Akademische Abschlussarbeiten heute – Verstörende Beobachtungen aus der Praxis

Von | 21. November 2020

(Ein längerer Text , von MARTIN MOLL) Sätze, die man heute in akademischen Abschlussarbeiten zu lesen bekommt: “Weiters sollte den steuerlichen Situationen und den Umweltschutzgesetzen nicht außer Acht gelassen werden“, “Die Rebellion in Dalmatien gab aber die Möglichkeit, die Kampfwille der Kroaten darzustellen, die auch für die Serben charakteristisch gehalten wurde.”, oder auch: “Auf der einen Seite ist die Neutralität den Teilnehmer_innen, gemeint. Damit ist gemeint, dass das für manche mehr Sympathie zu haben als für andere, ohne das diese als Muster auszugeprägen, negiert wird.”

Anschlägen auf die deutsche Sprache wie den oben lediglich beispielhaft zitierten begegnet man seit geraumer Zeit in akademischen Abschlussarbeiten auf Schritt und Tritt. Abgesehen davon, dass die Verfasser nicht die leisesten Zweifel an ihrer Sprachbeherrschung zu hegen scheinen, weist der heute typische akademische „Stil“ folgende generelle Gemeinsamkeiten auf (auf Spezifika gehe ich später ein):
• Die Verarmung des sprachlichen Ausdrucks als Folge der Reduktion des reichen deutschen Wortschatzes auf wenige, dafür ständig wiederkehrende Modewörter (fokussieren, Herausforderung, nachhaltig, wertschätzend u.a.)
• eine ungemein schwülstige, komplizierte und redundante Ausdrucksweise, gepaart mit
• einer Unkenntnis bzw. Missachtung elementarster Regeln von Grammatik und Syntax.

Diese ebenso traurigen wie wahren Befunde möchte ich im Folgenden anhand langjähriger Beobachtungen und mit Beispielen aus der Praxis unterlegt näher ausführen. Ich konzentriere mich hierbei auf akademische Abschlussarbeiten, allerdings nicht nur auf solche meines eigenen Fachs Geschichte. Unberücksichtigt bleiben die seit einigen Jahren an österreichischen Höheren Schulen obligaten Vorwissenschaftlichen Arbeiten, über die man einen eigenen Artikel schreiben könnte, sowie Proseminar-, Seminar- und Bachelorarbeiten, da deren Verfasser naturgemäß über keine oder bloß geringe Erfahrung bei der Abfassung wissenschaftlicher Arbeiten verfügen und daher milder zu beurteilen sind als jene, die am Ende ihrer mehr-, wenn nicht vieljährigen Studien eine Diplomarbeit, eine Master Thesis oder gar eine Dissertation vorlegen – allesamt Werke, die Eingang in die Bestände von Universitätsbibliotheken finden und mittlerweile dort online mühelos von jedermann aufgerufen und gelesen werden können.

Es würde sich gewiss lohnen, der Frage nachzugehen, ob und inwieweit etliche der hier beschriebenen sprachlichen Fehler bereits in die publizierten Schriften arrivierter Wissenschaftler Einzug gehalten haben, doch würde dies den vorgegebenen Rahmen sprengen.

Seit meiner Habilitation für Neuere und Zeitgeschichte an der Universität Graz 2003 habe ich nahezu drei Dutzend Diplomarbeiten und Dissertationen betreut – und sie Satz für Satz lektoriert und korrigiert, um ihre mit meinem Namen als Betreuer verbundene Einreichung verantworten zu können. Darüber hinaus biete ich seit mehr als 20 Jahren ein professionelles Lektorat an, das in erheblichem Umfang nachgefragt wird, so dass meine in diesem Beitrag niedergelegten Erfahrungen auf rund 200 Abschlussarbeiten nach obiger Definition beruhen. Die Quellengrundlage scheint mir daher ausreichend groß zu sein, um über punktuelle Beobachtungen hinaus allgemeine Trends aufzuzeigen. Wie ihnen gegenzusteuern ist, steht auf einem anderen Blatt, doch ergänze ich meine Hinweise auf ein gewisses Mitverschulden mancher Betreuer und Hochschulen durch punktuelle Empfehlungen für die Zukunft.

Bevor ich mich den Einzelheiten zuwende, möchte ich dreierlei vorausschicken. Zum einen stammen rund 95% der von mir lektorierten Arbeiten von Personen mit deutscher Muttersprache; ihren Werken sind im Übrigen die eingangs zitierten drei Beispiele entnommen. Nebenbei bemerkt, sind Studierende mit Migrationshintergrund meiner Erfahrung nach viel eher daran interessiert, ihre sprachlichen Defizite kennenzulernen und erklärt zu bekommen, während die meisten Muttersprachler zwar ihre Schwächen ahnen (sonst würden sie kein Lektorat in Auftrag geben), sie halten für sich aber wohl Hopfen und Malz für verloren. Außerdem sind sie ja bisher – von der Schule bis zur Universität – mit ihrer Variante des Deutschen durchgekommen.

Zweitens ist frappierend, in welch geringem Umfang (wenn überhaupt) die nicht immer, aber doch sehr häufig hilfreiche Rechtschreibprüfung von Microsoft Word genutzt wird. Öffnet man eine zu korrigierende Datei, empfängt einen meist ein rotes Wellenmeer, worauf zu reagieren die Produzenten dieser Texte allerdings für entbehrlich hielten.

Drittens verblüfft mich die Gleichförmigkeit der bei Studierenden unterschiedlichster Fächer zu konstatierenden sprachlichen Defizite stets aufs Neue. Es ist, als ob sie alle den gleichen (unfähigen) Lehrer gehabt hätten, da sich nicht nur bestimmte Fehler, sondern selbst scheinbar individuelle, aber unsinnige Formulierungen ausbreiten wie eine Epidemie. Ein aussagekräftiges Beispiel liefert das inflationär gebrauchte Wortfeld rund um Fokus, fokussieren. Damit meine ich nicht nur, dass alternative Begriffe wie Schwerpunkt, Zentrum, Vordergrund, Mittelpunkt etc. auf die Liste aussterbender Wörter gehören; hinzu tritt die inzwischen gängige, reflexive und passive Verwendung des Verbs fokussieren in schauderhaften Sätzen wie:” Im 3. Kapitel wird sich auf das Thema X fokussiert”.

Großer Beliebtheit erfreuen sich trendige Wortschöpfungen, die zwar auf eine lateinische Wurzel zurückgreifen, aber das aktuellere englische Vorbild vor Augen haben. Englische Wörter wie evoke, ridiculous und clandestine werden als evozieren, ridikül und clandestin eingedeutscht, obwohl ausreichend deutsche Begriffe zur Verfügung stehen. Etliche Hochschulen zwingen ihre Studierenden, am Ende ihrer Abschlussarbeiten zerknirscht Selbstkritik zu üben, wofür es einen verpflichtenden Abschnitt gibt, betitelt mit dem aus dem Englischen übernommenen Kunstwort Limitationen. Würden nicht Begrenzungen oder Grenzen ausreichen? Ebenso seuchenartig breitet sich (freilich sogar im gedruckten Schrifttum selbst renommierter Verlage) die Unsitte aus, das Prädikat im Singular zu verwenden, obwohl das Subjekt im Plural steht. Den meisten ist klar, dass es heißen muss: Peter und Paul gehen zur Schule. Anders sieht es bei nicht auf den Menschen bezogenen Begriffen aus, denn hier fehlt dasselbe Bewusstsein, was zu falschen Sätzen führt wie: Arbeit und Brot stellt die Forderung der Arbeiterschaft dar.

Wie ist es möglich, dass sich derlei Grauslichkeiten wie ein Flächenbrand ausbreiten? Über den Ursprung des Feuers kann man nur spekulieren. An erster Stelle zu nennen ist wohl die im Vergleich zu früheren Generationen massiv reduzierte Lektüre vor allem klassischer Texte seitens heutiger Jugendlicher. Auf der Hand liegt, dass stattdessen andere Medien konsumiert werden. Ich kann allerdings nicht nachvollziehen, weshalb die beliebte Kommunikation auf Social-Media-Kanälen wie Whatsapp etc. mit den für sie typischen Sprachformen zu einem geradezu uniformen Auftreten gewisser und ständig wiederkehrender sprachlicher Fehler führen sollte. Noch weniger leuchtet mir ein, dass die Stakkato-Kommunikation bei Facebook und Co. jene schwülstige und redundante Ausdrucksweise hervorbringt, die Abschlussarbeiten heute kennzeichnet. Der Social-Media-Stil kann allenfalls erklären, dass Nebensätze immer häufiger als Hauptsätze auftreten, zum Beispiel: Was die Ergebnisse bestätigt.

Es ist unübersehbar, dass nahezu alle Studierenden die Meinung teilen oder vermittelt bekamen, ein akademisch-wissenschaftlicher Stil zeichne sich vor allem durch maximale Kompliziertheit aus. Die daraus folgende aufgeblasene Wortwahl fängt mit Kleinigkeiten an, beispielsweise mit der Ersetzung von Zahl durch Anzahl, Thema durch Thematik, Problem durch Problematik, Sicht durch Sichtweise, Frage durch Fragestellung usw. Das Ganze setzt sich fort, indem man beim Gebrauch der Pronomen die Ausnahme zur Regel macht, insbesondere mittels Verdrängung der simplen der/die/das und er/sie/es durch welche/welcher/welches und dieser/diese/dieses. Das klingt gleich um einiges hochtrabender und seriöser. Hässlich und obendrein falsch ist es aber, wenn dieser/diese/dieses nicht vor, sondern hinter jener Person oder Sache stehen, auf die sie sich beziehen: X kritisierte Maßnahmen, die Anwendung dieser nicht sinnvoll sei. Bei einem hinweisenden Fürwort liegt es in der Natur der Sache, dass es eben auf etwas Folgendes hinweist. Es ist wie mit den Straßenschildern: Die Wegweiser und sonstigen Hinweise stehen nicht ohne Grund vor der Straßenkreuzung, nicht danach.

Geht es um den Einsatz der Artikel, kennt das Deutsche drei Möglichkeiten: bestimmter, unbestimmter oder gar kein Artikel, zum Beispiel in Redewendungen wie Geld regiert die Welt. Jugendliche Schreiber lassen jedes Gefühl dafür vermissen, wann welche dieser drei Varianten am Platze ist, selbst wenn man zugibt, dass gerade diese Wahl einen gewissen Gestaltungsspielraum offenlässt. Ist jedoch von einer konkreten, gerade erläuterten Angelegenheit die Rede, sollte man den bestimmten Artikel verwenden und umgekehrt. In den Diplomarbeiten usw. ist genau das Gegenteil der Fall: Zielsicher setzen die Verfasser den unpassenden Artikel – besonders häufig dann, wenn unbestimmter und bestimmter Artikel aufeinander folgen oder vice versa. Das Ergebnis der Wahl ist nicht identisch mit einem Ergebnis der Wahl, einem Ergebnis einer Wahl oder dem Ergebnis einer Wahl.

Vielleicht liegt es an der Unsicherheit hinsichtlich des richtigen Gebrauchs des bestimmten und unbestimmten Artikels, dass viele jugendliche Schreiber immer mehr zu einem gänzlich artikellosen Stil übergehen, der an den früher so bezeichneten Telegrammstil erinnert. Telegramme gibt es zwar längst nicht mehr, doch wirken vermutlich Kurznachrichtendienste mit begrenztem Zeichenumfang sowie überhaupt die pausenlose Versendung von Nachrichten über die sozialen Medien in dieselbe Richtung der Textreduzierung. Die Vorreiter der Weglassung von Artikeln an Stellen, wo sie eigentlich hingehören, sind die Erziehungswissenschaften. In den in diesem Fach entstandenen Arbeiten liest man durch die Bank artikellos, was Schule kann, Lehrpersonen sollen und Schülerinnen und Schüler wünschen.
Verständliche und völlig ausreichende Verben verschwinden zugunsten substantivierter Formen, etwa anwenden zugunsten von zur Anwendung bringen, berücksichtigen zugunsten von Berücksichtigung finden etc.

Dies alles wäre bei gelegentlichem Gebrauch vollkommen unproblematisch; finden diese Vorgänge jedoch – wie es der Fall ist – flächendeckend statt, machen sie die Sätze schwerfällig, ohne inhaltlich irgendetwas zu gewinnen. Wenn die Autoren dann noch die Beistriche gar nicht oder an den falschen Stellen setzen, verstärkt sich der beschriebene Effekt.

Erstaunlicherweise begegnet einem zugleich das umgekehrte Phänomen: Verben dienen vermehrt durch Beifügung des Artikels an den Infinitiv als Substantive: das Entwickeln, das Anwenden, das Einsetzen – obwohl es zu diesen Verben korrespondierende Substantive gibt: die Entwicklung, die Anwendung, der Einsatz. Sie machen die substantivisch gebrauchten Infinitive zwar nicht zu einem echten Fehler, wohl aber überflüssig.

Keineswegs überflüssig, sondern für einen guten akademischen Stil sehr wichtig sind die Bedeutungsnuancen, die es zwischen auf den ersten Blick zwar sehr ähnlichen, aber nicht deckungsgleichen Begriffen gibt und auf die man nicht einfach verzichten kann. Auch auf diesem Gebiet fällt das schlagartige Auftreten derselben Fehler auf. In den letzten Jahren sind in den Wirtschaftswissenschaften etliche Abschlussarbeiten entstanden, die sich mit dem Einfluss unterschiedlicher Generationen auf irgendetwas beschäftigen. Unisono schreiben die Autoren von den Mitgliedern einer Generation, nicht den Angehörigen. Eine Mitgliedschaft erfordert einen sie begründenden Rechtsakt, sei es – der häufigste Fall – die freiwillige Anmeldung derjenigen, die irgendwo Mitglied werden möchten, oder auch eine Zwangsmitgliedschaft, wie sie die österreichischen Kammern kennen und in deren Genuss man, unabhängig vom eigenen Wünschen und Wollen, durch die Ausübung eines bestimmten Berufs oder die Inskription an einer Hochschule kommt.

Fallen diese Voraussetzungen weg, endet die Mitgliedschaft, ebenso durch eine Austrittserklärung. Einer Generation gehört man jedoch qua Geburtsdatum an, man kann sie sich folglich weder aussuchen noch sie wechseln – und sei der Wunsch danach noch so groß. Einmal Generation X, immer Generation X. Generationen haben daher Angehörige, nicht Mitglieder. Dasselbe gilt für Streitkräfte, Polizeien, aber auch zivile Verwaltungs- oder Bildungseinrichtungen. Selbst wer dort aus freien Stücken eingetreten ist (also nicht etwa aufgrund einer Wehrpflicht eingezogen wurde), ist ein Angehöriger dieser Organisationen, nicht deren Mitglied. Diese Nuance des etablierten Sprachgebrauchs ist den meisten Jugendlichen ebenso unbekannt wie eine weitere sprachliche Feinheit: Soldaten sind zueinander Kameraden, nicht Kollegen. Bedauerlich ist, dass der Begriff Kommilitone, der mit einem Wort prägnant das Kollegenverhältnis unter Studierenden desselben Faches ausdrückte, aus dem Sprachgebrauch nahezu verschwunden ist.

Dafür macht sich in anderen Fällen ein mitunter zwanghafter Gebrauch von Fremdwörtern breit, der mit seiner Tendenz zur Wichtigtuerei nicht selten ins Lächerliche abgleitet und wie eine unbeabsichtigte Persiflage auf jenen (angeblichen) Stil der Wissenschaften daherkommt, den viele Menschen für unverständlich halten – nicht selten zu Recht. In einer mittlerweile sogar gedruckten Grazer Dissertation liest man etwa statt der Kriegsteilnahme eines Landes von dessen Weltkriegspartizipation; militärische Unterstellungsverhältnisse treten als Subordinationsstrukturen auf und die Rede ist von einer auf Langfristigkeit aspirierenden Wirtschaftsexpansion. Es wimmelt von Pleonasmen wie ferner auch, zudem ferner, Regierungskabinett, sekundärer Nebenkriegsschauplatz, potentielle Möglichkeit, Bündniskooperativ, die Konsequenz zur Folge haben usw.

Ein Paradebeispiel für derlei geballte Pleonasmen ist die Wendung vom gemeinsamen ideellen Kollektivgeist, sind ideell doch in Geist und gemeinsam in Kollektiv enthalten. Wer so viel heiße Luft, angereichert durch ebenso unnötige wie hochtrabende Fremdwörter, verbreitet, ist vor deren falschem Gebrauch nicht gefeit: Beliebte Kandidaten für Verwechslungen sind beispielsweise kulminieren und kumulieren sowie reüssieren und resümieren.

Einen guten Stil kennzeichnet unter anderem die überwiegende Verwendung aktiver Verbformen, nicht der passiven. Diese Regel ist mittlerweile völlig auf den Kopf gestellt, das Passiv dominiert inzwischen meiner Schätzung nach in den Abschlussarbeiten mindestens drei Viertel aller Sätze. Es kommt sogar dort zum Einsatz, wo es nicht notwendig und die aktive Form schöner wäre. Anstatt zu sagen: Autor X schreibt in seinem Buch Y, heißt es jetzt: Von Autor X wird in seinem Buch Y geschrieben. Forscher Z gilt nicht mehr als renommiert, sondern er kann als renommiert angesehen werden. Nicht länger äußern die Interviewten, sondern von den Interviewten wird geäußert. Dieser Trend rührt wohl auch daher, dass die Verfasser vor allem in den Humanwissenschaften klare, eindeutige Aussagen meiden und sich lieber hinter schwammigen, nebulosen, alles offenlassenden Formulierungen verstecken, die sie durchgehend mit dem Passiv konstruieren: X kann als wichtiger Faktor für Y gesehen werden. Mit einem solchen Satz liegt man gewiss nicht daneben, da man wohl so ziemlich alles irgendwie sehen kann. Es gibt Hochschulen, die das Passiv begünstigen, indem sie ihren Studierenden die Aussage verbieten, ein Forschungsresultat bestätige eine Hypothese; stattdessen muss es haarspalterisch heißen: Aufgrund der Resultate kann die Hypothese angenommen werden. Die unvermeidliche Folge ist Monotonie, weil es kaum mehr Sätze ohne kann, wird und werden gibt.

Ebenfalls monoton wirkt die inflationäre Verwendung von Modewörtern, zu denen das bereits erwähnte Wortfeld Fokus/fokussieren gehört. Besonders störend ist es, wenn die Modewörter auch noch politisch korrekt sind. Mein Lieblingsbeispiel ist Herausforderung, dem – je nach Kontext – verwandte Termini wie Problem, Hindernis, Schwierigkeit usw. zum Opfer gefallen sind. Mein Rekord sind 12 Herausforderungen auf einer einzigen Seite, nur wenig gemildert dadurch, dass einige dieser Herausforderungen auch noch große waren, andere nicht. Auf meinen Vorschlag an die Verfasserin jenes Textes, doch zur Abwechslung da oder dort von Problemen usw. zu sprechen, zumal es tatsächlich um solche ging, erhielt ich folgende Antwort: Unser Institut gibt vor, dass wir kein negatives Wording verwenden sollen, sondern nur positive Begriffe. So kann man sich die Welt auch zurechtbiegen, freilich um den Preis der Eintönigkeit und der Beschönigung. Wer es nicht schon erraten hat, dem sei gesagt: Es handelt sich um eines der an Österreichs Universitäten bestehenden Institute für Erziehungswissenschaft, die uns wegen ihrer ebenso eigenwilligen wie starren Sprachpolitik noch mehrfach begegnen werden.

Allgemein gesagt, erzeugt die unübersehbare Reduktion des Wortschatzes, also die Eliminierung mehr oder minder synonymer Begriffe zugunsten eines einzigen, dann ständig gebrauchten Überlebenden, das Gefühl von Langeweile. Auch hat Synonyme wie ebenfalls, darüber hinaus, zusätzlich, zudem u.a. gekillt, Sätze mit drei oder vier auch sind keine Seltenheit mehr.

Hinzu kommt der Einsatz von auch selbst dort, wo das in diesem Wort ausgedrückte Element des Zusätzlichen bereits anders kommuniziert ist, beispielsweise durch daneben, ergänzend, abgesehen davon. Ein zusätzliches auch ist hier nur eines: redundant. Ebenso redundant und hässlich ist die beliebte Aufeinanderfolge ferner auch.

Für Zeitangaben findet man heute nahezu ausschließlich oftmals, verschwunden sind: häufig, oft, in der Regel, regelmäßig, vielfach und andere. Von einem Schrumpfungsprozess erfasst sind im Übrigen die zahlreichen deutschen Präpositionen (an, bei, in, unter, auf, hinter, neben, für etc.), aus deren darwinistischem Kampf ums Dasein die Einheitspräposition in als Sieger hervorgegangen ist. In steht häufig dort, wo eindeutig eine andere Präposition nicht nur stilistisch besser, sondern einzig richtig wäre. Möglicherweise spielt hierfür das Vordringen von Germanismen in das österreichische Deutsch eine Rolle. Hierzulande sagte man früher, jemand gehe zur Arbeit; jetzt begibt er sich in die Arbeit. Statt zu Weihnachten überreicht man neuerdings an Weihnachten Geschenke.

Kann man die bisher beschriebenen Erscheinungen mühelos dem Hang zu einer schwülstigen, pseudowissenschaftlichen Ausdrucksweise zuordnen, so begegnet man freilich ebenso Phänomenen, die eher auf ein Eindringen der Umgangssprache in wissenschaftliche Texte hindeuten. Allen voran steht die Ersetzung des bewährten deutschen Genetivs durch die umständlichere und obendrein unschöne Umschreibung von + Dativ. Nannte man bis vor Kurzem den Namen des Mannes, so heißt es jetzt: der Name von dem Mann. Vielen jugendlichen Schreibern fehlt jedes Gefühl dafür, dass in die Umgangssprache eingegangene Neologismen wie außen vor lassen oder in trockene Tücher bringen in einer Diplomarbeit oder Dissertation fehl am Platze sind. Mein lustigstes Beispiel lieferte ein angehender Ökonom, der nach langatmigen Erörterungen der Vorbereitungen für seine Forschungsarbeit mit sichtlichem Stolz verkündete: Nun gingʼs ans eingemachte Forschen!

Ein weiteres typisches Phänomen des Schreibstils angehender Jungakademiker ist deren Unsicherheit beim Gebrauch deutscher Redewendungen und Phrasen; aus mehreren derselben bilden sie oft Hybridformen. Am Anfang und zu Beginn verschmelzen etwa zu am Beginn. Nach sich ziehen und mit sich bringen treten in Mischversionen auf: mit sich ziehen und nach sich bringen. Neben Präposition + Substantiv trifft dies insbesondere auf die Kombination Substantiv + Verb zu. Eine Rolle kann man spielen (die beste Variante) oder meinetwegen verkörpern, man kann sie aber nicht innehaben oder ausüben. Die beiden letztgenannten Verben passen besser zu den Substantiven Funktion, Stellung oder Amt, die ihrerseits gern mit spielen verbunden auftreten.

Als zunehmend unerträglich empfinde ich das langatmige Geschwätz, das sich in zahlreichen Abschlussarbeiten breitmacht. Die banalsten, jedem Volksschüler bekannten Sachverhalte werden mit pseudowissenschaftlichem Tamtam veranschaulicht, analysiert, illustriert oder näher beleuchtet, bis der Leser gegen den Schlaf kämpft oder – je nach gewähltem Thema – am Ende der Lektüre so schlau ist wie zu deren Beginn, weil die gelesene Arbeit eine typische Nona-Frage behandelt. Eine rund zweihundertseitige Master Thesis einer Grazer Pädagogischen Hochschule untersuchte etwa, ob im Grenzgebiet zur Steiermark lebende Eltern aus Slowenien, die ihre Sprösslinge in einem österreichischen Kindergarten anmelden, dort die Vermittlung slowenischen Kulturguts, der slowenischen Sprache usw. erwarten. Diesen Eltern ist natürlich bestens bekannt, dass es dafür in der Steiermark – selbst im südlichen Grenzland – an den fachlichen und sprachlichen Kompetenzen fehlt. Nach einem aufgeblähten Theorieteil und etlichen Befragungen kommt die Verfasserin zu dem Befund: Sämtliche dieser Eltern entscheiden sich deswegen für einen steirischen Kindergarten, weil sie möchten, dass ihr Nachwuchs dort möglichst früh Deutsch lernt. Wer hätte das gedacht?

Bei meinem Lieblingsfach, der Erziehungswissenschaft, ist es üblich, dass Diplomanden eine mehr oder weniger sinnvolle Fragestellung mit der Methode von Experteninterviews untersuchen; ich komme auf dieses Fließbandverfahren noch zurück. Vorerst geht es darum, dass die auf Tonband aufgenommenen Interviews anschließend transkribiert und sodann unter Anführung zahlreicher längerer Originalzitate ausgewertet werden.

Auf ein solches Zitat – nicht selten eine Seite lang – folgt regelmäßig eine vom Verfasser stammende Paraphrase, die den Leser ein weiteres Mal mit denselben Feststellungen beglückt. Ich erinnere mich an eine Arbeit, die dies besonders exzessiv betrieb, zumal die Paraphrasen mit den Zitaten nahezu wörtlich übereinstimmten. Mir platzte der Kragen, als auf die Aussage einer Expertin Wir müssen pro Jahr mindestens 20 Stunden Fortbildung belegen, dies aber selber bezahlen. Dafür gebe ich jährlich rund 500 Euro aus die Paraphrase der Jungforscherin folgte: Die Expertin gab an, dass sie pro Jahr mindestens 20 Stunden Fortbildung belegen, diese aber selber bezahlen müsse; dafür gebe sie jährlich circa 500 Euro aus. Ich fragte die Verfasserin im Zuge der Besprechung meines Lektorats, ob sie die Leser ihrer Arbeit vorrangig unter Schwachsinnigen vermute, da sie eine vollkommen eindeutige, unmissverständliche Aussage der Interviewten nahezu wortgleich wiederhole. Die Erklärung: Unser Institut verlangt, dass wir keine zitierte Stelle der Interviews unkommentiert lassen.

Wer denkt sich einen solchen Unfug aus und fordert dessen sture Anwendung auf Sachverhalte, bei denen diese Vorgabe so überflüssig ist wie ein Kropf? Dem besagten Institut kann man nur empfehlen, seine Studierenden wenigstens darüber aufzuklären, dass Kommentieren etwas anderes ist als bloßes Wiederkauen. Ein Kommentar könnte sich etwa dazu äußern, ob 20 Stunden und 500 Euro pro Jahr viel oder wenig sind, ob die Auslagen steuerlich absetzbar sind usw. Solche Informationen würden dem Leser nutzen. Die Wiederholung dessen, was der Dümmste schon beim ersten Lesen verstanden hat, hilft niemandem; sie schläfert aber ein, falls diese Methode über unzählige Seiten hinweg praktiziert wird.

Es ist denkbar, dass die Hilflosigkeit vieler Studierenden bei der (nicht nur sprachlichen) Gestaltung ihrer Abschlussarbeit das eine oder andere Institut dazu verleitet, immer elaboriertere Regelwerke aufzustellen, die unzweifelhaft vorhandene Defizite kompensieren sollen. Inzwischen sind manche Richtlinien freilich selbst zu jenem Problem geworden, das sie beheben sollen. Gut zu erkennen ist dies am Beispiel der eingangs erwähnten, hier nicht behandelten Vorwissenschaftlichen Arbeiten der Höheren Schulen: Mir liegen Leitfäden zu deren Gestaltung vor, die 40 Seiten umfassen – so viel wie die Arbeiten selbst, deren Abfassung sie angeblich erleichtern wollen.

Da will die eine oder andere Hochschule natürlich nicht zurückstehen. Die FH Campus 02 in Graz – um nur eine herauszugreifen – beglückt ihre Studierenden etwa mit einem 22-seitigen Leitfaden zur formalen Gestaltung von Abschlussarbeiten, hinter dem die 18 Seiten umfassende Anleitung zum gendergerechten Formulieren nur wenig zurückbleibt. Letzterer ist unter anderem zu entnehmen, dass selbst bei der Auswahl von Abbildungen auf eine ausgewogene Geschlechterverteilung zu achten ist. Die letzte Version dieser Regel von 2019 enthält allerdings noch keine Vorgaben darüber, mit welchem Prozentsatz das mit Januar 2019 in Österreich eingeführte dritte Geschlecht vertreten sein muss. Dafür erfahren die Studiosi, dass Sätze mit man unzulässig sind, wie es gebieterisch heißt. Statt Man kann somit sagen, dass… soll es nun heißen Es ist somit zu sagen, dass… Damit ist der Wissenschaft gewiss ein großer Dienst erwiesen.

Welche Blüten der Regelungswahn(sinn) mittlerweile treibt, sei nun an einigen Beispielen illustriert. Für das reichhaltige Material, das sie mir zur Verfügung stellen, ist insbesondere den österreichischen Fachhochschulen, den Pädagogischen Hochschulen und den Instituten für Erziehungswissenschaft(en) zu danken. Ironie aus.

Bevor ich zu den lehrreichen Exempla komme, sei in Erinnerung gerufen, dass es sich bei den eben genannten Bildungseinrichtungen just um jene handelt, die nicht müde werden, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit die bei ihnen angeblich hochgehaltenen trendigen Aspekte Diversität, Toleranz, Vielfalt, Wertschätzung usw. herunterzubeten. Wo dem eigenen Bekunden nach Kreativität und Individualität gefördert werden, herrscht in Wahrheit ein rigides Regelsystem, das selbst die kleinste Kleinigkeit in ein starres Korsett zwängt und damit jedes kreative Forschen abwürgt – dies schon deshalb, weil die Studierenden von der ständigen Angst getrieben sind, gegen irgendeine Anordnung dieser umfangreichen Regulative – und sei es die sinnloseste und unbedeutendste – zu verstoßen. Nicht selten wurde und werde ich als Lektor gebeten, insbesondere auf derlei Formalia zu achten – und damit ist nicht nur das notorische Gendern gemeint. Die eventuelle Dürftigkeit des Inhalts ihrer Abschlussarbeiten bereitet den Verfassern weniger Kopfzerbrechen. Nach 35 Jahren im akademischen Betrieb kann ich mich nur darüber wundern, was Hochschulen heutzutage alles regeln zu müssen glauben.

Im Zuge des Lektorats einer Masterarbeit an einer FH in Wien erfuhr ich im März 2019, dass dort nicht allein der Umfang solcher Arbeiten vorgegeben ist – dafür kann man noch Verständnis aufbringen, wenngleich nicht einzusehen ist, aus welchen Gründen (sieht man von der Bequemlichkeit der Betreuer ab) der Kreativität der Studierenden Grenzen gesetzt sein sollen. Etwas mehr Flexibilität hinsichtlich des Umfangs wäre also durchaus angebracht. Aber nicht nur dieser ist genau reguliert, dasselbe gilt für die Zahl und die Länge der Kapitel sowie der Zusammenfassungen! Eine solche Arbeit hat also beispielsweise vier Kapitel zu umfassen, deren erstes 10 Seiten, das zweite 20 Seiten usw. Die 20 Seiten dieses Abschnitts sind dann auf 10 Seiten (und keine Zeile weniger!) zusammenzufassen. Das wenig verwunderliche Ergebnis: Stehen Zusammenfassung und Text in einem Verhältnis von 1:2, dann wird eben die Hälfte des Textes ein weiteres Mal heruntergebetet – weil es so praktisch ist, durch Copy & Paste ganzer Abschnitte. Die Studierenden greifen zu solchen Mitteln nicht nur deshalb, weil sie so wenig Aufwand erfordern, sondern weil sie die Vorgaben einhalten müssen und sich nicht anders zu helfen wissen.

Es ist überflüssig zu erwähnen, dass ein solcher Regelungswahn jegliches kreative Denken und Schreiben abtötet. Die Urheber meinen anscheinend, man könne Wissenschaft nach der Art eines Kochrezepts betreiben: Man nehme … und heraus kommt eine tolle wissenschaftliche Arbeit. Diesem Ziel soll ferner dienen, dass die Studierenden zwei Forschungsfragen mit je zwei Subfragen formulieren und beantworten müssen – egal, um welches Thema es sich handelt. Unerheblich ist also, ob ein Gegenstand möglicherweise mehr oder weniger solcher (Sub-)Fragen aufwirft. Meinem Eindruck nach sind es gerade vergleichsweise junge Disziplinen oder Bildungseinrichtungen wie die FHs, die zu derlei bis ins Absurde getriebenen Regelwerken Zuflucht nehmen. Vermutlich ist all dies Teil einer bewussten oder unbewussten Strategie, den eigenen, noch nicht allseitig anerkannten wissenschaftlichen Status und die mit ihm angeblich einhergehende wissenschaftliche Qualität zu demonstrieren.

Ich gebe zu, dass daneben die hohe Studierendenzahl gewisser Fächer eine Rolle spielen könnte, wenngleich auffällt, dass die davon ebenfalls betroffenen Rechtswissenschaften dagegen eher immun sind. Selbst wenn ein Institut sehr viele Studierende hat und folglich zahlreiche Themen für Diplomarbeiten (er)finden muss, so ist doch nicht zu rechtfertigen, dass mancherorts ein Fließbandverfahren Einzug gehalten hat, das Henry Ford vor Neid erblassen ließe. Während der vergangenen zwei Jahrzehnte habe ich zumindest 60 erziehungswissenschaftliche bzw. pädagogische Diplom- und Masterarbeiten lektoriert. Abgesehen von ihrer sprachlichen Uniformität waren sie alle nach demselben Bauplan gestrickt: Man nehme ein Thema, beginne mit einem ausufernden Theorieteil (in der Praxis eine zitatenreiche Abschreibübung jenes Wissens, das jedes einschlägige Handbuch bietet) und setze fort mit einem sogenannten empirischen Teil, der – erraten – aus Experteninterviews und deren Auswertung besteht. Nur um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Selbstredend ist in diesen Arbeiten von Experten und Expertinnen, manchmal den -Innen, mitunter mit Sternchen oder Unterstrich etc. die Rede; da kann jeder Verfasser sein eigenes Süppchen kochen. Es dürfte so ziemlich das einzige Gebiet sein, das tatsächlich durch seine Buntheit glänzt.

Bevor der geduldige Leser aber endlich zu den – häufig durchaus interessanten und spannenden – Aussagen der Experten vordringt, muss er sich in jeder, wirklich jeder dieser Arbeiten mit jener Interviewmethode befassen, die ein gewisser Philipp Mayring entwickelt hat. Über viele Seiten hinweg liest man da das immer Gleiche zur Formulierung eines Interviewleitfadens und zur Auswertung der Interviews, die nach einem überaus komplizierten, meines Erachtens in der Praxis eines Studierenden gar nicht handhabbaren Codierverfahren erfolgen muss. Für die meisten dieser Arbeiten wurden weniger als zehn Interviews durchgeführt, deren Aussagen in der Regel bis auf Nuancen übereinstimmen und kaum interpretatorische Probleme aufwerfen. Die Jungforscher beten also seitenlang die Mayringʼsche Methode der qualitativen Inhaltsanalyse herunter, ohne sie danach anzuwenden bzw. anwenden zu müssen. Aber ohne eine solche Abschreibübung wäre es ja keine wissenschaftliche Arbeit…

Noch bizarrer wird es, wenn man ebenfalls seitenlang lesen muss, nach welchen Transkriptionsregeln die Tonaufzeichnungen der Interviews verschriftlicht werden müssen und tatsächlich verschriftlicht wurden. Kein Huster, kein Räuspern, kein Äh oder Ah sind zu unwichtig, um nicht mit einem eigenen Symbol wiedergegeben zu sein. Man muss natürlich unbedingt wissen, dass der Befragte an einer Stelle eine Pause von ein, zwei oder drei Sekunden eingelegt hat (hierfür gibt es ebenfalls eigene Symbole), dass er ein ganzes Wort oder doch nur eine Silbe gedehnt oder betont ausgesprochen hat, dass im Nebenraum Geräusche zu hören waren, das Telefon läutete usw. Besonders absurd sind die in einer brandneuen Dissertation verzeichneten, den Werken mehrerer namhafter deutscher Sozialwissenschaftler entnommenen Transkriptionsregeln. Man muss dabei wissen, dass die Autorin eine Seite davor eine andere Koryphäe zitiert, laut der es wichtig ist, die Transkriptionen durch die Entfernung aller Nebensächlichkeiten zu glätten.
(.) :  ganz kurze Pause, Absetzen
(–):  mittlere Pause (bis ca. 0,5 Sek.)
(—): lange Pause (bis ca. 1 Sek.)
(30s): besonders lange Pause (ab ca. 1 Sek.) mit Angabe der ungefähren Dauer in Sekunden
Mhm : Bejahung
Mhmh :
 Ablehnung

Ähm, äh etc.: Verzögerungssignal

Studierende, die Regeln dieser Art anwenden wollen oder müssen, benötigen also neben einem Aufnahmegerät unbedingt eine Stoppuhr – wie sonst könnten sie die Dreiteilung einer einzigen Sekunde feststellen? Die menschlichen Sinnesorgane sind nicht imstande, den Unterschied zwischen einer Pause von 0,4 und einer von 0,6 Sekunden herauszuhören, für die es aber laut obiger Tabelle zwei verschiedene Symbole gibt. Was der Wissenschaft die Ermittlung dieser marginalen Differenzen nützt, ist freilich eine andere Frage. Ein feines, geradezu übernatürliches Gehör ist obendrein vonnöten, um Mhm und Mhmh auseinanderzuhalten, worauf es allerdings ankommt, da die beiden Ausdrücke völlig Konträres, nämlich entweder Zustimmung oder Ablehnung des Sprechers, ausdrücken sollen (was man füglich bezweifeln darf). Mir ist kein menschliches Wesen bekannt, das zu einer solchen feinen Unterscheidung in der Lage wäre, schon gar nicht beim Anhören von Audioaufnahmen. Aber es ist ja so schön, wenn man am grünen Tisch ausgefeilte Regeln aufstellt, die für die Praxis völlig untauglich und obendrein sinnlos sind.

In keiner einzigen der erwähnten rund 60 Arbeiten spielte dieser sogenannte Metatext für die Auswertung der Interviewaussagen die geringste Rolle. Warum quälen die Verfasser sich selbst und ihre (wenigen) Leser mit derlei Entbehrlichem? Fragt man sie danach, erhält man die nicht überraschende Antwort: Mein Betreuer verlangt das, sonst ist es nicht wissenschaftlich.

Wissenschaftlich korrekt, wenngleich sinnlos ist anscheinend aber die Auflage, die Tonaufzeichnungen unmittelbar nach deren Transkription zu löschen – aus Datenschutzgründen, wie sich versteht. Die Interviewten treten zwar alle anonymisiert auf und sie haben fürwahr keine Staatsgeheimnisse oder sonst Brisantes preiszugeben, aber egal. Die Institutsethik verlangt die Löschung. Dabei wird bloß übersehen, dass dadurch jede Kontrolle der Transkriptionen und damit die intersubjektive Nachprüfbarkeit wegfallen; die Verfasser dieser Arbeiten könnten, wenn sie wollten, einzelne Aussagen – ja die ganzen Interviews – frei erfinden und die Betreuer hätten keine Möglichkeit, sie zu überprüfen. Eine etwas abweichende Lösung begegnete mir unlängst in einer Masterarbeit im Fach Psychologie, deren Autor zwar ebenfalls die Transkripte löschte, nicht jedoch die Einverständniserklärungen der von ihm Befragten. Offenbar um gegen späteres Ungemach – Vorwürfe wegen Datenschutzverletzungen etc. – abgesichert zu sein, lässt er seine Leser wissen, er habe zwar die Originale der Erklärungen in Papierform vernichtet (hoffentlich rückstandsfrei und umweltschonend), er habe sie jedoch zuvor digitalisiert und auf einem sicheren Server mit doppeltem Passwortschutz archiviert. Derlei weltbewegende Dokumente benötigen ganz gewiss solche aufwendigen Sicherheitsmaßnahmen. Es fehlt nur noch der Stempel Geheime Reichssache! Oder zeitgemäßer: top secret, for your eyes only.

In einem anderen Fall zögerte eine angehende Erziehungswissenschaftlerin, nicht veröffentlichte, ihr aber von kompetenter Seite zur Verfügung gestellte Daten betreffend die Zahl der in Österreich aktiven Servicehunde (Blindenhunde u.a.) in ihre Masterarbeit aufzunehmen. Von mir nach dem Grund befragt, erwähnte sie ihre Befürchtung, ihr Betreuer könne ihr einen Verstoß gegen den ihm und seinem Institut heiligen Datenschutz vorwerfen. Der hält neuerdings sogar über Vierbeiner seine schützende Hand. Lassie & Co. wissen dies gewiss zu schätzen. Kurzum, die Daten wurden außen vor gelassen, um es neudeutsch auszudrücken. Die Institutsethik will es so. So sieht echte Wissenschaft aus.
Dies ist aber bestenfalls die – wenigstens zu Heiterkeit Anlass gebende – Spitze des Eisbergs. Unübertroffene Meister in der Kunst, ihre Studierenden mit absurden Ethikregeln und einem ausufernden Genehmigungsverfahren zu traktieren, sind die jungen Fachhochschulen für Gesundheitsberufe. Kann man noch verstehen, dass bei Abschlussarbeiten, die Patientendaten auswerten, eine gewisse Diskretion angebracht ist, so führt der Verzicht auf jede Einzelfallprüfung dazu, dass sämtliche Arbeiten – selbst solche mit völlig harmlosen Themen – ein Genehmigungsverfahren durchlaufen müssen, wie es sich die Metternichʼsche Zensur nicht restriktiver hätte ausdenken können. In einer mir vorliegenden Diplomarbeit der FH für Gesundheitsberufe Oberösterreich von 2019, die sich mit der Personalentwicklung und den Berufserwartungen von Führungskräften des Pflegesektors befasst, teilt die Autorin pflichtschuldig in holprigem Deutsch mit, welchen Spießrutenlauf sie vor der Durchführung einiger Interviews mit solchen Führungskräften über sich ergehen lassen musste:
Um die ethischen Grundsätze in der vorliegenden Arbeit zu gewährleisten wurde ein Antrag beim Ethik- und Forschungskomitee der FH Gesundheitsberufe OÖ GmbH eingebracht, dieser stellte nach Überprüfung eine Unbedenklichkeitsbescheinigung aus. […] Aus Datenschutzgründen wurde ein Antrag auf Genehmigung durch die Rechtsabteilung der Institution, in der die Führungskräfte befragt werden gestellt und genehmigt. Eine institutionelle Einverständniserklärung wurde von der Pflegedirektorin der Institution in dem die interviewten Personen arbeiten und von der Schuldirektorin der Studentinnen und Studenten unterzeichnet. Der Betriebsrat der befragten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurde von der Interviewerin über das Forschungsprojekt informiert und stimmte der Befragung ebenfalls zu.

Da es sich um die Befragung von insgesamt neun Personen handelte, war die Verfasserin genötigt, Dutzende Genehmigungen einzuholen – dies jeweils bei ihrer FH, den Arbeitgebern der Befragten sowie bei den für sie zuständigen Betriebsräten. Wie umständlich und zeitraubend dies alles gewesen sein muss, kann man sich unschwer ausmalen, selbst wenn anzunehmen ist, dass solche Anträge in der Regel ohne viel Federlesens durchgewunken werden. Ich frage mich: Können Führungskräfte (!), die sich freiwillig einem Interview zu einem völlig unspektakulären Thema stellen, nicht selbst entscheiden, was sie dort preisgeben möchten? Wie verträgt sich ein solches Genehmigungsverfahren mit dem verfassungsrechtlich geschützten Grundsatz der Freiheit der Wissenschaft? Müsste im Fall der Verweigerung der Genehmigung (seitens auch nur einer beteiligten Stelle?) die gegenständliche Forschung unterbleiben? Und warum gelten solche Auflagen nur für Studierende, nicht aber für arrivierte Wissenschaftler? Kommt da nicht – ein anderes beliebtes ethisches Schlagwort – schnell Diskriminierung ins Spiel?

Solche naheliegenden Fragen stellen sich freilich jene nicht, die heillos überzogene Regelwerke für Probleme aufstellen, die sie zuvor selbst erfunden haben.
Kabarettreif wird es manchmal, wenn sich jene Behörden einschalten, die sich bei der Gängelung studentischer Verfasser besonders ins Zeug legen – vor allem dann, wenn diese zugleich ihre künftigen Arbeitnehmer sind wie die Lehramtsstudenten; von denen ist kein Aufbegehren zu befürchten. Die Masterarbeit eines solchen Studenten untersuchte kürzlich die Zufriedenheit von Lehrern, Schülern und Eltern mit einer bestimmten Stundenplansoftware – aus meiner Sicht alles andere als ein delikates Thema, sondern vielmehr eines jener harmlosen, mit denen sich die Marktforschung ständig in Form von (Telefon-)Umfragen befasst. Um seine Interviews durchführen zu können, musste der bedauernswerte Studiosus nicht nur den üblichen Spießrutenlauf von Genehmigungen, Einverständniserklärungen, Ethikprüfungen und Unbedenklichkeitsbescheinigungen absolvieren, wobei ihm die Bildungsdirektion für Niederösterreich (mit welchem Recht?) vorschrieb, dass seine Gespräche mit den – freiwillig – teilnehmenden Lehrern und Eltern nicht länger als 50 Minuten dauern durften.

Selbstredend musste der Autor dann nachweisen, dass er diese unnötige, die freie Forschung behindernde und die erwachsenen Teilnehmer unter Kuratel stellende Auflage strikt eingehalten hat. Doch damit endete die paternalistische Fürsorge der Bildungsdirektion noch nicht. Um mit den Schülern zweier Mittelschulen eine Online-Umfrage zum besagten Thema durchführen zu können, wollte der Verfasser die EDV-Räume dieser Schulen nutzen. Dies durfte er aber erst, nachdem eine mehrköpfige Delegation der Bildungsdirektion ihre Tintenburg verlassen und mittels eines Lokalaugenscheins geprüft hatte, ob sich die Räume hierfür eignen und eine dem Alter der jugendlichen Teilnehmer entsprechende Umgebung darstellen. Wenigstens bestand man nicht auf der Beiziehung eines Notarztes und einer psychologischen Betreuungsperson… Nur zur Erinnerung: Wir sprechen von jenen Räumen, in denen sich die Schüler das ganze Jahr hindurch aufhalten – offenbar, ohne dort seelischen oder körperlichen Schaden zu nehmen. Sollen sie jedoch einmalig und aus freien Stücken an einer 50minütigen Befragung zu einem Thema ihrer täglichen Lebenswelt teilnehmen, so braucht es dafür eine vorherige Inspektion durch die Gouvernanten der Bildungsdirektion. Auf diese Weise kann man sich halt problemlos wichtigmachen. Im Gegensatz zu diesem Aufplustern in einer Bagatellangelegenheit spricht es Bände, dass die zwei befragten Vertreter der Bildungsdirektion zu dem in der Masterarbeit ebenfalls angesprochenen Aspekt von Maßnahmen gegen Cyber-Mobbing in den Schulen außer hohlen Phrasen buchstäblich nichts zu sagen hatten.

Wenn Wissenschaft sich unter anderem dadurch auszeichnet, dass jene, die sie betreiben, selbstständig denken sollen, ja müssen, dann gibt zumindest der akademische Nachwuchs reichlich Anlass zur Sorge – obwohl diese Generation in der Schule angeblich genau diese Fähigkeit vermittelt bekommen hat, denn dort steht ja der Erwerb von Kompetenzen im Mittelpunkt und nicht länger das Aneignen abrufbaren Wissens. Betrachtet man die Resultate, so findet man bedauerlicherweise weder das eine noch das andere.

Wie weit die Selbstständigkeit des Denkens und Urteilens – und das bedeutet stets die Bereitschaft zur Abweichung von einer als sinnlos erkannten Vorgabe – verlorengehen kann, möchte ich anhand einer Begebenheit erläutern, die mir im Zuge der Betreuung der Diplomarbeit eines (männlichen) Studierenden widerfahren ist. Als ich die fertige Arbeit zur Korrektur bekam, stand auf dem Deckblatt: Verfasser/in: XY. Betreuer/in: Dr. Martin Moll. Als ich den Autor darauf aufmerksam machte, dass zumindest ich hinsichtlich meines Geschlechts nicht schwanke, es also ruhig mit Betreuer sein Bewenden haben könne, erwiderte er zerknirscht: Ich hab es mir eh gedacht, aber es gibt da auf der Homepage der Uni ein Muster für solche Deckblätter und ich hab mich nicht getraut, etwas zu verändern. Immerhin hat der Betreffende die Namen, den Titel, das Institut und das Datum eingetragen und solcherart einen kreativen Akt gesetzt. Irritierend ist gleichwohl, dass er trotz seiner Einsicht in die Unsinnigkeit der beiden gegenderten Ausdrücke für ihn und mich nicht wagte, das zu tun, was ihm sein gesunder Menschenverstand nahelegte. Dazu muss man noch bedenken, dass mir gewiss nicht der Ruf eines Genderfanatikers vorauseilt; meinen Diplomanden ist meine diesbezügliche Einstellung sicherlich bekannt.

Womit wir wieder bei der schematischen, unreflektierten, ja vernunftwidrigen Anwendung irgendwelcher vermeintlicher oder tatsächlicher Regeln gelandet sind. Was man anno dazumal dem Militär (Stichworte: Kommiss, Barras, Drill, Kadavergehorsam) attestierte, hat inzwischen ausgerechnet an den Hohen Schulen Einzug gehalten, während das Militär längst den mündigen Staatsbürger in Uniform heranzubilden trachtet. Die wo auch immer herrührende Angst der Studierenden, irgendeine Formalie falsch zu machen, legt die Grundlage; im nächsten Schritt versucht man, solche Fehler zu vermeiden und hierfür bieten die Funktionen von Word allerhand Hilfestellungen. Man recherchiert etwa mit der Suchfunktion des Textverarbeitungsprogramms nach -er am Wortende und ersetzt alle Treffer pauschal durch erInnen. Das dauert keine 20 Sekunden und der so Handelnde kann sich beruhigt zurücklehnen, hat er doch sicher alles richtiggemacht. Erst der Lektor oder der Betreuer wundern sich dann über Wörter wie MitgliederInnen, KinderInnen, RinderInnen usw. Der erwähnte Verfasser einer Master Thesis an einer Wiener FH verwendete, seinem Thema entsprechend, sehr oft das Wort Kunden. Nach dem oben beschriebenen Verfahren ersetzte er es mittels Word durch KundInnen. Das Resultat: An fünf Stellen der Arbeit war von SekundInnen die Rede. Man sollte also den Hausverstand nicht völlig ausschalten, vor allem dann nicht, wenn man das Mitteilungsblatt der Universität Graz zu redigieren hat, in dessen Ausgabe vom 3. April 2019 auf Seite 344 zu lesen war, die Universität suche eine/n Assistenz der Abteilungsleitung. Im selben Organ hieß es vor einiger Zeit, zu einer offenen Stelle erteile nähere Auskünfte: Herr/Frau Karl Kaser.

Das sorgt immerhin bei allen Beteiligten für Heiterkeit. Es gibt freilich Hardcore-Genderer, die man nur mit Mühe davon überzeugen kann, dass Worte wie der Mensch oder die Person nicht gegendert werden können, weder das Wort selbst noch der Artikel. Zwar empfinden die meisten Jugendlichen angesichts solcher Scheinprobleme ein spürbares Unbehagen, ihre Verunsicherung ist allerdings seit der offiziellen Einführung des dritten Geschlechts am 1. Januar 2019 nicht geringer geworden. Manche hellsichtigen Studierenden sind weitblickender als der österreichische Verfassungsgerichtshof, der sich um die linguistischen Konsequenzen seiner einschlägigen Entscheidung keinen Deut schert. Diese Studierenden wissen sich zwar hinsichtlich des dritten Geschlechts bei Substantiven durch das bereits früher verwendete Sternchen oder den Unterstrich zu helfen, sie fragen mich aber ratlos, was sie mit den Pronomen machen sollen: Bis vor Kurzem galten er/sie, sein/ihr, diese/dieser, ein/eine usw. als makellos gegendert, aber wie soll man jetzt diverse Personen bezeichnen, ohne sie zu diskriminieren? Ich weiß es nicht und muss es nicht wissen. Ich wollte bloß andeuten, welche Energie auf die Lösung von Fragen verschwendet wird, die für den Fortschritt der Wissenschaft belanglos und außerhalb des deutschen Sprachraums unbekannt sind.

Gegen den im ersten Teil dieses Beitrags geschilderten Sprachverfall kenne ich kein Rezept. Es wäre allerdings schon hilfreich, wenn den Studierenden die Grundprinzipien wissenschaftlichen Arbeitens vermittelt würden, ohne den Großteil ihrer Aufmerksamkeit und ihrer geistigen Energien auf irrelevante Nebensächlichkeiten zu lenken und sie mit einem überzogenen, obendrein meist sinnlosen Regelwerk zu quälen, das viele Beteiligte als reine Schikane empfinden. Besonders anfällig für den Umschlag ins Lächerliche scheint mir das dem Grunde nach gewiss berechtigte Objektivitätsgebot der Wissenschaft zu sein – aber auch da kann man es, wie überall, übertreiben.

Ich erinnere mich an eine besonders engagierte und interessante betriebswirtschaftliche Diplomarbeit, in deren Rahmen die Verfasserin einen Online-Aufruf lancierte, um Freiwillige für die Teilnahme an einem Test zu finden. An der entsprechenden Stelle der Arbeit stand dann – von mir als Lektor belassen – der Satz: Leider haben sich nur sehr wenige Personen gemeldet. Der Betreuer gab der Arbeit zwar ein Sehr Gut, musste aber unbedingt am Wort leider herummeckern, da es nicht auf eine objektive, emotionsfreie Haltung der Jungforscherin schließen lasse. Si tacuisses… Wollte man dieser verqueren Logik folgen, so wären aus den Beschreibungen der NS-Herrschaft und des Holocaust gängige, Emotionen ausdrückende Adjektive wie grauenvoll, menschenverachtend, schrecklich, furchterregend und viele mehr zu eliminieren.

Da meine Gedanken zu einer in meinen Augen außerordentlich besorgniserregenden Entwicklung sicherlich voll von negativem Wording sind, möchte ich mit etwas Positivem schließen: Der Sprachverfall macht natürlich vor den Studierenden meines Fachs, der Geschichte, nicht halt; er ist sogar besonders beunruhigend, da es sich bei ihnen um Geisteswissenschaftler handelt, von denen nicht wenige Deutsch als zweites Fach studieren. Man möchte folglich annehmen, dass angehende Historiker kein gestörtes Verhältnis zu Büchern, zur Literatur usw. haben. Aber es ist eben so, wie es ist. Erfreulich finde ich allerdings, an einem Institut lehren zu dürfen, das sich bisher von den oben beschriebenen starren Regelwerken und sonstigen Schikanen weitgehend ferngehalten hat und das die Kreativität der uns anvertrauten jungen Menschen fördert, anstatt sie im Namen der Wissenschaft zu knebeln und zu unterdrücken.

Martin Moll, geboren 1961, Studium der Geschichte und Germanistik an der Karl-Franzens-Universität Graz, 1987 Promotion zum Dr. phil., 2003 Habilitation für Neuere und Zeitgeschichte, seither Univ.-Dozent an der Universität Graz. Forschungsgebiete: das Zeitalter der Weltkriege, die Spätphase der Habsburgermonarchie sowie Medien- und Propagandageschichte. Zahlreiche Publikationen, u. a. „Kein Burgfrieden. Der deutsch-slowenische Nationalitätenkonflikt in der Steiermark 1900–1918“ (2007).

18 Gedanken zu „Akademische Abschlussarbeiten heute – Verstörende Beobachtungen aus der Praxis

  1. Erich Gennat

    Dies zu lesen war ein Vergnügen! – Also breitet sich der Wahnsinn auch in Österreich fröhlich aus. Piefke Gennat

  2. sokrates9

    Perfekte Analyse!Warum wohl fallen im internationalen Vergleich alle österreichischen Universitäten, Hochschulen, FH´s immer mehr ab?
    Abgesehen von der immer schwächeren sprachlichen Darstellung wird auch durch die Zitierregeln die Kreativität der jungen Menschen völlig unterbunden.Eine Arbeit ist dann “sehr gut” wenn perfekt zitiert wird ,eigene Ideen und Gedanken – mit denen man sich ja dann als Begutachter auseinandersetzen müsste sind voll verpönt- der müsste da ja auch mitdenken!
    Was mir auffällt dass in den letzten 3 – 4 Jahren die verbale Präsentationsqualität dramatisch gesunken ist.Kaum einer präsentiert freiwillig (vor 5-6 Jahren wollte jeder seine erhaltene Frage mündlich
    beantworten und hatte kein Problem damit).Die Angst vor “falschen, womöglich nicht Genderkonformen ” Aussagen steigt dramatisch, eine offene Diskussion wird kaum mehr geführt und endet oft mit Kritik von Kollegen etwas nicht “politisch Korrekt” gesagt zu haben,der Inhalt des gesamten Diskussionsbeitrags ist uninteressant.Dazu kommt noch dass Körpersprache- anscheinend infolge der elektronischen Medien – überhaupt nicht mehr bewusst angewendet wird und vom Rezipienten oft völlig falsch interpretiert wird.
    Wir bilden keine Individuuen mehr aus sondern kritiklose apathische Automaten die nur das Ziel haben diese dressur so schnell wie möglich beenden zu können.

  3. Peter Jakoubek

    Wer permanent “Studierende” verwendet, sitzt selbst im (Gender)Glashaus.
    Ganz besonders hat mir “Studierendenzahl” gefallen.

  4. Manuel Leitgeb

    Sehr geehrter Herr Dr. Moll!
    Vielen Dank für Ihren hervorragenden Text, allerdings muß ich sagen, daß man auch bei Ihnen schon den Einfluß dieser “modernen” Strömungen an den Unis merkt. Sie schreiben bundesdeutsch “Wissenschaftler” statt österreichisch Wissenschafter, ohne “l”, und vor allem verwenden Sie den unsäglichen Neusprech-Blödsinn “Studierende”. An der Hochschule ist man ein Student, ein fleißig Studierender kann auch ein Schüler sein.

    Eines kann/ muß ich leider bestätigen, da ich gerade wieder an der Uni bin, um aus Interesse neben dem Beruf Geschichte zu studieren (lustigerweise an Ihrem Institut): Bereits jetzt in den Proseminararbeiten im Bachelor haben mir einige Professoren gesagt, daß meine Texte zu einfach geschrieben sind und bestehen auf diesen schwülstigen Stil. Genauso wie so weit als möglich im passiv zu schreiben ist, weil das sei “wissenschaftlicher” (sic!), und die persönliche Form ist selbst bei eigenen Gedanken absolut zu vermeiden.
    Also ja, das beginnt leider auch schon an Ihrem Institut.

    Grundsätzlich braucht man sicher aber nicht wundern, daß unsere Unis international immer weniger Bedeutung haben, wenn sie sich dermaßen auf sinnlose Formalismen und Regeln bis ins Kleinste konzentrieren, statt auf gute und korrekte wissenschaftliche Arbeit.

  5. Thomas Brandtner

    Was wird eigentlich nach Abschluss der Dressur aus diesen bemitleidenswerten jungen Menschen ? Zum Beispiel aus den Erziehungswissenschafter/innen/* ? Bilden die dann für den Rest ihres Lebens neue Erziehungswissenschafter/innen/* aus oder werden die auch auf Kinder und Jugendliche losgelassen ? Entsetzlicher Gedanke.

  6. Giovanni Brunner

    Sehr geehrter Herr Dr. Moll, irritierend an Ihrem Artikel ist , daß Sie fast ausschließlich von “Studierenden” und nicht von Studenten sprechen. Das “innen” bei Studenten erübrigt sich.
    Mag. Brunner, (Geschichte Prof. Biel, Dozent Höbelt – Uni Wien)

  7. Kurt Joksch

    So durchaus lesenswert und offensichtlich gut recherchiert Ihr Artikel auch ist, wer statt Studenten den falschen und unsinnigen Begriff STUDIERENDE immer wieder verwendet, hat sich bereits final deklassiert.

  8. Martin Moll

    Was an dem Wort “Studierende” so irritierend sein soll, ist mir komplett unklar.

  9. Manuel Leitgeb

    @Martin Moll,
    Herr Dr. Moll, bei allem Respekt: Wirklich, das ist ihnen nicht klar?
    Zuerst einmal ist es nach deutschem Sprachgebrauch falsch. Wie schon erwähnt, ein Student ist an einer Hochschule eingeschrieben, ein “Studierender” kann auch ein Schüler am Gymnasium sein, der zwei Stunden an der Hausübung sitzt.
    Nicht umsonst heißt es im Volksmund “Was studierst denn?”, wenn jemand angestrengt nachdenkt.
    Und ein Verb zum Haupwort macht man dann, wenn es die Person im Moment durchführt: Ein Fahrender fährt genau jetzt, der Busfahrer ist Busfahrer auch wenn er grad Pause hat.

    Und das Wichtigere: Es ist typische Neusprech der “Gendern!11!”-Fraktion. Weil sie nicht ständig das -innen anhängen wollen, machen die Fanatiker diese dämliche Substantivierung, so sagen die nicht mehr Radfahrer, sondern “Radfahrende”. In Deutschland teilweise schon der offzielle Ausdruck in diversen Gemeinden.

  10. Dr. Martin Moll

    Ich wollte eigentlich mit meinem Text auf gravierendere Dinge hinweisen und keinen Glaubenskrieg auslösen, ob einem Student oder Studierender besser gefällt…gar so eng muss man es nicht sehen, ein bisserl Wahlfreiheit zwischen zwei längst üblichen Varianten sollte es schon geben. Es verwundert mich, dass rund ein Drittel der Kommentare sich einzig und allein an diesem einen Wort festbeißt.

  11. LePenseur

    Cher Monsieur Leitgeb,

    so sehr ich Ihre kritische Anmerkung bezüglich der “Studierenden” teile, muß ich doch leider ein kleines Kritikpünktchen auch an Ihrem vorausgegangenen Posting anbringen:

    “Grundsätzlich braucht man sicher aber nicht wundern, daß unsere Unis …”

    Hier erfreut zwar das “ß” im “daß” mein konservativ-nonkonformistisches Herz, aber sollte der Satz nicht eher:

    “Grundsätzlich braucht man sich aber nicht zu wundern, daß unsere Unis …”

    heißen?

    Denn wie unser Deutschprofessor stets zu sagen pflegte (lang, lang ist’s her, damals in den 1960er-Jahren …): “Wer ‘brauchen’ ohne ‘zu’ gebraucht, braucht ‘brauchen’ gar nicht zu gebrauchen!”

  12. Falke

    Schließe mich 100%-ig dem Kommentar von Peter Jakoubek an. Ich wollte gerade etwas Ähnliches schreiben, er hat mir die Worte richtiggehend aus dem Mund genommen.

  13. Dr. Martin Moll

    Der Duden online vermerkt zum Lemma “Studierende(r)” Folgendes:

    Bedeutung
    Student

    BEISPIELE
    ein Studierender aus Hamburg
    die Leistungen, Bedürfnisse der Studierenden
    BESONDERER HINWEIS
    Als geschlechtsneutrale Bezeichnung oder als Ausweichform für die Doppelnennung Studentinnen und Studenten setzt sich der Plural Studierende immer mehr durch.

    MM: Wenn der Duden damit offenbar kein Problem hat, verdien ich die vielen Prügel nicht.

  14. Igo Huber

    Tja, ich bekam in meiner akrtiven Zeit laufend Bdewerbungen von jungen Akademikern, die vor Fehlern nur so strotzen. Ein – auc h deswegen – abgelehnter Kandidat hat mich dann angerufen und gemeint, das wäre ja alles nicht wichtig. Das einzige, worauf er achten müsse, wäre, dass richtig gegendert ist, weil sonst an der UniGraz die Arbeiten nicht approbiert würden. Weit haben wir es gebracht.
    Ich habe ihm gesagt, dass die deutsche Sprache Regeln habe, die ihm aber offensichtlich egal seien. Ich müsse daher annehmen, dass ihm meine Regeln im Unternehmen auch egal sein würden. Hat er nicht wirklich verstanden, weil deutsche Sprache und Regeln, das kümmert niemanden!

  15. Igo Huber

    Ich sehe gerade, dass ich den ewrsten Satz umstellen muss:
    also richtig: Tja, ich bekam in meiner akrtiven Zeit von jungen Akademikern laufend Bewerbungen , die vor Fehlern nur so strotzen……

  16. Manuel Leitgeb

    @Martin Moll
    Es tut mir leid, aber wenn Sie nicht verstehen wollen, was das Problem mit dem Bullshit-Ausdruck “Studierende” ist, dann wollen Sie auch nicht verstehen, was das Problem mit unseren Universitäten (bzw. dem ganzen Bildungssystem) ist.
    Was Sie beschrieben haben, sind ja eigentlich nur die Symptome, aber wenn selbst Sie sich weigern, die Ursache zu sehen und darauf bestehen dabei mitzumachen … tja.

    Übrigens: Der Duden interessiert in Österreich niemand, der hat hier keine Gültigkeit.

  17. Gerhard F.

    Sehr geehrter Herr Dr. Moll,

    die Kommentatoren, die Ihre Verwendung des Wortes „Studierende“ kritisieren, haben entweder die Essenz Ihres Textes nicht hinreichend erfasst oder sind Betreuer erziehungswissenschaftlicher akademischer Arbeiten.

    Ich kann (Erwachsenenpädagoge und Lektor seit 20 Jahren)
    Ihre Analyse nur vollumfänglich bestätigen und werde diese meinen Studenten als Pflichtlektüre „verabreichen“.

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