Und was macht Europa?

(ANDREAS UNTERBERGER)  Die Türkei hat aus chauvinistischer Hysterie einen neuen Eroberungskrieg begonnen. Sie greift ohne jede Not Syrien und das dortige von Kurden (in Einklang mit der syrischen Regierung) kontrollierte und durchaus stabile und friedliche Gebiet an. Was aber tut Europa, was tut die Außenwelt gegen einen wahnsinnig gewordenen Diktator, der außer den in der sunnitischen Welt – und übrigens auch in Österreich, wo aber eine linke Justiz verbietet, dass man sie beim Namen nennt, – sehr regen Muslimbrüdern eigentlich keine Verbündeten hat?

Man kann die Frage kurz beantworten: Europa tut absolut nichts gegen den von einem manischen Hass auf die Kurden getriebenen Kriegstreiber in Ankara. Ein paar papierene Proteste und Sicherheitsratssitzungen können ja nur von Diplomaten als ernsthafte Reaktion gewertet werden.

Dabei hat der türkische Kriegsbeginn über das Kriegsleid hinaus eine gerade für Europa katastrophale Folge: Die Kurden haben umgehend ihren bisher so erfolgreichen Kampf gegen den “Islamischen Staat” eingestellt und wenden sich nun ganz dem Feind aus dem norden zu.

Dennoch stellt Europa nicht einmal das Weiterlaufen der Milliarden-Zahlungen an die Türkei gemäß dem Merkel-EU-Deal ein. Es beendet nicht einmal den formalen Status der Türkei als EU-Beitrittskandidat. Europa kündigt auch keinerlei Sanktionen an, deren Spannweite ja von einem Handelsboykott nach US-Vorbild über Grenzschließungen und über die Einführung der Visapflicht bis zum Verbot reichen könnte, dass europäische Tourismusbüros Reisen in die Türkei anbieten.

Europa ist damit (vorerst?) noch feiger und jämmerlicher als US-Präsident Trump, der unmittelbar vor der türkischen Offensive die amerikanischen Soldaten aus dem Kriegsgebiet abgezogen hat, der aber der Türkei jetzt wenigstens scharfe Sanktionen angedroht hat.

Wie war das schnell noch wenigen Wochen, als man des 80. Jahrestags jenes Tags gedacht hat, da ein anderer wahnsinniger Diktator unter ebenso lächerlichen Vorwänden ein millionenfaches Schlachten begonnen hat, der in den Monaten davor schon zwei andere Nachbarländer konsequenzenslos erobert hat, der ebenfalls von einem manischen Hass auf ein anderes Volk getrieben war. Haben sie da nicht alle heuchlerisch gerufen “Nie wieder!” und “Aus der Geschichte lernen!”? Oder habe ich mich da verhört?

Aber halt, ich hätte es fast vergessen: Europa kann sich ja um solche Kleinigkeiten nicht mehr kümmern. Es kann sich auch nicht ernsthaft darum kümmern, dass durch deutsche Städte Schwerbewaffnete fahren, um Synagogen anzugreifen und Leute niederzuschießen. Denn Europa muss gerade zum Gelächter der restlichen Welt den Planeten retten, dem ein schwedischer Autisten-Teenager den Untergang prophezeit hat …

PS: Empörend: Die Kurden wollen sich wehren und nicht von den Türken abschlachten lassen. Da muss man jetzt aber energisch dagegen vorgehen, oder zumindest beide(!!) Seiten zur Zurückhaltung auffordern. Wo leben wir denn, da sich ein Angegriffener wehrt!  (TAGEBUCH)

15 comments

  1. Rado

    So wie man die EU kennt, wird sie sich nach einer mehrjährigen Schrecksekunde selbst rühmen, das Kurdenproblem gelöst zu haben.
    Der Türke wird, die neu eroberten Kurdengebiete als Morgengabe bei seinem EU Betritt mitbringen, die EU wird den Euro als offizielle Währung einführen und einen riesigen Beamtenapparat aufstellen, der mit den üblichen Mission-Junkies glänzen wird, die sich schon im Kosovo oder als Wahlbeobachter in Kenia bewährt haben. Und es fliesst Geld, Geld Geld …

  2. aneagle

    Erdogan hat uns dankenswerterweise wissen lassen, dass sein großes Volk mehr Lebensraum braucht. Unsere europäische Reaktion war klug, besonnen, tolerant und erfolgsversprechend. Das einzige was eventuell ein wenig gefehlt hat ist Zivilcourage und sofortiges vernünftiges Handeln. Aber das nächste Mal werden wir aus der Geschichte gelernt haben, ganz sicher. Fragt sich nur auf wessen Kosten. 80 Jahre mentaler Stillstand sind genug.

  3. astuga

    Die Kurden werden sich mit dem Assad-Regime irgendwie einigen (das war ohnehin nie ihr Hauptgegner). Unterstützt von Russland im Hintergrund.
    Das ganze wird dann in einer für alle Beteiligten teuren Patt-Situation enden. Auch und vor allem für die Türkei.
    Sollte sich das so entwickeln, dann hat Trump sich relativ gut aus einem Konflikt der nicht lösbar scheint verabschiedet und lässt die anderen geschwächt zurück.

    Ob das für uns gut oder schlecht ist hängt in erster Linie von der europäischen Politik selbst ab.

  4. sokrates9

    Die EU ist derzeit damit beschäftigt eine Gendergerechte neue Kommission aufzustellen! Damit ist man völlig ausgelastet! Ist auch gut so, da ist ohnehin nichts positives zu erwarten! Angeblich mischt jetzt Putin im Hintergrund mit und der wird da sicherlich schneller Frieden schaffen als der Türkei lieb ist! Wahrscheinlich hat er sich auch mit Trump abgestimmt! Diese beiden angeblichen “Idioten” bringen wesentlich mehr zusammen als die linke Mafia in den letzten 20 Jahren!

  5. Hatschi Bratschi

    Ein Wahnsinn. Die Türkei, immer noch EU-Beitrittskandidat und mit jährlicher Milliardenspritze der EU in diesem Bestreben unterstützt, hält seit Jahrzehnten ein (halbes) EU Mitglied, namens Zypern, militärisch besetzt und überfällt gerade einen souveränen Nachbarstaat, nämlich Syrien. Ohne jede Kriegserklärung, schlicht, weil es der islamistische Sultan Erdogan in seinem verblendeten Kurdenhass so will. Und nahezu die ganze Welt sieht ihm dabei tatenlos zu. Man kann nur noch den Kopf schütteln und sich in die innere Migration begeben, vor so viel bornierter Blödheit.

  6. Rizzo C.

    Jahrelang haben die EU-Bonzen im sicheren Bewusstsein totaler moralischer Überlegenheit, allen voran Merkel und ihre Entourage, den US-Präsidenten verhöhnt und beleidigt und selber höchstens symbolische Beiträge zur Lösung essentieller Weltkrisen geleistet. Jetzt stehen sie wie die Eunuchen da, die zwar immer wissen, wie’s geht, aber nicht können. Na, dann rettet mal schön euer popeliges Klima, der Rest der Welt kümmert sich um die realen Probleme und ihr dürft weiter im Hintergrund eure hochmoralischen Bedenken verströmen.

  7. Falke

    (etwas) O.T. Die türkischen Fußballer haben beim letzten Länderspiel gegen Albanien mit der Hand an der Stirn “salutiert”, was dem Soldatengruß der türkischen Armee in Syrien entspricht. Das hat die UEFA auf den Plan gerufen, die nun Sanktionen aussprechen will. “Die UEFA verbietet in ihren Statuten politische Bekundungen jeder Art” – Schlagzeile auf der ORF-HP. Was sagte (schon vor einiger Zeit) der Präsident von Eintracht Frankfurt? “AfD-Mitgliedern wird der Eintritt in unser Stadion verwehrt”. Ich warte nun darauf, dass die UEFA den Verein sperrt. Ich fürchte allerdings, dass ich darauf noch lange warten kann. Politische Aktionen gegen “Rechts” sind offenbar von den UEFA-Sanktionen ausgenommen.

  8. astuga

    Man stelle sich vor, AfD-Politiker würden gewaltsame Übergriffe, von Brandstiftung bis hin zur Körperverletzung, gegen Politiker anderer Parteien johlend und lachend in Talkshows beklatschen und sich öffentlich bei den Tätern bedanken.

    Ist die AfD das Ziel, ist das scheinbar politisch und rechtsstaatlich in Ordnung.

  9. Johannes

    Europa und im Speziellen die Deutschen können schon auch Härte zeigen, wenn sie wollen dann können sie eine ganze Autoindustrie vernichten, sie können europäische Mitgliedsländer mit allen Mitteln bekämpfen (Visegrad), sie können ihrer eigenen Bevölkerung eine Invasion zumuten und die Folgen eiskalt als Kollateralschäden abtun, sie können die Sparguthaben und die Lebensrücklagen ihrer Senioren die ein Leben lang brav gearbeitet haben Stück für Stück verkleinern. Sie können sich furchtbar über gewählte rechte Parteien echauffieren und die Meinungsfreiheit mit Hetzparagraphen bedrängen. Was sie aber nicht können, einen durchgedrehten Diktator in die Schranken weisen. Und damit erwecken die Herren und Damen in Brüssel den Eindruck das sie nur auf jene losgehen die sie für unterlegen halten und sobald echtes mutiges Bekennen und Vorgehen gefordert ist kneifen und eigentlich sehr, sehr feig schweigen. Man muss sich für die Untätigkeit Europas schämen und bei den Opfern der Türkischen Invasion muss sich Europa entschuldigen.
    Nicht einmal ein Waffenembargo bringt Europa gegen die Türken zustande.

  10. Rado

    Fasse es nicht! Habe gerade ein verwackelte Horrorvideo gesehen, welches die Ermordung der kurdischen Politikerin und Frauenrechtlerin Havrin Khalav durch die Türkischen Dschihadistischen Hilfstruppen zeigen dürfte. Einer der Täter spricht mit Akzent Deutsch!!
    Findet man bei wardiary.

  11. aneagle

    Bewundernswert, wie die Europapolitik es schafft, ihre besten Chancen nicht nur nicht zu nützen, sondern diese nicht einmal im Ansatz zu erkennen. Jetzt ist der allerbeste Augenblick sich voller selbstgerechter Empörung(=eine Europaspezialität) vom Nato”partner” Türkei zu trennen, sich ohne Gesichtsverlust aus den EU Aufnahmegesprächen mit der Türkei zu lösen und sich mit gekonnter europäischer Heuchelei ganz nahe an Trump ranzuwanzen, mit ein paar Lippenbekenntnissen auf gut Wetter und verlässlicher Bundesgenosse zu machen (spart jährlich ca. 2% vom BIP an Natobeiträgen) und so ganz nebenbei das Wichtigste für die EU zu erledigen: die Teilung des EU-Staates Cypern aufzuheben. Dieses window of opportunity kommt nicht zurück. Europa hat seine15 Minuten Weltgeschichte konsequent verschlafen. Das deutsche Außenministerium kann seine beliebten Plaketten “Je suis Heiko” weiter verteilen.

  12. Rado

    @anaegle
    Glauben Sie wirklich, dass sich die großen Europäer, von Ursula vdL bis runter zum kernschwarzen Herrn Othmar K. und der nach wie vor intakten ö. Sozialpartnerschaft von derartigen medialen Stimmungstiefs beeindrucken lassen? Und die Wiener Roten brauchen die Austrotürkischen Erdoganwähler gerade jetzt so dringend wie einen Bissen Brot!

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