Bücher, die man lesen sollte

(ANDREAS UNTERBERGER) Wichtige, erstaunliche und anspruchsvolle Bücher liegen nicht immer in den Auslagen der Buchhandlungen. Daher erlaube ich mir, bisweilen einige ganz subjektive Tipps zu geben (jeweils mit Links zu Verlagen, beziehungsweise Amazon). Der Schwerpunkt liegt bei Büchern, die einen großen historischen, politischen, gesellschaftlichen oder philosophischen Zusammenhang herzustellen vermögen – mit einigen ganz anders gearteten Büchern dazwischen.

Das überraschendste und sensationellste Buch ist ein absoluter Geheimtipp: David Glockner: “Tomáš G. Masaryk — ein Sohn des Kaisers? Dieses Buch macht es wahrscheinlich”. Ein tschechischer Autor hat eine Fülle von Indizien zusammengetragen, dass der Mann, der Gründer der Tschechoslowakei gewesen ist, ein unehelicher Sohn des – diesbezüglich durchaus aktiven – Kaisers Franz Josef gewesen ist. Das nun in einem ambitionierten österreichischen Verlag auf Deutsch herausgebrachte Buch ist nicht nur wegen dieser zentralen Aussage und der vielen Beweise dafür spannend, sondern auch gut lesbar. Insbesondere durch seine Schilderungen des privaten Lebens der beiden – offenbar eng verwandten – Staatsoberhäupter.

Deutlich älter, aber wegen seines großen historischen Atems jederzeit wichtig und lesbar ist David Engels: “Auf dem Weg ins Imperium”. Der belgische Historiker vergleicht darin die gegenwärtigen Krisen Europas mit dem Untergang der römischen Republik. Das Buch ist atemberaubend – auch wenn es bisweilen den Atem stocken lässt und Europa keine positiven Perspektiven ausstellt.

Ebenso faszinierend und mit einem ebenso weitreichenden historischen Atem geschrieben ist Larry Siedentop: “Die Erfindung des Individuums – der Liberalismus und die westliche Welt”. Der britische Philosoph arbeitet darin gut leserlich die Wurzeln dessen heraus, was unsere westliche europäische Kultur und Gesellschaft ausmacht, die er durch den islamischen Fundamentalismus und den chinesischen Autoritarismus herausgefordert und bedroht sieht. Er zieht dabei ebenfalls einen zwei Jahrtausende umfassenden Bogen, in dem er die Entwicklung von Familie und Staat in der heidnischen Antike über die große Rolle des Christentums – insbesondere von Paulus und Augustinus – bis zur Entwicklung des Staates zwischen Karl dem Großen und dem modernen Nationalstaat nachvollzieht. Der große Unterschied zwischen Siedentop und Engels: Der britische Autor ist von einem deutlich optimistischeren Denken getragen als der viel jüngere Belgier.

Der große historische Atem ist auch bei Steven Pinker: “The Better Angels of Our Nature: Why Violence Has Declined” auf jeder Seite zu spüren (das Buch ist auf Englisch). Pinker nähert sich der Suche nach den großen Entwicklungslinien unserer Gesellschaft aber nicht mit den Waffen eines Historikers oder Philosophen, sondern mit denen eines Soziologen, der harte Fakten besonders liebt. Er übertrifft die zuvor genannten Autoren zweifellos noch an Optimismus, wenn er mit unzähligen Daten zeigt, wie sehr sich viele Dinge in der Welt im Lauf der Jahrhunderte für die Menschen eindeutig zum Besseren gewandt haben, wie sich in jeder Hinsicht Gewalt, Elend und Not reduziert haben, wie gleichzeitig der Rechtsstaat ständig an Bedeutung gewonnen hat.

Ganz andere, leichtere Kost findet man, wenn man wieder einmal nach einem Buch von Erich Kästner greift. Es kann ja nicht immer nur um die großen Probleme der Menschheit gehen. Dabei sind seit Generationen seine Kinderbücher auch heute noch fast obligat, wenn man Jugendliche zu beschenken hat (wie: “Pünktchen und Anton” oder “Emil und die Detektive” oder “Das fliegende Klassenzimmer” oder “Das doppelte Lottchen“). Auch die zum Teil weniger bekannten Werke des deutschen Autors für Erwachsene lesen sich oft recht vergnüglich – auch wenn die Armut der Zwischenkriegszeit dabei durchaus plastisch wird. So etwa die Verwechslungskomödie “Drei Männer im Schnee“.

Bleiben wir bei Jugendlichen, aber aus ganz anderer und aktueller Perspektive. Vor zwei Jahren hat Susanne Wiesinger: “Kulturkampf im Klassenzimmer: Wie der Islam die Schulen verändert. Bericht einer Lehrerin”über die Zustände in Wiener Schulen großes Aufsehen und bei manchen Schulpolitikern sogar erste Bereitschaft zum Umdenken ausgelöst. Jetzt hat eine andere österreichische Lehrerin ebenfalls ein Buch über die Zustände in Schulen geschrieben. Doris Unzeitig: “Eine Lehrerin sieht Rot: Mini-Machos, Kultur-Clash, Gewalt in der Schule und das Versagen der Politik”. Sie zeichnet ein ebenso dramatisches Bild mit wieder ganz anderen Beobachtungen – allerdings geht es diesmal um Schulen in Berlin. Die Zustände dort sind so schlimm, dass Unzeitig nach fünf Jahren ihren Job aufgegeben hat.

Um die  gleiche europäische Katastrophe, um die Entwicklung und das Niveau der Bildung im Gefolge der Massenmigration – aber nicht auf schulischer, sondern gesamt-demographischer Ebene – geht es in Gunnar Heinsohn: “Wettkampf um die Klugen: Kompetenz, Bildung und die Wohlfahrt der Nationen.” Heinsohn ist heute wohl europaweit der weitaus beste und wichtigste Demograph, auch deshalb, weil er wirklich immer den großen globalen Überblick behält und die Konsequenzen mutig ausformuliert. Heinsohn bringt viele Fakten und ist flüssig zu lesen – aber vor allem macht er einige sehr bedrohliche Feststellungen insbesondere über den Abstieg Westeuropas, weil es gar nicht mehr imstande ist, im großen Umfang qualifizierte Zuwanderer anzuziehen.

Ebenfalls mit ernsten Themen befasst sich Henryk Broder: “Wer, wenn nicht ich”. Nur befasst er sich mit ihnen auf eine überaus witzige und selbstironische Art und Weise – ohne aber sein Thema zu verblödeln. Der auch als aktueller Publizist weit über Deutschland hinaus bekannte und renommierte Broder befasst sich in einem intellektuellen Feuerwerk mit vielen Themen des öffentlichen Diskurses: mit der Rettung von Klima und Euro, mit Ökowahn und Willkommenskultur.

Bei “Tim Ball: Human Caused Global Warming. The Biggest Deception in History” wird die gegenwärtig dogmatisch verkündete Religion des UN-Klimawechsel-Panels IPCC und seine unterbrochenen Alarm-Botschaften in besonders brillanter Art zerpflückt. Ball zeigt, wie angebliche Wissenschaft für eine rein politische Agenda missbraucht wird – der sich die meisten seriösen Wissenschaftler entziehen. Das Buch geht vielen Behauptungen nach, die rund um das IPCC als angebliche Fakten verbreitet werden und widerlegt sie in sehr überzeugender Weise. Dort werde in Wahrheit “nackter Unsinn” verzapft. Ein extrem wichtiges Buch (allerdings auch auf Englisch) für alle, die sich intensiver mit dem derzeitigen Oberdogma der politmedialen Klasse befassen wollen.

Das alles ist eine völlig persönliche Auswahl, von der mir klar ist, dass die Lektüre all dieser Bücher fast ein Jahresprogramm darstellt. Dennoch möchte ich gleichzeitig auch auf meine früheren Buch-Empfehlungen aus den letzten eineinhalb Jahren verweisen: im August 2018, im Dezember 2018 und im Juli 2019.   (Quelle: TAGEBUCH)

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