Die vermessene Vermessung des Donald T.

(C.O.) Daniel Kehlmann („Die Vermessung der Welt“) ist zweifellos einer der talentiertesten deutschsprachigen Autoren der vergangenen Jahrzehnte und darüber hinaus ein kluger, sympathischer und gebildeter Erzähler. Doch jüngst, oh Schreck, hielt es der Dichter für geboten, einmal mehr den Beweis dafür zu erbringen, dass großartige Autoren meist nicht auch gleichzeitig großartige politische Kommentatoren sind, siehe etwa auch Peter Handke.

Nun also Kehlmann. Unter dem Titel „Mein Leben mit dem Monster“ arbeitet sich der Autor in der Hamburger „Zeit“ an Donald Trump ab. Einfühlsam beschreibt er zunächst, wie er und sein empfindsames linksliberales Umfeld in den USA die Wahl erlebt haben. „Eine befreundete Psychologin kam kurz zu Besuch und sagte leise: Ich hätte nicht gedacht, dass es so etwas wirklich geben könnte. Eine Wahl zwischen Gut und Böse. [. . .] Vor unseren Augen war der Weg frei geworden für den Untergang der amerikanischen Demokratie“, so Kehlmann.

Daran befremdet zunächst, dass der so sprachsensible Autor Trump ein „Monster“ nennt, ihm also implizit das Menschsein abspricht. Er ist damit nicht mehr weit von jener Sprache entfernt, mit der Stalinismus oder Nationalsozialismus politische Gegner als „Ungeziefer“ bezeichneten und damit ihrer Menschenrechte entkleideten. Von einem Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung hätte man sich diesen drallen „Stürmer“-Sound eher nicht erwartet.

Nicht weniger befremdlich ist die Argumentation, die Kehlmann zu seinem Befund veranlasst. Es sind vor allem schwere Charaktermängel, die er Trump vorwirft: „unreif“, „wird umso unmenschlicher, je mehr man über ihn weiß“, „Geist oder Mitleid“ sei ihm fremd. Mit einem Wort, das zwar Kehlmann so nicht ausspricht, aber durchaus insinuiert: ein gefährlicher soziopathischer Irrer. Sprachlich anspruchsloser, aber inhaltlich ident wird dieses Thema flugs vom Wiener „Standard“ aufgenommen: „Ziemlich schnell sickert die Erkenntnis ein, dass es bei Donald Trump um seinen psychischen Zustand geht.“

Die Geschichte lehrt uns freilich eine gewisse Vorsicht, wenn politische Gegner zu Geisteskranken erklärt werden. Es war und ist eine in Diktaturen probate Methode, Andersdenkende in der Klapsmühle wegzusperren. Trump für verrückt zu erklären obliegt gegebenenfalls einem Facharzt für Psychiatrie, aus der Feder von Literaten und Journalisten wird eine derartige Diagnose hingegen zur Anmaßung. Gerade den selbstbestellten Gralshütern des Antifaschismus steht die Methode der psychiatrischen Ferndiagnose politisch Andersdenkender nicht so recht zu Gesicht, ohne dieses zu verlieren.

Psychiater Kehlmann verknüpft das mit der atomaren Alleinkompetenz des US-Präsidenten und unterstellt diesem, „im worst case“ einen Atomkrieg beginnen zu wollen. Und zwar deshalb, weil Trump im Wahlkampf die Anwendung von Nuklearwaffen nicht explizit ausgeschlossen hat – so wenig freilich, wie vor ihm auch Obama, Clinton oder irgendein anderer US-Präsident dies ausgeschlossen hat. Denn der Sinn von Kernwaffen ist ja, ihre Anwendung nicht auszuschließen, um jeden möglichen Aggressor von einem Angriff abzuhalten.

Kehlmann aber unterstellt dem „Monster“ nicht nur, einen nuklearen Holocaust veranstalten zu wollen, ohne den geringsten Beweis dafür vorzulegen. Er unterstellt ihm auch, „das Ende der Rechtsstaatlichkeit“ in den USA einzuläuten und „den Untergang der amerikanischen Demokratie“ zu betreiben. Der einzige Beleg, der ihm dazu einfällt: „Der Umstand, dass alle vier Jahre Wahlen stattfinden, (ist) kein Naturgesetz, sondern ein von Menschen eingeführter Brauch.“ Ja, eh, und?

Mit seiner vermessenen Vermessung des Donald Trump belegt Kehlmann letztlich nur, dass Romanciers der Versuchung, medizinische Gutachten zu erstellen, besser widerstehen sollten. (“Presse”)

19 comments

  1. Der Bockerer

    “Einer der talentiertesten … Autoren”. Nun ja, Talente gibt es wie Sand am Meer. Und ein Bestseller macht noch kein Genie. Der Grund für Kehlmanns Äußerungen dürfte wohl darin liegen, dass er sich als “guter” Intellektueller positionieren wollte. Das ist bekanntlich am leichtesten, indem man sich negativ über Trump auslässt. Aber es wie bei der Sau, die sich an der alten Eiche reibt: die Sau fühlt sich zwar hinterher besser, die Eiche lässt das aber völlig unbeeindruckt.

  2. raindancer

    man sollte sich Gedanken machen warum in der gesamten westlichen Welt eine Spaltung in Gut und Böse stattfindet und warum es um Fragen wie National oder Global geht.
    Ebenso warum dort, wo der Islam sich breit macht oder gemacht hat, ein Rückschritt ins Mittelalter stattfand und keine Menschenrechte oder beschnittene Menschenrechte zu sehen sind.
    Solange der Islam war wo er war, war es bedauerlich, aber nicht relevant.
    Solange die Armen waren wo sie waren ..ebenso bedauerlich, aber nicht relevant.
    Warum das eine Gut (öffnet die Türen und gebt her euer Geld) das andere Böse (Schoten dicht, das Boot ist voll) ist..wer diese Fragen löst, erhält den Frieden der Welt.

  3. aneagle

    Der Versuch sich an jemand berühmteren zu reiben ist wenig erfolgsversprechend, siehe Michael Moore. Kehlmann ist keine Ausnahme, eher ein durchschnittliches Exemplar von besorgter Gutautor mit Gratismut. In Rechthaberei und Anmaßung überbieten sich die grüne Ideologie und die grüne Religion gegenseitig. Ob Klima oder Allah – Beiden ist eigen, ihrer Umgebung strikte Verhaltensmaßregeln zu oktroyieren und das auch noch als gut und richtig zu finden. Sie sind die autoritären, selbsternannten Hüter des Friedens und ihrer ist der Planet.
    Kurz gefasst: Faschisten aller Länder vereinigt Euch !

  4. Karl May

    raindancer: Dank für den Link.
    Das ist wohl der Grund warum die Linken so heulen. Sie haben zuerst Trump gepusht (indem sie seine rep. Gegener demontiert haben), in der Hoffnung, dass die Killary gegen ihn locker gewinnen kann.
    Am Ende müssen sie nun die bittere Pille schlucken. Deswegen auch das Geheule.

  5. stiller Mitleser

    Das Bemühen Differenz als Devianz zu deuten läßt sich ja bereits bei Kindern (und Primitiven) beobachten.

    Aber auch Erwachsene, ja Gebildete sogar, machen von solchen Techniken falscher Attribuierung Gebrauch.
    Sei´s weil´s den eigenen Narzißmus (“der /die ist erfolgreicher/begehrenswerter als ich, aber dafür …”) schont, sei´s weil ein Pathologie zuschreibender Diskurs durch verschiedene sozialpsychologische Ausbildungen (die an sich sinnvoll sind, weil sie den Umgang mit herausfordernden Klienten erleichtern können) bereits allgemein geworden ist. Man redet in der Terminologie des ICD, so wie das 19.Jh sich der beliebten Physiognomie-und Typenlehren bediente, mit immergleichem Ziel: deppat nämlich ist der andre.

    Verdienstvollerweise wird im Kommentar auf die dunkle Geschichte der Psychiatrie hingewiesen, die wenig Heilerfolge aber viele Kollaborateure der Tyrannei aufzuweisen hat.

  6. Falke

    Ortner ist ungerecht, dass er sich gerade Kehlmann aus der Masse der Trump-Basher herausgreift. Es gibt ja kaum einen “Künstler”, egal ob in Österreich, Deutschland oder in den USA, der nicht seinen Abscheu vor dem demokratisch gewählten amerikanische Präsidenten schon irgendwo deponiert hätte. Offenbar gehört das in Künstlerkreisen zum guten Ton, oder eher zum absoluten Muss; wer das nicht tut, wird dort gnadenlos ausgegrenzt.

  7. erich weingartner

    @aneagle
    “Gratismut” befaellt auch jene, die sich ohne dokumentierte Psychiatriekenntnisse am “Psychiater Kehlmann” reiben, nicht? Ein Dilettant nennt den anderen Nazi. Und wenn es stimmt, dass auch Assad ein Monster genannt wurde und das aber ok war, dann verstehe ich die neoliberale Welt nicht mehr…

  8. erich weingartner

    @Falke
    Es ist ungerecht wegen der unzulaessigen Psychologisierung und zugleich dumm, wenn man davor selbst einen gewaehlten Praesidenten ein “zu jagendes Monster” hiess. Assad darf “entmenschlicht” werden?? Ueber Google findet man es GsD noch: ortneronline.at/?p=24202

  9. stiller Mitleser

    @ erich weingartner
    Das lernt man doch schon in der Kinderstube: man psychiatrisiert andre nicht taxfrei, nicht einmal dann, wenn man Psychiater sein sollte, das tut man nicht.

    Stärker als Ihre großartige Namensverlinkung zu den Reps interessiert Ihre Motivation für diese im Ton nicht unheftige Intervention: christliches Korea oder doch nur Hernals?

  10. Kristian

    Warum heulen diese Pseudo-Guten bei der Installierung eines Wahrheitsministeriums und bei allen anderen geplanten oder durchgeführten Beschneidungen der Meinungs- und persönlichen Freiheit nicht mindestens ebenso auf ? Warum gibt es gegen linke Veranstaltungen nie Proteste auf der Straße, aber gegen jedwede gemäßigt rechte? Warum haben die “Rechten” jede Wahl eines Sozi (oder einer Person der Democrats) zähneknirschend zur Kenntnis genommen , und die Linken sind undemokratisch wie sonst niemand?
    Weil links am Liebsten direkt in den Kommunismus mit oktroyierter Staatsmeinung abböge.
    und weil viele linke Intellektuelle direkt am Geldtropf der entsprechenden Politiker hängen und daher als Claqueure auftreten müssen, so hi.er und so in den US.

  11. erich weingartner

    @stiller Mitleser
    durchs Reden kommen die Leute zusammen, ausser das Reden ist eine insich widerspruechliche Anklage. Ist es heftig, wenn man Widersprueche aufzeigt und wie vermeidet man unangemessene Heftigkeit dabei? Korea ist ein Kapitel fuer sich und zeigt was passiert, wenn Reden und Tun auseinander klaffen. Am Ende leiden immer die kleinen Leute darunter, egal ob in Korea, Syrien, den Vereinigten Staaten oder sonstwo.

  12. stiller Mitleser

    @ erich weingartner
    Danke für Ihre Antwort,
    – Nordkorea, das ist ja sehr, sehr interessant!

  13. Karl May

    Kristian: Weil die Linken wissen, dass sich die Zensurbehörden nicht gegen sie selbst richten werden, weil sie sind ja die “Guten”. So nach dem Motto: Linker Hass = gut, rechter Hass = böse.

    Dass sich der Wind eines Tages drehen könnte, daran denken die Intelligenzbolzen nicht.

  14. mariuslupus

    Für die Linken, die seit mehr als dreissig Jahren in der Überzeugung und Glauben leben, dass sie im Besi^tz der absoluten Wahrheit sind, ist es ein vernichtender Schlag zu erleben, dass Leute, die eine andere
    Meinung haben, jetzt bestimmen werden.
    Diesen Schlag hat ihnen Donald Trump verpasst. Die Reaktion ist, Wut und Verzweiflung. Diese Reaktion führt zu völligen Verlust der Fähigkeit die Realität wahrzunehmen und zu unkontrollierten, aggressiven Entgeleisungen.

  15. Wanderer

    Schade, dass auch Kehlmann in den linken Kritikerchor miteinstimmen muss. Er ist schon im wirklich guten Gaußbuch nicht ganz ohne linke Ansichten ausgekommen. Das gehört zur dt.Literatur, so sie erfolgreich sein will, einfach dazu.

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