben und Tod unbeteiligter Dritter zu treffen haben. Wie etwa: Ist einfach nur die Zahl der Toten zu minimieren? Sind Säuglinge eher zu schonen als Greise? Ist das Leben des Autobesitzers zu opfern, wenn das den menschlichen Gesamtschaden gemessen an der Anzahl der Toten und Verletzten am niedrigsten hält? Der technische Fortschritt wird hier Entscheidungen erzwingen, die mit unserem jetzigem Verständnis von Menschenwürde kaum vereinbar sein dürften.

Der Staat, so hat es Justizminister Wolfgang Brandstätter formuliert, habe nicht das Recht, Menschenleben gegeneinander abzuwägen und Menschen zu töten, um andere Menschen zu retten. Der Abschuss einer von Terroristen gekaperten Maschine sei daher unstatthaft, selbst wenn damit eine enorme Anzahl von Menschen gerettet werden könne.

Das werden die meisten Verfassungsrechtler in Deutschland und Österreich ähnlich sehen. Nicht zuletzt im Nachgang zur Nazi-Zeit wird dieser rechtsphilosophischen Logik im deutschen Sprachraum hohes Gewicht beigemessen. Gegenüber dem technologischen Fortschritt und den von ihm ermöglichten autonomen Autos wird diese Haltung freilich keinen wirklichen Bestand haben können. Denn ohne eine grundsätzliche Entscheidung des Staates, wer im Fall des Falles von diesen Algorithmen zu verschonen ist und wer nicht, wird der Einsatz dieser Technologie schlicht und einfach nicht möglich sein.

Das wäre gerade in diesem Kontext übrigens eine hoch problematische politische Entscheidung. Denn ziemlich sicher ist, dass der Betrieb autonomer Autos die Anzahl der Verkehrstoten signifikant reduzieren wird. Und zwar aus einem simplen Grund: weil das mit Abstand gefährlichste Teil des Systems Autoverkehr aus dem Verkehr gezogen wird, der Mensch.

Es entspräche dem besonders unter den Deutschsprechenden verbreiteten Hang zur „Gesinnungsethik“ im Sinne Max Webers, sich einfach auf die Position zurückzuziehen, kein Mensch habe das Recht, solche Entscheidungen zu treffen, wie sie das autonome Auto erzwingen wird. Es wäre halt gleichzeitig eine Entscheidung, die der moralischen Selbsterhöhung ihrer Vertreter wegen ziemlich viele Menschenleben kostete. („PRESSE“)

11 Gedanken zu „Wer entscheidet, wen Ihr Auto tötet?

  1. FDominicus

    Ich kann nicht verstehen wie man daraus ein Problem konstruiert wenn das bewußte in den Tode schicken aktuelle Politik ist. Wieviele Leute kommen in D durch Autounfälle um’s Leben? Knapp über 4200. Wieviele sind durch Politiker zu Tode gebracht worden ein paar hundert Millionen und jeden tag kommen Tausende hinzu.

    Also der simpelste Algorithmus für ein Auto wird sein. Zuerst die Politiker und Bürokraten umbringen…. Die Schaden nämlich am Meisten.

  2. sokrates9

    Spannende Frage! Unsere Politiker werden wahrscheinlich gar keine Entscheidung treffen! Das ist nämlich mit Abstand die Entscheidung die am meisten Tote bringt!

  3. Christian Peter

    ‚Im Nachgang zur Nazizeit wird dieser rechtsphilosophischen Logik im deutschen Sprachraum hohes Gewicht beigemessen‘

    Na ja, würde das stimmen, hätte man die Weisungsgebundenheit der Staatsanwaltschaft und andere Relikte der Nationalsozialisten nicht übernommen. In Österreich und Deutschland existiert nicht einmal eine Gewaltenteilung, genau genommen handelt es sich bei diesen Länder um keine Rechtsstaaten.

  4. Fragolin

    An dieser Frage ist schon Will Smith in der etwas freizügig ausgelegten Verfilmung von Asimovs „I, Robot“ zerbrochen. Asimov hat die 3 Gesetze der Robotik formuliert, über die schon ganze Bücherreihen verfasst, Studien erarbeitet und sogar Uni-Vorlesungen abgehalten wurden.
    Die Ethik ist ein Hund. Unter dem Strich entscheidet das Auto nämlich gar nichts, weil es nichts entscheiden kann. Es folgt nur einem Algorithmus der ihm von (einem oder mehreren) Menschen einprogrammiert wurde. Der Rest ist Zufall.
    Ist der Architekt schuld, wenn ein Fußgänger vor einem Haus von einem Dachziegel erschlagen wird? Er hätte ja andere Ziegel anfordern oder das Dach mit Pappen decken können. Oder ist es doch der Vorarbeiter aus der Ziegelei, der die Brennzeit um 2% verkürzt hat und ohne dessen Entscheidung der Ziegel eine Sekunde später vom Dach geflogen wäre und den Fußgänger verfehlt hätte?
    Oder ist es einfach nur Pech gehabt?

  5. Herzberg

    Im Grunde geht es dabei um eine ganz ähnliche Frage wie jene, die am Montag dieser Woche in der interessanten Fernsehproduktion „Terror“ gestellt wurde

    Diese Betrachtung greift entschieden zu kurz, vermengt sie doch unzulässig den Aspekt einer Entscheidung mit jenem nach der Verantwortung hierfür. Einigt man sich darauf, wonach technische Systeme bis auf weiteres keine Verantwortung tragen können, kann und muß im Falle eines strittigen Ereignisses jener Mensch dafür einstehen, der seine Möglichkeit zur Entscheidung an ein System deligierte. Aktuell haften Eltern für ihre Kinder, egal ob es leibliche sind oder adoptierte. Wo dies grenzwertig ist, stellt sich die Frage nach einer Aufsichtspflicht, und so diese nicht verletzt wurde, läuft das Ganze mangels Zuweisbarkeit einer Schuld unter Schicksalhaftigkeit.

    Es wird Gesetze brauchen, die relativ genau regeln, wie diese Algorithmen funktionieren und nach welchen Regeln sie die Entscheidung über Leben und Tod unbeteiligter Dritter zu treffen haben

    Absurd ist die Vorstellung, das Volk als Souverän könne mittels Parlament und Bürokratie derartiges in vertretbarer Zeit mit halbwegs konsensualem Ergebnis bewerkstelligen, sodass im genormtem Chip unter der Motorhaube ein virtuelles Entscheidungsgremium in Echtzeit einen Unfallverlauf erzwingt, der verglichen mit allen allen anderen potentiellen Hergängen den objektiv geringsten Schaden zeitigt.

    Wer diesbezüglich zwecks Algorithmenbewertung, fehlerfreier Implementierung, Sensor- und Übertragungstechnik und aller Eventualitäten im Echtbetrieb nach dem Gesetzgeber ruft, treibt das ohnehin schon eigentümliche Vorsorgeprinzip auf die Spitze, demzufolge nichts in Umlauf gebracht werden darf, dessen Unschädlichkeit nicht vorneweg bewiesen wurde.
    Erwachsene wissen, wonach Masturbation nicht zu Blindheit führt, doch über die Folgen von Hirnwichserei scheint noch kein Common-Sense vorzuliegen.

  6. Falke

    Unser Justizminister heißt BrandstEtter – sollte man als Journalist eigentlich wissen. Der mit Ä ist der Kurier-Herausgeber.

  7. Christian Peter

    @Falke

    Diesen Namen nicht zu kennen, ist keine Schande, schließlich handelt es sich um einen der miserabelsten Justizminister der österreichischen Geschichte.

  8. Christian Peter

    @Falke

    Was darf man sich von einem Justizminister erwarten, der als Strafverteidiger ehemals Wirtschaftskriminelle vertrat ?

  9. Falke

    @Christian Peter
    Da muss ich Ihnen völlig recht geben: an einen schlechteren Justizminister kann ich mich tatsächlich nicht erinnern; da war ja noch der Broda fast besser. Leider müssen wir aber noch maximal zwei Jahre mit ihm leben. Wer weiß, was ihm dann noch alles einfällt. Die Meinungsfreiheit hat er ja bereits mit dem Verhetzungspargraphen weitestgehend eingeschränkt (natürlich unter tosendem Applaus der Linken innerhalb und außerhalb der ÖVP).

  10. Christian Peter

    @Falke

    ‚Die Meinungsfreiheit hat er ja bereits mit dem Verhetzungsparagraph eingeschränkt‘

    Nicht nur das, auch die StGB Reform mit milderen Strafen für Vermögensdelikten ist ein Skandal und der Weisungsrat des Justizministers ein echter Aprilscherz. Von dringenden Reformen ganz zu schweigen, gerade im Bereich der Justiz Österreich herrschen in Österreich gewaltige Missstände.

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