Afrika, Wirtschaftswunder und Wirklichkeit

(VOLKER SEITZ) Fast jeden Monat preisen Politiker, Wirtschaftsverbände, Medien mit unkritischem Optimismus  den wirtschaftlichen Aufschwung und das Geschäftsklima in Afrika. Sie verweisen auf die kontinuierlichen positiven Wirtschaftsdaten. Das Vertrauen von Investoren in Institutionen und Stabilität sei größer geworden. Nach den “asiatischen Tigern” ist jetzt die Rede von den “afrikanischen Löwen oder Elefanten”.

Aber die meisten afrikanischen Staatenlenker sind längst nicht so ehrgeizig, wie gerne behauptet wird. Der Optimismus, den sogenannte Afrikaexperten verbreiten, erscheint angesichts der schleppenden demokratischen und rechtsstaatlichen Entwicklungen verfrüht. Viele Länder finden sich zudem am Rande der Stabilität. Die 23 Staatsstreiche seit dem Jahre 2000 werden geflissentlich übersehen.

 Afrika ist keine zusammenhängende Einheit. Es gibt  54 afrikanische Länder mit ca. 2000 verschiedenen Sprachen und ebenso vielen Völkern, die teils sehr unterschiedlich sind. Aber in vielen Staaten ist die Strom- und Wasserversorgung

auf wenige Stunden am Tag beschränkt. Weit über die Hälfte aller Afrikaner hat keinen Zugang zum Stromnetz. Düstere Aussichten für wirtschaftlichen Fortschritt. Weitere Investitionshemmnisse sind die Korruption, mangelhafte Infrastruktur und fehlende qualifizierte Arbeitskräfte. Außer einigen seltenen Ausnahmen gibt es weder eine qualitativ hohe Bildungsstruktur noch ein leistungsfähiges Gesundheitssystem, das eine erfolgreiche Wirtschaftsentwicklung erst möglich macht. Wirtschaftsboom ist in vielen Ländern die Angelegenheit eines festgefügten, familiär und finanziell verbundenen Leitungspersonals, das von der breiten Bevölkerung abgeschirmt ist.

 Auf dem Africa CEO Forum in Genf im März 2015 erklärte der britisch-sudanesische Milliardär Mo Ibrahim, dass er in vielen afrikanischen Ländern seine Investitionstätigkeit eingestellt hat. Er wies auf den Nachholbedarf im politischen Bereich hin. Regierungsvertreter müssten leichter zur Rechenschaft gezogen werden können, um die Korruption einzudämmen. Er kennt die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Afrika sehr gut. Er vergibt  den sehr angesehenen Preis für gute Regierungsführung.

 Handelshemmnisse Die großen Märkte existieren zweifellos, aber oft sind Zugang und Entwicklung verbarrikadiert. Es liegt immer an den politischen Akteuren. Hohe Bestechungsgelder und stundenlange Wartezeiten an Kontrollpunkten bremsen den Handel. In einer Untersuchung für die Staatschefs der Afrikanischen Union vom Januar 2012 steht:” Innerafrikanische Grenzformalitäten sind bürokratisch, kostspielig und langsam. Die Transportkosten innerhalb Afrikas sind durchschnittlich 63 mal höher als in den Industrienationen”.  Stattdessen blüht der Schmuggel. Waren, Menschen und Kapital können sich nicht frei über Grenzen bewegen, die Regierungen konkurrieren anstatt zu kooperieren. Aufgrund der politischen Konflikte handeln viele afrikanische Länder heute mehr mit Europa, China oder den USA als mit ihren direkten Nachbarn.

Wenig Interesse an Afrika Warum hat der deutsche Mittelstand so wenig Interesse an Afrika? Ein Grund könnte sein, dass der “Doing Business Report” der Weltbank  die meisten Staaten auf den letzten Plätzen 100 bis 180 platziert. Auch bei Menschenrechten kann sich die Wirtschaft nicht wegducken. Wenn heute gern von nachhaltiger Produktion die Rede ist, dann kommen auch die politischen Standards im Investitionsland in den Blick. Wichtig ist auch die Sicherheit in einem Land. Beispiel Nigeria: Die größte Volkswirtschaft südlich der Sahara bemüht sich um Investitionen. Gleichzeitig sind große Teile des Teile des Landes der Kontrolle des Staates entglitten.  Wichtig sind die Effizienz von Institutionen, Infrastruktur, das makroökonomische Umfeld, Gesundheit und Ausbildung, Funktionsweise des Marktes, Geschäftsqualität und Innovationskraft. Hinzu kommt die Marktgröße der Nachbarländer. Ein Risiko könnte sein, dass  ein Machtwechsel bestehende Verträge durchkreuzt. Alles hängt vom guten Willen einer Regierung ab. Warum  wohl sind nur 17 von 3,8 Millionen deutschen Unternehmen in Kenia aktiv? Erst 2,8 % aller Handelsimporte – überwiegend Fahrzeuge – stammen aus Deutschland. Die meisten  Unternehmen verkaufen ihre Produkte, nur Beiersdorf lässt vor Ort produzieren. Der Handel Deutschlands mit den 54 Staaten des Kontinents bewegt sich derzeit bei den Exporten  auf dem Niveau des Wirtschaftsaustauschs mit Dänemark.

Marseille-Kliniken gegen Äquatorialguinea Ich hatte während meiner Zeit in Afrika oft mit Geschäftsleuten zu tun, die es versäumt hatten, sich rechtzeitig über die Geschäftspartner und die vertraglichen Grundlagen kundig zu machen, was zu schwerwiegenden Konsequenzen führte. Wer investieren möchte, sollte nicht mit Schreibtischkenntnissen nach Afrika kommen. Ein möglicher Investor muss sich professionell bei Wahl der Geschäftspartner, bei der Vertragsgestaltung beraten lassen und eine Risikoanalyse erstellen lassen und sich Zeit lassen, um gute Marktkenntnisse und das Verständnis für die Anforderungen vor Ort zu erwerben. Zuverlässiges und zugleich aktuelles Datenmaterial von offiziellen Quellen sind faktisch nur für wenige Länder und Branchen verfügbar. Ohnehin müssen Investoren oft Pionierarbeit leisten und brauchen insbesondere bei unvorhersehbaren Behördenregelungen Geduld.

 Ein Schiedsgericht der Handelskammer Zürich musste gerade über den Fall der Hamburger Marseille-Kliniken, die in Äquatorialguinea ein IT System aufbauen sollten, entscheiden. Es ging um nicht erbrachte Leistungen und den Ausfall von Zahlungen (vgl. NZZ “Betrogen in Afrika” vom 10.06.2015). Der Fall zeigt die Fallstricke bei Geschäften in Ländern, wo es an alltagswirksamen berechenbaren Normen fehlt.

 Vielversprechende Entwicklungen Es gibt durchaus vielversprechende Entwicklungen, vor allem in kleinen Ländern wie Ruanda, Botswana, Mauritius, Senegal, Seychellen, Namibia. Das sind Länder, die gezielt daran arbeiten, die Rahmenbedingungen für Investoren zu verbessern. In diesen Ländern gibt es zupackende Regierungen, die das System wirklich reformieren wollen. Dort  sehe ich Geschäftschancen für beratende Ingenieurbüros, für Lieferungen und Investitionen im Transport und Infrastruktursektor, im Energiesektor (erneuerbare und dezentrale Energietechnik), in der Landwirtschaft (u.a. Landmaschinen), Wasser/Abwasser, Medizintechnik und Nahrungsmittel. Energieeffizienz-Technologien, CO2-Minderung und Klimaschutz können hohe Wirkungen entfachen. Einige Unternehmen – wie z.B. das Bauunternehmen Bilfinger, Maschinenhersteller wie Liebherr oder Ingenieursbüros wie Lahmeyer sind bereits seit Jahrzehnten mit Geduld und Fingerspitzengefühl erfolgreich in Afrika aktiv.

(Volker Seitz war 17 Jahre in Afrika tätig. Sein Buch “Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann” erschien 2014 bei dtv in 7. überarbeiteter und erweiterter Auflage.)

4 comments

  1. Selbstdenker

    Mehr Rechtsstaatlichkeit und jene Form von Entwicklungshilfe, die Rahim Taghizadegan in Armenvierteln von Südafrika praktiziert hat, würden zahlreichen Menschen neue Perspektiven eröffnen um Armut und unwürdigen Bedingungen zu entkommen:

    “Einige Zeit führte ich in Südafrika Ökonomieschulungen in Armenvierteln durch – fest davon überzeugt, daß gute Ökonomie jedem Menschen zugänglich sein müßte. Die extrem positive Resonanz vor Ort bestätigte dies.”

  2. Franz Bauer

    Was oft als Tiger oder Löwe von den Medien hochgejazzt wird endet wieder schnell als Bettvorleger. Wie vor kurzem die BRICS Staaten.
    NEPA = Nigeria Electric Power Authority oder im Volksmund, Not Expect Power Always.

  3. Astuga

    Auch Island und Irland waren mal Teil eines solchen Hypes.
    Das Ergebnis ist bekannt…

  4. Volker Seitz

    Passend zum Thema: Nachtrag aus der NZZ vom 17.6. “Nestlé streicht in 21 afrikanischen Ländern 60 Stellen. Der weltgrösste Lebensmittelproduzent hat die Entwicklung einer Mittelschicht zu optimistisch eingeschätzt, erklärte der Chef der Region Äquatorialafrika in einem Interview mit der «Financial Times». «Wir dachten, das wird das nächste Asien», meinte Cornel Krummenacher weiter. «Aber wir haben erkannt, dass die Mittelschicht in der Region sehr klein ist und nicht wirklich wächst.»

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