Alles Walzer im globalen Masken-Ball

(GEORG VETTER) Als Winston Churchill während der Luftschlacht um England seinen Landsleuten trotz schrecklicher Verluste eine positive Nachricht verkünden wollte, erklärte er: Die Zunahme der Abschüsse unserer Flugzeuge durch die deutsche Luftwaffe hat abgenommen. Seit Jahrzehnten diente diese Interpretation in meiner Familie als Beispiel für raffinierte Rhetorik in einer Extremsituation.
Im März 2020 griff die österreichische Bundesregierung in die gleiche Trickkiste, als sie verkündete, dass die Zunahme der Corona-Infektionen abgenommen habe. Die PR-Technik war also bekannt.

Bleiben wir bei der Statistik, auf deren Grundlage man bekanntlich mit wissenschaftlichem Anspruch so ziemlich jeder Argumentation ein seriöses Antlitz geben kann. Damals, Mitte März 2020, hatten wir etwa 700 Infektionen bei einem täglich Reproduktionsfaktor von 1,4. Dieser tägliche Reproduktionsfaktor von 1,4 führt nach den Regeln der Mathematik in ziemlich genau einer Woche zu einer Verzehnfachung der Infektionen. Nach einer Woche hätten wir daher mit 7.000 Infektionen zu rechnen gehabt, nach zwei Wochen mit 70.000, nach drei Wochen mit 700.000 und zu Ostern wären wir bei 7 Millionen gewesen.

Offiziell sind wir derzeit bei etwa 15.000 Infektionen und einer Dunkelziffer von etwa 30.000. Wenn das stimmt haben die Maßnahmen der Regierung rasch gewirkt und wir sind gleichzeitig von einer Herdenimmunität weit entfernt. Schon wieder kommt mir Churchill in den Sinn: Glaube keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast.
Keinen Zweifel kann es allerdings an den Kollateralschäden des gesamtgesellschaftlichen Stillstands geben: Nicht nur die Wirtschaft, auch die Rechts- und die Verfassungskultur, die Bildung, die physische und psychische Gesundheit etc haben gelitten. Noch käme jede Aufforderung zur statistischen Bewertung dieser Kollateralschäden der Einladung zur Verfemung der eigenen Person gleich. Die Frage, ob die Therapie zur Krankheit in einem akzeptablen Verhältnis steht, wird man sich eines Tages stellen müssen.
Schlawinerhaft sind aber auch die Versprechungen der Regierung, die mit der Ankündigung „Koste es, was es wolle“ einen beispiellosen Verteilungswettbewerb losgetreten hat. Gerade die Skrupellosesten nehmen solche Verheißungen oft sehr ernst und halten als erste die Hand auf.

Die Schlawiner sind aber nicht nur jene, die mit den statistischen Zahlen ihren Hang ausleben, Sozialingenieure zu spielen. Nichts anderes ist das Herbeistrafen zwischenmenschlichen Abstandnehmens mit empfindlichen Sanktionen. Schlawiner sind wir in Wirklichkeit alle. Die meisten von uns sind zunächst davon ausgegangen, dass herkömmliche Masken keinen Schutz bieten – weder für sich selbst noch für andere. Die Fernsehbilder, die ein maskenloses Bild der österreichischen Normalität in die Welt trugen, schienen der auf ihre Strenge bedachte Regierung zuwider zu laufen – und schon kam die Kehrtwende: Alle müssen Masken tragen. Das tun wir auch folgsam – sofern man davon absieht, das die Anzahl derer, die Einmalmasken wirklich nur einmal verwenden, vermutlich unter der Mortalitätsrate des Virus liegt. So spielen wir beim weltweiten Maskenball brav mit, wie immer gemildert durch Schlamperei.

Dabei kann man dieser „Zirkusvorstellung ohne Netz“, wie Josef Urschitz in der “Presse” die Corona-Isolation nennt, auch etwas Positives abgewinnen. Wenn man für soziale Distanzierung Anerkennung erntet, darf man sich freuen. Das hätte es vor Corina nicht gegeben. Solidarisch zu sein gehört zwar nicht zu den ersten Grundtugenden eines Liberalen. Wenn allerdings zwischenmenschliche Ferne als gesellschaftliche Solidarität wahrgenommen wird, sind wir bei jener Erkenntnis angelangt, die Adam Smith vor fast einem Vierteljahrtausend verkündete: Es ist der Eigennutz, der das Allgemeinwohl fördert. Damals meinte er in erster Linie das eigene wirtschaftliche Fortkommen, das die allgemeine Wohlfahrt hebt.

Heute schlägt diese Erkenntnis selbst im Gesundheitsbereich durch: Je mehr ich auf mich selbst schaue, desto mehr nütze ich auch der Allgemeinheit. Ersteres wird viele interessieren, Letzteres nur ein paar echte oder vermeintliche Altruisten. Für diese Tugend des Egoismus kann man sich auch maskieren.

5 comments

  1. Gerald

    Ich befürchte, dass dies nicht eine Zirkusvorstellung ohne Netz ist, sondern, dass diese Isolation und totale Einschränkung der Reisefreiheit, Zerstörung der persönlichen Freiheit, welche man uns zuvor 20 Jahre lang auskosten ließ, von der auffällig stillen EU dazu genützt wird um uns die entzogene Reisefreiheit als Vereinigte Staaten von Europa erneut zu präsentieren. Selbstverständlich ohne uns die übrigen entzogenen Freiheiten jemals wieder zurückzugeben. Und die Menge in Europa würde jubeln!

  2. Marianne Gollacz

    Ein interessanter Artikel, der zum Nachdenken anregt.
    Ich mache mir bereits länger darüber Gedanken, wieso die Wissenschaftler (Experten), die sich mit der Gesunderhaltung von Menschen beschäftigen, den Begriff “Herdenimmunität” verwenden.
    Im Duden findet man für den Begriff “Herde” folgende Definitionen:
    1. größere Anzahl von zusammengehörenden zahmen oder wilden Tieren der gleichen Art [unter der Führung eines Hirten oder eines Leittiers]
    2. große Anzahl unselbstständig denkender, handelnder Menschen, die sich willenlos führen oder treiben lässt
    Gebrauch: abwertend.
    Bei der Anwendung von Hypnose macht man sich Eigenschaften unseres Unterbewusstseins zu Nutze.
    Unser Unterbewusstsein hat die ungewöhnliche Eigenschaft, dass es nie schläft und es tendiert dazu, Dinge wörtlich zu nehmen. Angesichts des Umstandes, dass unser Unterbewusstsein Sprache wörtlich versteht, wäre es wichtig, dass wir Worte mit Bedacht wählen.

  3. aneagle

    Die Bevölkerungen der DDR, des ehemaligen Ostblockes, sowie die Vertreter des muslim. Hijab wußten immer schon, das ein Hijab, bzw. eine Maske, das verräterische Entgleisen der Gesichszüge gut verdeckt. Nun tragen wir alle solidarisch Masken und fühlen uns sicher. Konnte man bis 2020 in Europa noch zwischen mentaler und physischer Maske wählen, ist es damit nun vorbei. Nur Doppelmasken schützen einigermaßen sicher vor gesundheitsgefährdender Meinungsirritation.

  4. sokrates9

    Man sieht wie dünn weltweit die Schicht der intellektuellen ist die dem Rechtssystem , demokratischen Prinzipien und Organisationen vertrauten.Mit einem kitzekleinen Virus ( welches der Wirkung nach durchaus mit Grippe zu vergleichen ist)wird die individuelle Freiheit, rationales Denken, alle Artenen von Rchten schlagartig mit “Erlässen” mit riesigem Interpretationsspielraum außer Kraft gesetzt.Die Menschen sind Begeistert Retter gefunden zu haben die nicht hunderttausende Tote verursachen! Dafür ist man bereit seinen persöhnlichen Wohlstand dramatisch zu kürzen, strenge Bestrafung aller Gefährder zu akzeptieren und die Nachbarn zu denunzieren!

  5. Johannes

    Und dennoch hatte Churchill am Ende den Sieg errungen. Die englische Luftwaffe hat der deutschen so schwere Verluste zugefügt das eine Landung deutscher Truppen in Großbritannien denkunmöglich wurde.

    Was als raffinierte Rhetorik verstanden werden kann war doch nichts anderes als die ungeschminkte Wahrheit und die ist den Menschen nicht nur zumutbar sondern in Demokratien sogar verpflichtend mitzuteilen.

    Da gerade bei wissenschaftlichen Fragen nie eine reine Wahrheit existiert muss eben nach dem Stand der Erkenntnis nach bestem Wissen und Gewissen informiert werden. Widerspruch ist immer sinnvoll, vor allem wenn er gut begründet und wissenschaftlich fundiert ist.

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .