Am Ende drucken sie immer Geld…

(Christian Tomaschek) Wie lange halten wir die Wirtschaft noch am Laufen? „Das Finanzsystem ist außer Kontrolle geraten. Wir haben eine Situation in der die Leute nur noch zwei Dinge kaufen: US-Staatsanleihen und Wasser“, so der US-amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman. Fatalismus pur? Andere führende Ökonomen sehen bereits 2020 eine Rezession auf die Weltwirtschaft zukommen, deren Folgen größer und heftiger sein könnten, als 2008. Dies, trotz niedriger Zinsen, die als Allheilmittel gepriesen werden.

In diesem Kontext ist die alles entscheidende Frage, ob niedrige Zinsen überhaupt in der Lage sind eine Rezession auf Dauer zu verhindern? Eine Frage, die sich auch die für einen radikalen Kurswechsel eintretende Gesellschaft für Plurale Ökonomik Wien gestellt hat, und am 15. Mai zu einem Kongress über die Modern Monetary Theory (MMT) an die WU-Wien geladen hat.

Mit Warren Mosler als Hauptredner wurde geworben. Der ehemalige Fondsmanager gilt als Begründer dieser Theorie, die aktuell Amerikas Linke spaltet. Worum geht es bei der MMT?

Bekanntlich werden unter Wirtschaften alle menschlichen Aktivitäten verstanden, die mit dem Ziel einer bestmöglichen Bedürfnisbefriedigung planmäßig und effizient über knappe Ressourcen entscheiden (Definition laut Wikipedia). Die Volkswirtschaftslehre beschäftigt sich mit Allokation und Distribution und sucht dabei nach Gesetzmäßigkeiten. Elf Jahre nach der Lehman-Pleite sind die weltweiten Schulden auf historischen Höchstständen. Ray Dalio, Gründer des weltgrößten Hedge-Fonds Bridgewater Associates, hat in seinem jüngsten Buch 48 historische Schuldenkrisen analysiert „(Understanding Big Debt Crises“). Er und sein Team haben dabei die Hyperinflation der Weimarer Republik ebenso erfasst, wie den Schwarzen Freitag vom 25.Oktober 1929, sowie unter anderem die Asien- sowie die Russland-Krise in den 1990er Jahren. Das Ergebnis all dieser Krisen war immer eine Rezession, die im Extremfall der 30er-Jahre zu einer Weltwirtschaftskrise ausuferte. Wer Hyman Minsky („Stabilizing an Unstable Economy“) oder Charles Kindleberger („Manias, Panics and Crashes“) gelesen hat, wird darüber nicht weiter verwundert sein. Dalio’s Schlussfolgerung lautet, dass diejenigen, die sich in eigener Währung verschulden können eine Krise besser bewältigen, als andere. Eine Mahnung an die Länder der Euro-Zone?
Vielleicht mehr als das. Seine lakonische Schlussfolgerung lautet, dass die Politik wenn sie nicht mehr weiter weiß, die Notenpresse anwirft („In the end, policymakers always print.”). Mit der Entscheidung der FED, und später nahezu aller wichtigen Zentralbanken, Wertpapiere zu kaufen, demnach Geld zu drucken, wurde ab 2009 ökonomisches Neuland betreten. Die finalen Effekte sind weitgehend unbekannt.
Schon bemühen sich Volkswirte, die jahrelang entweder dem Keynesianismus oder Monetarismus beschworen haben, um neue Erklärungsmuster. Bei der in Rede stehenden Modern Monetary Theory handelt es sich um eine Strömung des Postkeynesianismus, in der die Analyse des Geldsystems zentral ist. Mit dem Instrument der doppelten Buchführung versucht man die Kreditschöpfung, sämtliche Instrumente der Zentralbanken und die fiskalischen Operationen zu analysieren. Grundpfeiler ist die Theorie der sogenannten endogenen Kredit- oder auch Geldschöpfung: Banken gewähren gegen Sicherheiten Kredite, ohne dass sie dafür auf Ersparnisse zurückgreifen, sowie die Theorie, nach der ein Staat erst Geld in Umlauf bringt, bevor er es durch Steuern wieder vernichtet (Quelle: Wikipedia).
Die zentrale Botschaft in der MMT lautet, dass der Staat das Geld erst ausgeben muss, um Steuern einheben zu können. Demnach sollte der Staat die Zinsen bei null belassen, da die Theorie generell anzweifelt, ob Zinspolitik funktioniert. Mosler verkündet bereits seit Jahren, dass „Zinsen eine Art Mindesteinkommen für Reiche“ wären. Dass grenzenloses Schuldenmachen und Gelddrucken zu Inflation führe, verneint Mosler und begründet dies damit, dass es in der Wirtschaft einen Ankerpreis gäbe, und diesen könne der Staat festlegen. Mindestlohn und ein staatliches Jobprogramm werden damit begründet, dass immer viel mehr zu tun wäre, als es „arbeitende Hände“ gibt.
Zentralbanken wie Fonds-Manager beobachten genau, ob MMT sich politisch gerade jetzt durchsetzen könnte. Ob es sich dabei wirklich um ein volkswirtschaftliches Perpetuum Mobile zur unaufhörlichen Wohlstandsvermehrung handelt, darf bezweifelt werden. Vielmehr sind deren Anhänger bemüht uns das nächste 2008 zu „ersparen“.
Auch Mosler ist besorgt. Er warnt davor, dass Europa trotz Nullzinsen davor Stünde ein „zweites Griechenland“ zu werden. Der Schuldige wäre seiner Ansicht nach rasch ausgemacht: die EZB. Diese sollte vielmehr ein riesiges Investitionsprogramm auflegen.
Übrigens: Paul Krugman kritisiert die Modern Monetary Theory als „Konzept für sehr hohe Inflation, vielleicht sogar Hyperinflation“, sobald die Situation der „Liquiditätsfalle“ nicht mehr vorliegt: Eine ständig steigende Geldmenge führt, so der Neo-Keynesianer Krugman, zu einer massiven, jedenfalls überproportionalen Verringerung der Nachfrage nach dieser Währung, letztlich zur Zerstörung dieser Währung.
Hedgefonds-Manager Ray Dalio zieht bereits Parallelen zum Jahr 1937: er warnt eindringlich vor der populistischen politischen Gefahr aufgrund der immens gewachsenen Ungleichheit in der Wohlstandsverteilung. All das vor dem Hintergrund riesiger sozialer Lasten (Stichwort: Sozialstaat) bei aktueller Rekordverschuldung: Gemäß einem Bericht des Institute of International Finance betrug das globale Kreditvolumen bereits im 3. Quartal 2018 über USD 244 Billionen, oder mehr als 318 Prozent des globalen Bruttoinlandsproduktes. Alles in allem keine guten Aussichten.

Offenlegung: der Autor arbeitet in der Unternehmensentwicklung, als Krisen-Manager und an der Entwicklung von Asset-Management-Projekten in Wien und in Zürich.

One comment

  1. Namor

    Wie billig ein Mosler doch davon kommt. Beliebiges Gelddrucken führt nicht zu Inflation, da Ankerpreise festgelegt werden. Tja da wird arbeiten halt uninteressant, wenn man Ankerlöhne bekommt, oder geht man den Weg der Subventionen. Letztlich wird bis auf Champagner alles subventioniert werden müssen. Willkommen im Kommunismus.

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .