Die Neuen Puritaner

Von | 11. September 2021

(CHRISTIAN ORTNER)/ “PRESSE”) Als vor 20 Jahren muslimische Terroristen entführte Passagierflugzeuge ins New Yorker World Trade Center und das Pentagon in Washington steuerten und dabei knapp 3000 Menschen töteten, wurde dies durchwegs als Angriff auf unsere liberale Gesellschaft und ihre Werte interpretiert, die jenen des Islam, vor allem in seiner konservativen Lesart, diametral entgegenstehen. Nicht nur Gebäude und die darin befindlichen Menschen wurden demnach attackiert, sondern auch das Recht auf freie Rede, der Säkularismus, die Gleichberechtigung von Mann und Frau und all die anderen Errungenschaften einer Aufklärung, die der islamischen Welt bis heute fremd ist und wohl noch lang fremd bleiben wird. Es war ein Angriff auf die Freiheit.

Schnitt. Zwei Jahre vor 9/11 bekommt Jack Nicholson den Oscar als bester Hauptdarsteller im Film „As Good As It Gets“. Darin spielt er einen misanthropen, dennoch erfolgreichen Schriftsteller, der den kleinen Hund seiner schwulen Nachbarn in den Müllschlucker wirft, sich in seinem Lieblingscafé darüber aufregt, dass Juden – „Juden!“ – seinen Stammplatz okkupiert haben, und antwortet auf die Frage, warum er Frauenfiguren literarisch so gut beschreibt: „Ich stelle mir Männer vor und subtrahiere Vernunft und Verstand.“

Nun begreift jeder, der den Film sieht, dass dieser weder schwulen-, noch juden- oder frauenfeindlich ist. Und doch würde „As Good As It Gets“ heute keinen Oscar bekommen. Allein deswegen, weil sich niemand finden würde, der ihn produziert. So einen Film kann es heute nicht mehr geben; genauso übrigens wie das ganze Œuvre von Monty Python oder anderer überschaubar korrekter Komiker.

Und zwar weil im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte eine Art von „neuem Puritanismus“ um sich gegriffen hat, wie das die US-Historikerin Anne Applebaum jüngst in einem Essay in „The Atlantic“ nannte: „Gerade jetzt hier in Amerika ist es möglich, Menschen zu treffen, die alles verloren haben – Jobs, Geld, Freunde, Kollegen – nachdem sie gegen keine Gesetze (. . .) verstoßen haben. Stattdessen haben sie soziale Codes gebrochen (oder werden beschuldigt, sie gebrochen zu haben), die mit Rasse, Sex, persönlichem Verhalten zu tun haben, die vor fünf Jahren (. . .) noch nicht existiert haben.“

In Europa ist das (noch) besser, doch es wird nur eine Frage der Zeit zu sein, bis sich das ändert. Das hat übrigens nichts damit zu tun, dass „rechte“ Positionen nicht vertreten werden können – das können sie durchaus –, sondern dass die Grenzen dessen, was als akzeptabel gilt und ungehindert öffentlich werden darf, zunehmend verengt werden. Wer daran zweifelt, kann ja einmal probieren, ein Remake von „As Good As It Gets“ zu produzieren.

Schnitt. Jan Böhmermann, reichweitenstarker, aber eher mit deutschem Humor geschlagener Satiriker und Politaktivist, hat dieser Tage vorgeschlagen: „Meinungen im öffentlichen Raum sollten einer strengen, umfassenden medialen und gesellschaftlichen Qualitätskontrolle standhalten. Die öffentliche Repräsentation von Meinungen muss nach Qualität erfolgen.“ „Gesellschaftliche Qualitätskontrolle“ riecht streng; dass dies eine Notwendigkeit sei, werden vermutlich auch Islamisten wie jene, die an 9/11 die Werte des Westens angegriffen haben, so sehen. Osama bin Laden ist tot, aber seine totalitäre, illiberale Ideologie lebt und gedeiht; auch in Figuren wie Böhmermann und der ganzen „Cancel“-Unkultur.

Es ist eine merkwürdige, irritierende Fügung der Geschichte, dass die wirkliche Bedrohung der Freiheit des Denkens und der Meinung, des Erbes der Aufklärung eben, heute nicht nur fundamentalistische Muslime darstellen, sondern die „neuen Puritaner“, die uns eine Scharia der „Wokeness“ oktroyieren wollen – und das auch können, weil sich ihnen niemand entschlossen genug entgegenstellt.

Morgen wird der Opfer von 9/11 gedacht. Die Errungenschaften der Aufklärung nicht nur gegen den äußeren Feind, sondern auch gegen diesen inneren zu verteidigen, wäre eine angemessene Form des Gedenkens.

8 Gedanken zu „Die Neuen Puritaner

  1. GeBa

    Einmal mehr, ich danke wem auch immer für die Gnade der früheren Geburt.

  2. Kluftinger

    Man kann jeden Satz von Herrn Ortner unterschreiben. Nur eine Begriffsbestimmung sollte präzisiert werden: der Puritanismus des Herrn Böhmermann und &. Das was da verlangt wird ist in der Praxis bereits: Totalitarismus.

  3. hausfrau

    Man sollte sich auch fragen, welchem Klüngel an Philanthropen wir das per Kampagnen verdanken und dort herzliche Danke-Handlungen adressieren. Da das alles ist, was wir ihnen verdanken sollten sie zum Schweigen gebracht werden.

  4. Selbstdenker

    Der linke Faschismus war im Westen schon lange am Horizont erkennbar. Es überrascht mich aber wie lange viele “Konservative” dieses Phänomen zunächst ignoriert / verlacht haben und jetzt der Reihe nach in den Panik-Modus kippen.

    Das gesellschaftliche Abwehrsystem der “Konservativen” scheint ähnlich funktionstüchtig zu sein wie die Geheimdienste der Amis vor 20 Jahren.

    Die “Woke Culture” ist eine Art ideologisches Covid-19, das in den toxischen “Liberal Arts” Abteilungen bekannter US-Unis gezüchtet und seit 2001 mehreren Gain of Function Testserien unterzogen wurde.

    Es wird sich zeigen, dass Prävalenz, Mortalitätsrate und individuelle Krankheitsverläufe europa- und weltweit extrem unterschiedlich ausgeprägt sein werden.

    Im Survival of the fittest könnte die Chance einzelner europäischer Nationen liegen.

    Deutschland wird nicht zu den Gewinnern zählen, da sich die Deutschen bei der kommenden Bundestagswahl mit grosser Wahrscheinlichkeit selbst ins ökonomische und gesellschaftliche Desaster wählen werden.

  5. Falke

    Erschreckend vor allem die Humorlosigkeit; hinter fast jedem, auch noch so harmlosen Witz, wird Sexismus, Rassimus, Diskriminierung usw. vermutet (und auch gefunden); und schon überhaupt bei gewollt “politisch unkorrekten” Späßen. Harald Schmidt selbst sagte, dass es heutzutage undenkbar wäre, dass er satirische Auftritte wie noch vor 5-6 Jahren hätte; er würde öffentlich geteert, gefedert, gekreuzigt und gevierteilt werden.

  6. Johannes

    Der kleinste gemeinsame Nenner unserer Gesellschaft scheint die Freude am gegenseitigen Denunzieren zu sein.
    In diese Lücke stoßen Leute wie Böhmermann.
    Böhmermann als der Stefan Raab der Miselsüchtigen.
    Eine unglaublich zäh fließende Aneinanderreihung immer gleicher, zwei oder drei Gesichtsausdrucke.
    Was an intelligentem Humor fehlt wird verzweifelt mit Ziegengedichten auszugleichen versucht.
    Dieses Pamphletgedöns ist unterste Schublade einer aus den Fugen geratenen Schaubude.
    Das Ziegengedicht von einem Rechten auf Merkel umgemünzt und Deutschland hätte eine veritable Staatskrise.
    Manche bigotten Deutschen gefallen sich in selbstgerechter Überheblichkeit.

    Besondere Freude habe ich beim Studium der Physiognomie der Nachrichtensprecher von ZDF und ARD das ist weitaus unterhaltender als es Böhmchen je sein wird.
    Der weinende Kleber dem es während der Sendung übermannt.
    Die trotzigen Blicke der Sprecherinnen, die übergangslos in ein todernstes Kaltblau übergehen wenn es um die bösen Rechten geht und ein mildes warmes leuchten ausstrahlen wenn die linken ungezogenen Aktivisten am 1. Mai ihre traditionellen Bräuche des Autoanzündens fröhnen.

    Das ist große Unterhaltung welche ihre Krönung meist durch eine Predigt eines führenden Funktionärs des Sender über die Lage Schlands und der Welt abgerundet wird.
    Schade das Trump abgewählt wurde, nur unter ihm konnte dieser Zirkus zur Höchsform auflaufen.
    Unter Biden muss man fast fürchten das dieser satirisch, beißende deutsche Nachrichtenhumor einschläft und verloren geht.

  7. Menschmaschine

    Typen wie Böhmermann hätten vor 75 Jahren in Deutschland große Karrieren gemacht. Diesem Menschenschlag ist Ideologie im Grunde egal, es geht ihnen nur darum, sich wichtig zu machen und aufzuplustern. Das geht am besten, indem man sich an die Herrschenden anbiedert und deren Vorgaben noch zu übertreffen versucht, wodurch es Belohnung in Form von Pöstchen gibt, die sich zum Wichtigmachen eignen.
    Diese erbärmlichen Schleimer sterben einfach nie aus.

    Der Kommentar von Meister Ortner ist übrigens wie immer äußerst treffend.

  8. Selbstdenker

    Böhmermann entspricht vom Wesen her genau dem (heutzutage unzutreffenden) Klischee-Deutschen, der den Wortführern der “richtigen” Seite mit preußischen Meinungsexerzieren nacheifert.

    Stets im Wissen auf der “richtigen” Seite zu stehen, hätte er seinen chronisch-besserwisserischen, pedantischen und verächtlichmachenden Teutonen-Klamauk auf jene gespuckt, denen er die bürgerliche Existenz schlichtweg abspricht.

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