Am deutschen Wesen wird die Welt nicht genesen.

(GEORG VETTER) Als Hayek 1970 seine Antrittsvorlesung in Salzburg hielt, titelte er diese „Die Irrtümer des Konstruktivismus“. Er entwickelte den Gedanken, dass unsere Kultur und Einrichtungen zwar Ergebnisse menschlichen Handels, nicht aber bewusste Schöpfungen des menschlichen Geistes sind. Er prägte den Begriff der spontanen Ordnung und wählte etwa die Sprache als Beispiel einer solchen Entwicklung. Heute würde er wahrscheinlich das Internet als Exempel anführen. Der Begriff Konstruktivismus erschien ihm treffender als jener des Rationalismus, der mit der Erhöhung der Vernunft in die Irre führe.

Der Traum der Gesellschaftsveränderer, die Menschheit nach ihren eigenen Plänen ausformen zu können, scheint heute wiederum zahlreiche Betätigungsfelder gefunden zu haben:

  1. Zuwanderer: Unter dem Motto „Wir schaffen das“ glaubt der deutsche Idealismus an die unbegrenzte Aufnahmefähigkeit der Fremden. Wir in Österreich haben hingegen schon erkannt, dass die Zuwanderung kapazitätsorientiert definiert werden muss. Ultra posse nemo tenetur. Anders gewendet: Am deutschen Wesen wir die Welt nicht genesen. Auch nicht in der modernen Version.
  2. Bildung: „Gebt mir Menschen und ich mache alles aus ihnen“ lautete der konstruktivistische Ansatz im Kleide des Behaviourismus. Hieß es früher, das Hans nicht mehr lernt, was Hänschen nicht lernt, glaubt man heute, Zuwanderern alles beibringen zu können. Politiker, die selbst kaum des Englischen mächtig sind, gehen wie selbstverständlich davon aus, dass alle, die über den Balkan zu uns gekommen sind, auch bald deutsch sprechen können und einen Beruf erlernen werden. Wer traut sich umgekehrt zu, arabisch zu lernen?
  3. Sprache: Führte Hayek in der eingangs erwähnten Antrittsvorlesung die Sprache als Beispiel für seine antikonstruktivistische These an, erobern die Gesellschaftsplaner auch hier ein reiches Betätigungsfeld. Die bewusste Veränderung der deutschen Sprache zu Lasten der gewachsenen Strukturen erzeugt eine linguistische Parallelwelt einer Scheinelite, die an weiten Schichten Gesellschaft zwangsläufig vorbeigehen muss.
  4. Pensionen: Mit besonderer Hartnäckigkeit negieren die Konstruktivisten die banale Tatsache, dass die Menschen immer älter werden und daher auch entsprechend länger gearbeitet werden muss, um das Pensionsniveau zu halten. Dass Reformen notwendig sind, weiß in Wirklichkeit jeder und jede – bis hin zum sprichwörtlichen Milchmädchen. Teile der Regierung, insbesondere das Sozialministerium, sehen das aus einem einfachen Grund anders: Sie verschließen die Augen und konstruieren ihre eigene Wirklichkeit. Wenn die Reformverweigerer nicht bald zur Gegenwartsfähigkeit finden, werden sie das Pensionssystem an die Wand fahren. Ob es im beginnenden Bundespräsidentenwahlkampf hilfreich ist, dass praktisch alle Kandidaten bereits das Pensionsalter erreicht haben, mag dahingestellt bleiben.
  5. Mietrecht: Unter dem Schlagwort „Leistbares Wohnen“ würde der gelernte Marktwirtschaftler die Deregulierung des Mietmarktes forcieren. Nicht so die Konstruktivisten. Sie stellen sich vor, dass gesetzliche Marktverzerrungen billigeren Wohnraum schaffen werden. Dass dies weder empirisch noch theoretisch haltbar ist, lässt sie kalt. Auf der einen Seite sind die Hochzeiten des illegalen Ablösungswucher längst vergessen, auf der anderen Seite steht die Vorstellung eines attraktiven privaten Wohnraumangebotes im direkten Gegensatz zum modernen Fürsorgegedanken des benevolenten Machtpolitikers von heute (Dass sich der Staat, der Zuwanderern Wohnraum zur Verfügung stellt, von der Beachtung jeglicher Bauvorschriften befreit hat, während Private immer neue bauverteuernde Bestimmungen einzuhalten haben, ist ein besonders pikanter Aspekt der Migrationsproblematik).

Der Staat kann alles, der Staat darf alles lautet das Motto jener Konstruktivisten, die den Marsch durch die Institutionen geschafft haben. Im Gegensatz dazu waren es gerade die Liberalen, die dem Staat Grenzen in Form der Verfassung und des Legalitätsprinzips gesetzt und damit zu einer beispiellosen Blüte der modernen Zivilisation beigetragen haben. Es ist hoch an der Zeit, dem Allmachtsträumen der Gegenwart einen Riegel vorzuschieben und der Limitierung des Staates und seiner Wirkungsmöglichkeiten etwas Positives abzugewinnen.

 

11 comments

  1. Fragolin

    Der Konstruktivismus kann sich zwar eine eigene Realität zwischen den Ohren bauen, das hat aber nicht zwingend Auswirkungen auf die Realität außerhalb der Ohren…

  2. Philipp Alexander

    Du kannst zwar die Realität ignorieren, aber die Realität wird dich nicht ignorieren.

  3. Lisa

    Die einzelnen Punkte haben mir auch zu denken gegeben, das wird wohl etwas länger..Zu 1. Idealismus: das Mantra „Wir schaffen das“ neben dem „Da müssen wir durch“ sowie das beidhändige Mudra der Kanzlerin haben aber weniger mit Konstruktivismus oder Idealismus als mit New Age zu tun. Zu 2, Bildung :Erziehung verlangt immer noch eine gehörige Portion Idealismus, wenn man glaubt, aus einem Mops einen Windhund machen zu können. Aber einen Hundewelpen kann man problemlos mit Kätzchen zusammenbringen… Zu 3, Sprache: Grössere Anteile Anderssprachiger verändern jede (Umgangs-)Sprache, weil ihr mehr Gewicht als Kommunikationsmittel denn als Gestaltungs- und Abgrenzungsmittel zuerkannt wird.(letzteres Literatur und Wissenschaft vorbehalten). Zu 4, Pensionen: das Pensionsalter wurde irgendwann mal mit Zahlen eingeführt, wo früher nicht eine Zahl das Kriterium für den Ruhestand war, sondern einfach die Realität der Altersschwäche und Gebrechlichkeit . Ergi kann man dieses fixe Rentenalter zugunsten flexiblerer Lösungen auch wieder ändern. Zu 5, Wohnen: es genügen Gesetze, die definieren, was Wucher ist – ansonsten kann man den Markt spieln lassen. Wenn allerdings billige Wohnungen zu massenhaftem Einzug von Randständigen oder Fremden führen, sollte – auch im Interesse der „Begüterten“ – doch eher darauf geachtet werden, dass auch vom Staat nur „verstreut“ günstiger Wohnraum angeboten wird. Natürlich sind auf Staatskosten erbaute grosse Siedlungen auf billigem Baugrund (und mit eigenen Vorschriften… 😉 )nicht so kostenintensiv wie private Anlagen. Anderseits muss sich der selbe Staat dann nicht wundern, wenn die Bewohner sich fühlen wie Hühner in Legebatterien und die Villen- und Häuschenbesitzer beneiden – und als “Klassenfeind” bekämpfen.

  4. cmh

    Spricht ein Sozialist von “Gerechtigkeit”, dann will er die Diktatur des Proletariates.

    (Sehr geehrter Herr Vetter, zufälligerweise habe ich gerade heute dieses Referat Hayeks, dem er seine Genealogie aus dem Salzburgischen beigibt, mit großem Genuss gelesen. Dieses Zusammenfallen stimmt mich optimistisch.)

  5. Hanna

    Meine Erfahrung, im 15. Bezirk lebend: Gerade zog ein Yuppie-Pärchen in unsere Gegend (eine neue Dachsuite auf einem uralten Haus, in dem ansonsten hauptsächlich MigrantInnen wohnen), teuer gekleidet, hochdeutsch sprechend … und nach ein paar Tagen die erste “Empörung”: “Wow, da ist aber immer Dreck im Stiegenhaus … hey, Mensch, ist das Marihuana-Geruch im Gang … um Gottes Willen, ich bin schon zweimal von so Ausländern verfolgt worden, was ist denn da los?” Und wir, die wir eben keine Links-Yuppies sind, wissen Sie, was wir jetzt schon machen? Wenn so jemand mit uns reden will – gehen wir weg. Es reicht. Wir wissen nämlich schon länger, dass auf der Straße auszuckende Afghanen (warum auch immer die streiten) aus dem Weg gegangen werden muss. Die Links-Yuppies rennen da mit ihren Earplugs mitten rein und sind dann entsetzt und geschockt, wenn sie bedroht werden. Uns (mich) rührt das nicht mehr. Meine Hilfsbereitschaft gehört den Ignoranten nicht mehr – aber ich helfe jederzeit Leuten in Not, die schon immer respektvoll uns ÖsterreicherInnen gegenüber waren, in Sachen “Fairness muss sein, den Einheimischen gegenüber in erster Linie”. Wenn mich so ein Yuppie-Püppchen schlotternd fragt, ob sie mit mir einen Block weit gehen darf, weil sie allein sich nicht traut, mit ihrer riesigen Designerhandtasche, die nach Gestohlenwerden schreit, biege ich bei der nächsten Gelegenheit ab. Ich will nämlich nicht wegen so einer attackiert werden, denn ich weiß, dass man in der Gegend nicht so herumrennt, nachts. Mit Schürstiefelchen und Minirock. Plus … siehe Designerhandtasche (in der Hand gehalten, nicht etwas quer umgehängt). So. Das ist Konstruktivismus. (Falls da jemandem “unterlassene Hilfeleistung” einfällt, ja, das passiert uns ÖsterreicherInnen eh täglich von Seiten des Staates, das ist anscheinend ja nichts Kriminelles mehr.) Wer in den Tigerkäfig steigt, kann nicht erwarten, dass wer immer ihn gewarnt hat, ihn dann herausholt. Njet. Non. Nein.

  6. A. Dyjsar

    Der Autor Georg Vetter ist Mitglied des Parlaments im Klub der ÖVP. Daher erstaunt dieser Kommentar. Warum beklagt er diese Mißstände, aber verabschiedet gleichzeitig Gesetze, die diese Mißstände vertiefen?

    Ein paar Fragen:
    1. Zuwanderer: Wann endlich macht die ÖVP ernst mit Taten statt Worte?
    2. Bildung: Wie verhindert die ÖVP die Zertrümmerung der Gymnasien?
    3. Sprache: Wo spricht das ÖVP-Team eine klare Sprache, um liberale und bürgerliche Werte zu bewahren?
    4. Pensionen: Warum lässt sich die ÖVP vom Regierungspartner in dieser Milchmädchenrechnung veräppeln?
    5. Mietrecht: Wird der freie Markt weiter unterminiert mit Unterstützung der ÖVP?

    Oder macht sich der Autor nur lustig über die Leser, während er sein Mandat aussitzt und die Privilegien und das Einkommen auf Kosten der geneigten Leser genießt? Diese Inkonsistenz erfordert Erklärung, denn entweder man hat Glaubwürdiges zu sagen, oder man hält den Mund!

  7. Rennziege

    15. Februar 2016 – 13:09 A. Dyjsar
    Danke! Ich finde Georg Vetters Artikel meist treffend, allerdings mittlerweile aus beträchtlicher Ferne. Dass Herr Vetter im Parlament sitzt, ist mir aber völlig neu. Ich hielt ihn für einen liberalen Unternehmer, der uns sein dank des staatlichen Würgegriffs ohnmächtiges Herz ausschüttet.
    Die fünf Fragen, die Sie ihm stellen (plus die sechste, ans Eingemachte gehende im letzten Absatz) bedürfen wirklich einer Erklärung — und zwar ungefiltert, aus dem Munde dieses fleißigen Anprangerers aller möglichen Übelstände.

  8. gms

    “Der Staat kann alles, der Staat darf alles lautet das Motto [der] Konstruktivisten.”

    Darüber hinaus verstehen sie sich als vortreffliche Konstrukteure des Anscheins. Bemäntelt wird das eigene Handeln entweder als Kampf fürs Gute, der besorgte Bürger vor Terror und sonstigem Unbill finsterer Geister bewahrt, oder als heroisches Rückzugsgefecht gegen einen mächtigen linken Feind, dem man aus Staatsraison die Pakttreue halten muß. (Den Reim auf ‘Packtreue’ mag machen wer will.)

    Dabei wird, im beispielhaften Anlaßfall, ein Staatssicherheitsgesetz im Jänner schon beschlossen, das noch im Juli in Kraft treten soll, während zugleich einer der relevantesten Eckpunkte, nämlich wie dieser Polizeistaat im Staat beaufsichtigt werden möge, ungeklärt bleibt.
    Das Konstrukt entsteht in Raten, doch es wäre kein sorgsam gebasteltes, bringt man nicht zuerst die unkontrollierte Bespitzelung der Untertanen in trockene Tücher. Der Staat kann das, der Staat darf das.

    Der Staat, stellvertretend für die Besatzungsmächte in Parlament und Ministerien, darf Kodizes erstellen, die solange Gültigkeit haben, bis die Verbündeten in Höchstgerichten diese entweder aufgrund selbst für Laien erkennbarer Mängel kassieren, oder mit dem Joker eines ominösen Allgemeinwohls in endlose Sermons gepackt absegnen.

    Der heutige Staat ist ein Gebilde, dessen Säulen aus Rechtsetzung und -sprechung dem Konstruktivismus entspringen und einzig dessen Protagonisten zur Erreichung ihrer Ziele dient. Dessen eingedenk verwundern weder der konstante Drift nach links ins Totalitäre, noch die nun erkennbar tautologische Behauptung, das “[Legalitätsprinzip habe] zu einer beispiellosen Blüte der modernen Zivilisation beigetragen”.

    So man ‘modern’ mit ‘progressiv’ und ‘wider bürgerliche Freiheiten’ übersetzt, erblüht obiges Diktum zu einem Beispiel kristallklarer Ehrlichkeit, dem untertänigster Dank geschuldet ist.

  9. gms

    Hätte nicht ausgerechnet der geistige Riese und honorable August von Hajek einen Kardinalfehler in seinem Werk ‘Die Verfassung der Freiheit’ begangen, könnten nicht Sozialisten wie Helmut Schmidt sich offen brüsten, sie wären Hayekianer.

    Die Legitimität einer Abwehr gegen unzulässige Gewalt ist gemeinsames Credo jeder liberalen Denkschule, die Crux dabei allerdings liegt in der Definition von ‘unzulässige Gewalt’. Hayek meinte diese auch in unterlassener Hilfestellung an Dritten zu erkennen und öffnete damit das Einfallstor für Linke aller Geschmackrichtungen.

    Schuldig und damit Ziel vorgeblich legitimer Gewalt wird derjenige, der gewaltfrei agiert, weil er damit seinen eigenen Interessen folgt. Ob das wiederum generellem Pazifismus geschuldet ist oder der Einschätzung, es läge im Einzelfall kein Übel vor, dem man selbst wiederum mittels einer ganz bestimmten Art und Weise hilfestellend entgegnen müsse, ist unerheblich.

    Wer mit Hayek abseits der Ökonomie argumentiert, spielt Sozialisten in die Hände und macht sich selbst zum Werkzeug der Beliebigkeit. Die Perversion des Begriffs ‘Solidariät’ begünstigt nicht nur rote Kollektivisten im Speziellen, sondern auch jene, die zur Wahrung ihrer Sicherheitsinteressen ganz bestimmte Lösungen allen anderen aufzuwingen wollen und im heutigen Staatssystem damit auch durchkommen.

    Das Sich-entziehen-Wollen ist demgemäß versuchte Gewalt, dem die Staatsgewalt in seiner Doppelrolle als Rechtsetzer- und exekutor entgegen wirkt. Das Monopol definiert Unheil und Abhilfe gleichermassen, stülpt den Befund allen Bürgern ausnahmslos über und ist damit der größte Feind individueller Freiheit.

    Right is right and left is wrong. Hayek lag falsch, und wir baden heute unsere Finger drin.

  10. astuga

    @Hanna
    Früher oder später werden eben auch die Bobos zu Modernisierungsverlierern. 😉

  11. astuga

    @gsm
    “Das Sich-entziehen-Wollen ist demgemäß versuchte Gewalt, dem die Staatsgewalt in seiner Doppelrolle als Rechtsetzer- und exekutor entgegen wirkt. Das Monopol definiert Unheil und Abhilfe gleichermassen, stülpt den Befund allen Bürgern ausnahmslos über und ist damit der größte Feind individueller Freiheit.”

    Damit hat sich aber auch schon ein Thoreau in Walden und Civil Disobedience abgemüht.
    Und auch das funktioniert gegebenenfalls in beide Richtungen.
    Etwa wenn von Privatpersonen oder NGO`s das Asylrecht unterlaufen wird (wobei man hier vor staatlichen Sanktionen zurückschreckt, jedenfalls momentan und bei der heutigen Politik).

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .