Alle lieben Produkte “Made in Germany”

“Im Außenhandel könnte Deutschland dieses Jahr so hohe Überschüsse erzielen wie kein anderes Land. Nach Berechnungen des Ifo-Instituts muss China wohl mit Platz zwei vorlieb nehmen. Dahinter folgt ein Land, das einem vielleicht nicht als erstes einfällt.” (hier)

7 comments

  1. Klaus Kastner

    “Im Umfang der Leistungsbilanzüberschüsse entstehen Forderungen gegenüber dem Ausland. Per Saldo gewährt die deutsche Volkswirtschaft also einen Kredit an das Ausland”, sagt das Info-Institut. Und weist damit auf einen sehr kritischen Punkt des deutschen ‘Erfolgsmodells’ hin.

    Deutschland ist mittlerweise aufgrund der enormen Leistungsbilanzüberschüsse zum größten Kreditgeber der Welt mutiert. Die Bürger mögen es vielleicht als Erfolg betrachten, wenn sie sehen, dass ihre Volkswirtschaft aufgrund des Erfolges enorme Devisenbestände aufbaut. Was die Bürger nicht verstehen, ist, dass diese Devisen nicht im Bunker des Bundesbank in Frankfurt aufbewahrt sind. Im Gegenteil, sie sind an das Ausland verliehen. Sie stellen das sogenannte Brutto-Auslandsvermögen dar, das mittlerweise 7.000 Mrd.EUR übersteigt (2-1-2 mal die Wirtschaftsleistung!). Wenn es irgendwo in der Welt eine große Pleite oder Blase gibt, dass sind deutsche Institute meistens maßgeblich dabei (sub-prime, Island, Peripherie, etc. etc.). Rein technisch ist das nicht zu vermeiden.

    Die Schweiz ist in einer ähnlichen Situation. Dort summieren sich die Brutto-Auslandsvermögen bereits auf das 6-fache der Wirtschaftsleistung! Auch dies ist Konsequenz der Schweizer ‘Erfolgs’.

    Ein Beobachter vom Mars, der nur physische Warenströme sieht, könnte sich fragen, warum die Deutschen so produktiv arbeiten und dann das Ergebnis ihrer Arbeit anderswo hinschicken, wo nicht so produktiv gearbeitet wird. Der Experte von der Erde würde ihm erklären, dass diese ‘anderen’ als Gegenleistung für die Produkte den Deutschen Papiere schicken; nämlich Schuldscheine. Der Beobachter vom Mars würde fragen, warum den diese Papiere so wertvoll sind. Die Antwort auf diese Frage ist noch offen.

  2. Christian Peter

    @Klaus Kastner

    in der Theorie werden Leistungsbilanzungleichgewichte nur als temporäre Erscheinungen betrachtet, die sich auf lange Sicht stets wieder ausgleichen. In zwei Jahrzehnten wird die Welt anders aussehen, denn Deutschland wird sich – im Unterschied zu vielen anderen Ländern – mit einer massiven Überalterung der Gesellschaft konfrontiert sehen.

  3. Klaus Kastner

    @Christian Peter
    Ich stimme Ihnen zu, dass das in der Theorie so sein sollte. In der Geschichte war es jedoch nicht immer so und wenn sich die Leistungsbilanzen nicht ausgeglichen haben, dann gab es oft Krieg und man holte sich mit Gewalt, was der andere einem schuldig war. Ein hervorragendes Beispiel wären die Opium Kriege (China/England). China wollte damals nur exportieren, nicht jedoch importieren.

    Ich glaube, es hängt von 2 Punkten ab: (a) Dimensionen und (b) Strukturen. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass Dimensionen bis zu 3% vom GDP (positiv oder auch negativ) vertretbar sind und bei Strukturen redete man von einer Ausgeglichenheit über den ökonomischen Lebenszyklus hinweg, was immer das auch ist. Sagen wir mal eine Generation. Deutschlands Dimensionen sprengen jedwede Richtlinien (die Schweiz sogar noch mehr) und Deutschlands Strukturen, ja die ganze deutsche Mentalität nach dem WW2, ist geprägt vom Gedanken, je größer die Exportüberschüsse, desto besser für das Land. Ich glaube, Deutschland hatte nur in der Zeit nach der Wiedervereinigung, als man Geld grenzenlos ausgab, ein Leistungsbilanzdefizit.

    Ja, wenn Deutschland in die Überalterung geht, dann sollte sich dieses Phänomen theoretisch umdrehen. Die Frage ist nur, wieviel vom heutigen deutschen Brutto-Auslandsvermögen dann noch werthaltig ist bzw. noch nicht abgeschrieben werden musste…

  4. Christian Peter

    @Klaus Kastner

    Schwankungen in den Leistungsbilanzsalden sind nichts Außergewöhnliches, sondern ganz normal. Die Ungleichgewichte werden sich in den nächsten Jahren wieder zurückbilden, dafür bedarf es keiner Interventionen.

    Außerdem wird gerne übersehen, dass in vielen Exporten eines Landes Vorleistungen aus anderen Ländern stecken, die in den offiziellen Handelsbilanzen unberücksichtigt bleiben – die Leistungsbilanzungleichgewichte sind tatsächlich weit niedriger, als es die offiziellen Zahlen vermuten lassen. Von der hohen Wettbewerbsfähigkeit einzelner Länder wie China oder Deutschland profitieren somit auch weniger wettbewerbsfähige Länder in erheblichem Maße.

  5. Christian Peter

    @Klaus Kastner

    Nachtrag : Bereits 25 % der deutschen Exportgüter werden im Ausland produziert. Tendenz : steigend. Die Hälfte davon im europäischen Ausland (2/3 davon in Ländern der Euro – Zone). Deutsche Exporte stärken somit auch die Exporte der Euro-Zone und wirken sich positiv auf die Handelsbilanzen dieser Länder aus.

  6. Klaus Kastner

    @Christian Peter
    Ich weiß schon, aber das war ja gar nicht mein Punkt. Mein Punkt war, was der Ökonom vom Ifo-Institut sagte, nämlich: “Im Umfang der Leistungsbilanzüberschüsse entstehen Forderungen gegenüber dem Ausland. Per Saldo gewährt die deutsche Volkswirtschaft also einen Kredit an das Ausland”. Dessen muss man sich bewusst sein. Das kann gut sein oder auch nicht, aber man muss sich dessen bewusst sein und man darf sich bei der nächsten sub-prime Krise nicht wundern, warum schon wieder alle deutschen Institute mit dabei waren.

  7. Christian Peter

    @Klaus Kastner

    wollte nur zum Ausdruck bringen, dass sich das ganze öffentliche Getöse um die Exporttätigkeit bzw Wettbewerbsfähigkeit eines Landes bei näherer Betrachtung als Unfug darstellt, da Staatsgrenzen in einer globalisierten Wirtschaft immer mehr an Bedeutung verlieren : Leistungsbilanzüberschüsse sind in der Regel das Ergebnis individueller Entscheidungen weitgehend privater Akteure sowohl im Inland als Ausland.

    ‘man sollte sich aber bei der nächsten Subprime – Krise nicht wundern, wenn wieder alle deutschen Institute dabei waren’

    Der Vorwurf, bei den deutschen Überschüssen handle es sich um ‘stupid money’, ist unwahr. Der deutsche Beitrag zu Immobilienpreisblasen in Spanien, ganz zu schweigen von denen der USA, ist vernachlässigbar. Bewertungsverluste wurden in der Vergangenheit hauptsächlich durch Portfolio – Investitionen angehäuft, deren Ursache in der globalen Finanzkrise 2008 samt der anschließenden europäischen Staatsschuldenkrise liegen. Das ist nicht überraschend, denn der Euro – Währungsraum (60%) und die USA (13 %) sind die wichtigsten Zielregionen der deutschen Kapitalexporte.

    Jedenfalls ist es für eine alternde Gesellschaft wie die deutsche mehr als vernünftig, ihre Ersparnisse in jüngere und dynamischere Volkswirtschaften zu investieren, auch wenn dies Risiken birgt.

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