Wer wird das bezahlen?

Von | 28. November 2021

(ANDREAS TÖGEL) An der Schwelle zum Jahr drei der Pandemie offenbaren sich die Konsequenzen eines leider nicht nur hierzulande chaotischen Krisenmanagements: Schuldenexplosion, Lieferengpässe, Firmenpleiten und die zunehmende Geldentwertung, um nur ein paar davon zu nennen. Zudem macht sich kollektive Frustration angesichts eines nicht absehbaren Endes des seit zwei Jahren herrschenden Ausnahmezustandes breit.
Bei aller Einsicht in die Gefährlichkeit einer Covid-19-Infektion dürfen doch die Relationen nicht aus dem Blick geraten: Die von 1918 bis 1920 grassierende „Spanische Grippe“ hat, bei einer damaligen Weltpopulation von 1,65 Mrd. Menschen, je nach Quelle zwischen 20 und 100 Mio. Menschenleben gefordert. Legt man die niedrigste Opferzahl zugrunde und rechnet diese auf die heutige Weltbevölkerung hoch, so kommt man auf knapp 100 Millionen. Tatsächlich waren bisher aber etwas mehr als fünf Millionen Covid-19-Opfer zu beklagen. Natürlich war jeder dieser Todesfälle einer zu viel. Aber ob die von den Regierungen ergriffenen Maßnahmen in einem vernünftigen Verhältnis zum Anlass stehen, darf in Frage gestellt werden. So wie bisher kann es jedenfalls nicht weitergehen, wenn irreparable Schäden am bestehenden Wirtschaftssystem vermieden werden sollen.
Schon jetzt stellt sich die Frage, wer für das Aufräumen der Trümmerwüste bezahlen wird, die als Folge der erratischen Regierungsmaßnahmen zurückbleibt: Immerhin ist Österreich ein Fremdenverkehrsland und der Tourismus liefert einen nicht zu vernachlässigenden Beitrag zum BIP, nämlich 5,5 Prozent, und stellt rund 220.000 Arbeitsplätze. Die Hotellerie bewegt sich im zweiten Jahr des Ausnahmezustands auf einen Abgrund zu, viele Betreiber von Gastronomiebetrieben, Fitnesscentern und „körpernahe Dienstleister“ stehen nach der G-2-Verodnung schon mit einem Bein vor dem Konkursrichter, der Einzelhandel (mit Ausnahme der Lebensmittelbranche) klagt über gewaltige Umsatzeinbrüche und man kann bis über den großen Teich herüber hören, wie sich der smarte Internethändler Jeff Bezos die Hände reibt. In der Tat sind die international operierenden Internetriesen die großen Profiteure des Kahlschlags im traditionellen Handel. Menschen, die zuvor nie auf die Idee gekommen wären, sich Bücher, Kleider oder Werkzeuge bei Amazon zu bestellen, haben ihre Konsumgewohnheiten – den langen Lockdowns sei Dank – zwangsläufig geändert und werden davon auch nach einem allfälligen Ende der Pandemie nicht mehr abgehen. Immerhin funktioniert das Amazon-Geschäftsmodell ja in der Tat bestens. Was es indes bedeutet, den Einzelhandel zu ruinieren, kann man in vielen US-Innenstädten bewundern, die völlig verödet und zum Treffpunkt lichtscheuen Gesindels verkommen sind.
Übrigens ist es mehr als auffällig, dass diejenigen, die sich besonders lautstark mit Forderungen nach „strengen Maßnahmen“ zur Pandemiebekämpfung hervortun, allesamt über bombensichere Arbeitsplätze verfügen? Mit vollen Hosen ist bekanntlich gut stinken. Was es dagegen für Kleingewerbetreibende heißt, wenn die Regierung ihre Existenzgrundlage zerstört; Was es für einen in einer strukturschwachen Region lebenden Pendler bedeutet, wenn er seinen Arbeitsplatz verliert, kümmert Minister, beamtete Damen und Herren und Ärztekammerpfründer offensichtlich nicht im Geringsten, die sich täglich mit martialischen Rollbalken-runter-und-ab-in-den-Hausarrest-Forderungen gegenseitig überbieten. Ein bisschen mehr Empathie für diejenigen, die ungefragt für ihre Gehälter aufzukommen haben, etwas Augenmaß, weniger Arroganz und Selbstgerechtigkeit würde den Herrschaften gut anstehen.
Vielleicht hatte der unvergleichliche Heimito von Doderer ja genau diese privilegierte Kaste von Staatsagenten im Blick, als er so ungemein elegant formulierte: „Noch keiner, der des Irrsinns Höhe erreichte, hat sie als solche erkannt und auch die Gipfel der Frechheit bleiben für ihre Erstersteiger meist in Nebel gehüllt.“
Fazit: Gesundheit ist ein hohes Gut – daran besteht kein Zweifel. Aber es ist eben bei weitem nicht das einzige. (“EXXPRESS”)

9 Gedanken zu „Wer wird das bezahlen?

  1. Cora

    Beim Lockdown verhängen sind die oberen schnell bei der Hand. Auch beim Strafen verhängen und beim Pflichten austeilen, schließlich bedeutet das für sie, das Problem ist gelöst. und selber kann man die Hände weiterhin in den Schoß legen, nicht dass man vielleicht das Gesundheitswesen reformiert, mehr Personal einstellt, besser organisiert, Abläufe optimiert, Intensivbetten aufstellt, nein, das würde ja Fähigkeiten voraussetzen, Führungsqualität, Problemerkenner- und vor allem -Löserfähigkeit, Hemdsärmeligkeit etc. mit einem Wort Managerqualitäten, aber davon die die ElfenbeinbewohnerInnen weit entfernt. Lieber verhängen sie eine Impfpflicht, da wo es gar keinen so funktionierenden Impfstoff gibt: so einen Wunderwuzi-Impfstoff, wie ihn die Politik verspricht, gibt es nicht, gibt es auch nicht bei der Grippe, seit Jahrzehnten nicht. Und die nächste Variante steht ante portas: Omicron! Das heißt, es bleiben weiterhin die Spitäler überfüllt, weiterhin wird die Wirtschaft mit Lockdowns abgewürgt, etc. weil die Politik nichts aber auch gar nichts verstanden hat. Das sind unsere Politiker. Die totalen Lösungsinkompetenzler.

  2. Thomas Brandtner

    Der harte Lockdown ist der einzige Weg, das Weihnachts – und Neujahrsgeschaeft zu retten. Wenn wir Glück haben. Und nach dem Ende des Lockdowns werden wir die Impfpflicht für alle brauchen. Und zusätzlich das verpflichtende Tracking und Tracing. Und die Maskenpflicht im öffentlichen Raum. Und Beschränkungen für private Feiern. Und einen wesentlich größeren finanziellen Beitrag Österreichs zum weltweiten Impfprogramm. Das wird alles lästig und teuer. Teuer wird auch die Rettung der Betriebe und die Kurzarbeit. Aber wirtschaftlich umbringen würde uns die weitere fahrlässige Verzögerung der zur Beendigung der Pandemie notwendigen Maßnahmen.

  3. hausfrau

    Als Lockdown-Unterhaltung wäre der Film “Die Welle” auf- und ab gespielt, alternativ zu Horrorcoronameldungen im gleichem Stakkato – auch heilsam.

  4. Selbstdenker

    @hausfrau:
    Der Film “Die Welle” trifft es exakt.

    Beim aktuellen Lockdown kommen die autoritären Reflexe vieler Zeitgenossen mehr denn je zum Vorschein.

  5. Allahut

    Vielleicht der Kurz Wastl? Jeder erinnert sich noch an das “koste es, was es wolle”

  6. Falke

    Wenn man berücksichtigt, dass es in der Regierungsspitze keinerlei Wirtschaftskompetenz gibt, ja mit den Grünen sogar eien ausgesprochen wirtschaftsfeindliche Partei mitregiert, darf man sich nicht wundern, dass die Wirtschaft gerade an die Wand gefahren wird. Wie ernst die Regierung selbst ihre Coronamaßnahmen nimmt, konnte man übrigens kürzlich bei der an die “Licht-ins-Dunkel”-Sendung anschließende Party bewundern, wo fröhlich und lustig gefeiert wurde, ohne auch nur irgendeine für das “niedere Volk” unter Strafe geltende Einschränkung zu beachten. Erstaunlich, dass die Regierungsmitglieder, angeführt von BK Schallenberg (übrigens einer der ohne Abstand und Maske groß feiernden Partgäste), annimmt, dass irgendwer diese Maßnahmen noch ernst nimmt.

  7. seerose

    @ Selbstdenker:
    “Wahltag ist Zahltag”.
    Aber, wen wollen Sie denn wählen? Sind sich doch alle einig!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.