Wie vor 80 Jahren der “Neoliberalismus” auf die Welt kam

“…..Vor 80 Jahren wurde in Paris der Neoliberalismus geboren. Niemand hätte sich damals träumen lassen, welche Karriere der Begriff einmal machen würde. “Neoliberal” – was 1938 Ausdruck eines an sich selbst zweifelnden Liberalismus war, wurde zunächst zum Erfolgsrezept und dann zum Schimpfwort, nicht nur auf der Linken, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft und zunehmend auch an deren rechten Rand. Heute gilt jeder, der Märkte freisetzen möchte, als neoliberal und damit als böse….” (hier)

6 comments

  1. elfenzauberin

    Ganz selten findet man im Süddeuschen Beobachter lesenswerte Artikel. Sonst aber dominieren dort Leute wie Heribert Prantl, wo Hopfen und Malz verloren ist.

  2. TomM0880

    “Es gab die beiden Deutschen Wilhelm Röpke und Alexander Rüstow, die ebenfalls vor den Nazis geflohen waren; der eine liberal-konservativ, der andere eher sozialliberal. Beide forderten – im Gegensatz zu Mises und Hayek – einen starken Staat, der auch aktiv in die Wirtschaft eingriff.“

    Wer findet den Fehler?

  3. Selbstdenker

    Der Prantl Prawda hätte ich diesen ausgezeichneten Artikel nicht zugetraut.

    Kritisieren möchte ich jedoch den folgenden Absatz; hier strauchelt Nikolaus Piper etwas:

    „Ein Vierteljahrhundert später, als das Währungssystem der Nachkriegszeit mit seinen festen Wechselkursen zusammengebrochen war und die Ölpreiskrise die Weltwirtschaft erschütterte, kam es zu einer konservativ-liberalen Trendwende. Premierministerin Margaret Thatcher in Großbritannien und Präsident Ronald Reagan in den Vereinigten Staaten reformierten ihre Länder im Sinne Hayeks und des Neoliberalen Milton Friedman von der Universität Chicago. Die Ergebnisse waren widersprüchlich. Es gelang zwar, die Wirtschaft zu revitalisieren, aber um den Preis wachsender sozialer Gegensätze und dramatisch höherer Staatsschulden. Verheerend für das Bild des Neoliberalismus wirkte sich Milton Friedmans Sündenfall aus, sein Besuch bei dem chilenischen Diktator Augusto Pinochet 1975.“

    Hätte es in den USA bzw. in UK nicht die Reagan-Thatcher Wende gegeben, dann wären beide Länder bereits in den 1980iger Jahren dort gestanden, wo Frankreich schon längere Zeit steht: de facto unreformierbar, deindustrialisiert und masernartig mit No-Go Areas überzogen.

    Im Bereich der Industriepolitik bin ich aber der Meinung, dass Deutschland in der Zeit von Helmut Schmidt bis zur Machtergreifung durch Angela Merkel deutlich klüger agiert hat: statt die Industrie über die Klinge springen zu lassen und einzig auf den Dienstleistungssektor zu hoffen, haben alle Stakeholder Rahmenbedingungen geschaffen, die ein Überleben dieses Sektors mittels Produktivitätszuwächse, Innovation und Qualität ermöglicht hat.

    Die steigenden Staatsschulden der USA werden hier leider falsch dargestellt: die Reagan-Thatcher-Reformen haben den nachfolgenden Regierungen das Geschenk ausgeglichener Budgets und zum Teil sogar von Haushaltsüberschüssen gemacht. Durch die Entlastungen im Einkommensteuer-Bereich stiegen die Steuereinnahmen aufgrund vom Laffer-Effekt stark an, während die Ausgaben annähernd gleich blieben. Dieses Erfolgsmodell wurde durch die Ausgabenexzesse des extrem schlechten US-Präsidenten G.W. Bush und des ihm nachfolgenden noch extrem schlechteren Barack Obama zunichte gemacht.

    Ein Sündenfall seit der Reagan-Ära war die Vernachlässigung der Infrastruktur des ländlichen Raumes. Wer hingegen die Verslumung der US-Großstädte Reagan andichten möchte, hat sich mit den USA nicht wirklich auseinandergesetzt. Die „wohlfahrtsstaatlichen“ Maßnahmen seit Lyndon B. Johnsons great society haben die sozialen Strukturen der Black Community nachhaltig geschädigt und die Menschen in eine geradezu subventionierte – häufig als politische Reserve-Armee der US-Democrats missbrauchte – dauerhafte Unterschicht getrieben. Ein Modell, dass sich die vom altersbedingten Wählerschwund geplagten Sozialisten in Europa abgeschaut haben und mit der Massenzuwanderung umzusetzen versuchen.

    Abschließend noch zur Pinochet Diktatur:

    Salvador Allende ist 1970 mit einer hauchdünnen relativen Mehrheit von 36,3 % (gegen 34,9 % seines konservativen Herausforderers) zwar „demokratisch“ an die Macht gekommen, jedoch nutze er diese Macht um das Land im Sinne einer gezielten Zerstörung bestehender Institutionen und der Wirtschaft sozialistisch umzuwälzen. Man könnte diesen Militärputsch gegen Allende auch als Notwehrmaßnahme einer verfassungsgebenden Mehrheit der Wählerschaft gegen einen hinter einer „demokratischen“ Maske verborgenen kommunistischen Umsturzversuch begreifen.

    Sollte die meistgehasste Person Europas tatsächlich ernst machen und entweder selbst oder eine ihrer politischen Marionetten das Amt des EU-Kommissionspräsidenten übernehmen, wird es auch in zahlreichen europäischen Ländern zu einen Gegenputsch kommen.

    Chile wäre binnen weniger Jahre dort angelangt, wo heute Venezuela steht. Heute ist es hingegen dank der Reformen der Chicago Boys das wohlhabendste Land Südamerikas.

  4. Selbstdenker

    Aber nun zum eigentlichen Punkt:

    Die im Artikel beschriebene Karriere vom Begriff “Neoliberalismus” zeigt sehr deutlich auf, was passiert, wenn man den Linken die Deutungshoheit über Begriffe unwidersprochen überlässt.

    Linke versuchen parmanent Begriffe umzudeuten und auch historische Entwicklungen umzuschreiben. Wer sich dagegen nicht aktiv zur Wehr setzt, lässt es zu, dass Linke ihre Konzepte über geänderte Bedeutungsinhalte schrittweise in Medien, Politik und Rechtsprechung einspeisen.

    Wer zum Beispiel den mittlerweile völlig verzerrten Begriff “Flüchtling” unwidersprochen schluckt, der schluckt auch den Narrativ, dass es sich bei den 1,5 Millionen Nicht-schon-Dagewesenen um Flüchtlinge im Sinne der Genfer Konvention statt um illegale Migranten handelt. Die Unwahrheit steckt bereits im sinnentstellten Begriff.

    Auch das häufig strapazierte links-rechts Schema ist ein bewusst irreführendes Konzept, da es den Gegnern radikaler Utopisten (=Linke) indirekt unterstellt, das sie Faschisten wären. Dabei sind Faschisten genau wie die mit ihnen ideologisch engstens verwandten Sozialisten radikale Utopisten.

    Die Gegner radikaler Utopisten sind hingegen alle Menschen mit Bodenhaftung, die sich nicht als Frohnarbeiter, Kanonenfutter oder als Labormaus für linke Experimente missbrauchen lassen. Diese Menschen werden von radikalen Utopisten am meisten gehasst, was regelmäßig auch in der von ihnen benutzten Rhetorik durchschimmert (Dunkeldeutsche, Deplorables, etc.).

    Während sämtliche Sozialisten Venezuela bis vor kurzem als Leuchtturm für den Sozialismus des 21. Jahrhunderts lobten, sind sie aktuell damit beschäftigt, den Zusammenhang zwischen der sozialistischen Politik und den wirtschaftlichen sowie gesellschaftlichen Niedergang Venezuelas zu verwischen.

    Es ist – im positiven Sinne – erstaunlich, dass ein derart akkurater, dem üblichen Drehbuch der Linken in allen wesentlichen Bereichen wiedersprechender Artikel ausgerechnet in der SZ veröffentlicht wird.

  5. Selbstdenker

    Sehr treffende Ausführungen von Thomas DiLorenzo, wie sich die Linken Ende der 1980iger / Anfang der 1990iger Jahre ihrer ehemaligen kommunistischen Utopien in Osteuropa entledigten, die mittlerweile zu einer Balastung für sie wurden:

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