65, und kein bisschen weise…

Von | 5. März 2013

…Hinter all den antikapitalistischen Verschwörungstheorien steht auch ein Stück deutscher Tradition: das Misstrauen gegen das Ökonomische schlechthin, das Widerstreben gegen das aufgeklärte Eigeninteresse. Eigentlich müssten wir es nach fast 65 Jahren sozialer Marktwirtschaft besser wissen…” (In der “Süddeutschen“, ausgerechnet)

4 Gedanken zu „65, und kein bisschen weise…

  1. Markus Fichtinger

    Da weder in Deutschland (noch sonst irgendwo auf der Welt) jemals freie Marktwirtschaft praktziert wurde, besteht natürlich keine Möglichkeit die positive Wirkung festzustellen. Wir können nur erahnen welches Potential eine freie Marktwirtschaft entfalten könnte, wenn schon die staatlich amputierte Rest-Marktwirtschaft durchaus herzeigbare Ergebnisse erbringt. Perfide ist es allerdings die negativen Entwicklungen (wie z.B. Arbeitslosigkeit) dem Markt zuzuschreiben, obwohl diese praktisch ausschließlich auf staatliche Intervention bzw. staatlich geschützte Kartellbildung (Gewerkschaften) zurück zu führen ist. Wie viele Millionen Arbeitslose in Europa sind auf das Wirken der Gewerkschaften zurück zu führen? Eine schwer zu beantwortende Frage.

  2. gms

    Daß die antikapitalistische Verschwörungstheorie eine deutsche Tradition hat, ist allein schon mit der Herkunft ihres Hauptprotagonisten, Karl Marx, erklärbar. Was sonst soll bei grundlegend falschen Axiomen, gepaart mit deutscher Gründlichkeit, anderes herauskommen?

    Nikolaus Piper beschreibt jene durch Technik hervorgerufene Angst, doch, man verzeihe den polemischen Seitenhieb, würde er wohl nicht für die “Süddeutsche” schreiben, täte er dies nicht auf völlig aberwitzig. Zitat:

    — Auch die Bildschirm-Batterien in modernen Börsensälen machen Angst. Der Handel findet fast nur noch über den Computer statt. Es gibt Hochfrequenzhändler, die ihre Aktien oft nur für Bruchteile einer Sekunde halten, “Dark Pools” – intransparente Spezialbörsen, die von Investmentbanken betrieben werden – und “Quants”, Investoren, die mittels Algorithmen und abnormen Umsätzen Millionengewinne machen. Das alles ist gefährlich, nicht weil die Computer jemanden zum Homo Oeconomicus machen würden, sondern weil sie menschliche Fehler potenzieren. So war es am 6. Mai 2010 beim “Flash Crash” an der New York Stock Exchange, so war es beim Schwarzen Montag, dem ersten Börsenkrach des Computerzeitalters am 19. Oktober 1987. — Zitatende.

    Bildschirm-Batterien sind zur Anzeige von Daten für Menschen gemacht, in modernen Börsesälen sind aber fast keine Menschen mehr, Bilschirme braucht man dort also nicht. Sei’s d’rum, das mag noch ein läßlicher Kurzschluß gewesen sein. Aber …
    In sog. “Dark Pools” und Spezialbörsen zocken, unterstützt durch Rechner, einzig die vielgescholtenen bösen Jungs untereinander. Wieviel Geld sie einander in welchen Zeitspannen wechselseitig abnehmen, ist für Hinz und Kunz belanglos. Einmal mehr adressiert der Gutmensch Probleme, von denen er uns seine Schützlinge weiter nicht entfernt sein könnten, als bibelfeste Evangelikale von den von Swingern frequentierten Darkrooms. Wer dabei Moralin als mögliche Erklärung wittert, wird so falsch nicht liegen.

    Bleibt drittens noch der Flash Crash 2010, ein rückwirkend belangloses Ereignis, das zudem a) von einem Menschen hervorgerufen wurde, der sich um ein paar Nullen in der Ordermaske vertat und b) nicht durch Hochfrequenztrading-Programme zum Absacken der Kurse führte, sondern durch das Auslösen jener Stops, die seit Ewigkeiten schon in den Orderbüchern standen. Der Handel wurde ausgesetzt und die Mehrzahl der betroffenen Trades rückabgewickelt. Die Implikation, Kleinanleger wären dabei unschuldig zum Handkuß gekommen, entbehrt jeder Grundlage. Oben drauf noch sogar den Crash im Jahr 1987, als der automatisierte Handel noch in der Krabbelstube übte und auch Börsen abschmierten, an denen gar kein automatisierter Handel stattfand, der Technik anzudichten, ist ein Armutszeugnis besonderer Güte.

    Vielmehr sind es gerade Leute wie Piper, die mit Darstellungen wie obiger den Leuten vermitteln wollen, fortscheitender Technikeinsatz und die damit einhergehende Beschleunigung von Abläufen im Geldgeschäft stellten für sie eine Gefahr dar. The German Angst und ihre emsig sie pflegenden Gärtner! Wer betrogen werden will, weil er dem Bauch mehr vertraut als seinem Verstand, der findet mühelos jene Helfer, die ihm dabei willfährig die Eingeweide coachen. Fast hat es den Eindruck, als benötige der Mensch für sein Seelenheil zwangsweise ein Mindestmaß an Mystik und Esoterik.

    Wenn es eine tatsächliche Gefahr gibt, so jene von den ~Experten~ an den Schreibstuben der Wirtschaftsredaktionen verkannte Tatsache, wonach all die in Windeseile bewegten Billionen keine reale Deckung haben. Weder die Summen noch die Frequenz ihrer Umschichtung stellen ein Problem dar, sondern das Faktum, daß man sich um diese Geldberge außerhalb der Mauern der klassischen Börsen, “Dark Pools” und intransparenten Spezialbörsen nichts Reales kaufen kann, das dem auch nur halbwegs entspricht.

    Fiatmoney führt bloß zur Fiktion von Reichtum. Es wurde Luft ohne Ende ins System gepumpt und befindet sich dank der Nähe zur Geldquelle (Zentral- und Geschäftsbanken) nunmal überwiegend im Finanzsektor selbst. Über wenige Ecken ist dies aber auch jener Reichtum, von dem Otto Normalverbraucher meint, es wäre der seine. Ob die Bits und Bytes jedoch irgenwann mal jemanden satt machen, sei dahingestellt.

    Vor Jahrzehnten noch war der Begriff “soft landing” vermehrt im Umlauf, er beschreibt die erwünschte Vermeidung des Crashes, der sich nach einer Phase der invertventionistisch herbeigeführten Überhitzung fast zwangsweise einstellt.
    Heute taucht er zumeist nur im Kontext China auf, das sich zurzeit Gedanken macht, wie es seine Geldmengenausweitung reduziert und zugleich soziale Unruhen vermeidet. Der Westen wäre verdammt gut beraten, auch seine eigenen Geldspeicher auf Werthaltiges abzuklopfen und parallel dazu Redenschreiber mit der Erstellung von Schweiß- und Tränenreden zu beauftragen. Es wäre schon ein kruder Treppenwitz, sich ausgerechnet angstbedingt einer berechtigten Sorge nicht zu stellen.

  3. Luke Lametta

    nur noch eine Anmerkung zu den hervorragenden Ausführungen von gms: Auf Xetra und jedem anderen, modernen quote system wär der Flash Crash vom Mai 2010 unmöglich gewesen, Xetra kennt statische und dynamische Vola Breaks – aber das Handelssystem der Amerikaner ist, und zwar bis heute, vorsintflutlich. Und zwar mit Absicht, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

  4. menschmaschine

    man fragt sich: was ist mit schirrmacher los?
    ich glaube, er baut einfach vor. fürs altersheim. dort wird er, das ist ihm jetzt schon klar, mit einigen kollegen zusammentreffen. fast alle sind aber linke. und weil einsamkeit grausam ist, will er sich jetzt schon bei denen beliebt machen, damit die sich mit ihm unterhalten oder schach spielen und ihn nicht links liegen lassen.
    so weit meine theorie. gegenstimmen?

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